Archiv der Kategorie: Reality

Psychonauten

Ich habe die App vor etwa drei Jahren auf meinem Smartphone installiert – nur dort läuft sie, nicht auf dem Desktop. Und ich kann von ganzem Herzen sagen, dass sie meine Lebensqualität gesteigert hat. Das ist ein bemerkenswertes Statement, doch es ist die Wahrheit.

Über diese App, die vorwiegend von Menschen meiner Generation genutzt wird und in jeder größeren deutschen Stadt verfügbar ist, kann man sich mit anderen Menschen treffen. Jeder kann ein solches Treffen initiieren, und andere, denen es zusagt, klicken sich rein. So treffen sich Menschen zum Wandern, Kegeln, Billardspielen, Spielespielen, Essen, Trinken, Konzertebesuchen, Tanzen und etlichem mehr. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass man über diese App besser über aktuelle Events in der Nähe informiert wird, als über jede andere Quelle.

Das ist kein neues Konzept, Apps und Webseiten dieser Art gibt es schon lange. Was diese App besonders macht, ist – neben den recht einfachen, aber gut durchdachten Features – die Verbreitung. Ich schätze allein in unserer Stadt die Community auf mehrere Tausend aktive Teilnehmer.

Wie Treffen zustandekommen, wer teilnehmen will oder womöglich absagt und wer sich dann tatsächlich trifft, und wie das Treffen dann ist, das hat seine ganz eigene Dynamik, über die man ganze Bücher schreiben könnte. Nicht selten ärgert man sich oder ist enttäuscht, aber ebenso oft freut man sich, weil es dann doch, manchmal auf eine ganz unerwartete Weise, interessant und schön geworden ist. So ist es mir heute ergangen, und darüber möchte ich nun schreiben.

Ich hatte, was ich relativ selten tue, ein eigenes Treffen erstellt. Aus einer spontanen Eingebung heraus hatte ich am Vorabend zu einem „[…]Spaziergang mit anschließendem Einkehren“ eingeladen. Das war ein Experiment, denn normalerweise funktioniert so etwas mit einer gewissen Vorlaufzeit von einigen Tagen besser. Das Experiment beinhaltete zudem ein gewisses Risiko – welche Teilnehmer an welchen Events teilnehmen, ist für alle User sichtbar, und somit auch, welche Treffen keinerlei Resonanz erfahren. Das bei einem selbst erstellten Event zu erleben, ist sicherlich kein Weltuntergang, fühlt sich aber auch nicht ausgesprochen gut an.

Für mein Treffen kommt nun noch ein ungünstiger Umstand hinzu: Der öffentliche Verkehr fällt in unserer Stadt aufgrund eines Streiks teilweise flach. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte mich auch nicht informiert, wir hatten das erst letzte Woche. Ich möchte an dieser Stelle Berechtigung, Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme nicht bewerten – wir haben nun einmal Tarifpartnerautonomie in unserem Land, da gehört das einfach dazu und ist als Instrument notwendig und richtig, so grundsätzlich, wenngleich… nun, ich stecke nicht drin. Wie gesagt, das sollte hier eigentlich nicht das Thema sein. Auf jeden Fall darf ich mich ärgern, das Recht habe ich.

Aber absagen möchte ich das Event nun auch noch nicht. Mal sehen, wie es sich entwickelt. Fünf andere User können sich beteiligen (in der App muss vorher festgelegt werden, wieviele freie Plätze es gibt). Tatsächlich habe ich bereits frühmorgens die erste Teilnehmerin, eine B., Profilbild mit großer getönter Brille. „Läuft“, denke ich.

Es bleibt jedoch dabei. Zwar rufen zahlreiche User mein Profil auf, aber niemand sonst zeigt Interesse am Treffen.

Am früheren Nachmittag frage ich B. im Eventchat (der pro Treffen automatisch von der App zur Verfügung gestellt wird), ob wir es trotzdem durchziehen wollen, auch wenn wir zu zweit bleiben. Ich bekomme aber keine Antwort, was mich etwas verstimmt, da ich nun in der Luft hänge. Ich entscheide mich, einfach trotzdem zum Treffpunkt zu fahren, weil ich Lust habe aufs Spazieren, auch allein.

Der Treffpunkt ist eine sehr bekannte kleine Brücke über den Fluss, der mitten durch die Stadt führt. Sie ist so schmal, dass die Bezeichnung „Steg“ sehr passend ist. Hier finden sich immer irgendwelche Straßenmusiker, Touristen oder auch Einheimische, die beim Anblick der Großstadtlichter über dem Wasser dann gern mal seufzen „ach, irgendwie ist es hier doch gar nicht so schlecht“. Das ambivalente Verhältnis zur Stadt ist uns hier geradezu einprogrammiert. Köln, München oder Hamburg sind da anders. An den Streben der Brückengeländer befindet sich eine Unmasse von Vorhängeschlössern mit eingravierten Namen. Das war vor vielen Jahren mal en vogue, nun hängen sie da.

Den Fluss ostwärts hinunterblickend, überlege ich gerade, wo ich langlaufen will, da kommt unerwartet eine Nachricht von B. Sie steckt im Stau, außerdem hat sie eben erst den Chat entdeckt, sie ist Neuuserin. Nun, das erklärt alles, meine Verstimmung ist weggeblasen. Ja, ich warte noch. Nein, 20 Minuten sind kein Problem. Sie hatte geschrieben, dass ich nicht warten müsse und dass sie auch alleine spazieren könne, aber was sollen wir das jetzt getrennt machen? Manchmal muss man auch mal beharrlich sein.

B. erscheint schließlich, und wir laufen los. Ein sehr schöner Abend für Februar, über 10 Grad, trocken. Wir laufen an den Großstadtlichtern und dem Flussufer entlang und unterhalten uns. Es entwickelt sich das für die Treffen dieser App typische Abtasten, bei dem man Grundzüge über die Lebenssituation des anderen erfährt. Sie wohnt in einem Vorort, arbeitet seit ihrem Ruhestand noch tageweise als Erzieherin, und da gab es eine Scheidung und da gibt es eine Tochter. Diese wohnt zusammen mit ihrem Vater auf Mallorca, „das muss sie selbst wissen“. Ich erkläre die Grundzüge der App, und welche Erfahrungen man damit so machen kann. Die Zeit vergeht schnell, plötzlich sind wir schon fast am Hafengebiet. B. erwähnt einen Veranstaltungsort in dieser Gegend, den sie interessant fand, und ich erwähne, dass wir gerade direkt darauf zulaufen. Dann schauen wir doch mal, ob da auf ist.

Es ist auf, aber vor der Tür stehen mehrere Fernsehübertragungs-Lieferwagen. Was hat das zu bedeuten? Der Eingang ist besetzt, jemand steht dort und wedelt mit Tickets. Wir erfahren, dass ein bekannter öffentlich-rechtlicher Sender hier heute eine Livediskussion auf seinen YouTube-Kanal streamt. Es geht um eine synthetische Droge, die in den USA schon viel Schaden angerichtet hat und von der man weitere Ausbreitung in Deutschland befürchtet. Ob wir uns das anhören wollen? Nein, es kostet nichts, gibt sogar ein Freigetränk. Wir schauen uns an und müssen nicht lange überlegen.

Grinsend stehen wir drinnen in der Getränkeschlange und können es kaum fassen, was für ein Zufall. Ich mache B. deutlich, dass sie derartige Highlights jetzt nicht bei jedem über die App erstellten Treffen erwarten kann. Dann holen wir uns Wein, einen rot, einen weiß und geschorlt, und suchen uns Plätze. Das Kamerateam setzt uns dann noch etwas um, da wir ansonsten in der Bildachse säßen. Das passiert alles sehr entspannt. So sitzen wir nun die nächsten 90 Minuten und blicken, über die zur Diskussion vorbereitete Sofaecke hinweg, auf schräge Ausstellungsexponate. Mir fällt ein, dass ich über diese Location vor Jahren schon einmal einen Text geschrieben habe, etwas mit zornigen Tigern.

Die synthetische Droge gehört zur Familie der Opioide, wirkt fünfzigmal stärker als Heroin und wird auf dem Schwarzmarkt unter anderem öfters genutzt, um letzteres zu panschen / zu verstärken. Sie entstammt der medizinisch-medikamentösen Schmerzbehandlung und ist später, sozusagen, ihre eigenen Wege gegangen, aber wie will man das verhindern? Leute, die mit so etwas Geld verdienen wollen, finden sich immer. In den USA sterben jährlich bereits Zehntausende an der Droge, Vergleichbares wird auch für Deutschland befürchtet.

Es diskutieren Mediziner und Praktiker der Suchtmedizin und -hilfe, und die Mutter eines an der Droge verstorbenen Jugendlichen, die eine Stiftung in seinem Namen gegründet hat, ist anwesend. Die Geschichte, die sie erzählt, ist traurig und bewegend. Als der anwesende Arzt der Uniklinik den Begriff „Psychonaut“ erläutert – Menschen, oft sehr junge, die über bewusstseinserweiternde Methoden versuchen, ihre eigenen Gefühle biochemisch zu ergründen und zu steuern – kommt von ihr: „Ja. Das war er.“

Es müsse mehr in Prävention und Betreuung investiert werden, ist man sich einig. Dazu sagt sich leicht „ja“, aber wer priorisiert dies neben den unendlich vielen anderen Themen, die unsere Politiker so auf der Tagesordnung haben? Cannabis wird als Einstiegsdroge durchaus kritisch gesehen und die Liberalisierung habe bei uns nicht sonderlich gut funktioniert. Später lese ich im Livechat der Sendung, dass diese These dort sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte.

Die Livesendung ist beendet. Wir gehen am Fluss und an den Großstadtlichtern vorbei zurück zum Treffpunkt, und dann unserer Wege. Der Abend ist immer noch schön, und besonders war er sowieso, für uns beide.

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Im Bauch des Wals

Das Obdachlosencafe befindet sich in der Nähe des Bahnhofsviertels, nicht direkt in der Rotlichtzone, aber fußläufig erreichbar. Sein Name basiert auf einer biblischen Anspielung, hier sollen die Menschen einen sicheren, guten Ort haben.

Es wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, existiert schon lange, und hat einen gewissen Bekanntheitsgrad. So werden manchmal Menschen von der Bahnhofsmission hierher geschickt. Hier arbeiten Sozialarbeiter und -helfer, Hilfskräfte und Ehrenamtliche. Geöffnet ist es abends, und der Andrang kann sehr unterschiedlich sein – mal riesig, mal gering. Neben den auf der Hand liegenden allgemeinen Einflüssen wie vor allem des Wetters und der Kälte, spielen, wie das in in einer Großstadt so ist, zufällige Faktoren eine Rolle. Oft genug ist das Cafe überraschend leer, wenn es voll sein müsste – und umgekehrt. Das macht die Personaleinsatzplanung nicht einfacher. Besser überbesetzt sein, als unterbesetzt, und überrannt zu werden.

Die Gäste – nun, sie setzen sich ungefähr so zusammen, wie man sich das bei einem Obdachlosencafe vorstellt, auch äußerlich. Da versammeln sich eine Menge Plastiktüten, zerfetzte Rucksäcke und Taschen, zerrissene Mäntel, Zahnlücken, wilde Frisuren und verschiedenste Herkunftsländer. Die Kommunikation ist eine echte Herausforderung und bedarf einiger Übung. Manche pöbeln herum (und werden relativ schnell des Hauses verwiesen, so es sich nicht bessert), andere sind sehr freundlich, wieder andere sehr zurückgezogen. Manche kommen allein, manche in größeren Gruppen. An einem typischen Winterabend dürften sich, grob geschätzt, insgesamt 50-100 Personen im Laufe der 5 Stunden, die das Cafe geöffnet ist, hier aufhalten. Das verteilt sich zeitlich zum Glück etwas, aber manchmal müssen die Leute auch stehen. Zumindest ist es warm.

Das Cafe bietet einfache Speisen und Getränke an. Einige Getränke sind gratis, der Rest kostet einen minimalen Betrag in der Größenordnung von 10 Cent bis 1 Euro. Das wird bewusst so gehandhabt und hat etwas mit Würde zu tun. In begründeten Fällen wird aber auch schon mal eine Ausnahme von dieser Regelung gemacht (aber seltener, als es manche Gäste gerne hätten). Neben dem eigentlichen Cafe gibt es in dem Haus weitere kostenlose Services, insbesondere Postadressen, gebrauchte Kleidung, einfache Hygieneartikel, Waschmöglichkeiten, Internetzugang, Ladesteckdosen sowie Beratung zu verschiedensten Fragen (u.a. Behördendinge).

Jeder Abend ist anders und hat seine ganz eigene Dynamik.

Wenn es richtig voll wird, stehen die Leute schon vor der Öffnung in Massen vor dem Eingang, und dann erfolgt ein wilder Run auf die besten Plätze, der manchmal gebremst werden muss.

Manchmal werden 15 Sandwiches oder 20 warme Essen gleichzeitig bestellt, manchmal für Stunden gar nicht.

Es kommt vor, dass die Menschen laut werden. Oft ist das Streit, aber nicht nur – manchmal einfach Wohlbefinden. Es bedarf Fingerspitzengefühls, hier richtig einzugreifen, oder auch nicht. Nicht ohne Grund läuft üblicherweise Musik aus den Lautsprechern.

Es gibt immer irgendwelche Einzelvorfälle. Das Klo ist blockiert, jemand soll jemandin angegrapscht haben, die reden da hinten zu laut, die Musik ist zu laut / zu leise / doof, es riecht schlecht (was öfters stimmt), es ist zu kalt oder zieht (was auch öfters stimmt, aus Gründen), der hat sein Essen vor mir bekommen, ihr habt mich vergessen, die hat mich beleidigt. Aber auch viele bedanken sich für den Service und sind einfach froh, hier zu sein.

Die Stimmung kann aggressiv sein, aber auch fröhlich und warm. Die Haltung der Gäste zueinander ist ambivalent. Die meisten kennen sich, und da steht eine Ressourcenkonkurrenz im Raum (beim Betteln, beim Übernachten, etc.). Gleichzeitig sitzt man im selben Boot.

Bei Eskalationen hilft es in aller Regel, ruhig, klar und deutlich vernehmlich um Ordnung zu bitten. Es kann aber auch schon mal erforderlich sein, die Polizei zu rufen. Was dann, sobald die Beamten erschienen sind, sofort zu einer angespannt/ängstlichen Atmosphäre führt und eine deutliche Leerung des Cafes zur Folge haben kann, selbst wenn dafür kein objektiver Grund vorliegt, weil es nur um einzelne Personen ging. Das ist tief einprogrammiert.

Manche der Gäste sind sehr gebildet oder verfügen über so angenehme Umgangsformen, dass man sich fragt, was zum Teufel da schiefgegangen sein muss. Oft genug wird einem das auch erzählt. Die Geschichten sind teilweise sehr verworren oder nachgerade unverständlich, aber das macht nichts. Man muss nicht alles verstehen, auf das Zuhören kommt es an.

Hier zu arbeiten, umsonst, ist eine ganz eigene Erfahrung. Vorher hat man in der Regel keine Lust, und gerade die ersten 1-2 Stunden können ziemlich anstrengend sein, weil man zahlreiche Dinge gleichzeitig und sehr schnell tun muss (Bestellungen entgegennehmen, in die Küche kommunizieren oder selbst zubereiten, den Gästen bringen, kassieren, spülen, irgendwas nachkochen, herumsuchen, aufräumen, etc.). Nach einer gewissen Zeit kommt aber oft ein Flowgefühl auf, man funktioniert, ist im Hier und Jetzt, kennt sich aus und arbeitet in einem eingespielten Team, das nicht vieler Worte bedarf – jede/r sieht einfach, was genau jetzt gemacht werden muss, und tut es. Man tauscht sich aus über Gäste – mal verärgert, mal mitfühlend, mal amüsiert – und lacht über kuriose Vorfälle. Und was man da tut, nützt, zumindest ein wenig. Das alles zusammen verursacht ein leichtes, warmes Gefühl, das mit Geld nicht zu bezahlen ist.

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Die Sitzrichtung

Viele Menschen setzen sich in einem fahrenden Zug lieber in Fahrtrichtung, das ist bekannt. Manche tun dies aus körperlichen Unverträglichkeitsgründen heraus, weil ansonsten die Reisekrankheit droht (weil, wie es heißt, „widersprüchliche Signale“ an das Gehirn gesendet würden; siehe auch „Todesfälle durch Sitzen entgegen der Fahrtrichtung“). Andere bevorzugen diese Sitzrichtung aus psychologischen Gründen: Man will sehen, wohin man fährt.

Weitaus weniger untersucht ist die Fragestellung, ob sich Menschen in einem an einem Fluss – beispielsweise dem Rhein – gelegenen Biergarten lieber in Fließrichtung setzen. Hier entfallen alle oben genannten Argumente, und dennoch scheint es so zu sein, ist aber vielleicht doch eher Zufall. Um das zu klären, müsste eine größer angelegte Feldstudie durchgeführt werden.

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Die Namen

– …also jedenfalls ist das in Bad Vilbel passiert…
– In VB.
– ???
– Achso. Da habe ich die Buchstaben verdreht. BV wäre richtig. VB, das ist… vielleicht Vilsbiburg.
– Aber BV ist ja auch nicht richtig. Bad Vilbel gehört zum Kreis Friedberg, glaube ich…
– Das wäre also FB. BV gibt es vielleicht gar nicht. Obwohl… vielleicht Bad… wasweissich, Bad Vögelsen…
– Hihi…
– Ja, das gibt es wirklich, aber ohne „Bad“, liegt bei Lüneburg. Das geht ja noch besser, wie wärs mit Fickmühlen?
– Das habe ich auch schon mal gehört. Ist aber nichts besonderes, es gibt ja auch Poppenhausen.
– Und Linsengericht.
– Hihi…
– Und Wasserbillig.
– Hihihi…
– Und Bösgesäß!
– Wie bitte???
– Bös-gesäß. Das liegt irgendwo in Nordhessen, so Richtung Fulda. Die Gegend ist mir sowieso suspekt…
– Ja…
– … und dann habe ich neulich auf der Autobahn einen Lieferwagen der Sanitärinstallationsfirma Kniehase gesehen. Kniehase! Ist das nicht schön?
– Hihihi…
– „Die renommierte Sanitärinstallationsfirma Kniehase aus Bösgesäß sorgt für ihre Kunden von Linsengericht bis Wasserbillig. Selbst bis nach Poppenhausen…“
– Aufhören!…

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Die Abfahrtstafel

Wer den Fahrplan nicht im Kopf hat, kann sich überraschen lassen, wann die nächste neue Anzeige einer Abfahrt erfolgt, und wohin es geht, und ob eine Verspätung angekündigt ist. Außerhalb der Hauptverkehrszeiten bzw. auf kleineren Bahnhöfen ist das aber wie mit dem Wasser, das kochen soll: Solange man draufstarrt, passiert nichts.

Man kann Mutmassungen anstellen. Spät am Abend gibt es wohl keine Verspätungungen mehr, und nur noch Nahverkehrsverbindungen? Richtig, Bad Soden und Wiesbaden werden neu angezeigt, beide pünktlich. Dann Rödermark-Oberroden und Niedernhausen. Das sind alles S-Bahnen.

Im S-Bahn-Tunnel gibt es allerdings derzeit Bauarbeiten und Sperrungen. „Informieren Sie sich“, lautet der freundliche Hinweis in der Fußzeile der Abfahrtstafel.

Als schon nicht mehr damit zu rechnen ist, erscheinen doch noch zwei etwas weiter entfernte Ziele, Aschaffenburg und Limburg. Beide ebenfalls pünktlich. Das ist das Problem der Bahn: Was funktioniert, ist nicht der Rede wert. Immerhin wurde es jetzt hier mal festgehalten.

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Die Vögel

Stockenten und Amseln dominieren die Szene, hier, an dem kleinen See nahe des Messegeländes. Die Amseln sitzen überwiegend in den Bäumen, und die Entenkolonie bewegt sich langsam, jedoch unaufhaltsam, Richtung See.

 

 

Auf der Wiese vor dem See findet sich viel Nahrung, Stockenten sind Allesfresser. Viele kleine Küken sind dabei, die Brutzeit ist jetzt, im Mai, gerade vorüber. Die Stockenten wirken im einzelnen stets so, als hätten sie gar kein bestimmtes Ziel. Manche laufen hierhin und dorthin, andere ruhen sich im Schatten aus, wieder andere machen es sich sogar direkt auf dem Weg bequem. Doch wer die Kolonie aus der Vogelperspektive und im Zeitraffer verfolgt, erkennt deutlich die Drift gen Wasser.

Nach einiger Zeit ist die Wiese vor dem See ziemlich voll mit Enten, doch keine geht hinein.

 

 

Es sind Herdentiere, sie warten auf das Signal des Anführers, welche Ente auch immer das ist. Doch es kommt einfach nicht. Unschlüssig lungern die Tiere auf der kleinen Wiese herum, manche gehen sogar über den Weg zur großen Wiese zurück, sich dabei jedoch nie allzuweit vom Seeufer entfernend. Und gequakt wird, was das Zeug hält.

Schließlich, als schon fast nicht mehr damit zu rechnen ist, ist der Bann gebrochen. Wer das Signal gegeben hat, ist im Nachhinein nicht mehr auszumachen, jedenfalls sind zwei Minuten später fast alle Enten im Wasser, schwimmen dort fröhlich herum und halten Mahlzeit. Ausgewogene Ernährung ist schließlich das A und O.

 

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Der Schiebetür-Set

Es ist Mai, abends aber immer noch frisch, so dass irgendwann die Fenster zu schließen sind. Oder, wie im Fall dieser Sports Bar, die Schiebetür. Dabei handelt es sich genau genommen um einen Set von vier Teiltüren, die, einer komplizierten Logik zufolge, in einer bestimmten Reihenfolge und in bestimmten Winkeln nacheinander zugeschoben werden müssen, weswegen die Bedienung vielmals an verschiedenen Stellen hinaus und wieder herein gehen und dabei immer wieder Gäste um Verzeihung für die Störung bitten muss.

Danach ist es in der Bar wieder ruhig. Auf allen Monitoren läuft dasselbe Fußballspiel aus der Premier League. Es sind insgesamt acht Monitore, davon gibt es also genau doppelt so viele, wie der Schiebetüren, auf denen sich teilweise das grüne Fußballfeld der Monitore schwach spiegelt. Es handelt sich um eine nonhumane, verborgene Form von Kommunikation.

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Der unfallfreie Betrieb

Der Betrieb ist seit dem 22.11.2016 unfallfrei, denn, so eine stolze Hinweistafel:

      auberkeit
+    rdnung
=    icherheit

Oder es konnten hier seit dem November 2016 keine Unfälle passieren, weil hier seit dem November 2016 nichts mehr los war.

Eindeutig feststellbar ist das nicht, weil es kaum sichtbare Betriebsanlagen gibt. Es handelt sich (oder handelte) um einen Abbaubetrieb für Tonerde. Man sieht ein Kontrollhäuschen, eine LKW-Waage, mehrere Schranken, eine (anscheinend aktive) Überwachungssäule, im Hintergrund die weitreichenden Tongrubenfelder, sowie, hauptsächlich, viele Hinweisschilder. Neben dem oben bereits genannten gibt es beispielsweise noch den Hinweis, dass die LKW-Plane vor dem Wiegen abzudecken ist, und dass alle Fahrzeuge voll und leer zu wiegen sind. Mit Ausnahme der fehlenden Buchstaben auf dem oben erwähnten Schild, wirken die Schilder sauber und gepflegt, was für aktuelle Betriebsbereitschaft des Betriebes spricht. Andererseits fehlen Überwachungspersonal und weitere Betriebsgebäude, die möglicherweise abgerissen wurden. Um das beurteilen zu können, müsste man sich in diesem Industriezweig besser auskennen.

Das Firmenlogo erinnert an einen Golfball, und Unbefugten ist das Betreten dieser Anlagen „bergbehördlich“ verboten, so ein weiteres Hinweisschild. Stilllegung hin oder her, dürfte dieses Verbot jedenfalls noch gültig sein.

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Die Burg von Rödelheim

Die Burg steht nicht mehr, sie wurde im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut. Nur eine neuerdings errichtete kleine Natursteinmauer, ein Miniaturmodell aus Bronze und eine Hinweistafel erinnern symbolisch an dieses Anwesen, um das es früher, den Informationen auf der Tafel zufolge, ein zähes, verworrenes und sich über viele Jahrhunderte hinziehendes Ringen verschiedener Adeligengeschlechter und Gebietskörperschaften, u.a. der Reichsstadt Frankfurt am Main, gegeben hatte.

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Nein

Der Obstler (Marille) wird aus einem Plastikkanister gezapft, der auf der Theke schräg auf einem Holzgestell lagert. Darauf ein Aufkleber: „Hausschnaps“.

  • Den bekommt man nur hier?
  • Nein, der ist im Handel erhältlich.
  • Aber ist von Ihnen?
  • Nein. Sehen Sie hier, das Etikett. Hier sind ja nicht die Alpen, gell.
  • Und dieses Gestell wird da so mitgeliefert?
  • Nein, das hab ich mal schnell zusammengeschraubt.
  • Aber hat man dann nicht ein Problem, wenn der Kanister fast leer ist, dann ist das nicht schräg genug?
  • Nein, hier, da kann ich das nochmal umklappen. (stolz) Dann krieg ich auch den letzten Tropfen raus. Noch einen?
  • Nein danke.
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Der Arsch

  • … also, kann Sie da nur warnen. Benutzen Sie besser nur originale Ladekabel für das Gerät. Oder wenigstens solche, die gut flutschen, ohne Widerstand. Hier. Das S7 habe ich mir ruiniert, also die Buchse für das Ladekabel. Und das nur, weil so ein Arsch von Saturn mich zu einem Kabel gedrängt hat, das total hakelig war. Ich wollte das umtauschen, aber dann meinte der, das ist nicht nötig, sehen Sie – rumms! — und hat das Kabel reingehauen. Das habe ich dann leider doch genommen, und inzwischen hält kein Kabel mehr…
  • Und wie laden Sie jetzt?
  • Tja, das geht nur noch induktiv. Hier, mit so einem Pad zum Beispiel…
  • Das ist ja echt Mist…
  • Sie sagen es.
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Angriffstänzer

Er ist gut drauf und hat auch schon ordentlich einen sitzen. Seit einigen Stunden ist er in der Kneipe, jetzt mit den zwei Freundinnen, für die er gern den Hahn im Korb gibt. Die Wirtin kommt auch vorbei.

  • Das Stück wärs, wenn du jetzt noch tanzen könntest…
  • Und ob ich das noch k-ann. Aber will ich? Das ist die Frage.
  • Och, jetzt bin ich aber beleidigt!
  • Hat doch nichts mit dir zut… zu tun. Manchmal ist der Moment zu tanzen, und manchmal nicht.

Dann erzählt er irgendwas aus der Nachkriegszeit, und beschreibt sich selbst als „Angriffstänzer“, der er damals war. Dann geht es um die Eintracht, um Politik und um einige andere Themen. Die Wirtin kehrt an den Tresen zurück.

Am Nebentisch, einige Zeit später:

  • … übrigens, wenn ich grad was fragen darf… was bedeutet eigentlich „Angriffstänzer“?
  • „Angriffstänzer“? Das Wort kenne ich nicht. Nur „Eintänzer“. Wie kommst du denn darauf?
  • Na das hat er dahinten vorhin gesagt, aber ich habe leider den Zusammenhang nicht mitbekommen…
  • Ach, der sagt oft einfach irgendwas. Wie gesagt, ich kenne nur „Eintänzer“. Das kommt aus der Nachkriegszeit, als Männer auf Tanzveranstaltungen knapp waren. Da wurden dann manchmal welche gebucht.

Sie geht zum Tisch in die Ecke.

  • He Herbert, was soll das denn sein, ein Angriffstänzer? Du sollst das vorhin gesagt haben.

Er schaut sie nur lächelnd an und erzählt dann eine ganz andere Geschichte. Die Frage kann an diesem Abend nicht mehr geklärt werden.

  • Also wie gesagt. Der erfindet manchmal einfach was. Wenn der ordentlich angeschickert ist…
  • Aber dann erfindet man doch keine neuen Wörter?
  • Doch. Mach ich dann auch manchmal.
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Jo mei

  • Also, was hatten Sie jetzt?
  • Na, den Kaffee zum Mitnehmen und dieses Baguette mit Ei…
  • Ach für Sie war das. Das macht 5 Euro 20.
  • Hier bitte.
  • Danke. Und sorry für die Verwirrung…
  • Kein Thema.
  • He, Silvie. Hatte jetzt der Typ mit den vier Becks ein Baguette mit Schnittlauch?
  • Nee… der?? Nee…
  • Grmpf. (leise:) Merkt der ja eh nicht mehr. (wieder laut:) Ich hab dir doch gesagt, dass du dich konzentrieren sollst!…
  • Aber Chef, was kann ich denn jetzt dafür, ich hab doch bedient und dann haben Sie sich plötzlich an die Kasse gesetzt….
  • Na weil es zu lange dauerte. Also, pass besser auf, ok?
  • Ok Chef!
  • Ach Chef, was ist eigentlich mit der Uhr da…
  • Was soll mit der sein??
  • Na die steht noch auf der, äh, auf Winterzeit…
  • Ja stimmt. Na egal, lassen wir so. Da freuen sich die Leute, dass es noch nicht so spät ist.
  • Aber Chef? Ist das nicht etwas… riskant? Wenn da jemand tankt und deswegen einen Termin verpasst, weil er denkt…
  • Jo mei. Jo mei. Ist nicht so schlimm. Räum du lieber mal hinten auf, Silvie.
  • Ok Chef!
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The Tigers of Wrath

In die Rundbögen der Brücke ist eine Kunst- und Eventräumlichkeit eingebaut, die man hier kaum vermuten würde. Die Umgebung ist Hafen- und Industriegebiet. Das Ambiente erinnert an Konzepte der Brutalismus-Achitektur: Roh, funktional, reduziert und ehrlich.

Und hier ist heute Das Licht zu Gast. Die Location nimmt an der allgemeinen Lichtausstellung teil. Geht man hinein, erblickt man in der im Schummerbeleuchtung gehaltenen Eingangshalle die verschiedensten Neonlicht-Kunstobjekte, von denen sich in den – überraschend weit verzweigten –  verbundenen Räumen noch viele weitere entdecken lassen. Und voll ist es, voll mit Menschen, die die einzigartige Atmosphäre genießen. Eine Bar versorgt mit den elementaren Getränken, kreative Chansonmusik dudelt dezent aus Lautsprechern, und hoch an der Decke bekämpfen zwei riesige Heizstrahler erfolgreich den winterlichen Frost.

Die Ausstellungsobjekte sind mit Worten schwer zu beschreiben, manchmal Bilder mit Leuchtelementen, manchmal Skulpturen, und manchmal irgendwelches wild zusammengeklebtes, -gelötetes und -geschweißtes Material, Hauptsache, attraktiv, schräg und leuchtend.

Ein Kopf aus Bienenwachs enthält eine kleine Kerze, die im Moment noch etwas unterhalb der Schädeldecke still vor sich hin brennt. Später wird sie immer weiter im Kopf versinken, bis sie dann aus den Augen leuchtet, was allerdings angeblich noch viele Tage oder gar Jahre, die Auskunft dazu ist vage, dauern soll.

An einer Wand hängt ein Tuch mit dem Text: The tigers of wrath are wiser than the horses of instruction. Eine überraschende Feststellung, statt „wiser“ würde man hier eher „stronger“ erwarten, so drängt sich der Spruch auch immer wieder ins Bewusstsein. Doch nein, es heißt „wiser“. Das Statement drückt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber aller Ratio aus.

Ein Raum enthält eine Serie von Fotos, die bearbeitet und mit kleinen Leuchtelementen und kleinen plastischen Figürchen ergänzt wurden. Die Stimmung ist generell düster, dystopische Großstadtorte, wie Rotlichtgegenden, oder auch finstere Landschaftsbilder. Die anwesende Künstlerin hat Fotos aus aller Welt verarbeitet. Jemand hat die Raumbeleuchtung ausgeschaltet, was ihr nicht gefällt. Das mag überraschen, da ja so die Leuchteffekte stärker hervortreten – doch diese, erläutert sie, leben vom Kontrast zum Rest der Bilder, das man nun kaum noch sieht. Von jedem Bild hängen Kabel herunter, ginge das nicht auch mit Batteriebetrieb? Grundsätzlich schon, aber die müsste man gelegentlich wechseln, außerdem haben die Kabel sowas … geben so einen Eindruck von… industrieller Atmosphäre? Genau, industriell.

Eine Performance findet statt. Die trotz der Kühle des Nebenraums nur spärlich bekleidete Tänzerin führt zu dissonanter Musik äußerst reduzierte und langsame Bewertungen aus. Ihre nackten Füße brauchen eine halbe Ewigkeit, eine Betonwand hinauf und wieder herunterzuklettern, während der Körper zwischen Füßen und auf dem Boden aufgestützten Schultern ruhig diagonal in der Schwebe gehalten wird, was eine Menge Training und Kraft erahnen läßt. Manchen Zuschauern werden die Anspannung und die aufgestaute, blockierte Energie zu unerträglich, und sie verlassen vorzeitig den Raum. Man könnte sagen, dass die Performance bei diesen Gästen besonders erfolgreich gewirkt hat. Die brauchen jetzt erst mal ein Bier.

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Fish Farm Road Blog

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kurzblick

Wenn dieser text nicht gut sein sollte, dann habe ich zumindest eine ausrede: er wurde ohne jeglichen weitblick verfasst. Ich sitze in einem cafe irgendwo in mitte, wo weiss ich nicht. muss ich nicht wissen, ich bin schliesslich tourist. es ist montag, der 21. Februar 2010, 17 uhr, und ich habe gerade erst im internet den hinweis auf diese lesebuehne gesehen. Anscheinend kann da jeder was vortragen. Jeder. Umpf. Ich auch ? Ich habe so was noch nie gemacht. Aber mein smartphone hat doch diese tolle tastatur, wofuer habe ich die denn sonst.

Noch drei stunden. Das ist im grunde viel zeit, unter druck entstehen bekanntlich die besten texte. Ob das aber auch fuer diesen gilt ? Na ja, wahrscheinlich gibt es sowieso genug andere, die was vortragen wollen. Wahrscheinlich komme ich gar nicht dran. Hoffentlich nicht.

Nun, anscheinend bin ich doch drangekommen, ansonsten wuerde ich ja gar nicht bis zu diesem satz gekommen sein.

Aehm, ich meine, es wuerde diesen satz ja sonst gar nicht geben.

Oder genauer gesagt, er wuerde nicht gesprochen worden sein.

Gesprochen werden ?

Gehoert worden sein ?

Die situation ist irgendwie schon paradox. Existiert der satz nur dann erst, wenn ich ihn hier und jetzt, ich meine heute abend, ausspreche ? Aber geschrieben ist er doch in jedem fall, naemlich jetzt, waehrend ich dieses schreibe ? Aber wann ist jetzt ? Oder wann wird jetzt gewesen sein ? Zurück in die zukunft ? Livin in the past ?

bevor ich mich vollstaendig verrenne, komme ich besser zum thema zurueck. Genau: weitblick. Das ist zumindest ein thema, von dem ich meine, etwas damit anfangen zu koennen.

Wenn ich richtig informiert bin, ist beim naechsten mal hier das thema: „auf dem nachttisch“. Da haette ich absolut nichts dazu zu sagen. ich habe nicht mal einen.

Irgendwann letztes jahr gab es hier „sex oder liebe“. Ohgottogottogott. Da haette ich mich huebsch herausgehalten. Wie war das denn, war jemand der anwesenden damals auch da ? Gab es Beziehungskrisen ? Eifersuchtsdramen ? wilde orgien ?

Anmerkung: an dieser stelle flexibel mit etwaigen bemerkungen aus dem auditorium umgehen. Sofern es welche geben sollte. habe ich versucht.

Aber weitblick,das gefaellt mir schon besser. So schoen unverfaenglich, und offen zugleich. Einfach wunderbar. Ich frage mich, wie diese themenstichwoerter zustandekommen. Macht sich da jemand intensiv gedanken ? Wird erbittert diskutiert ? Abgestimmt ? Oder wird vielleicht einfach nur die letzte scrabble-runde abgearbeitet ? Egal.

Mir faellt gerade auf, dass ich jetzt schon eine gewisse zeit schreibe, ich meine rede, und immer noch nichts zum thema an sich gesagt habe. Und dabei habe ich mich so gebruestet, das sei voll mein thema, und wie toll ausgewaehlt von den veranstaltern. Da muss jetzt natuerlich was kommen.

So ein pech aber auch ! Es tut mich furchtbar leid, aber Der akku wird leer. und so kommt dieser text zu einem aprupten ende. Was fuer ein jammer. Gerade flogen mir die gedankenketten nur so zu, ich war dabei, alles und jeden auf dieser welt in kuehnem bogen zu verbinden, von der planung der naechsten woche bis zur quintessenz der menschlichen existenz. Die leute wuerden nach hause gehen und sagen, wow.  der sinn des lebens endlich erklaert.

Tja.

So komme ich nun nicht mal annaehernd auf 10 minuten. Ob ich jetzt aerger kriege ? Weil der ablauf total aus den fugen geraten ist ? Hey leute, relax, cool. Ich wasche ja schon die teller. Wobei, ob ich jetzt noch bis 20 uhr eine steckdose zum laden finde, ist ja sowieso ungewiss.

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Samstagmorgen

Ein Mann sitzt in seinem Arbeitszimmer. Es ist Samstag, und er ist gerade aufgestanden. Er hat sich einige Gedanken zu seinem laufenden Projekt notiert, die ihm im Bett gekommen sind. Nun sind sie aufgeschrieben und der Kopf ist frei fürs Wochenende – in dem es nichts Dringendes zu tun gibt.

Unschlüssig, was er jetzt tun soll, bleibt der Mann sitzen. Sein Blick wandert durch das Zimmer: Der Schreibtisch, das Regal, der Ausblick aus dem Fenster. Auf einem Foto an der Pinnwand betrachten einige Menschen auf einem Berggipfel den Mond. Der Berg ist in Guatemala. Der Mann war auch dort und hat das Foto gemacht. Die Stimmung ist unwirklich: Es ist gerade Sonnenaufgang, aber man sieht noch klar den weissen Mond vor dem blauen Himmel.

Er könnte seine Unterlagen sortieren.

Er könnte ein Buch weiterlesen.

Er könnte spazierengehen.

Er könnte…

Das Regal ist ein schlichtes Stahlgestell, die Wand dahinter ist blau. An der Wand hängen einige Schwarz-Weiss-Fotografien und die Bücher im Regal sind bunt. Der Schreibtisch ist unaufgeräumt: Computerzubehör, Unterlagen, Sonnenbrillen, Kugelschreiber, Bücher sowie eine kleine Trommel (ein „Tamborim“) liegen wild durcheinander. Auf der blauen Glasplatte des Schreibtischs sieht man einige Fingerabdrücke. Der Papierkorb ist voll.

Er könnte den Papierkorb herunterbringen und leeren. Doch auch diese Vorstellung reisst ihn nicht vom Hocker. Er bleibt sitzen und schaltet seinen inneren Rhythmus auf „slow“.

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Gleichgewicht

Der Kerzenhalter besitzt eine psychedelische Form, eine flach an der Wand aufhängbare rechtsdrehende Spirale aus dünnem schwarzem Gußeisen, Durchmesser etwa 50cm. Über die Grundfläche sind neun Teelichthalter verteilt, in die gelbe durchsichtige Teelichtgläser eingefaßt sind. Die neun Gläser stehen mehr oder weniger aufrecht – ansonsten wären sie ja auch nicht zu gebrauchen. Sie sind scheinbar zufällig, aber in etwa gleichen Abständen, über die Spirale verstreut. Spirale, Senkrechte und Anordnung der Gläser bilden ein Gleichgewicht der Kräfte.

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Vor dem Straßenfest

Auf der Einkaufsstrasse herrscht unübliche Geschäftigkeit. Normalerweise sitzen die Menschen an einem solchen Samstagmorgen ruhig in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs. Die Strassenstimmung ist dann gelassen, gewohnt, normal. Heute ist das anders.

Überall wird irgendetwas aufgebaut: Imbissstände, Konzertbühnen, Zelte, Ausstellungsregale. Dazwischen sitzen immer noch die Menschen in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs, aber das sind nun Randerscheinungen. Im Zentrum steht der Aufbau.

Wer von den Passanten schon einmal auf diesem Strassenfest war – und das sind die meisten, denn das Strassenfest gibt es schon lange – sieht vielleicht schon vor seinem inneren Auge die Menschenmassen durch die Einkaufsstrasse strömen. Statistiken zählten in den letzten Jahren bis zu 100.000 Besucher, und alle durch die eine Strasse, rauf und runter, hin und her: Auf den Nebenstrassen ist nichts los, alles konzentriert sich auf die eine grosse Pulsschlagader in der Länge von ca. 1 km.

Insofern ist wichtig, dass beim Aufbau alles richtig gemacht wird, einen zusammenbrechenden Stand kann keiner riskieren. Entsprechend konzentriert gehen die Aufbauer zu Werke. Alles geht zügig voran, es ist nicht mehr viel Zeit. Die Handgriffe sitzen, die Leute machen das schon seit Jahren. In der Regel sind es die in der Einkaufsstrasse ansässigen Geschäfte und Gastronomiebetriebe, die vor ihren Türen ihre eigenen Strassenstände aufbauen. Der Umsatz aus dem Strassenfest ist schon fest eingeplant, von manchen zu optimistisch.

Eine Frau trägt einen Schlauch die Strasse entlang. Der China-Imbiss hängt ein Transparent an sein Verkaufszelt, darauf steht „China-Imbiss“. Ein Mann bringt einen Verkaufstischständer zu seinem Anhänger, dann nimmt er Tattoo-Muster heraus. Ein Lieferwagen parkt in einer Querstrasse, etwas wird herausgeladen. Drei Männer tragen zusammen einen langen, schweren und unidentifizierbaren Gegenstand in Richtung der Konzertbühne. Vielfach sieht man nur einzelne Fragmente eines Aufbauprojekts, die man gar nicht zuordnen kann. Nur die Aufbauer kennen den Gesamtzusammenhang.

Auch heute sitzen viele Menschen in den Cafes, unterhalten sich oder lesen Zeitung, doch sind sie innerlich unruhiger als sonst. Von Zeit zu Zeit beobachten sie den Aufbau, oft nur einen Meter entfernt, sie sitzen in der ersten Reihe. Ein Event steht bevor.

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1000 Jahre

1. Hard-disk #**Y6JST73NT-595B, the system Primary HDD, is protected by a password authentification system. You can’t access data on the hard disk without this password.

2. En el ano 7 Cana, dia 10 Zopilote (1071 -d.C.), el Senor 8 Venado, Garra de Jaguar, participo en una excpedicion de guerra, conquisto Pena de Aguila y tres lugares mas.

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Glück im Unglück

Eine millionenfach verkaufte Puppe eines namhaften Spielzeugherstellers muss zurückgerufen werden, da mit bleihaltigen Lacken behandelt. Jedoch sei nur die Westschweiz betroffen, da die Puppe nur Französisch spricht.

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Die Zone

An einer Promenade schlendern die Massen entlang, es ist Sonntag abend aber noch warm, noch Abendsonne, der See plätschert, diverse Imbissstände, Softballspieler, sich Sonnende, Unterhaltende, Lesende, Gruppen mit Gitarren, an manchen Stellen sitzen die Leute enger zusammen als an anderen.

Wenn man da aufmerksam, mit ausgefahrenen Antennen, durchgeht, fühlt man von Zeit zu Zeit das gewisse Etwas: Hier ist es cool, hier kann was Großes passieren, hier ist ein Teppich, hier ist Ruhe, Energie und Bewegung zugleich, ein Gemisch von Patterns, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Wenige Meter weiter ist das Feeling wieder weg, ohne daß man genau bestimmen könnte, was die Begrenzung ausmacht.

Solche Zonen gibt es in manchen Städten mehr als in anderen, zB in Zürich mehr als in Frankfurt und dort wiederum mehr als in Hannover. Die wenigsten gibt es in Kassel, die meisten in Berlin.

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Eritrea

In der S-Bahn-Station Konstabler Wache in Frankfurt stehen seit vielen Jahren die folgenden provisorischen Kreidemarkierungen an zwei zwischen den Gleisen stehenden Betonträgern:

– links: „H = 24,4 m“, darunter „B = 230 m“, darunter „T = 30, 0 m“

– rechts: oben „(Z)“ und darunter „Eritrea“

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Ein Platz in einem Einkaufszentrum

Die Passanten kommen aus allen Richtungen, viele der Wege kreuzen sich, und viele nicht.

Hinweisschilder an einer Laterne: Kalendergasse, Utoplatz, Utobrücke, Kinderparadies.

Die grünen Sitzobjekte aus Plastik, die hochschwingen, wenn man aufsteht, und Zeitungsberichten zufolge gern entwendet werden.

Der Fluß, darüber die Hochstraße.

Die draussen sitzenden Gäste des „imagine“, einer mit einem riesigen Wolfshund (?).

Etwa 18-20 Grad, leichter Wind. Nicht die versprochenen 24.

Die Leute machen insgesamt einen relativ entspannten Eindruck.

Vier Frauen bestaunen zwei Babys (und vice versa) in einem Doppelkinderwagen.

Heute sind in der Regel gleichzeitig zu sehen: 30-50 Passanten, 5-10 Kinder, 2-3 Kinderwagen, 1-2 Hunde, 30-50 draussen sitzende Restaurantgäste und 5-10 Sonnenbrillen.

Draussen, auf den umliegenden Wiesenflächen und Sportanlagen, sind zahlreiche Raben zu sehen. Anscheinend suchen sie nach Würmern.

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Der Koffer

Über dem Fluß Sihl in Zürich existiert eine mysteriöse technische Installation: Ein ca. 10m in der Luft unter der Hochstraße hängender Koffer wird regelmäßig automatisch mit Wasser befüllt. Danach begibt er sich, gleichfalls automatisch gesteuert, auf eine rechteckige Rundfahrt unter der Hochstraße, wobei ein Teil des Wassers durch eine Öffnung in den Fluß rinnt. Im Fluß befinden sich an den Stellen, wo das Wasser auftrifft, keinerlei Auffälligkeiten.

Ich zerbreche mir lange den Kopf über den wissenschaftlichen Hintergrund dieser Anlage. Aufgrund eines sich drehenden Rades, wie es oft von Windmeßstationen eingesetzt wird, vermute ich etwas Meteorologisches.

Ich sehe, dass das Wasserzuleitungsrohr aus dem Einkaufzentrum Sihl City kommt. Also gehe ich dort an die Information fragen und erfahre: „Das ist Kunst.“

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Frankfurt, 21.07.07

– CSD (Christopher Street Day). Gut gebaute und leicht bekleidete junge Männer durchkreuzen paarweise die Stadt. Nachts wird auf der Zeil in psychedelischen Lichtorgeln harter Techno getanzt.

– Wilde, anfeuernde Schreie aus dem Fenster im ersten Stock über DEICHMANN Schuhe, dazu schweisstreibende Musik. Ein älteres Ehepaar, Frau zum Mann: „Das ist ein Fitnessstudio“.

–  Viele Ausländer unterwegs, in der S-Bahn hört man Deutsch – zumindestens akzentfrei – eher selten.

– Die üblichen Jesusprediger (-schreier). Auszug: „…sind Sie verheiratet ? Gut. Sie sollen Kinder haben. Viele Kinder. Die Familie soll gross sein ! Viele Kinder. Aber nicht: Viele Frauen. Nein. Auch nicht viele Männer…“

– Starbucks, einsetzender Regen, ein Teil der Gäste zieht nach Innen um. Ein Teil bleibt draussen. Ein etwa 10jähriges Mädchen trommelt Rhythmen auf die Knie seines Vaters.

– Geschäfte, die man vom Starbucks aus sieht: Dresdner Bank, rombus Zeitarbeit, Claudio Licci Friseure, Hitparade (Mode), Glenfield (Mode), Sparkasse, China-Restaurant Jasmin, Kosmetik Valence, Park Cafe, und die zahlreichen Gourmetshops und Restaurants der Fressgass.

– Zwischendrin immer wieder abgerissene, bettelnde Gestalten.

– Ein Straßenstand verkauft „Rindsbratwurst grob“.

– Die Passanten: In der Regel gut gekleidet, gestylt, mit konkretem Ziel irgendwohin unterwegs.

– Dazwischen vereinzelte Touristengrüppchen, davon viele asiatischen Aussehens.

– Die Athmosphäre: Busy.

– Viele moderne Rikschas unterwegs, zwecks individueller Rundfahrt für Touristen auf zwei Rädern (die Rikschas, nicht die Touristen).

– Die vielen angeheuerten Hilfskräfte, die irgendwelche Marktforschungen bei Passanten durchführen, erkennen schon auf den ersten Blick, dass sic mich anzusprechen nicht lohnt.

– Viele Kinder.

– In einer Querstraße die linke Kneipe „Voltaire“.

– Im „Kunstsupermarkt“ gibt es viele vermutlich preisgünstige Bilder aller Stilrichtungen, und nebenan bei „Butlers“ den elektrischen Mückenfänger „no escape“.

– Ich warte auf den Auftritt meiner Freunde, der Sambagruppe A. B., im Rahmen des CSD-Umzugs.

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Drei Hunde

Ein Mann dressiert einen ganz kleinen, jungen weissen Hund, sich hinzusetzten („Platz !“). Jedoch, er folgt nicht. Der Briefträger betrachtet das Schauspiel interessiert.

Ich gehe zum Fahrradgeschäft, um A’s Schuhe abzuholen, die dort abgegeben wurden. Der Eingang wird von zwei weiteren, wesentlich größeren Hunden gesäumt. Einer angeleint, der andere nicht.

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Grenzformalitäten

Ich habe mir gerade den Ausreisestempel von El Salvador geholt und will rüber auf die guatemaltekische Seite, da erklärt man mir: Neuerdings braucht man in Guatemala keinen Einreisestempel mehr. Ich kann es nicht glauben, frage mehrmals nach, wieder etwas Neues, diese Regelung ist einmalig in Lateinamerika. Irgendwie toll, man denkt, so langsam hat man den Bogen raus und weiß, wie Grenzübergänge in Lateinamerika funktionieren, ist auf alles Mögliche gefaßt – und dann kommt wieder etwas ganz Neues, womit man nicht gerechnet hat.

Es gibt an den Grenzen dieser Region praktisch nichts, was es nicht gibt. Einige Beispiele (ich habe hier aufgeschrieben, was mir passiert ist, das erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, kann sich von Tag zu Tag ändern, sei es durch neue Gesetzgebungen oder abhängig von der „Tagesform“ der Grenzbeamten, und ist außerdem manchmal abhängig vom Ort des Grenzübergangs):

Die Einreise nach Nicaragua kostet aus Honduras 7 Dollar und aus Costa Rica 9 Dollar. Die Einreise nach Honduras kostet 3 Dollar, genau wie die Ausreise. Einreise und Ausreise nach/von Panama kosten einen Dollar, genau wie die Einreise nach Costa Rica, sofern man aus Panama kommt. Die Einreise von Venezuela nach Brasilien kostet etwas (ich habe vergessen, wieviel), wenn man die Grenze als Passagier eines Busunternehmens überquert. Alle anderen Grenzübergänge in Lateinamerika kosten nichts, egal, ob mit oder ohne Bus.

Gepäckuntersuchungen finden statt bei der Einreise nach Panama, Costa Rica und Nicaragua, sofern man nach Norden reist (Richtung Mexico). Sonst nicht. In anderen Ländern auch nicht.

Reist man mit der Linie „Tica-Bus“ von Panama nach El Salvador, so sammelt das Buspersonal in folgenden Fällen die Pässe (sowie etwaige Gebühren, siehe oben) aller Reisenden vorab ein und geht damit gesammelt zum Schalter: Einreise nach Costa Rica; Einreise nach Nicaragua; Einreise und Ausreise nach/von Honduras. In allen anderen Fällen geht man selbst, persönlich, zur „migracion“.

Die meisten Länder (ich weiß nicht genau, welche) haben die offizielle Regelung, daß man zur Einreise ein „weiterführendes Ticket“ aus diesem Land heraus vorweisen muß. Gefragt worden bin ich das nur bei der Einreise nach Panama, der Grenzbeamte war dann aber mit meiner Kreditkarte und meiner Absichtserklärung, mir in Panama ein Ausreiseticket zu besorgen, zufrieden. Ich habe von einem Fall gehört, wo eine andere Reisende (auch Deutsche) größere Probleme hatte und schließlich den Grenzbeamten bestechen mußte.

Normalerweise liegt eine gewisse Strecke zwischen den Gebäuden zur Abwicklung der Grenzformalitäten bzgl. der Ausreise aus einem Land und denen bzgl. der Einreise in das Nächste, oft liegt dazwischen der Grenzfluß. Nicht so bei der Einreise von Nicaragua nach Honduras und von Honduras nach El Salvador (zumindestens an den Grenzübergängen, wo ich war): Dort haben sich jeweils beide Grenzparteien in einem Gebäude versammelt. Erkennbar schneller geht es dadurch allerdings nicht.

Bei der Einreise von Venezuela nach Brasilien, zumindestens am Grenzübergang „St. Elena de Urayen“, ist der Ausreisestempel aus Venezuela an der Grenze selbst nicht erhältlich, sondern nur in der ca. 15 km entfernten Stadt. Wer das nicht weiß, muß wutentbrannt zurückfahren (so erging es mir), sofern man ggf. problemlos ein weiteres Mal nach Venezuela einreisen möchte. Derartige Regelungen sind typisch für sehr selten benutzte Grenzen in Lateinamerika, für eine so vielbenutzte wie diese ist sie ziemlich einmalig.

Und nun also dies: Für Guatemala braucht man gar keinen Einreisestempel mehr. Ich hätte mich gefreut, hätte diese Regelung schon letztes Jahr gegolten. Damals hatte ich nämlich bei der Einreise aus Mexico – neu in der Region und noch grenzübergangsunerfahren – versäumt, mir ebendiesen Einreisestempel aktiv zu holen (darauf weist einen kein Mensch hin, das muß man wissen). Folge: Bei der Ausreise aus Guatemala mußte ich eine Strafe („la multa“) in Höhe von 20 Dollar zahlen, was in dieser Gegend ein großer Haufen Geld ist (auch für Touristen, sofern man kostengünstig reist). Außerdem mußte ich, da diese Prozedur länger dauerte, mit meinem ganzen Gepäck den Bus verlassen und den nächsten nehmen. Glücklicherweise fahren die Busse der Linie „Melva Internacional“ stündlich über diese Grenze.

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Die Zahl p

Warum, weiß ich nicht, aber heute erinnere ich mich an die Versuche zur Selbstbezüglichkeit in Douglas Hofstadters wunderbaren Büchern „Gödel, Escher, Bach“ und „Metamagicum“, die ich vor knapp zwanzig Jahren gelesen habe. Zum Beispiel schreibt er über die Zahl p: „Die Zahl p ist die Anzahl der Minuten pro Tag, die ich damit verbringe, über die Zahl p nachzudenken. Meistens geht sie mir im Kopf herum, wenn ich mich rasiere.“

Oder: „Wenn Sie denken, dieser Satz ist verwirrend, dann ändern Sie einfach eine Sau.“ Diesen Satz (aufgeschrieben und eingerahmt) habe ich einmal meiner Mutter zu ihrer großen Freude und Belustigung zum Geburtstag geschenkt.

Oder: „Dieser Satz hat Schnapsidee sechs Wörter.“

Oder: „Dieser Satz versucht verzweifelt, der monotonen und nervtötenden Abfolge selbstbezüglicher Sätze zu entkomenn, scheitert jedoch.“

Heute, in Buenos Aires, erfinde ich folgenden Text: „Für diesen Satz, dessen Konstruktion und Grammatik – obwohl in bester Intention (und begonnen mit Leidenschaft, deren Größe – oder vielmehr Stärke – nicht seinen Beginn gefunden hatte bzw. finden sollte, ist keine Rettung.“

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Tiefpunkt

Manchmal verstehen mich die Argentinier nicht und ich weiss einfach nicht, warum, wenn mir, was vorkommt, sowohl Grammatik, Vokabeln als auch Aussprache meinerseits halbwegs korrekt erscheinen. Meiner Meinung nach machen sie es sich gerne auch mal einfach: Es gibt viele Touristen in der Stadt, die schlecht oder gar nicht Spanisch sprechen. In diese Schublade fällt man dann schon mal und sie geben sich keine Mühe mehr.

Meinen persönlichen Tiefpunkt des Nichtverstandenwerdens habe ich heute: Gehe in ein Geschäft und frage, wo die Strasse „Rua Saenz Pena“ ist. Daraufhin bietet mir der Verkäufer eine Kopfschmerztablette an.

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Hängengebliebenes

Wer längere Zeit reist, sieht und erlebt einen Haufen interessanter und merkwürdiger Dinge. Ich habe mich jetzt entschlossen, diese Erlebnisse festzuhalten, auch wenn ich eine Abneigung gegen derartige euphorische Reiseberichte habe (was hat man nicht alles Interessantes erlebt, toll, spannend, cool, …).

Klar: Das ist meine persönliche Wahrnehmung. Was ich bemerkenswert finde, ist für andere möglicherweise völlig normal, und umgekehrt.

Der Schrei

Es ist Nacht auf dem Amazonas. Unser Boot fährt von Manaus nach Santarem und alle Passagiere schaukeln rhythmisch in ihren Hängematten. Die meisten schlafen, ich aber nicht. Plötzlich ertönt direkt neben mir ein Schrei aus vollem Halse – nein, ich habe nicht geträumt. Einer der beiden Franzosen aus unserer fünfköpfigen Reisegruppe muß einen Alptraum gehabt haben. Etwa zehn Minuten später wiederholt sich der Schrei. Tags darauf mag er es kaum glauben.

Der Repräsentant

Meine Kollegen aus der Kreditorganisation „ADCI“ in Totonicapan, Guatemala, haben mich auf eine Versammlung mitgenommen, auf der der ein guatemaltekischer Minister erwartet wird. Es erscheint aber nur ein „Repräsentant“. Gleichwohl bemühen sich alle Redner, die Gunst des Repräsentanten zu gewinnen – er ist auch wichtig. Es erfolgen endlose Aufzählungen von Kalkulationen sozial orientierter Projekte, die durch das Ministerium gefördert werden sollen. Vor der Tür spielen während der gesamten etwa fünfstündigen Versammlung zwei Musiker, die nichts mit der Versammlung zu tun haben scheinen, auf Trommel und Gitarre guatemaltekische Rhythmen. Von Zeit zu Zeit stört dies die Versammlung sehr.

Das „Büro“

Wie an den meisten lateinamerikanischen Grenzen gibt es auch von Costa Rica nach Panama das Damoklesschwert des Einreiseverbots, wenn man kein weiterführendes Ticket (hier: aus Panama heraus) vorweisen kann. Ich habe von solchen Fällen gehört. Als ich mich bei der Buslinie „Tica-Bus“ in San Jose (Costa Rica) hiernach erkundige, sagt man mir beruhigend, zur Not könne ich an der Grenze im Büro dieser Buslinie ein Rückfahrtticket aus Panama kaufen und dann später wieder stornieren. An der Grenze dann (um 6 Uhr morgens) frage ich den Busfahrer, wo dieses Büro ist, und bekomme zur Antwort: „No hay oficina – hay una persona que vende Tica-Bus-Tiquetes“ (es gibt kein Büro, nur eine Person, die Tica-Bus-Tickets verkauft). Ich brauche dann aber diese Option nicht – man lässt mich so durch. Später erfahre ich, daß die Stornierung problematisch gewesen wäre.

Die Extravaganz

Auf der Insel „Ilha do Mel“ in Südbrasilien ist alles einfach, rustikal, praktisch, eben auf die Inselerfordernisse ausgerichtet. Bis auf die Nippesschale im Restaurant, wo ich wohne: Zwei Frösche, eine Brücke, viele Steine und eine „Wasserwippe“ mit einem kleinen Eimer auf der einen Seite, in den ständig Wasser hineinrieselt. Sobald der Eimer voll ist, kippt diese Seite der Wippe aufgrund des Gewichts nach unten, der Eimer entleert sich und das Übergewicht verlagert sich auf die andere Seite, wo ein Hammer mit einem „Klick“ auf einen Stein haut. Dieses „Klick“ hört man ungefähr alle fünf Sekunden, 12mal die Minute, 720mal die Stunde, 17280mal am Tag, 6307200mal im Jahr.

Die Sonderregelung

Auf dem Busbahnhof in Bolivar, Venezuela, muß man neben dem eigentlichen Busticket noch – an einem unscheinbaren Häuschen – eine Gebührenmarke kaufen, die zum Verlassen des Terminals per Bus berechtigt.

Der Wutanfall

Wir – drei Engländer und ich – besichtigen den Panama-Kanal. Einer von uns macht eine Menge Fotos mit einer in Panama-City gekauften Einwegkamera. Auf der Rückfahrt stellt sich jedoch heraus, daß die Kamera nicht funktioniert, die Bilder sind verloren. Sie müssen ihm sehr wichtig gewesen sein, nur so ist sein langanhaltender Wutanfall zu erklären, auf dessen Höhepunkt er die Kamera mitten auf der Kreuzung aus dem Taxifenster heraus auf den Boden knallt.

Ohne Titel

In Cartagena, Kolumbien, ist mir von Bier schlecht geworden.

Die Mauer

Ich mag die Beschreibung eines typischen brasilianischen Fußballspiels in meinem Reiseführer „Lonely Planet“: „…the fans…pound huge samba drums, detonate smoke bombs in team colors and throw beer and even dead chicken – in short, sheer lunacy.“ Also besuche ich mit großen Erwartungen ein Match des Traditionsvereins „Flamengo“ im berühmten Maracana-Stadion (offizielles Fassungsvermögen 175000 Zuschauer, faktisch noch mehr). Es ist leider ein unwichtiges Spiel und nur von ca. 30000 Personen besucht, aber trotzdem ein Erlebnis – vor allem dank der Fans. Besonders nett eine Szene aus der (fußballerisch eher langweiligen) zweiten Halbzeit: Einige Fans spielen auf der Aschenbahn vor dem Spielfeld Freistoß, Abwehrmauer und Schiedsrichter. Immer wenn dieser nicht hinsieht, ruckelt sich die aus fünf Personen bestehende Mauer verbotenerweise näher als die vorgeschriebenen neun Meter an den Ball heran – ganz wie auf dem wirklichen Fußballfeld. Alle Beteiligten haben einen Riesenspaß.

Der Dreikäsehoch

In Guatemala sind sie Touristen noch nicht so gewohnt – was prinzipiell symphathisch ist, im Einzelfall aber anstrengend sein kann. Besonders an jenem Abend, als ich auf eine Graduationsfeier eingeladen war: Der einzige Nicht-Guatemalteke, deutlich andere Hautfarbe und auch Körpergröße, und damit natürlich vor allem für die Kinder äußerst interessant, fast schon schockierend. So hat sich u.a. ein etwa fünfjähriger Junge direkt vor dem Tisch, an dem ich saß, aufgebaut und mich minutenlang angestarrt. Nachträglich liest sich das möglicherweise lustig, aber in dem Moment hätte ich ihn erschlagen können.

Das Pendel

Das Pendel, um das es hier geht, macht dem von Edgar Allan Poe alle Ehre: Es hängt in der Kathedrale in Mexico City und gibt sowohl die kurzfristigen (sehr häufigen) Erdbebenerschütterungen als auch das langfristige Versinken der Kathedrale (Mexico City wurde auf einem Sumpf erbaut) wieder. Man kann anhand des Pendels auf einer historischen Skala erkennen, daß die heutige Neigung der Kathedrale sich um ca. einen Meter Pendelposition von der Neigung vor hundert Jahren unterscheidet.

Der Familienrat

Der Vater von Pedro, bei dem ich in Totonicapan, Guatemala, während meiner dortiger Tätigkeit gewohnt habe, hat insgesamt etwa zehn Söhne (wieviele Töchter, weiß ich gar nicht). Alle diese Söhne konnte ich an einem Nachmittag kennenlernen, als es darum ging, gemeinsam mit dem Vater eine wichtige familiäre Angelegenheit zu beraten. Ich habe viel herumgerätselt, was wohl das Thema gewesen sein mag. Nachträglich erfahre ich: Manche der Söhne sind nicht mit des Vaters Entscheidung einverstanden, sein Haus zu verkaufen, da sie auf dieses spekuliert hatten (der Vater ist ca. 80). Pedro findet allerdings, das sei sein volles Recht gewesen. Dies ist sicher der noblerere Standpunkt, hat aber vielleicht auch damit zu tun, daß Pedro relativ wohlhabend und nicht von diesem Haus abhängig ist.

Selbstjustiz

Bei der guatemaltekischen Kreditorganisation ADCI arbeite ich die meiste Zeit mit Viktoria zusammen. Inhaltlich geht es darum, wie der ADCI den besten Überblick über seine Schuldner behalten kann (und ich helfe bei der Computerunterstützung hierzu). Die nicht zahlenden Schuldner sind die Bösen, auf die es Druck auszuüben gilt – ganz normal. Ich bin einigermaßen verblüfft, als ich eines Nachmittags zufällig Viktorias Namen in der Liste der säumigen Schuldner entdecke.

Insiderwissen

Die besten Partys in Rio den Janeiro, so erzählt uns einer der Angestelltem im Hostel, finden in den Favelas statt und werden von den Drogenbossen organisiert, die auf höheren Umsatz hoffen (aber nicht dazu nötigen). Die Pointe: Nirgendwo in Rio ist man abends so sicher wie auf diesen Partys – logisch.

Spanglisch

Dennis aus den USA, mit dessen Boot wir über den Atlantik von Panama nach Kolumbien fahren, spricht Spanisch mit einem so starken Akzent, daß es sich wie Amerikanisch anhört.

Die Versuchung

Dank einer gewissen Vorsicht und wohl auch der Tatsache, daß ich relativ groß bin, bin ich bislang von Überfällen, Diebstählen oder Taschendieben verschont geblieben. Mit einer Ausnahme: An einem Abend auf einem Straßenfest in Rio de Janeiro vergesse ich mal wieder den Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen Caipirinhas, was dazu führt, daß ich nach vier in kurzen Abständen getrunkenen Caipirinhas (was in Deutschland, wo immer mit dem Cachaca herumgeknausert wird, praktisch nichts ist) sehr betrunken bin und damit eine starke Anziehungskraft auf eine Taschendiebin ausübe, die es insgesamt sieben oder acht Mal versucht, aber jedesmal an der Kette scheitert, die mein Portemonnaie mit meinem Gürtel verbindet. Ich bin sehr ärgerlich, aber zu betrunken, um etwas gegen diese besondere Art der Belästigung unternehmen zu können. Schließlich verlasse ich das Straßenfest.

Disco-Shopping

In San Jose, Costa Rica, gibt es „El Pueblo“: Ein Bar- und Disco-Zentrum, in dem auf etwa einem halben Quadratkilometer, praktisch unter einem Dach, Hunderte solcher Lokalitäten untergebracht sind. Man geht von der einen Bar direkt in die nächste, wie in einem Einkaufszentrum.

Konsequent

In Managua, Nicaragua, gibt es ein ca. 10 Meter hohes Denkmal, das einen Soldaten mit einer stolz in den Himmel gerichteten MP darstellt.

Keine Erklärung

Ebenfalls in Managua, in dem Hotel, wo ich wohne, gibt es eine ungewöhnliche Häufung von Langzeitreisenden über 50 (unter anderem Kenny, der Rentner, für den das Leben im Auslang billiger ist als in den USA). Warum gerade hier ?

Kein freundlicher Empfang

Wir sind eigentlich nur auf der Durchreise von Venezuela nach Manaus am Amazonas, müssen aber in Boa Vista übernachten – unsere erste Übernachtung in Brasilien. Es ist der 31.12.2004. In der gesamten Stadt akzeptiert kein Geldautomat unsere Kreditkarten, und die Zelebrierung des Jahreswechsels besteht im wesentlichen in der Versammlung einiger Betrunkener auf dem Hauptplatz von Boa Vista, einer Stadt mit immerhin einer halben Million Einwohnern.

Die Peitsche

Am einem Strand auf der Insel „Ilha do Mel“, Brasilien, beobachte ich einen Jungen, der immer wieder mit einem langen Ast auf den Sandboden haut, wodurch ein knallendes Geräusch entsteht. Als ich ihn eine Viertelstunde später wiedersehe, ist er immer noch damit beschäftigt.

Besonders viele nachhaltige Eindrücke habe ich aus Brasiliens Salvador de Bahia, dieser magischen Stadt, mitgenommen:

Der Fahrstuhl

Der „Elevador Lacerda“ verbindet die Oberstadt mit der Unterstadt (ca. 30 Höhenmeter Unterschied) und transportiert täglich Zehntausende. Eine Fahrt kostet 5 Centavos (1-2 Eurocents).

Der Wurf

Ich trinke ein Bier in einer Strassenkneipe. Plötzlich wirft der Kellner einen Kronenkorken auf einen schlafenden älteren neben mir sitzenden Mann. Der Kronenkorken kommt mit der glatten Seite auf seinem Oberarm auf und bleibt dort kleben. Der Mann wacht auf, zeigt aber keinerlei Regung.

Der Candomble-Abend

Candomble ist eine Verbindung von Musik und Tanz mit einem religiösen Hintergrund: Dem Beschwören der Orixas, der Geist bzw. Gott gewordenen toten eigenen Vorfahren (ich habe mich nicht näher mit diesem Hintergrund beschäftigt). Nach einer gewissen Zeit verfallen die Tänzerinnen in Trance, was bedeutet, daß in diesem Moment ein Orixa von ihnen Besitz ergriffen hat. Candomble-Abende kosten keinen Eintritt und sind öffentlich (was von vielen Einheimischen kritisiert wird). Auf dem Abend, wo ich war, sind die Tänzerinnen nach einer langen ruhigen Anlaufhase plötzlich alle zusammen ausgeflippt – es sah aus wie ein epileptischer Anfall – und haben mit Essen um sich geworfen.

Gesundheit

„Saude !“ (gesprochen Sa-u-dschi – Gesundheit) ruft mir die Frau nach meinem Nieser hinterher und wiederholt dies, obwohl ich mich längst bedankt habe, noch mehrmals. Wahrscheinlich eine Prostituierte, von denen es in Salvador nur so wimmelt und die, zumindest was die „Kundenansprache“ betrifft, sicher zu den originellsten Prostituierten der Welt zählen. Noch hunderte Meter entfernt höre ich ihr „Saude !“.

Eine ernste Angelegenheit

In der Samba-Reggae-Gruppe „Muzenza“, in der ich die Ehre habe während des Karnevals mitzuspielen, herrscht ein rauer Umgangston: Ständig wird sich gegenseitig angeschrien aufgrund divergierender Meinungen, was für ein Rhythmus denn jetzt zu spielen sei, und wie (während des Auftritts !). Später erfahre ich, das sei völlig normal, eben ein Weg, die Emotionen rauszulassen. Tatsächlich stellt sich nach und nach immer mehr musikalische Harmonie und Spielfreude ein – bis hin zu explosiven Soloeinlagen. Es eine reine Freude, diesen verrückten Brasilianern zuzuschauen.

Kein Spaß mehr

Die Vorbereitung und der Karnevalsauftritt mit der Afoxe-Gruppe „Filhas de Olorum“ laufen entspannter und lustiger ab als bei Muzenza, bis auf folgenden Zwischenfall: Eines der Trommelfelle hat ein kleines Loch (wodurch die Trommel, die sicher teuer war, nicht mehr klingt). Bobby, der Bandleader, macht ein anderes älteres Gruppenmitglied (vielleicht der Instrumentenwart ?) dafür verantwortlich. Etwa eine halbe Stunde lang schreien sich die beiden an.

Der Überfall

Plötzlich sind sie da: Millionen von Riesenfliegen, mitten auf und über dem „Largo de Pelourinho“, auf dem sich Tausende Konzertbesucher aufhalten. Manche stört dies nicht, mich aber schon.

Liebe auf den ersten Blick

Ich gehe an einer Gruppe von Frauen vorbei, da bleibt mein Blick am stolz zur Schau getragenen nackten schwangeren Bauch eines der Mädchen hängen. Sie merkt dies und strahlt mich mit einem rätselhaft verliebten Blick an, den ich bis heute nicht vergessen kann.

Die Handtasche

Aufgrund übermäßigem Alkoholgenusses erinnere ich mich nur noch an Bruchteile dieses Abends: Ich habe irgendwo eine Frau kennengelernt; wir sind in mein Hotelzimmer gegangen; wir haben nicht miteinander geschlafen; stattdessen sind wir nebeneinander auf dem Bett eingeschlafen; irgendwann ist sie nach Hause gegangen, hat aber ihre Handtasche dagelassen (die immerhin ein Handy enthielt), da sie wohl durch gefährliche Gegenden durch die Nacht laufen musste. Tags darauf hat sie die Handtasche abgeholt.

Der kreativste Verkäufer

Zweimal habe ich ihn gesehen: Einen Mann, der seine drei kleinen Söhne als Vermarktungsteam eingesetzt hat. Das funktionierte so: Der Mann hat sein Produkt über eine Art Sprechgesang angepriesen, der über einen Headset mit Mikrofon und Lautsprecher weithin hörbar an die Umwelt übertragen wurde. An bestimmten einstudierten Stellen haben seine Söhne, die ein einheitliches Kostüm trugen, dazu getanzt und gesungen. Ich habe ihm aus ganzem Herzen maximalen Verkaufserfolg gewünscht. Sein einziger Fehler: Es fehlte ein Schild, so daß man ohne fundierte Portugiesischkenntnisse nicht herausfinden konnte (anhand des Sprechgesangs), was er eigentlich verkauft…

Gummibälle

Nie habe ich Menschen so tanzen sehen wie im Karneval in Salvador.

Die „Filhos de Gandhi“

Die Historie dieser berühmten Afoxe-Gruppe ist, wie ich es verstanden habe, daß ein Anhänger von Mahatma Gandhi diese Gruppe 1949 in Salvador gegründet hat. Das Kostüm: Komplett in blau und weiss (Kappe, Hemd, Ketten, Umhang, Hose, Socken, Sandalen etc.) und maßgeschneidert; schon Wochen vor dem Karneval konnte man die Anhänger bei der Anprobe auf der Straße beobachten. Während des Karnevals konnte man die Zeit messen nach den Abständen, in denen man Filhos de Gandhi begegnet ist (es müssen Zehntausende gewesen sein).

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Se emplastican documentos

In Retalhuleu, Guatemala, bietet sich dem Besucher am Parque Central (dem Hauptplatz) ein eigenartiges Bild: Rund um den Platz sind Hunderte kleiner Tischchen mit Telefonen aufgestellt. So man kein eigenes Telefon und auch keine Telefonkarte besitzt, kann man hier für 1 Quetzal (ca. 15 USD-Cent) pro Minute telefonieren. Die Telefone sind über irgendwelche Kabel an das öffentliche Telefonnetz angeschlossen.

Bei dieser Anhäufung von Konkurrenz verdienen die einzelnen Telefonbetreiber sicher nicht besonders viel, zumal die Telefonkarten in den öffentlichen Telefonzellen problemlos funktionieren und wesentlich billiger sind. Warum also machen alle dasselbe und kommen nicht auf andere Ideen, z.B. Verkauf von Klopapier ?

Es hat wohl mit der menschlichen Trägheit zu tun – es ist einfacher, etwas nachzumachen, als sich selbst etwas einfallen zu lassen. Vermutlich hat der erste, der auf die Idee mit den Telefontischchen gekommen ist, damit ein Vermögen verdient – worauf der Rest des Ortes sich sagte, „was der kann, kann ich auch“. Und wie es funktioniert, kann man sich ja bei denen abgucken, die schon Erfahrungen gesammelt haben.

Am besten sitzt man auch noch genau am selben Ort (in Retalhuleu am Parque Central), denn die Kunden wissen, dass dort die Telefone sind, also muss man keine Werbung betreiben. Und man kann sich mit Kollegen unterhalten, falls gerade nichts los ist.

Das Ergebnis ? Däumchendrehen…

Ich habe dieses Phänomen in allen Ländern in Lateinamerika, die ich bisher bereist habe, aufgefunden. Einige Beispiele:

In Mexico gibt es an den Hauptplätzen viele Menschen, die von weitem wie Bibo aus der Sesamstrasse aussehen. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass sie an ihrem Körper Dutzende von Luftballons befestigt haben, die sie verkaufen möchten.

In Panama City gibt es vor dem Supermarkt „El Rey“ eine endlose Sitzreihe von Verkäufern von Lotterielosen. Wahrscheinlich liegt den Panamesern das Zocken im Blut…

In Kolumbien gibt es in einem Park mehrere Gänge von Verkaufsbuden für Barbiepuppen, eine neben der anderen. Und alle zwei Meter begegnet man einem mobilen Kaffeeverkäufer. Das allerdings macht einen gewissen Sinn, denn hier wird viel Kaffee getrunken, der kubanische Kaffee ist excellent.

In Managua, Nicaragua, versuchen sämtliche zerlumpten Strassenkinder, den Touristen ein und denselben Vogel (den sie geschickt vor den Augen der Touristen aus Bastschnüren basteln) anzudrehen. Ich habe in den anderthalb Wochen, die ich dort war, niemanden gesehen, der einen solchen Vogel gekauft hätte.

Die Unternehmensberatungen mit ihren Slogans, dass gute Ideen das Wichtigste auf dem Weg zum unternehmerischen Erfolg sind, haben doch recht…

Costa Rica ist das Vorzeigeland Zentralamerikas, wunderbare Landschaft, gut organisierter Tourismus, vergleichsweise hoch entwickelte Wirtschaft, sauber, sicher etc. Hier sind die Leute sicher etwas schlauer als anderswo, denkt man.

In San Jose, der Hauptstadt, gibt es die Avenida Central, eine riesige Hauptverkehrs- und Einkaufsstrasse. Überall am Rand der Bürgersteige sitzen Menschen mit kleinen Tischchen vor sich und darauf einer zunächst schwer identifizierbaren Apparatur. Ein Schild gibt Auskunft: „Se emplastican documentos“, das versteht man auch ohne Spanischkenntnisse (auch wenn die Schreibweise variiert: „se emplastica documentos“; „emplasticamos uds. documentos“; etc.). Wahrscheinlich regnet es hier sehr oft und es gibt eine hohe Luftverschmutzung, so dass die vielen wertvollen persönlichen Dokumente ohne Plastikschutz sehr schnell unansehnlich oder gar unleserlich zu werden drohen.

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Karl

Wer einmal einen Rhetorikkurs oder dergleichen besucht hat, weiss, dass dort empfohlen wird, die Stimme beim Sprechen zu modulieren – man erzeugt mehr Aufmerksamkeit beim Zuhörer, wenn man nicht immer in derselben monotonen Tonlage spricht. Das funktioniert natürlich nur, wenn es nicht aufgesetzt wirkt, sondern im Einklang mit den eigenen Emotionen und der Dramaturgie des Erzählten steht. Meiner Meinung nach eine Regel, die sich nicht bewusst anwenden lässt (wenn man es nicht ohnehin unbewusst tut, aber dann braucht man die Regel ja auch gar nicht zu kennen…).

Wie auch immer, Karl aus Schweden befolgt dieses Prinzip perfekt. Während der fünftägigen Bootsfahrt von Panama nach Kolumbien wusste ich bei ihm immer sofort, wer gerade redet, auch wenn ich ihn in diesem Moment nicht sah. Die Modulation der Stimme und sein eher langsames Sprechen führen dazu, dass er endlose Sätze von sich geben kann, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer abnimmt und oder er am Ende sogar unterbrochen würde. Das geht etwa so: „I have a different opinion upon that…” (von hoch nach tief) (Pause) “I” (hoch) “have met” (tief) „many other travellers“ (hoch) „who have“ (tief) “never been there…” (hoch) (Pause) “and” (hoch) (Pause) “I think” (hoch) (Pause) “they” (hoch) (Pause) “should” (tief) “not talk about what they have never seen” (hoch, aber mit Nuancen) (Pause) “but” (hoch) (Pause)…

Das liest sich nicht nur merkwürdig, das klingt auch merkwürdig – aber man hört ihm gerne zu. Und man (auch und insbesondere: frau) unterhält sich gern mit ihm, er ist ein sehr netter Kerl, immer gesprächs- und hilfsbereit.

Wir haben immerhin ein gemeinsames Thema: Er studiert Mathematik. Und eines Morgens, noch im Dunkeln und die kolumbianische Küste ansteuernd, haben wir uns lange über die frustrierenden Probleme der Entwicklungshilfe und des – ja bekanntlich gar nicht so freien – Welthandels unterhalten.

Wir hatten einen Russen an Bord, Max – aber der eigentliche Russe, zumindestens äusserlich, war Karl: Rote Haare, bleiche und sehr sonnenempfindliche Haut, wuchender Vollbart und lange Haare. Letztere hat sich Samantha aus Australien nicht nehmen lassen, in einer dreistündigen Aktion zu schneiden, konnte sie so doch lange in seiner Nähe sein und ihn berühren.

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Dennis, Dina und der Darien

Der “Darien Gap“ ist für mich eines der faszinierenden Naturereignisse der Welt, auch wenn er uns Reisende vor ein lästiges Problem stellt: Die „Panamericana“, der ganz Nord-, Mittel- und Südamerika durchkreuzende Highway, wird zwischen Panama und Kolumbien durch den Darien-Dschungel im Südosten Panamas unterbrochen. Durch den Darien fährt kein öffentlicher Bus, und eine privat organisierte Tour ist – so sagen sämtliche Reiseführer – aufgrund der gefährlichen Tiere, der grossen Distanz zu jeglicher medizinischer und sonstiger Hilfe und insbesondere aufgrund der im Dschungel ihr Unwesen treibenden kolumbianischen Guerillas, lebensgefährlich.

Also bleibt nur Flugzeug oder Schiff. Ein Flug kostet aber in der Regel mindestens 200 US-Dollar. Da ist die Fahrt mit der Yacht von Captain Dennis Moore von Portobello (Panama) nach Cartagena (Kolumbien) mit 250 US-Dollar kaum teurer, zumal ein Abstecher zu den wunderschönen St. Blas-Inseln inbegriffen ist und man für ca. 4-5 Tage Unterkunft und Verpflegung sparen kann. Also habe ich, wie ca. 15 andere Touristen im “Voyager International Hostel“ in Panama City gleichermassen, nicht gezögert, zuzuschlagen. Das erste Treffen mit Dennis (USA, 45) und seiner kolumbianischen Begleiterin Dina (ca. 30) in Panama City verläuft positiv, wir haben alle einen guten Eindruck.

Dann aber giesst die Mutter von Abdiel (dem Hostelbesitzer) einen Wermutstropfen ein: Dennis würde zu viel trinken, sei unzuverlässig und habe auch schon einmal Pässe verschlampt. Das macht uns natürlich nervös – der Pass ist mit Abstand das Wichtigste, was ein Tourist mit sich führt; alles andere (auch Kreditkarten) ist leichter wiederzubeschaffen und kostet weniger.

Eine kurze Internetrecherche ergibt aber keine brauchbaren Referenzen von anderen Reisenden, weder positive noch negative, zu Captain Dennis Moore. Also mache ich mich – wie ohnehin geplant – auf ins Hotel Marriott, wo ich mich mit Dennis und Dina treffe, wir wollen zusammen nach Portobello fahren. So habe ich einen Tag Zeit, die beiden kennenzulernen und kann notfalls immer noch abspringen bzw. die anderen (die erst einen Tag später ankommen) vorwarnen.

In der Lobby vom Marriott ist kein Dennis, ich denke, das fängt ja gut an und will schon gehen, da sehe ich in der Ecke des riesigen Foyers den Eingang zur Bar. Er wird doch nicht…? Ich gehe rein und sehe ihn mit Dina und einem Dritten vor einigen Pitchern Bier sitzen – natürlich. Wieder habe ich den Impuls zum Gehen, entscheide mich dann aber für „Wenn schon, denn schon“.

Um es abzukürzen, ich habe das zu keiner Minute bereut, Dennis stellte sich als ein äusserst angenehmer und zuverlässiger Zeitgenosse heraus. Er ist, wie man sich einen typischen Seemann vorstellt, handfest, immer einen kessen Spruch drauf, gröhlende Stimme, blonde Haare, blaue Augen, wettergegerbt – und gleichzeitig ein sehr interessanter Gesprächspartner, der viel gesehen und erlebt hat und seine eigenen Ansichten besitzt (die erfreulicherweise nicht immer US-regierungskonform sind). Und er hat ein grosses Herz. Es liegt ihm sehr daran, dass uns allen die Reise Spass macht und kümmert sich um alle, insbesondere die (später) Seekranken.

Dina, Mutter von zwei Kindern, ist emotional sehr schwankend, mal sehr fröhlich, mal traurig, mal wütend – besonders oft auf Dennis, die beiden harmonieren als Team nicht besonders gut. Dennis ist an Land nicht in seinem Element und hat Schwierigkeiten, die diversen vorbereitenden Aktivitäten (Verpflegung einkaufen, Technik überprüfen/reparieren, etc.) zu organisieren, was Dina – die mehr Organisationstalent besitzt – auf die Nerven geht. Dann aber wieder sind sie ein Herz und eine Seele.

Ein unsichtbarer Dritter spielt an Bord eine wesentliche Rolle: Bill, Besitzer des Boots und Ehemann vonn Dina, derzeit aber in einem Hospital in Mexico: Kehlkopfkrebs, der aufgrund einer Fehldiagnose zu spät erkannt wurde; er hat noch ein knappes Jahr zu leben. Dennis und Dina wollen in Kolumbien ein Einreisevisum für Dina nach Mexico versuchen zu beschaffen (so etwas ist für Kolumbianer besonders schwierig, da jedes andere Land annimmt, dass alle Kolumbianer haufenweise Drogen schmuggeln). Danach will Dennis Bill helfen, seinen (letzten) Lebenstraum zu verwirklichen – eine Segeltour nach Europa und nach Brasilien. Wenn Bills Gesundheitszustand es zulässt – und vielleicht sogar, wenn nicht…

Das Verhältnis zwischen Dennis und Dina ist schwer zu durchblicken – sie sagen beide, sie seien nur Freunde, verhalten sich aber wie ein Paar. Wahrscheinlich fürchten sie, dass Bill es erfährt.

Klar, dass das alles Dina und Dennis stark belastet. Irgendwann abends erzählt mir Dina, dass sie in jeder freien Minute an dieses Visum denkt. Vermutlich kommen auch Schuldgefühle wegen Dennis und anderen Dingen, was auch immer da passiert sein mag, hinzu. Dann aber wieder ist sie fröhlich, lacht, fängt an zu singen – wie die meisten Menschen auf diesem Kontinent mit ihren schwierigen Lebensumständen, die sie für einen Augenblick zu vergessen suchen.

Die Fahrt ist ein voller Erfolg, wunderschön, und keinerlei Probleme weder mit den panamesischen noch den kolumbianischen Einreisebehörden. In der ersten Nacht werden fast alle seekrank, auch ich, aber danach haben wir uns daran gewöhnt und vermissen an Land in Cartagena sogar fast das ständige Schwanken.

Der erste Eindruck von Südamerika: Im Hafen von Cartagena singt jemand – über Funk. Dennis, lachend: „This is an emergency channel and they use it for a song…!”

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Ivan und der Excel-Kurs

Wir haben uns sonnabends in einer Bar kennengelernt, ich suchte jemand zum Unterhalten und Ivan war mir sofort symphatisch. Er studiert Biologie an der „Universidad de Centro America“ – UCA – in Managua. Sein Problem: In dem Forschungsprojekt, an dem er und seine Kollegen arbeiten, hantieren sie mit Unmassen von Daten herum und haben aber nur eingeschränkte Kenntnisse von Microsoft Excel.

Da kann ich Abhilfe schaffen, bin ich doch (fast) allzeit bereit, während meiner Reise Jobs auszuüben. Wir vereinbaren: Ich mache einen Tag Excel-Kurs für ihn und seine Kollegen umsonst; falls Interesse an mehr besteht, ist etwas zu zahlen. Meine Erfahrung mit solchen Agreements, sog. „Schnupperkursen“, aus Deutschland (dort allerdings eher von der Schüler-Seite aus) ist sehr gut, die Kunden können den Trainer und seine Qualität kennenlernen, bevor sie etwas gezahlt haben. In der Regel machen sie dann weiter und zahlen, auch aus einer gewissen moralischen Verpflichtung heraus. Es ist eine faire Angelegenheit, aber auch in gewissem Sinne ein psychologischer Trick.

Am Montag treffe ich mich mit Ivan und seinen Kollegen an der Uni, unter ihnen auch ein ehrwürdiger älterer Herr, den alle „Padre“ nennen und der erstaunlich viel über Deutschland weiss (ohne je da gewesen zu sein). Wir vereinbaren Uhrzeit, Teilnehmerzahl und Dauer für den Schnupperkurs, der am Dienstag stattfinden soll.

Während meiner Kursvorbereitung frage ich mich, was ich wohl für die vertiefenden Kursstunden so fordern kann – ich kann sehr schwer die soziale Situation von Ivan und seinen Kollegen einschätzen, sie wirken nicht arm, aber Nicaragua insgesamt ist extrem arm, alles ist relativ…Schliesslich unterhalte ich mich mit einem anderen Touristen, der ebenfalls einen Kurs machen will. Er gibt mir auf den Weg: „30 Cordobas pro Stunde und Person, auf keinen Fall weniger“. 30 Cordobas sind ca. 2 US-Dollar.

Der Kurs findet statt und ich mache es wirklich gut, alle lernen eine Menge, auch weil ich sie immer wieder selbst machen lasse, anstatt zu erzählen. Nach ca. 4 Stunden sind alle vier Teilnehmer erschöpft und zufrieden, auch Ivan. Als wir dann über die Fortsetzung sprechen, herrscht aber nur mässiges Interesse. Ich hatte nicht bedacht, dass hier in Zentralamerika angesichts der materiellen Nöte der allermeisten Menschen die oben angeführte „moralische Verpflichtung“ – bekommt man etwas umsonst und nutzt es, sollte man auch etwas kaufen – eine untergeordnete Rolle spielt. Konkret: Die vier hatten nach ihrer Meinung genug gelernt und freuten sich, das Geld für eine Fortsetzung sparen zu können. Ich hatte den Schnupperkurs zu gut gemacht.

Dann aber merkte ich, dass Ivan – mein Verhandlungspartner – sich doch ein wenig dafür verantwortlich fühlte, mich nicht völlig leer ausgehen zu lassen. Nach einigen Diskussionen und Hin und Her wurde schliesslich eine zweistündige Fortsetzung am Freitag für drei Personen draus – also 180 Cordobas, d.h. ca. 12 US-Dollar. Immerhin, besser als nichts – und ich war um eine interessante Erfahrung reicher, und Spass gemacht hat es auch.

(Es gibt genügend Menschen in Nicaragua, die von 12 US-Dollar 2 Wochen und mehr leben müssen…)

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Die Frauen von Guatemala

Sie wissen nichts vom Jonglieren und sind doch selbst Jonglierkünstlerinnen: Ein Teilgebiet des Jonglierens ist das Balancieren, und da sind sie Weltmeister – auf dem Kopf. Ich habe eine Frau gesehen, die in einem überfüllten engen Bus – aus dem Korb auf ihrem Kopf heraus – Speisen verkauft hat. Sie hat sich durch den ganzen Bus hindurchgedrängelt und hat an mindestens 20 Personen etwas verkauft, ohne dass sie den riesigen Korb auch nur einmal festhalten musste.

Auch sonst habe ich nicht einmal beobachten können, dass einer Frau etwas heruntergefallen wäre. Wahrscheinlich lernen sie das bereits als Baby, noch bevor sie laufen oder „Mama“ sagen können. Viele Frauen laufen mit einer kleinen Decke oder Ähnlichem auf dem Kopf in der Gegend herum, auch ohne dass sie etwas darauf tragen – es kann ja jederzeit notwendig werden.

Ich habe es nie versucht, stelle mir aber vor, dass diese Art des Beförderns von Lasten – wenn man es kann – eine vergleichsweise bequeme und entspannte Methode ist, da keine Muskeln angespannt werden. Der Schädeldecke macht das Ganze nichts aus.

Die gesellschaftliche Position der Frauen von Guatemala steht jedoch mit ihren hier beschriebenen künstlerischen Fähigkeiten nicht im Einklang. Wie in vielen anderen Ländern auch, haben die Frauen hier – und hier ganz besonders, vor allem in den ländlichen Gebieten – hauptsächlich dienende Aufgaben: Kinder grossziehen, Haushalt erledigen, Essen kochen, servieren (und selbst ganz zum Schluss die Reste essen, wenn alle anderen fast fertig sind), abwaschen, waschen, putzen etc. Ich habe nie gesehen, dass ein Mann das Essen serviert oder beim Abwaschen geholfen hätte. Und selbst habe ich das aus Angst vor einem Sittenverstoss – und vielleicht auch aus Bequemlichkeit – auch nie getan (mit einer Ausnahme).

Es ist so Tradition. Ich habe nie mitgekriegt, dass sich eine Frau darüber beklagt hätte. Genauso ist Tradition, dass die Frauen (zumindestens in der Maya-dominierten Provinzhauptstadt Totonicapan, wo ich einen Monat gelebt habe) bunte Maya-Trachten tragen – und nie Strümpfe. Auch nicht im Winter, wo in Totonicapoan des öfteren Temperaturen unter Null herrschen.

Die kleinen Kinder werden immer in Tüchern auf dem Rücken getragen. Und Kinder gibt es viele. Die Tochter von Pedro, bei dem ich gewohnt habe, hat 54 Cousins (bzw. Cousinen). Pedro weiss alle Namen auswendig.

Die Frauen versuchen, das harte Leben leicht zu nehmen, haben immer ein Lächeln auf den Lippen, gerade dann wenn etwas schief gegangen ist oder sie sich durch einen vollkommen überfüllten Bus drängeln müssen (natürlich mit dem obligatorischen Baby auf dem Rücken und dem ebenso obligatorischen Korb auf dem Kopf). Etwas zum Lernen für mich.

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Kenny

Das Hotel „Santos“ in Manuagua, in dem ich etwa eine Woche lang übernachtet habe, ähnelt stark den typischen Hostels, die man in jeder Dritte-Welt-Stadt mit vielen Billigtouristen findet: Billig (4 US-Dollar die Nacht), bunte, schöne Einrichtung mit vielen Pflanzen, grosser Gemeinschaftsraum, Fernseher, etc. Aber eine Sache ist dort anders (zumindestens: war anders, als ich dort war): Es gibt viele Touristen, die deutlich älter sind als der übliche Altersdurchschnitt der Backpackers (der bei ca. 25 liegt). So auch Kenny, der einzige mir bekannte Rentner-Traveller.

Kenny ist ca. 65, US-Bürger und bezieht von der Regierung eine Pension (ich habe vergessen, wie sich das dort nennt). Diese ist zum Leben in Ländern wie Nicaragua ausreichend, sogar incl. gelegentlicher Flüge in andere Länder – aber nicht in den USA. Also reist Kenny.

Sein nächstes Ziel ist Asien, in Lateinamerika war er jetzt ca. 1 Jahr – und sucht eine Abwechslung. Er war bereits in Asien. Gefällt ihm Asien besser als Lateinamerika ? Kann man so nicht sagen, es ist halt anders…Nach Malaysia will er allerdings nicht, dort ist die Polizei hinter ihm her und will ihn einsperren, sagt er. Er weiss nicht, warum.

Es ist interessant, sich mit ihm zu unterhalten – er hat seine eigene Sicht der Dinge und ist ein guter Zuhörer. Das bestätigten auch alle anderen im Hotel, die sich mit Kenny unterhalten haben: „yes, he has something to say…“. Mal was anders als der typische Reisenden-Smalltalk („Where you´re from ?“ „How long you´re travelling ?” “Where do you go next ?“ etc. etc.).

Was ich bewundere, ist seine Einstellung: Er hat viel Mist erlebt, sieht auch nicht besonders vertrauenserweckend aus (hat z.B. nur noch etwa vier Zähne, jedenfalls kann man nur vier sehen) und wird sicher nirgends mit offenen Armen empfangen – aber wirkt nicht resigniert, sondern geht mit offenen Augen durch die Welt. Frustriert, ja. Aber nicht resigniert.

Das einzige Problem: Es ist schwer, eine Unterhaltung mit ihm zu beenden, ohne unhöflich werden zu müssen…

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Victoria

Victoria arbeitet bei der Kreditorganisation ADCI und war in den vier Wochen, die ich dort tätig war, meine wichtigste Kollegin: Es galt, ihren umfangreichen monatlichen „Reporte de Morisidad“ etwas mehr durch Excel-Formeln zu automatisieren.

Victoria ist etwa so alt wie ich, alleinerziehende Mutter eines Sohnes und hat die vibrierende tiefe Stimme einer Soulsängerin. Leider sind wir nie über den Status einer netten Bekanntschaft hinausgekommen, obwohl wir dies beide – ich jedenfalls und sie wohl auch – gern erreicht hätten. Das Problem waren wohl die zu unterschiedlichen Kulturen und Gewohnheiten sowie ihre leider nicht abzustellende unterwürfige Höflichkeit dem grossen deutschen Computerexperten gegenüber. Mir war nie klar, was sie eigentlich wollte.

Reporte de Morosidad – dieser Report enthält detaillierte Informationen, wieviel die „Moras“ – Firmen, die bei den Rückzahlungen säumig geworden sind – dem ADCI schulden. Ich staunte nicht wenig, als ich eines Tages in dieser etwa 500 Firmen umfassenden Datei auch den Namen „Victoria B. A.“ entdeckte – ja, die gute Victoria ist selbst auch eine „Mora“. Dies ereignete sich allerdings vor der Einstellung beim ADCI, worauf Pedro, der Direktor des ADCI, Wert legt festzustellen. Heute stehen die – für guatemaltekische Verhältnisse umfangreichen – Schulden unsichtbar im Raum. Gesprochen wird darüber nicht.

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Alejandra

Wenn man selbst Deutscher ist, ist Deutsch Lehren gar nicht so einfach (vor allem, wenn man es noch nie gemacht hat): Wer z.B. weiss schon aus dem Stand, dass in der Konjugation von regelmässigen Verben zunächst vom Infinitiv das „-en“ entfernt und dann je nach Person durch „-e“, „-st“, „-t“ und „-en“ ersetzt wird, wobei 3. Person Singular und 2. Person Plural identisch sind, wie auch 1. und 3. Person Plural ?

Ich mache es meiner Meinung nach ganz gut, und Alejandra, 18, die für ein Jahr ab Januar eine deutsche Schule besuchen wird, ist eine gute und disziplinierte Schülerin. Nur die Aussprache, eines der Hauptprobleme für Ausländer in Deutschland, bereitet ihr grosse Schwierigkeiten und verursacht Hemmungen vor dem freien Sprechen, ich muss sie dazu zwingen.

Wenn sie etwas richtig gemacht hat und ich sie lobe, freut sie sich immer sehr, mit einem reizenden Lächeln. Wenn sie aber etwas nicht versteht, ist ihr Gesicht ein einziges Fragezeichen.

Sie ist oft krank, hat Migräne und dergleichen, wirkt ein klein wenig verwöhnt, wobei ich das nach 5 Tagen natürlich noch nicht wirklich beurteilen kann. Interessant, wie sie ihre – mir sehr symphatische – kleinere Schwester Estefania beschreibt (nachdem wir einige Vokabeln bzgl. Statur und Charakter geübt haben): „klein, dick und unruhig.“ Klassische Schwesternliebe.

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Deja vu

« Est-ce que vous savez la heure ? »

Die Frau im Bistro zeigt mir ihre Uhr.

« Et a quelle temps nous arriverons a Cologne ? »

« Je ne le sais pas, parce que… »… weil sie in Brüssel aussteigt. Ich bin gerade am Fragen, wann das ist, als wir durch eine Ansage unterbrochen werden. Die Frau hört der Ansage sehr genau zu. Dann erläutert sie mir etwas auf französisch, und ich glaube zu verstehen, dass sie in Brüssel in einen anderen Zug umsteigen muss. Also frage ich, woher sie kommt – aus Brüssel.

Es stellt sich heraus, dass sie mir erklärt hat, dass ICH in Brüssel in einen anderen Zug umsteigen muss, um nach Köln zu kommen; offenbar aufgrund irgendeines Schadens.

Anfangs habe ich noch versucht, mit ihr französisch zu sprechen, weil ich aufgrund meines gerade in Barcelona absolvierten Spanischkurses sozusagen fremdsprachenaffin bin, gebe aber jetzt auf und biete Englisch an. Sie kann aber kein Englisch, Spanisch auch nicht, also doch Französisch.

Sie kommt gerade aus Paris, wo sie einen Tag Urlaub verbracht hat. Nachdem sie anfangs sehr reserviert wirkte, ist sie nun lebhafter, verabschiedet sich dann aber mit einem unvermittelten « au revoir ».

Ich steige in Brüssel in den anderen Zug um, der übrigens einen regulären und geplanten Umstieg darstellt, und besetze im anderen Zug, der auch ein „Thalys“ ist, denselben Platz in demselben Wagen, der genau gleich aussieht wie der erste, und verstaue in gleicher Weise meine Sachen in der Gepäckablage. Das erinnert mich an den Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ mit Bill Murray.

Lustig, dass mir an diesem Tag schon mal etwas Ähnliches passiert war: Ich hatte in einer Pariser Metrostation zusammen mit einer alten Fahrkarte versehentlich einen wichtigen Ausweis in den Papierkorb geworfen und dies erst am „Gare du Nord“ festgestellt, als ich genau diesen Ausweis brauchte. Also musste ich zur selben Metrostation zurückkehren – der Ausweis war glücklicherweise noch auffindbar – und dieselbe Strecke nochmal fahren.

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Off the beaten track

Sonntags um 15 Uhr ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für eine Verabredung, finde ich. Also entweder man verabredet sich zum Frühstücken (dann früher) oder Trinkengehen (dann später). Ich habe so entgeistert reagiert, dass sie schon auf 18 Uhr umschwenken wollte – aber dann bestand ich auf 15 Uhr, ich fand das plötzlich cool. Passte irgendwie zu unserer recht ungewöhnlichen Unterhaltung, wobei ich gar nicht sagen kann, was genau das Ungewöhnliche war.

Vielleicht war es ihr so gar nicht zum Odeon passendes Outfit, wo die Leute, vor allem die Frauen, extrem gestylt und „jetzt-machen-wir-Party-und-sind-gut-drauf“-mäßig rumlaufen. Sie hingegen trug grüne Turnschuhe, das war mir sofort sympathisch. Das war auch das, was ich ihr den ganzen Abend sagen wollte, bin aber nie dazu gekommen. Na ja, Sonntag ist ja auch noch ein Tag.

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Kommunikation

In der letzten Woche hat es so stark geregnet, dass in Frankfurt, wie auch anderswo, diverse Unwetterschäden entstanden sind. Auch das Cafe Starbucks ist davon betroffen und hat zu. Vor der Tür fragt mich ein desorientiert wirkender älterer Herr, ob hier Nummer 50 sei, er wäre Architekt und hierher bestellt – ja, das ist plausibel, und die Nummer stimmt.

Ich setze mich also in das Cafe nebenan, das ziemlich voll ist, zu einer älteren Dame an den Tisch. Ich erläutere, dass ich eigentlich ins Starbucks wollte, aber das Unwetter…es dauert eine Zeit, bis sie mich versteht. Daraufhin reißt die Unterhaltung ab.

Sie ist auffällig gekleidet, viel grell und rot, verbindet damit aber eine gewisse Würde.

Plötzlich segelt ein Blatt des Baumes über uns auf den Tisch. Wir schauen uns an und sie bemerkt, dass es wohl Herbst würde, der Sommer war ja auch nix, aber letztes Jahr…nun unterhalten wir uns doch.

Zuerst denke ich, dass sie aus Bayern kommt, aber als sie irgendwann einen vollkommen unverständlichen Satz sagt, frage ich nach: Sie ist Schweizerin, aus einem Dorf zwischen Montreux und „Brriieck“ (Brig), Nähe „Unnnterwalllden“ (Unterwalden). Ich liebe diesen Dialekt.

Sie ihrerseits liebt ihr Land, erzählt begeistert vom Matterhorn und vom Genfer See, da kann ich ein bisschen mitreden. Und dort sei die Welt noch in Ordnung, „auch die Jugend“. Im Gegensatz zu Frankfurt, wo sie ein Schuhgeschäft hat – mag Frankfurt aber auch. Wichtig: Hier müsse man die Leute über das Geschäftliche kennen lernen, den ganzen Tag in Cafes sitzen ginge nicht. Oder, ergänze ich, über die Musik, wie ich.

Ich erzähle, dass ich aus Hannover komme, ja, dort würde eine Schwester von ihr wohnen, auch aus der Gegend um „Brriieck“. Auch sie findet Frankfurt interessanter.

Ich stelle ihr ein mathematisches Rätsel, passend zu ihrer Herkunft: Wenn die gesamte Menschheit im Genfer See baden ginge, um wie viel würde das Wasser steigen ? Natürlich weiß sie es nicht, wer weiß so was schon: um einen halben Meter. Bzw. mittlerweile wahrscheinlich um einen Meter, denn das Rätsel datiert von etwa 1970.

Der Genfer See hat mich immer fasziniert: Ein Binnensee, von dem man an manchen Stellen das andere Ufer nicht mehr sehen kann. Und das Kinderkrimibuch „Moderne Piraten“ spielt hier.

Nachdem sie gegangen ist, gehe ich zahlen und sehe einen filmenden Kameramann. Wen er filmt, ist ein Herr etwa 35, der gerade interviewt wird. Auf meine Frage hin erläutert der Kellner, das sei jemand, den man kennen kann aber nicht muss, ein Herr Jordanow, Geschäftsmann.

Ich höre Sprachfetzen wie „wenn Sie den Satz bitte noch mal etwas deutlicher sprechen könnten“. Es geht irgendwie um seine Gewohnheiten und ums Internet. Er wirkt sehr angespannt.

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Too quick too close

Gerade als sie gehen will, kommen die Frau und ich doch noch ins Gespräch. Ich frage sie, was sie in ihr Notizbuch geschrieben habe – ein Tagebuch ? Nein, philosophische Gedanken.

Wurde ja Zeit, dass ich mich mal mit jemandem unterhalte, der auch schreibt. Da kommen meine Kurzgeschichten über Begegnungen mit anderen Menschen gerade recht. Ich erzähle, wie ich gerade die Story zum Performancestück „City of Cultures“ geschrieben habe, wie nahe mir das gegangen ist und dass diese Story deswegen auch etwas länger als die anderen wurde.

Wie lange ich schon schreibe, will sie wissen. Nun, dies ist etwa meine zehnte Geschichte geworden; ein Novize sozusagen. Aber es macht mir ja Spass, ist etwas für mich, besonders schön daran ist das Bleibende an den Erlebnissen. Ob ich gut andere Menschen charakterisieren könne ? Weiss ich nicht, aber es macht mir jedenfalls Spass, im Nachhinein aus den flüchtigen einzelnen Eindrücken irgendein Bild zusammenzusetzen.

Sie schreibt im Moment über die Leichtigkeit. Ich glaube, ich höre nicht recht, genau mein Thema… Nach ihrer Theorie kommt es darauf an, die Hindernisse zur Leichtigkeit zu erkennen und irgendwann aufzulösen. Bei ihr ist das oft der Ärger über andere Menschen, der letztlich aber immer aus ihren eigenen Problemen resultiere. Als kommt es darauf an, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein ? Genau.

Ich verstehe sie so gut, dass es sie fast irritiert. Normalerweise redet sie ungern über ihre philosophischen Gedanken, weil dies die meisten anderen Menschen verwirre. Nun trifft sie mal auf einen, den dies nicht verwirrt, und dies verwirrt sie selbst.

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Staubtrocken

„C.?“

Ja, er ist es, der ehemalige Trompeter meiner Sambaband „A.B.“. Zusammen mit einer symphatisch aussehenden Frau hat er sich zu mir an den Tisch gesetzt. Der Tisch steht vor dem Imbiss in der Nähe von dem verrückten japanischen Gitarristen, der immer mal auf dem Frankfurter Flohmarkt am Main spielt.

So auch heute. Es haben sich einige Zuhörer versammelt. Die Frau neben mir – C’s Freundin oder Frau – meint, er würde „katharsich“ spielen, von Katharsis, das sei etwas wie Reinigung. Wie im Theater, wo nach einiger Zeit mit dem Zuschauer etwas passiert. Wobei man sich streiten würde, ob das wirklich so sei, auch Goethe habe dazu keine klare Meinung gehabt.

Ich schliesse daraus, dass sie Theaterwissenschaften oder Germanistik studiert habe – dicht dran, Philosophie. Christoph hat Theologie studiert, wurde dann aber Kinderarzt, sie hat irgendwas mit Betreuungsprojekten oder so ähnlich gemacht und orientiert sich gerade beruflich neu. Beide haben Kinder aus früheren Beziehungen bzw. Ehen.

Ich orientiere mich ja auch neu. Erzähle vom abgeschlossenen Projekt und von der Reise. Ob ich mit jemand anders zusammen reisen würde ? Nein, allein, das ist mein Ding – mich anonym in was Neues, Unbekanntes reinstürzen, ohne Verbindlichkeit.

Die beiden reagieren wie viele: Finden das toll, würden es selbst aber so nicht durchziehen wollen.

Beide sind mir sehr symphatisch, haben beide diese staubtrocken ironische Art drauf, die ich so mag. Meistens redet er und sie guckt belustigt/skeptisch. Wir unterhalten uns über Buchstabenpermutationen in Worten, Glücksfällen von wiedergefundenen verlorengeglaubten Dingen, Hörschäden, Wegwerfern und Sammlern, Freizeitgestaltung, Frankfurt, Höhlengleichnisse von Platon (?), Vierdimensionalität und solche Dinge.

Der verrückte japanische Gitarrist kreischt wieder seine Rockballaden. Es spielt ohne Unterlass, eine Untermalung, die man irgendwann nicht mehr bewusst wahrnimmt, „wie im Zug“.

Dass Dieter, der Saxophonist, nicht mehr bei uns ist, wusste Christoph nicht mal. Ich gehe ja auch weg, ob die Band dann auseinanderbräche ? Ich meine nein; er sagt weise: Das weiss man erst nachher.

Mittendrin ein typischer Anruf von F.W., Fa. X.: Ob die SAP-Mappen tatsächlich bis auf weiteres nicht mehr automatisch übertragen werden sollten ? Das ist richtig. Meine Gesprächspartner sind ob meiner operativen Verantwortung beeindruckt. Aber das ist ja bald vorbei…

Lautet das Wort nun „katharsisch“ oder „kathartisch“ ? Ich bin für „katharsisch“, die beiden präferieren „kathartisch“, warum auch immer.

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Wenn schon, denn schon

Der Fernseher im Toffis ist kaputt, also kriege ich das Ende des Fussball-Pokalfinales Werder-Aachen nicht mit. Setze mich raus und klage einem mit am Tisch sitzenden Typen (der arabisch aussieht) mein Leid. Er interessiert sich aber nicht für Fussball, dafür für eine Football-ähnliche Sportart, in der alle ohne jeglichen Körperschutz spielen.

Ein krass wirkender Typ, ich habe schnell das Gefühl, mit dem nicht viele gemeinsamen Themen zu finden. Gebe mir dann auch nicht mehr viel Mühe, das Gespräch in Gang zu halten. Dafür dann aber er, fragt nacheinander (jeweils nachdem das Gespräch zwischenzeitlich versiegt war) was ich heute gemacht habe, was ich arbeite, und so weiter. Schliesslich jedoch gibt auch er auf.

Ich erfahre noch, dass er gebrauchte Autos ins Ausland verkauft. Das Geschäft geht nicht besonders gut, „reicht aber zum Leben“.

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Der Freak

Einen solchen Schnurrbart sieht man selten: Einmal im Kreis gezwirbelt, so dass die Bartenden nach oben anlaufen und – wie ein Violinschlüssel – nach einer ganzen Umdrehung wieder in der Mitte enden.

Passend dazu, ist er selbständig in einem technischen Umfeld und verkauft „Gartenbahnen“, das sind Modelleisenbahnen, die – wie der Name schon sagt – in einem Garten aufgebaut werden. Doch, davon kann man leben.

Früher ist er um die Tourenwagen-Europameisterschaft gefahren, hat damit natürlich eine dezidierte Meinung zur Formel 1, in der an diesem Tag Michael Schumacher mal wieder seine Konkurrenz deklassiert hat. Wie diese Meinung allerdings konkret aussieht, ist mir entfallen. Geschieht ihm recht, er hört ja auch anderen nicht wirklich zu.

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Hobbys

Sie ist eine Fledermaus. Hat sich nur für wenige Stunden in menschliche Gestalt verwandelt und lehnt an eine der Säulen im Cave. Wobei auf ihrem T-Shirt Flugsaurier, nicht Fledermäuse – wie ich zuerst annehme – abgedruckt sind.

Den Rest habe ich vergessen.

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Der Traum

Bin im Cafe Lido und lese My Tokyo Godfather, Haruki Murakami, “Kafka am Strand”. Neben mir setzt sich ein etwa vierzigjähriger Typ an den Tisch und packt eine riesige Kamera aus. Wirkt gesprächsoffen, ich frage und erfahre, dass es sich um eine digitale Spiegelreflexkamera handelt. Überraschend leicht, wiegt in meiner Hand max. 1 kg.

Er sagt, er habe sich jetzt mal einen vieljährigen Traum erfüllt, viele Wochen auf dieses Gerät warten müssen, aber sonst nicht viel Ahnung davon. Studiert also erst mal die sehr umfangreiche Gebrauchsanleiting, selbst das Quickstart-Manual ist abschreckend lang.

Zwei Typen am Nebentisch wechseln auch ein paar Worte mit ihm, der eine kennt sich offenbar ziemlich gut mit Kameras aus. Die beiden gehen dann und kommen nach ca. 15 Minuten aber überraschend wieder, „hat sich zerschlagen“ (was auch immer).

Der stolze Kamerabesitzer arbeitet bei Reuter, der Nachrichtenagentur, sein Chef würde gerade auch mit seiner Familie durch Europa reisen (auf meine Erwähnung meiner Reisepläne hin bemerkt). Wie das mit den Kindern funktioniere ? Keine Ahnung, vielleicht reisen die nur in den Ferien mit. Ich sage, dass ich das schön fände, dass Reisen auch mit Familie möglich sei, er stimmt zu.

Das Gespräch ebbt oft ab, ich lese immer wieder in meinem Buch weiter und er in seiner Gebrauchsanleitung, dann schiesst er einige Probefotos. Die zwei Frauen gegenüber – die etwa in Fotographierrichtung sitzen – schauen irritiert.

Je nach Auflösung haben die Fotos eine Dateigrösse zwischen 0,2 und 5 MB. Er kann derzeit 128 MB lokal auf dem Speicherchip auf der Kamera abspeichern, plant aber ein Upgrade auf 1 GB.

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