Karl

Wer einmal einen Rhetorikkurs oder dergleichen besucht hat, weiss, dass dort empfohlen wird, die Stimme beim Sprechen zu modulieren – man erzeugt mehr Aufmerksamkeit beim Zuhörer, wenn man nicht immer in derselben monotonen Tonlage spricht. Das funktioniert natürlich nur, wenn es nicht aufgesetzt wirkt, sondern im Einklang mit den eigenen Emotionen und der Dramaturgie des Erzählten steht. Meiner Meinung nach eine Regel, die sich nicht bewusst anwenden lässt (wenn man es nicht ohnehin unbewusst tut, aber dann braucht man die Regel ja auch gar nicht zu kennen…).

Wie auch immer, Karl aus Schweden befolgt dieses Prinzip perfekt. Während der fünftägigen Bootsfahrt von Panama nach Kolumbien wusste ich bei ihm immer sofort, wer gerade redet, auch wenn ich ihn in diesem Moment nicht sah. Die Modulation der Stimme und sein eher langsames Sprechen führen dazu, dass er endlose Sätze von sich geben kann, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer abnimmt und oder er am Ende sogar unterbrochen würde. Das geht etwa so: „I have a different opinion upon that…” (von hoch nach tief) (Pause) “I” (hoch) “have met” (tief) „many other travellers“ (hoch) „who have“ (tief) “never been there…” (hoch) (Pause) “and” (hoch) (Pause) “I think” (hoch) (Pause) “they” (hoch) (Pause) “should” (tief) “not talk about what they have never seen” (hoch, aber mit Nuancen) (Pause) “but” (hoch) (Pause)…

Das liest sich nicht nur merkwürdig, das klingt auch merkwürdig – aber man hört ihm gerne zu. Und man (auch und insbesondere: frau) unterhält sich gern mit ihm, er ist ein sehr netter Kerl, immer gesprächs- und hilfsbereit.

Wir haben immerhin ein gemeinsames Thema: Er studiert Mathematik. Und eines Morgens, noch im Dunkeln und die kolumbianische Küste ansteuernd, haben wir uns lange über die frustrierenden Probleme der Entwicklungshilfe und des – ja bekanntlich gar nicht so freien – Welthandels unterhalten.

Wir hatten einen Russen an Bord, Max – aber der eigentliche Russe, zumindestens äusserlich, war Karl: Rote Haare, bleiche und sehr sonnenempfindliche Haut, wuchender Vollbart und lange Haare. Letztere hat sich Samantha aus Australien nicht nehmen lassen, in einer dreistündigen Aktion zu schneiden, konnte sie so doch lange in seiner Nähe sein und ihn berühren.

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