Archiv der Kategorie: Allgemein

Psychonauten

Ich habe die App vor etwa drei Jahren auf meinem Smartphone installiert – nur dort läuft sie, nicht auf dem Desktop. Und ich kann von ganzem Herzen sagen, dass sie meine Lebensqualität gesteigert hat. Das ist ein bemerkenswertes Statement, doch es ist die Wahrheit.

Über diese App, die vorwiegend von Menschen meiner Generation genutzt wird und in jeder größeren deutschen Stadt verfügbar ist, kann man sich mit anderen Menschen treffen. Jeder kann ein solches Treffen initiieren, und andere, denen es zusagt, klicken sich rein. So treffen sich Menschen zum Wandern, Kegeln, Billardspielen, Spielespielen, Essen, Trinken, Konzertebesuchen, Tanzen und etlichem mehr. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass man über diese App besser über aktuelle Events in der Nähe informiert wird, als über jede andere Quelle.

Das ist kein neues Konzept, Apps und Webseiten dieser Art gibt es schon lange. Was diese App besonders macht, ist – neben den recht einfachen, aber gut durchdachten Features – die Verbreitung. Ich schätze allein in unserer Stadt die Community auf mehrere Tausend aktive Teilnehmer.

Wie Treffen zustandekommen, wer teilnehmen will oder womöglich absagt und wer sich dann tatsächlich trifft, und wie das Treffen dann ist, das hat seine ganz eigene Dynamik, über die man ganze Bücher schreiben könnte. Nicht selten ärgert man sich oder ist enttäuscht, aber ebenso oft freut man sich, weil es dann doch, manchmal auf eine ganz unerwartete Weise, interessant und schön geworden ist. So ist es mir heute ergangen, und darüber möchte ich nun schreiben.

Ich hatte, was ich relativ selten tue, ein eigenes Treffen erstellt. Aus einer spontanen Eingebung heraus hatte ich am Vorabend zu einem „[…]Spaziergang mit anschließendem Einkehren“ eingeladen. Das war ein Experiment, denn normalerweise funktioniert so etwas mit einer gewissen Vorlaufzeit von einigen Tagen besser. Das Experiment beinhaltete zudem ein gewisses Risiko – welche Teilnehmer an welchen Events teilnehmen, ist für alle User sichtbar, und somit auch, welche Treffen keinerlei Resonanz erfahren. Das bei einem selbst erstellten Event zu erleben, ist sicherlich kein Weltuntergang, fühlt sich aber auch nicht ausgesprochen gut an.

Für mein Treffen kommt nun noch ein ungünstiger Umstand hinzu: Der öffentliche Verkehr fällt in unserer Stadt aufgrund eines Streiks teilweise flach. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte mich auch nicht informiert, wir hatten das erst letzte Woche. Ich möchte an dieser Stelle Berechtigung, Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme nicht bewerten – wir haben nun einmal Tarifpartnerautonomie in unserem Land, da gehört das einfach dazu und ist als Instrument notwendig und richtig, so grundsätzlich, wenngleich… nun, ich stecke nicht drin. Wie gesagt, das sollte hier eigentlich nicht das Thema sein. Auf jeden Fall darf ich mich ärgern, das Recht habe ich.

Aber absagen möchte ich das Event nun auch noch nicht. Mal sehen, wie es sich entwickelt. Fünf andere User können sich beteiligen (in der App muss vorher festgelegt werden, wieviele freie Plätze es gibt). Tatsächlich habe ich bereits frühmorgens die erste Teilnehmerin, eine B., Profilbild mit großer getönter Brille. „Läuft“, denke ich.

Es bleibt jedoch dabei. Zwar rufen zahlreiche User mein Profil auf, aber niemand sonst zeigt Interesse am Treffen.

Am früheren Nachmittag frage ich B. im Eventchat (der pro Treffen automatisch von der App zur Verfügung gestellt wird), ob wir es trotzdem durchziehen wollen, auch wenn wir zu zweit bleiben. Ich bekomme aber keine Antwort, was mich etwas verstimmt, da ich nun in der Luft hänge. Ich entscheide mich, einfach trotzdem zum Treffpunkt zu fahren, weil ich Lust habe aufs Spazieren, auch allein.

Der Treffpunkt ist eine sehr bekannte kleine Brücke über den Fluss, der mitten durch die Stadt führt. Sie ist so schmal, dass die Bezeichnung „Steg“ sehr passend ist. Hier finden sich immer irgendwelche Straßenmusiker, Touristen oder auch Einheimische, die beim Anblick der Großstadtlichter über dem Wasser dann gern mal seufzen „ach, irgendwie ist es hier doch gar nicht so schlecht“. Das ambivalente Verhältnis zur Stadt ist uns hier geradezu einprogrammiert. Köln, München oder Hamburg sind da anders. An den Streben der Brückengeländer befindet sich eine Unmasse von Vorhängeschlössern mit eingravierten Namen. Das war vor vielen Jahren mal en vogue, nun hängen sie da.

Den Fluss ostwärts hinunterblickend, überlege ich gerade, wo ich langlaufen will, da kommt unerwartet eine Nachricht von B. Sie steckt im Stau, außerdem hat sie eben erst den Chat entdeckt, sie ist Neuuserin. Nun, das erklärt alles, meine Verstimmung ist weggeblasen. Ja, ich warte noch. Nein, 20 Minuten sind kein Problem. Sie hatte geschrieben, dass ich nicht warten müsse und dass sie auch alleine spazieren könne, aber was sollen wir das jetzt getrennt machen? Manchmal muss man auch mal beharrlich sein.

B. erscheint schließlich, und wir laufen los. Ein sehr schöner Abend für Februar, über 10 Grad, trocken. Wir laufen an den Großstadtlichtern und dem Flussufer entlang und unterhalten uns. Es entwickelt sich das für die Treffen dieser App typische Abtasten, bei dem man Grundzüge über die Lebenssituation des anderen erfährt. Sie wohnt in einem Vorort, arbeitet seit ihrem Ruhestand noch tageweise als Erzieherin, und da gab es eine Scheidung und da gibt es eine Tochter. Diese wohnt zusammen mit ihrem Vater auf Mallorca, „das muss sie selbst wissen“. Ich erkläre die Grundzüge der App, und welche Erfahrungen man damit so machen kann. Die Zeit vergeht schnell, plötzlich sind wir schon fast am Hafengebiet. B. erwähnt einen Veranstaltungsort in dieser Gegend, den sie interessant fand, und ich erwähne, dass wir gerade direkt darauf zulaufen. Dann schauen wir doch mal, ob da auf ist.

Es ist auf, aber vor der Tür stehen mehrere Fernsehübertragungs-Lieferwagen. Was hat das zu bedeuten? Der Eingang ist besetzt, jemand steht dort und wedelt mit Tickets. Wir erfahren, dass ein bekannter öffentlich-rechtlicher Sender hier heute eine Livediskussion auf seinen YouTube-Kanal streamt. Es geht um eine synthetische Droge, die in den USA schon viel Schaden angerichtet hat und von der man weitere Ausbreitung in Deutschland befürchtet. Ob wir uns das anhören wollen? Nein, es kostet nichts, gibt sogar ein Freigetränk. Wir schauen uns an und müssen nicht lange überlegen.

Grinsend stehen wir drinnen in der Getränkeschlange und können es kaum fassen, was für ein Zufall. Ich mache B. deutlich, dass sie derartige Highlights jetzt nicht bei jedem über die App erstellten Treffen erwarten kann. Dann holen wir uns Wein, einen rot, einen weiß und geschorlt, und suchen uns Plätze. Das Kamerateam setzt uns dann noch etwas um, da wir ansonsten in der Bildachse säßen. Das passiert alles sehr entspannt. So sitzen wir nun die nächsten 90 Minuten und blicken, über die zur Diskussion vorbereitete Sofaecke hinweg, auf schräge Ausstellungsexponate. Mir fällt ein, dass ich über diese Location vor Jahren schon einmal einen Text geschrieben habe, etwas mit zornigen Tigern.

Die synthetische Droge gehört zur Familie der Opioide, wirkt fünfzigmal stärker als Heroin und wird auf dem Schwarzmarkt unter anderem öfters genutzt, um letzteres zu panschen / zu verstärken. Sie entstammt der medizinisch-medikamentösen Schmerzbehandlung und ist später, sozusagen, ihre eigenen Wege gegangen, aber wie will man das verhindern? Leute, die mit so etwas Geld verdienen wollen, finden sich immer. In den USA sterben jährlich bereits Zehntausende an der Droge, Vergleichbares wird auch für Deutschland befürchtet.

Es diskutieren Mediziner und Praktiker der Suchtmedizin und -hilfe, und die Mutter eines an der Droge verstorbenen Jugendlichen, die eine Stiftung in seinem Namen gegründet hat, ist anwesend. Die Geschichte, die sie erzählt, ist traurig und bewegend. Als der anwesende Arzt der Uniklinik den Begriff „Psychonaut“ erläutert – Menschen, oft sehr junge, die über bewusstseinserweiternde Methoden versuchen, ihre eigenen Gefühle biochemisch zu ergründen und zu steuern – kommt von ihr: „Ja. Das war er.“

Es müsse mehr in Prävention und Betreuung investiert werden, ist man sich einig. Dazu sagt sich leicht „ja“, aber wer priorisiert dies neben den unendlich vielen anderen Themen, die unsere Politiker so auf der Tagesordnung haben? Cannabis wird als Einstiegsdroge durchaus kritisch gesehen und die Liberalisierung habe bei uns nicht sonderlich gut funktioniert. Später lese ich im Livechat der Sendung, dass diese These dort sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte.

Die Livesendung ist beendet. Wir gehen am Fluss und an den Großstadtlichtern vorbei zurück zum Treffpunkt, und dann unserer Wege. Der Abend ist immer noch schön, und besonders war er sowieso, für uns beide.

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Im Bauch des Wals

Das Obdachlosencafe befindet sich in der Nähe des Bahnhofsviertels, nicht direkt in der Rotlichtzone, aber fußläufig erreichbar. Sein Name basiert auf einer biblischen Anspielung, hier sollen die Menschen einen sicheren, guten Ort haben.

Es wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, existiert schon lange, und hat einen gewissen Bekanntheitsgrad. So werden manchmal Menschen von der Bahnhofsmission hierher geschickt. Hier arbeiten Sozialarbeiter und -helfer, Hilfskräfte und Ehrenamtliche. Geöffnet ist es abends, und der Andrang kann sehr unterschiedlich sein – mal riesig, mal gering. Neben den auf der Hand liegenden allgemeinen Einflüssen wie vor allem des Wetters und der Kälte, spielen, wie das in in einer Großstadt so ist, zufällige Faktoren eine Rolle. Oft genug ist das Cafe überraschend leer, wenn es voll sein müsste – und umgekehrt. Das macht die Personaleinsatzplanung nicht einfacher. Besser überbesetzt sein, als unterbesetzt, und überrannt zu werden.

Die Gäste – nun, sie setzen sich ungefähr so zusammen, wie man sich das bei einem Obdachlosencafe vorstellt, auch äußerlich. Da versammeln sich eine Menge Plastiktüten, zerfetzte Rucksäcke und Taschen, zerrissene Mäntel, Zahnlücken, wilde Frisuren und verschiedenste Herkunftsländer. Die Kommunikation ist eine echte Herausforderung und bedarf einiger Übung. Manche pöbeln herum (und werden relativ schnell des Hauses verwiesen, so es sich nicht bessert), andere sind sehr freundlich, wieder andere sehr zurückgezogen. Manche kommen allein, manche in größeren Gruppen. An einem typischen Winterabend dürften sich, grob geschätzt, insgesamt 50-100 Personen im Laufe der 5 Stunden, die das Cafe geöffnet ist, hier aufhalten. Das verteilt sich zeitlich zum Glück etwas, aber manchmal müssen die Leute auch stehen. Zumindest ist es warm.

Das Cafe bietet einfache Speisen und Getränke an. Einige Getränke sind gratis, der Rest kostet einen minimalen Betrag in der Größenordnung von 10 Cent bis 1 Euro. Das wird bewusst so gehandhabt und hat etwas mit Würde zu tun. In begründeten Fällen wird aber auch schon mal eine Ausnahme von dieser Regelung gemacht (aber seltener, als es manche Gäste gerne hätten). Neben dem eigentlichen Cafe gibt es in dem Haus weitere kostenlose Services, insbesondere Postadressen, gebrauchte Kleidung, einfache Hygieneartikel, Waschmöglichkeiten, Internetzugang, Ladesteckdosen sowie Beratung zu verschiedensten Fragen (u.a. Behördendinge).

Jeder Abend ist anders und hat seine ganz eigene Dynamik.

Wenn es richtig voll wird, stehen die Leute schon vor der Öffnung in Massen vor dem Eingang, und dann erfolgt ein wilder Run auf die besten Plätze, der manchmal gebremst werden muss.

Manchmal werden 15 Sandwiches oder 20 warme Essen gleichzeitig bestellt, manchmal für Stunden gar nicht.

Es kommt vor, dass die Menschen laut werden. Oft ist das Streit, aber nicht nur – manchmal einfach Wohlbefinden. Es bedarf Fingerspitzengefühls, hier richtig einzugreifen, oder auch nicht. Nicht ohne Grund läuft üblicherweise Musik aus den Lautsprechern.

Es gibt immer irgendwelche Einzelvorfälle. Das Klo ist blockiert, jemand soll jemandin angegrapscht haben, die reden da hinten zu laut, die Musik ist zu laut / zu leise / doof, es riecht schlecht (was öfters stimmt), es ist zu kalt oder zieht (was auch öfters stimmt, aus Gründen), der hat sein Essen vor mir bekommen, ihr habt mich vergessen, die hat mich beleidigt. Aber auch viele bedanken sich für den Service und sind einfach froh, hier zu sein.

Die Stimmung kann aggressiv sein, aber auch fröhlich und warm. Die Haltung der Gäste zueinander ist ambivalent. Die meisten kennen sich, und da steht eine Ressourcenkonkurrenz im Raum (beim Betteln, beim Übernachten, etc.). Gleichzeitig sitzt man im selben Boot.

Bei Eskalationen hilft es in aller Regel, ruhig, klar und deutlich vernehmlich um Ordnung zu bitten. Es kann aber auch schon mal erforderlich sein, die Polizei zu rufen. Was dann, sobald die Beamten erschienen sind, sofort zu einer angespannt/ängstlichen Atmosphäre führt und eine deutliche Leerung des Cafes zur Folge haben kann, selbst wenn dafür kein objektiver Grund vorliegt, weil es nur um einzelne Personen ging. Das ist tief einprogrammiert.

Manche der Gäste sind sehr gebildet oder verfügen über so angenehme Umgangsformen, dass man sich fragt, was zum Teufel da schiefgegangen sein muss. Oft genug wird einem das auch erzählt. Die Geschichten sind teilweise sehr verworren oder nachgerade unverständlich, aber das macht nichts. Man muss nicht alles verstehen, auf das Zuhören kommt es an.

Hier zu arbeiten, umsonst, ist eine ganz eigene Erfahrung. Vorher hat man in der Regel keine Lust, und gerade die ersten 1-2 Stunden können ziemlich anstrengend sein, weil man zahlreiche Dinge gleichzeitig und sehr schnell tun muss (Bestellungen entgegennehmen, in die Küche kommunizieren oder selbst zubereiten, den Gästen bringen, kassieren, spülen, irgendwas nachkochen, herumsuchen, aufräumen, etc.). Nach einer gewissen Zeit kommt aber oft ein Flowgefühl auf, man funktioniert, ist im Hier und Jetzt, kennt sich aus und arbeitet in einem eingespielten Team, das nicht vieler Worte bedarf – jede/r sieht einfach, was genau jetzt gemacht werden muss, und tut es. Man tauscht sich aus über Gäste – mal verärgert, mal mitfühlend, mal amüsiert – und lacht über kuriose Vorfälle. Und was man da tut, nützt, zumindest ein wenig. Das alles zusammen verursacht ein leichtes, warmes Gefühl, das mit Geld nicht zu bezahlen ist.

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Die Sitzrichtung

Viele Menschen setzen sich in einem fahrenden Zug lieber in Fahrtrichtung, das ist bekannt. Manche tun dies aus körperlichen Unverträglichkeitsgründen heraus, weil ansonsten die Reisekrankheit droht (weil, wie es heißt, „widersprüchliche Signale“ an das Gehirn gesendet würden; siehe auch „Todesfälle durch Sitzen entgegen der Fahrtrichtung“). Andere bevorzugen diese Sitzrichtung aus psychologischen Gründen: Man will sehen, wohin man fährt.

Weitaus weniger untersucht ist die Fragestellung, ob sich Menschen in einem an einem Fluss – beispielsweise dem Rhein – gelegenen Biergarten lieber in Fließrichtung setzen. Hier entfallen alle oben genannten Argumente, und dennoch scheint es so zu sein, ist aber vielleicht doch eher Zufall. Um das zu klären, müsste eine größer angelegte Feldstudie durchgeführt werden.

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Die Namen

– …also jedenfalls ist das in Bad Vilbel passiert…
– In VB.
– ???
– Achso. Da habe ich die Buchstaben verdreht. BV wäre richtig. VB, das ist… vielleicht Vilsbiburg.
– Aber BV ist ja auch nicht richtig. Bad Vilbel gehört zum Kreis Friedberg, glaube ich…
– Das wäre also FB. BV gibt es vielleicht gar nicht. Obwohl… vielleicht Bad… wasweissich, Bad Vögelsen…
– Hihi…
– Ja, das gibt es wirklich, aber ohne „Bad“, liegt bei Lüneburg. Das geht ja noch besser, wie wärs mit Fickmühlen?
– Das habe ich auch schon mal gehört. Ist aber nichts besonderes, es gibt ja auch Poppenhausen.
– Und Linsengericht.
– Hihi…
– Und Wasserbillig.
– Hihihi…
– Und Bösgesäß!
– Wie bitte???
– Bös-gesäß. Das liegt irgendwo in Nordhessen, so Richtung Fulda. Die Gegend ist mir sowieso suspekt…
– Ja…
– … und dann habe ich neulich auf der Autobahn einen Lieferwagen der Sanitärinstallationsfirma Kniehase gesehen. Kniehase! Ist das nicht schön?
– Hihihi…
– „Die renommierte Sanitärinstallationsfirma Kniehase aus Bösgesäß sorgt für ihre Kunden von Linsengericht bis Wasserbillig. Selbst bis nach Poppenhausen…“
– Aufhören!…

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Die Abfahrtstafel

Wer den Fahrplan nicht im Kopf hat, kann sich überraschen lassen, wann die nächste neue Anzeige einer Abfahrt erfolgt, und wohin es geht, und ob eine Verspätung angekündigt ist. Außerhalb der Hauptverkehrszeiten bzw. auf kleineren Bahnhöfen ist das aber wie mit dem Wasser, das kochen soll: Solange man draufstarrt, passiert nichts.

Man kann Mutmassungen anstellen. Spät am Abend gibt es wohl keine Verspätungungen mehr, und nur noch Nahverkehrsverbindungen? Richtig, Bad Soden und Wiesbaden werden neu angezeigt, beide pünktlich. Dann Rödermark-Oberroden und Niedernhausen. Das sind alles S-Bahnen.

Im S-Bahn-Tunnel gibt es allerdings derzeit Bauarbeiten und Sperrungen. „Informieren Sie sich“, lautet der freundliche Hinweis in der Fußzeile der Abfahrtstafel.

Als schon nicht mehr damit zu rechnen ist, erscheinen doch noch zwei etwas weiter entfernte Ziele, Aschaffenburg und Limburg. Beide ebenfalls pünktlich. Das ist das Problem der Bahn: Was funktioniert, ist nicht der Rede wert. Immerhin wurde es jetzt hier mal festgehalten.

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Die Vögel

Stockenten und Amseln dominieren die Szene, hier, an dem kleinen See nahe des Messegeländes. Die Amseln sitzen überwiegend in den Bäumen, und die Entenkolonie bewegt sich langsam, jedoch unaufhaltsam, Richtung See.

 

 

Auf der Wiese vor dem See findet sich viel Nahrung, Stockenten sind Allesfresser. Viele kleine Küken sind dabei, die Brutzeit ist jetzt, im Mai, gerade vorüber. Die Stockenten wirken im einzelnen stets so, als hätten sie gar kein bestimmtes Ziel. Manche laufen hierhin und dorthin, andere ruhen sich im Schatten aus, wieder andere machen es sich sogar direkt auf dem Weg bequem. Doch wer die Kolonie aus der Vogelperspektive und im Zeitraffer verfolgt, erkennt deutlich die Drift gen Wasser.

Nach einiger Zeit ist die Wiese vor dem See ziemlich voll mit Enten, doch keine geht hinein.

 

 

Es sind Herdentiere, sie warten auf das Signal des Anführers, welche Ente auch immer das ist. Doch es kommt einfach nicht. Unschlüssig lungern die Tiere auf der kleinen Wiese herum, manche gehen sogar über den Weg zur großen Wiese zurück, sich dabei jedoch nie allzuweit vom Seeufer entfernend. Und gequakt wird, was das Zeug hält.

Schließlich, als schon fast nicht mehr damit zu rechnen ist, ist der Bann gebrochen. Wer das Signal gegeben hat, ist im Nachhinein nicht mehr auszumachen, jedenfalls sind zwei Minuten später fast alle Enten im Wasser, schwimmen dort fröhlich herum und halten Mahlzeit. Ausgewogene Ernährung ist schließlich das A und O.

 

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Der Schiebetür-Set

Es ist Mai, abends aber immer noch frisch, so dass irgendwann die Fenster zu schließen sind. Oder, wie im Fall dieser Sports Bar, die Schiebetür. Dabei handelt es sich genau genommen um einen Set von vier Teiltüren, die, einer komplizierten Logik zufolge, in einer bestimmten Reihenfolge und in bestimmten Winkeln nacheinander zugeschoben werden müssen, weswegen die Bedienung vielmals an verschiedenen Stellen hinaus und wieder herein gehen und dabei immer wieder Gäste um Verzeihung für die Störung bitten muss.

Danach ist es in der Bar wieder ruhig. Auf allen Monitoren läuft dasselbe Fußballspiel aus der Premier League. Es sind insgesamt acht Monitore, davon gibt es also genau doppelt so viele, wie der Schiebetüren, auf denen sich teilweise das grüne Fußballfeld der Monitore schwach spiegelt. Es handelt sich um eine nonhumane, verborgene Form von Kommunikation.

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Der unfallfreie Betrieb

Der Betrieb ist seit dem 22.11.2016 unfallfrei, denn, so eine stolze Hinweistafel:

      auberkeit
+    rdnung
=    icherheit

Oder es konnten hier seit dem November 2016 keine Unfälle passieren, weil hier seit dem November 2016 nichts mehr los war.

Eindeutig feststellbar ist das nicht, weil es kaum sichtbare Betriebsanlagen gibt. Es handelt sich (oder handelte) um einen Abbaubetrieb für Tonerde. Man sieht ein Kontrollhäuschen, eine LKW-Waage, mehrere Schranken, eine (anscheinend aktive) Überwachungssäule, im Hintergrund die weitreichenden Tongrubenfelder, sowie, hauptsächlich, viele Hinweisschilder. Neben dem oben bereits genannten gibt es beispielsweise noch den Hinweis, dass die LKW-Plane vor dem Wiegen abzudecken ist, und dass alle Fahrzeuge voll und leer zu wiegen sind. Mit Ausnahme der fehlenden Buchstaben auf dem oben erwähnten Schild, wirken die Schilder sauber und gepflegt, was für aktuelle Betriebsbereitschaft des Betriebes spricht. Andererseits fehlen Überwachungspersonal und weitere Betriebsgebäude, die möglicherweise abgerissen wurden. Um das beurteilen zu können, müsste man sich in diesem Industriezweig besser auskennen.

Das Firmenlogo erinnert an einen Golfball, und Unbefugten ist das Betreten dieser Anlagen „bergbehördlich“ verboten, so ein weiteres Hinweisschild. Stilllegung hin oder her, dürfte dieses Verbot jedenfalls noch gültig sein.

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Die Burg von Rödelheim

Die Burg steht nicht mehr, sie wurde im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut. Nur eine neuerdings errichtete kleine Natursteinmauer, ein Miniaturmodell aus Bronze und eine Hinweistafel erinnern symbolisch an dieses Anwesen, um das es früher, den Informationen auf der Tafel zufolge, ein zähes, verworrenes und sich über viele Jahrhunderte hinziehendes Ringen verschiedener Adeligengeschlechter und Gebietskörperschaften, u.a. der Reichsstadt Frankfurt am Main, gegeben hatte.

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Nein

Der Obstler (Marille) wird aus einem Plastikkanister gezapft, der auf der Theke schräg auf einem Holzgestell lagert. Darauf ein Aufkleber: „Hausschnaps“.

  • Den bekommt man nur hier?
  • Nein, der ist im Handel erhältlich.
  • Aber ist von Ihnen?
  • Nein. Sehen Sie hier, das Etikett. Hier sind ja nicht die Alpen, gell.
  • Und dieses Gestell wird da so mitgeliefert?
  • Nein, das hab ich mal schnell zusammengeschraubt.
  • Aber hat man dann nicht ein Problem, wenn der Kanister fast leer ist, dann ist das nicht schräg genug?
  • Nein, hier, da kann ich das nochmal umklappen. (stolz) Dann krieg ich auch den letzten Tropfen raus. Noch einen?
  • Nein danke.
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Der Arsch

  • … also, kann Sie da nur warnen. Benutzen Sie besser nur originale Ladekabel für das Gerät. Oder wenigstens solche, die gut flutschen, ohne Widerstand. Hier. Das S7 habe ich mir ruiniert, also die Buchse für das Ladekabel. Und das nur, weil so ein Arsch von Saturn mich zu einem Kabel gedrängt hat, das total hakelig war. Ich wollte das umtauschen, aber dann meinte der, das ist nicht nötig, sehen Sie – rumms! — und hat das Kabel reingehauen. Das habe ich dann leider doch genommen, und inzwischen hält kein Kabel mehr…
  • Und wie laden Sie jetzt?
  • Tja, das geht nur noch induktiv. Hier, mit so einem Pad zum Beispiel…
  • Das ist ja echt Mist…
  • Sie sagen es.
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Angriffstänzer

Er ist gut drauf und hat auch schon ordentlich einen sitzen. Seit einigen Stunden ist er in der Kneipe, jetzt mit den zwei Freundinnen, für die er gern den Hahn im Korb gibt. Die Wirtin kommt auch vorbei.

  • Das Stück wärs, wenn du jetzt noch tanzen könntest…
  • Und ob ich das noch k-ann. Aber will ich? Das ist die Frage.
  • Och, jetzt bin ich aber beleidigt!
  • Hat doch nichts mit dir zut… zu tun. Manchmal ist der Moment zu tanzen, und manchmal nicht.

Dann erzählt er irgendwas aus der Nachkriegszeit, und beschreibt sich selbst als „Angriffstänzer“, der er damals war. Dann geht es um die Eintracht, um Politik und um einige andere Themen. Die Wirtin kehrt an den Tresen zurück.

Am Nebentisch, einige Zeit später:

  • … übrigens, wenn ich grad was fragen darf… was bedeutet eigentlich „Angriffstänzer“?
  • „Angriffstänzer“? Das Wort kenne ich nicht. Nur „Eintänzer“. Wie kommst du denn darauf?
  • Na das hat er dahinten vorhin gesagt, aber ich habe leider den Zusammenhang nicht mitbekommen…
  • Ach, der sagt oft einfach irgendwas. Wie gesagt, ich kenne nur „Eintänzer“. Das kommt aus der Nachkriegszeit, als Männer auf Tanzveranstaltungen knapp waren. Da wurden dann manchmal welche gebucht.

Sie geht zum Tisch in die Ecke.

  • He Herbert, was soll das denn sein, ein Angriffstänzer? Du sollst das vorhin gesagt haben.

Er schaut sie nur lächelnd an und erzählt dann eine ganz andere Geschichte. Die Frage kann an diesem Abend nicht mehr geklärt werden.

  • Also wie gesagt. Der erfindet manchmal einfach was. Wenn der ordentlich angeschickert ist…
  • Aber dann erfindet man doch keine neuen Wörter?
  • Doch. Mach ich dann auch manchmal.
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Jo mei

  • Also, was hatten Sie jetzt?
  • Na, den Kaffee zum Mitnehmen und dieses Baguette mit Ei…
  • Ach für Sie war das. Das macht 5 Euro 20.
  • Hier bitte.
  • Danke. Und sorry für die Verwirrung…
  • Kein Thema.
  • He, Silvie. Hatte jetzt der Typ mit den vier Becks ein Baguette mit Schnittlauch?
  • Nee… der?? Nee…
  • Grmpf. (leise:) Merkt der ja eh nicht mehr. (wieder laut:) Ich hab dir doch gesagt, dass du dich konzentrieren sollst!…
  • Aber Chef, was kann ich denn jetzt dafür, ich hab doch bedient und dann haben Sie sich plötzlich an die Kasse gesetzt….
  • Na weil es zu lange dauerte. Also, pass besser auf, ok?
  • Ok Chef!
  • Ach Chef, was ist eigentlich mit der Uhr da…
  • Was soll mit der sein??
  • Na die steht noch auf der, äh, auf Winterzeit…
  • Ja stimmt. Na egal, lassen wir so. Da freuen sich die Leute, dass es noch nicht so spät ist.
  • Aber Chef? Ist das nicht etwas… riskant? Wenn da jemand tankt und deswegen einen Termin verpasst, weil er denkt…
  • Jo mei. Jo mei. Ist nicht so schlimm. Räum du lieber mal hinten auf, Silvie.
  • Ok Chef!
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Platzähnliche Auszonungen

Das war ja schon kurios vorhin in der Bäckerei…

  • Ja echt…
  • Wie die mich plötzlich angestarrt hat…
  • Wovon redest du???

Nina schaute Maike an, die leicht stotternd anfing:

  • A-aber d-du hast doch gerade s-selbst gesagt…
  • Vielleicht reden wir ja nicht über dasselbe. Beruhig dich. Also, was meinst du denn?
  • Ja und was meinstest du denn?

Nina schüttelte den Kopf.

  • Maike, so geht das nicht…
  • Istjagut. Also, dann erzählst du aber bitte gleich, was du meintest, ja?
  • Ich bin ja nicht so. Nun. Werden wir heute noch klären können, was dir aufgefallen ist?
  • Also, die Frau an der Bäckerstheke. Die starrte plötzlich mich an, obwohl zwei Kunden direkt vor ihr standen… die war voll verwirrt, weil es wohl unklar war, was die Kunden wollten… aber dass sie dann mich anstarrt, wo ich doch nur da saß und Kaffee getrunken habe…
  • Das nennt man wohl Übersprungshandlung.
  • Ja, da könntest du recht haben. So ne Art Processing Error, wenn das System auf eine nicht programmierte Ausnahmesituation stößt…
  • … und dann plötzlich IRGENDWAS macht…
  • Genau!

Sie schlenderten bei strahlendem Sonnenschein an dem innerstädtischen kleinen Fluss entlang. Besonders warm war es allerdings noch nicht.

  • Das habe ich gar nicht mitgekriegt. Was ich meinte, war dieser ewige Benachrichtigungston auf dem Smartphone von der Frau am Fenster…
  • Ach ja. Dieser nervige Standardton, den eigentlich jeder gleich ändert.
  • Genau. Und das hat die Frau vom Ehepaar gegenüber auch genervt… sind die dir überhaupt aufgefallen…
  • Äh, bin nicht sicher. Wo saßen die denn?
  • An der Wand. Die Frau recht korpulent, energisch, blond, gestylt, mit strengem Blick. Dar Mann eher zurückhaltend. Beide so um die Sechzig.
  • Nee sorry…

Erneut Kopfschütteln bei Nina.

  • Aber du hast doch so gesessen, dass du genau auf die… na ist ja auch egal. Schau mal hier, dieses Schild, hast du den Begriff schon mal gehört? „Platzähnliche Auszonungen“. So was Verschwurbeltes, meine Güte!
  • „Verschwurbelt“? Das habe ich noch nie gehört…witziges Wort…süß…

Maike kicherte, hörte aber auf, als sie Ninas Blick bemerkte.

  • Entschuldige. Ist ja klar, was du meinst. Ja, komischer Begriff. Also das mit den Auszonungen. Aber ist doch treffend, findest du nicht? Diese Fläche hier, wo wir gerade gehen, ist halb Straße und halb Platz.
  • Das ist ja klar, aber das kann man auch anders ausdrücken, nicht so verschw… hör auf zu kichern!

Und musste selbst lachen.

  • … nicht so technokratisch. Gefällt dir das besser?
  • Ja, das ist gut. Dem kann ich zustimmen. Wo waren wir eigentlich?
  • Tja, ich weiß es noch. Brauchst du Hilfe?
  • Warte… die Bäckerei… der Benachrichtigungston… die Frau… und was dann?
  • Nun, die hat der Ton auch genervt. Einmal hat sie die Frau voll angestarrt, und dann ihren Mann. Als ob sie ihn fragen wollte, „nervt dich das auch?“
  • Und der Mann?
  • Der hat das gar nicht mitgekriegt, glaube ich. Hat jedenfalls nicht reagiert…
  • Vielleicht reagiert der grundsätzlich nicht mehr auf sie. Ehepaare sind schon was komisches. So kompliziert manchmal.
  • Wohl wahr. Der war aber glaube ich abgelenkt durch die Frau, die im Zeitlupentempo durch das ganze Cafe geschlurft ist…
  • Das ist mir auch aufgefallen…
  • Hurra! Etwas, das uns beiden aufgefallen ist. Darauf heute Abend einen Sekt?
  • Hurra!…

Und sie erreichten fröhlich ihr Auto.

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Nichts Besonderes

Menschen sind dann am coolsten, wenn sie etwas, das sie beherrschen, konzentriert tun und dabei beiläufig, „bei der Gelegenheit“, andere Dinge erledigen.

Der Drummer, dem es scheinbar mühelos gelingt, während des Grooves seine Brille abzusetzen und sicher zu deponieren. Dies geschieht so fließend und unauffällig, dass es nur Marcel auffällt.

Der Pianist, der sich, während einiger sicherer Läufe mit der rechten Hand, auf den Flügel lehnt und mit links einige Saiten nachstimmt.

Dee andere Pianist, der in seinem Spiel von Zeit zu Zeit seine rechte Hand aus größerer Höhe auf die Tasten krachen lässt, dabei stets den gewünschten Akkord treffend. Marcel kommt eine Beschreibung der Vorhand von Steffi Graf in den Sinn, die er vor langer Zeit irgendwo gelesen hatte: „… wie wenn man einem Zeugen Jehovas die Tür vor der Nase zuschlägt“.

Es gibt mehrere Pianisten, denn es handelt sich um eine offene Jazz-Session. Nun, so ganz offen dann doch nicht, hier spielen nur Könner. Das Kellergewölbe ist überraschend voll. Sehr voll. Es herrscht ein gewisser Wettbewerb um brauchbare Stehplätze, unter anderem, weil eine riesige Säule für viele die Sicht auf die Bühne verdeckt. Ein Typ mit Rucksack versucht sich vor Marcels Nebenmann zu platzieren, bekommt von diesem aber verärgert und mit Nachdruck bedeutet, dass er sich ein anderes Plätzchen suchen möge. Marcel hält das für eine übertriebene Reaktion, sein Nebenmann ist groß genug und hätte problemlos über den Rucksacktyp drübergucken können.

Aber manchmal sind Menschen halt unfreundlich, kann passieren, muss man mit leben. Er selbst hatte vorhin eine Radfahrerin angepflaumt, die ein paar Sekunden hinter ihm fuhr: WOLLEN SIE JETZT VORBEIFAHREN ODER NICHT? Das war eigentlich nicht Marcels Art. Er vermutete, es lag an der Frau im Cafe, die ihm einfach nicht zugehört hatte.

Bläser haben die Bühne erobert und dominieren den Sound.

Sie wollte zum Operngebäude, wegen der Lichtkunstdarbietung. Marcel hatte das schon gesehen und schwärmte ihr vor, „wirklich beeindruckend“, aber die Frau ignorierte das und erzählte von noch tolleren Events, die sie besucht hatte. Dies wiederholte sich mehrfach, bis Marcel die Unterhaltung beendete.

Einige Musiker sind durstig und nutzen ihre Pause für ein Bier, darunter auch der Pianist mit der Brille. Er kann nicht viel damit anfangen, auf den Vorgang angesprochen zu werden, „nichts Besonderes“.

Marcel nimmt aus seinem linken Augenwinkel plötzlich eine irre, hektische Bewegung wahr. Dort sitzt aber nur ruhig ein junger Mann zusammen mit sieben weiteren Leuten am Tisch. Er hat eine verkrampfte Art, seine Hände zu halten – so komisch abgeknickt. Neben ihm seine Freundin, die er ab und zu streichelt. Was da gerade los war, bleibt rätselhaft,  nachfragen will Marcel aber nicht.

Es ist voll, und es gibt eine Menge zu gucken. Die Musik ist gut. Eine runde Sache.

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Die LED-Revolution

Licht ist lebensnotwendig. Die Sonne spendet es uns, neben der Wärme, und wäre das nicht so, so gäbe es uns nicht.

Auch Gebäude brauchen Licht, und wie man das am besten löst, ist keineswegs trivial. Wirkung und Atmosphäre des Lichts, Stromverbrauch, Steuerbarkeit und Automation, Sicherheit sowie Integrierbarkeit in die Gebäudearchitekur sind einige der wichtigsten Aspekte. Es macht durchaus Sinn, hierzu eine Messe zu veranstalten, auf der die in diesem Sektor tätigen Unternehmen ihre neuesten Innovationen darbieten. Und für die mittelständische Firma M. aus dem schwedischen Örebro (diesen Namen verstand Katrin nicht sofort richtig, konnte ihn aber später nachschlagen) macht es wiederum Sinn, mit fast zehn Personen auf dieser weit entfernten Messe vertreten zu sein.

Dies alles erfuhr Katrin in der Bar des großen messenahen Hotels, in dem sie untergebracht war. Sie selbst war nicht aufgrund dieser Messe in der Stadt – ihr Konzern veranstaltete ein wichtiges Projektmeeting – aber dass diese Messe stattfand, daran kam man schon bei der Zimmersuche und insbesondere bei den Preisen nicht vorbei. Es gibt in solchen Fällen ja exorbitante Preisunterschiede für nur wenig auseinanderliegende Tage in denselben Hotels.

Katrin fragte sich, was die Firma M., mit der sie zufällig am selben Tisch saß, wohl als innovativstes Produkt ausstellte. Sie fragte sich auch, ob die drei Damen und sechs Herren, die wohl zwischen 35 und 55 Jahren alt waren, wirklich alle zur Firma gehörten. Manche Frauen und Männer, die nebeneinander saßen, wirkten vertraut miteinander, vielleicht war Anhang dabei? Katrin achtete auf Eheringe, war sich aber nicht sicher, ob diese in Schweden rechts oder links getragen werden.

Weiterhin fragte Katrin sich, warum ihr gerade jetzt ein alter New Wave-Song durch den Kopf ging:

I’ve searched around for years and years
I’ve drank in bars; destroyed careers…

Wie zerstört man Karrieren in Bars? Wie sollte sie hier und jetzt die Karrieren der Mitarbeiter von M. zerstören? Oder war das nur eine Zusammenfassung einer Lebensweise? Das hatte sie sich bei diesem Song, den sie im Übrigen liebte, schon oft gefragt. Nun, Songs haben manchmal rätselhafte Texte.

  • So, if I may ask…
  • Yes of course…
  • What is the most innovative thing you’re showing on the fair? Is it something I can understand?

(nach kurzem Nachdenken)

  • Well. There is one solution we’re demonstrating about chips in the 230 volt part of the installation… usually the control is part of the low voltage devices. The way we’re providing it, you need less installation parts and save costs.
  • Ok… and the installation is probably easier to handle.
  • Exactly.
  • Interesting. And you all belong to M.?
  • Yes, we all do.
  • This is quite an effort…
  • Yes. It’s very important for us to be present here, to show we’re a leading company in this market. Also, we want to extend our business more to private customers.
  • So, if I owned a house, you could be my company…
  • Exactly.
  • Unfortunately, I don’t. Is there a public day on the fair?

Hier war sich ihr Gesprächspartner nicht sicher und musste die Frau neben ihm fragen (Kollegin, wie Katrin nun wusste). Katrin fand dies inkonsequent – wenn man in den Privatkundenbereich will, sollte es einem wichtig sein, zu wissen, ob Privatkunden den Messestand besuchen werden. Nein, es gab keinen öffentlichen Besuchstag.

I was the man with future sight
I would change fortunes overnight…

Katrin erzählte von den zeitgleich in der Stadt laufenden diversen Lichtkunstausstellungen und -events.

  • Just if you don’t want to sit in this bar every night…
  • Oh, we certainly won’t. But yes, that’s interesting. Right now?
  • Right now.
  • Maybe we’ll see something of that. There have been so many innovations about lighting techniques during the last years. Just think about the LED revolution…

Und das Gespräch verlief schließlich im Sande.

But now the dream is all I see
There is no hope of breaking free
One song away from disaster

Man trägt die Eheringe in Schweden übrigens links, wie auch in den USA.

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The Tigers of Wrath

In die Rundbögen der Brücke ist eine Kunst- und Eventräumlichkeit eingebaut, die man hier kaum vermuten würde. Die Umgebung ist Hafen- und Industriegebiet. Das Ambiente erinnert an Konzepte der Brutalismus-Achitektur: Roh, funktional, reduziert und ehrlich.

Und hier ist heute Das Licht zu Gast. Die Location nimmt an der allgemeinen Lichtausstellung teil. Geht man hinein, erblickt man in der im Schummerbeleuchtung gehaltenen Eingangshalle die verschiedensten Neonlicht-Kunstobjekte, von denen sich in den – überraschend weit verzweigten –  verbundenen Räumen noch viele weitere entdecken lassen. Und voll ist es, voll mit Menschen, die die einzigartige Atmosphäre genießen. Eine Bar versorgt mit den elementaren Getränken, kreative Chansonmusik dudelt dezent aus Lautsprechern, und hoch an der Decke bekämpfen zwei riesige Heizstrahler erfolgreich den winterlichen Frost.

Die Ausstellungsobjekte sind mit Worten schwer zu beschreiben, manchmal Bilder mit Leuchtelementen, manchmal Skulpturen, und manchmal irgendwelches wild zusammengeklebtes, -gelötetes und -geschweißtes Material, Hauptsache, attraktiv, schräg und leuchtend.

Ein Kopf aus Bienenwachs enthält eine kleine Kerze, die im Moment noch etwas unterhalb der Schädeldecke still vor sich hin brennt. Später wird sie immer weiter im Kopf versinken, bis sie dann aus den Augen leuchtet, was allerdings angeblich noch viele Tage oder gar Jahre, die Auskunft dazu ist vage, dauern soll.

An einer Wand hängt ein Tuch mit dem Text: The tigers of wrath are wiser than the horses of instruction. Eine überraschende Feststellung, statt „wiser“ würde man hier eher „stronger“ erwarten, so drängt sich der Spruch auch immer wieder ins Bewusstsein. Doch nein, es heißt „wiser“. Das Statement drückt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber aller Ratio aus.

Ein Raum enthält eine Serie von Fotos, die bearbeitet und mit kleinen Leuchtelementen und kleinen plastischen Figürchen ergänzt wurden. Die Stimmung ist generell düster, dystopische Großstadtorte, wie Rotlichtgegenden, oder auch finstere Landschaftsbilder. Die anwesende Künstlerin hat Fotos aus aller Welt verarbeitet. Jemand hat die Raumbeleuchtung ausgeschaltet, was ihr nicht gefällt. Das mag überraschen, da ja so die Leuchteffekte stärker hervortreten – doch diese, erläutert sie, leben vom Kontrast zum Rest der Bilder, das man nun kaum noch sieht. Von jedem Bild hängen Kabel herunter, ginge das nicht auch mit Batteriebetrieb? Grundsätzlich schon, aber die müsste man gelegentlich wechseln, außerdem haben die Kabel sowas … geben so einen Eindruck von… industrieller Atmosphäre? Genau, industriell.

Eine Performance findet statt. Die trotz der Kühle des Nebenraums nur spärlich bekleidete Tänzerin führt zu dissonanter Musik äußerst reduzierte und langsame Bewertungen aus. Ihre nackten Füße brauchen eine halbe Ewigkeit, eine Betonwand hinauf und wieder herunterzuklettern, während der Körper zwischen Füßen und auf dem Boden aufgestützten Schultern ruhig diagonal in der Schwebe gehalten wird, was eine Menge Training und Kraft erahnen läßt. Manchen Zuschauern werden die Anspannung und die aufgestaute, blockierte Energie zu unerträglich, und sie verlassen vorzeitig den Raum. Man könnte sagen, dass die Performance bei diesen Gästen besonders erfolgreich gewirkt hat. Die brauchen jetzt erst mal ein Bier.

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Maike, Nina

  • …also neulich hab ich was total Schräges erlebt…
  • Ja?
  • Ja, ist aber etwas unappetitlich, weiß nicht ob ich das jetzt so erzählen soll…

Nina schaute ungeduldig zur Decke. Maike WOLLTE es erzählen, sonst hätte sie gar nicht davon angefangen.

  • Wir haben ja schon gegessen. Also, zier dich nicht so!
  • Ok, also..hatte dir doch erzählt, dass ich in diesem Fitnessstudio angefangen habe…und da sind ja so Gemeinschaftsduschen…
  • Ja, das ist normal, eine persönliche Einzelzelle kannst du da nicht erwarten!
  • Tu ich doch auch nicht…was soll das jetzt, als ob ich so ne Etepetete sei.
  • Nein das bist du echt nicht. Nimmst bitte nicht persönlich, war nicht so gemeint. Und. Du hast geduscht und da war ein Mann und hat sich auf dich einen runtergeholt, oder was ist passiert?
  • Du meine Güte, nein…das wärs noch…nein da war dann mit mir ne andere Frau und hat auch geduscht…
  • Was war das für eine?
  • Wie, was war das für eine, ist doch egal..
  • Liebe Maike, ich versuche mir die Situation vorzustellen. Wie du nackt aussiehst, weiß ich noch so ungefähr…

Maike starrte Nina entgeistert an.

…beruhig dich, ich habe keine Webcam in deinem Badezimmer laufen…von diesem Badeseeausflug letzten Sommer…und die, war sie alt, jung, dick, dünn, hässlich oder hübsch?

  • Hm. Mittelalt, sportlich, etwas kräftig, aber nicht unattraktiv…soweit ich das beurteilen kann.
  • Ok. Und was tat die Sportlerin nun Unappetitliches?
  • Also die hatte sich voll eingeseift…und dann fuhr sie sich da…äh, mit der Hand, also du weißt schon…ich meine, hinten…ich meine, wir alle…verstehst du wovon ich rede?
  • Dieser Satz kein Verb.

Maike mußte losprusten.

  • Mann, jetzt stelle ich mich aber an wie eine aus dem Mädcheninternat. Ich bin sicher knallrot im Gesicht.
  • Ja, bist du.
  • Also, ich drücke mich besser etwas deutlicher aus, wenn du nichts dagegen hast.
  • Nein, im Gegenteil.

Maike holte tief Luft.

  • Sie fuhr sich mehrmals mit der Hand durch die Arschfalte…Nun starr mich nicht so entgeistert an!…das machen wir doch alle, oder wie wäschst du dich in der Gegend?

Nina genoß das Schauspiel. Und mit pikierter Stimme:

  • Also ICH nicht! Ich brauche das nicht, bin ja schließlich nicht so ein Drecksmädchen wie du…und war das jetzt alles? Ich meine, wo du DAS ja offensichtlich auch machst.
  • Also, immer wenn sie die Hand da…durchzog, gab es so’n komisches, unbeschreibliches Geräusch. Ich konnte nicht anders, ich musste sie anstarren, aber hat sie gar nicht weiter gestört.
  • Was für ein Geräusch denn? Mach doch mal!

Eine längere Pause entstand.

  • Chrrligwwsshh!!

Wieder Pause.

  • Das ist ja wirklich ekelhaft.
  • Ja.
  • Bei dir klingt das sicher besser.
  • Bei mir „klingt“ das gar nicht, das ist doch lautlos. Vielleicht hat die irgendeine Spezialseife benutzt…und dann hat sie das auch noch mehrmals gemacht, bestimmt fünf bis zehn Mal…jedesmal dieses Chrrligwwsshh…und ich hab gemacht, das ich da rauskam.
  • Und jetzt wirst du keinen Fuß mehr in dieses Studio setzen?
  • Na ja, so schlimm wars nun auch nicht. Aber ich werde schauen, dass ich nicht mehr mit der zusammen dusche.
  • Hm, wie willst du das sicherstellen? Immer wenn da schon jemand duscht, erst mal nachsehen, wer das ist? Dann kriegst du noch den Ruf einer lesbischen Spannerin…
  • Tja.
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Fish Farm Road Blog

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Maike, Sergej, Katrin, Marcel

Maike war auf dem Heimweg von ihrer Werbeagentur.

Sergej war zusammen mit seiner Familie auf dem Weg zu befreundeten Nachbarn.

Katrin telefonierte mit ihrem Chef.

Marcel stand am Hauptbahnhof und starrte durch die Glaswände auf das Gleisfeld.

Sergej fiel auf, dass seit mehreren Minuten niemand ein Wort gesagt hatte.

Marcel versuchte, die Weichen zu zählen, und gab es irgendwann auf.

Maike war schlecht gelaunt und achtete wenig auf ihre Umgebung – im Moment eine kleinere Querstrasse am Rande der City.

Katrin versuchte sich zu erinnern, was das sehr Wichtige war, das sie ihrem Chef unbedingt hatte sagen wollen.

Marcel studierte den Zug-Ziel-Anzeiger und stellte fest, dass seine Regionalbahn nunmehr 20 Minuten Verspätung hatte.

Sergej fragte sich, was seine Kinder beschaeftigte, die sonst niemals gleichzeitig still waren.

Maike registrierte ein neues Geschäft in der Querstraße, konnte aber nicht identifizieren, was dort verkauft wurde.

Katrin fiel auf, dass sie ihrem Chef überhaupt nicht zuhörte, was nicht gut war.

Marcel starrte erneut auf die Gleisanlagen und fing an, die Weichen zu zählen, bis ihm einfiel, dass er das schon einmal versucht und abgebrochen hatte.

Maike fragte sich, warum sie so schlecht gelaunt war, und stellte fest, dass sie es nicht mehr war.

Katrin konzentrierte sich auf das Telefonat mit ihrem Chef und verstand, dass er, was selten vorkam, von BUYOL sprach.

Sergej entdeckte ein seltsames Gebäude, das ihm in dieser Vorortstrasse noch nie aufgefallen war.

Marcel registrierte in der Ferne den herannahenden ICE.

Maike freute sich, dass sie nicht feststellen konnte, was in dem ominösen Geschaeft verkauft wurde; etwas für später.

Sergej war unklar, ob das Gebäude, das eher an eine Fabrikhalle erinnerte, Wohnzwecken diente.

Marcel sah, dass der ICE in der Ferne zum Stehen gekommen war, obwohl kein anderer Zug zu sehen war; vermutlich war der Bahnsteig besetzt.

Katrin schilderte ihrem Chef ihre Meinung zu BUYOL – chaotisch, zeitraubend, etc -, der verständnisvoll zuhörte, zumindest hatte sie das Gefühl.

Maike beschleunigte ihren Schritt, schaute mal hierhin und mal dorthin, das gleitende Gefühl kam wieder.

Sergej entdeckte auf den Aufgangsstufen eines Hauses die Vorortzeitung und mußte wieder an die Formirovanie denken.

Katrin erzählte ihrem Chef von ihrer Flugvision während der BUYOL-Telefonkonferenz, wobei sie einige Details veraenderte.

Marcel war erschlagen von der Riesigkeit der Bahnhofsgleisanlagen: Gleise, soweit das Auge reichte.

Maike überquerte die große Ausfallstraße und ging auf der anderen Straßenseite schwungvoll nach rechts weiter.

Katrin war froh, dass ihr Chef das mit der Flugvision richtig einordnen konnte – als kleine Ablenkung während einer eher unproduktiven, aber unvermeidbaren Aktivität, und nicht als generell unkonzentrierte Arbeitseinstellung – sie hätte das nicht jedem erzählt, aber bei ihm ging das.

Sergej fragte Petra, ob sie sich an die Zeitungen erinnern könnte, die es in ihrer Kindheit gab, was Petra jedoch verneinte.

Marcel begeisterte sich an der Kompexität der Schienenführung, aus dem Bahnhof gingen über 20 Gleise heraus, aber in der Ferne mündete alles auf vielleicht 4-6 Ausfallgleise, genau war das nicht zu erkennen.

Maike hätte fast eine ältere Frau gerammt, konnte aber im letzten Moment ihre Richtung korrigieren.

Katrin wurde plötzlich klar – eine Meldung ihres Unterbewußtseins – wovon ihr Chef die ganze Zeit erzählt hatte, nämlich von dem geplanten Abteilungsmeeting.

Sergej sah in der Ferne auf der linken Seite das Haus der Freunde, ein Fleck angenehmes dunkles Rot.

Marcel zuckte zusammen und schaute auf die Bahnhofsuhr, der Zug würde gleich kommen.

Katrin schlug ihrem Chef vor, auf dem Abteilungsmeeting kurz zu BUYOL zu berichten, worauf er zustimmte und bemerkte, dass er das Gespräch jetzt abbrechen müsse.

Maike bog von der Ausfallstraße nach links in die Straße ein, wo sie wohnte.

Marcel bestieg seine Regionalbahn.

Sergej öffnete die Tür des Hauses der befreundeten Nachbarn.

Maike stieg die Treppe ihres Hauses empor.

Katrin legte auf.

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Katrin, Marcel

Marcel saß mit seinem Notebook auf einer Bank. Diese Sitzbank befand sich an einer vielbefahrenen Ausfallstraße, die vom Büroviertel ins Industriegebiet führte. Marcel war gerne dort. Was andere, wie Silvia oder Peter, nicht verstehen konnten.

– Der ganze Krach der Autos. Macht dich das nicht wahnsinnig?
– Es gibt so schöne Orte in unserer Stadt, warum setzt du dich nicht in den Park und schaust ins Grüne, anstatt auf diese häßlichen Fabrikwände?

Was heißt das schon, häßlich – dachte Marcel, und fixierte die verblichenen, teilweise abgerissenen Reste der Plakate an der gegenüberliegenden Betonmauer, die das Gelände der Spedition umgab. Eine Autowerbung… Energizer-Drinks… die Messe mit ihrem blau-gelben Logo… und etwas, was aus der Ferne kaum zu identifizieren war, aber Marcel erkannte das gelb-schwarze Layout: das Kinoprogramm. Er überlegte, hinüberzugehen und nachzulesen, was zur Zeit so lief, ließ es aber sein. Zu sitzen und zu schauen war schöner; das konnte er endlos.

Zumal er seinen gerade laufenden Download nicht unterbrechen wollte. Das Cafe nebenan hatte ein öffentliches WLAN-Netz, allerdings mit einer langsamen Internetanbindung von nur einem Megabit pro Sekunde. Der Download, ein neues kostenloses Antivirusprogramm, würde wohl noch mindestens 15 Minuten benötigen.

Normalerweise war dieses Netz nur für Gäste des Cafes bestimmt, aber Marcel kannte den Besitzer – sie waren Nachbarn.

Katrin verzichtete auf die Benutzung ihrer Monatskarte und ging zu Fuß nach Hause. Nach dem Tag im Büro brauchte sie etwas Bewegung und Frischluft. Nun ja, mit der „Frischluft“ war es nicht weit her angesichts der Unmassen von Autos, die hier entlangfuhren. Aber darüber durfte man sich als Stadtmensch nicht allzu viele Gedanken machen, sonst war man hier fehl am Platz.

Die Hochhäuser waren eindrucksvoll. Fenster, in denen sich die Abendsonne spiegelte, aufgereiht entlang blitzblank aussehender Fassaden – Gebäudereinigung bildete einen erheblichen Budgetposten in Großkonzernen, wie Katrin wußte. Als da im Moment zu sehen waren: mehrere Banken (natürlich), eine große Unternehmensberatung, eine Versicherung, ein Autokonzern. Der Gebäudekomplex dieses Autokonzerns war besonders beeindruckend: Zwei Zwillingstürme und ein verbindender Quertrakt, das Ganze in U-Form, die Fassade hellbraun, die Fenster blau getönt, passend zum ebenfalls braun-blauen Firmenlogo, das ganz oben an beiden Türmen prangte.

Die Aussicht, hier zu arbeiten, war vor sechs Jahren ein Faktor in Katrins Entscheidung für ihren derzeitigen Arbeitgeber gewesen. Sie mochte sich das nicht gerne eingestehen – schließlich machte man als gestandene, verantwortungsvolle Frau seine Entscheidungen nicht von derlei Äußerlichkeiten abhängig –, aber es war so. Das Büroviertel sah einfach toll aus, und sie wollte dazugehören. Wobei das Gebäude, in der sie selbst arbeitete, zu den kleineren und bescheideneren des Viertels gehörte, aber das war egal.

Die Firmengebäude wurden nun kleiner – sie näherte sich dem Ende des Büroviertels. Das nicht exakt bestimmbar war, es gab kein Schild „hier endet die Bürostadt“. Aber man merkte, wenn man sie verlassen hatte. Die Häuser wurden unansehnlicher, ungepflegter, beliebiger; normaler, sozusagen. Katrin beschleunigte ihren Schritt, sie wollte noch einkaufen.

Der Download war glücklich durchgelaufen. Das Notebook hatte mit seinem WLAN-Empfänger all die unsichtbaren, durch die Luft fliegenden Bits und Bytes aufgesogen und in einer über 150 MB großen Installationsdatei abgespeichert.

Marcel prüfte seinen Akkustatus, nur noch 20%, die Installation sollte er wohl besser auf später verschieben. Was nun? Nach Hause gehen? nein… weiter Plakate anstarren? auch nein… das machte nur Spaß, wenn man es beiläufig tat, nicht geplant… tja… er verharrte einige Sekunden in einem diffusen Zustand der Unschlüssigkeit (der sich übrigens gar nicht so schlecht anfühlte). Abwesend registrierte er die Reste eines weiteren Plakats an der Mauer. Es war so zerfetzt, dass nichts Zusammenhängendes mehr zu erkennen war.  

Da fiel Marcel etwas ein, was ihm Peter erzählt hatte. Dafür würde der Akku wohl noch ausreichen. Er öffnete die Google-Webseite, tippte „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“ und drückte die ENTER-Taste.

–…und was habt ihr gegessen, war es lecker?
– Prima, Mami! Steak mit Pommes!

War ja klar.

– …und auch ein bißchen Salat?
– Ja, auch…
– Na gut…und denk dran, dass du diesmal nicht wieder deinen Schlüssel bei deinem Vater vergißt, ja?
– Ja, Mami!
– Also dann, Dennis, bis heute Abend!

Keine Grüße an den Vater. Dennis würde sowieso nicht daran denken…

– Ja bis heute Abend! Tschüss!

Er hatte es eilig, das Gespräch zu beenden. Thomas hatte wohl noch was Tolles in Aussicht gestellt. Vermutlich Fußball im Fernsehen. Nun, es gab Schlimmeres.

– Tschüss!

Telefonate mit Dennis waren immer etwas angestrengt und hölzern. Ob das allen Müttern so ging? Katrin ließ das Handy in ihre Jackentasche zurückgleiten. Sie war nun an der großen Kreuzung angekommen, wo die Ausfallstraße begann. Von Bürostadt war hier nichts mehr zu sehen – eine unentschlossene Zwischengegend. Ein paar Geschäfte, einige Wohnhäuser, dort hinten begann das Industriegebiet. Die Ampel war gerade rot geworden, und würde das lange bleiben. Katrin sah sich um, entdeckte keine Kinder und begab sich, verwegen zwischen diversen fahrenden Autos hindurch navigierend, auf die andere Straßenseite.

Er konnte nicht ausfindig machen, wovon Peter geschwärmt hatte. Eine Webseite mit Videos von abgewracketen Fabrikgebäuden, die von Geisterhand in moderne Bürohochhäuser mutierten? Waren die Suchbegriffe falsch? Nein, Marcel hatte sie sich genau gemerkt – das Thema hatte ihn fasziniert. Die Seite sollte unter den 10 ersten Hits zu finden sein, so Peter.

Tja, war sie aber nicht. Auch nicht unter den Treffern 11-20, genausowenig unter 21-30. Stattdessen war da, neben diversen Diskussionsthreads,  ein anderer seltsamer Link, aber Marcel verlor das Interesse und stand abrupt auf, plötzlich hatte er genug von dieser unwirtlichen Industriegegend. Er klappte das Notebook zu, packte es in seinen Rucksack und ging los – Richtung Innenstadt, zum Supermarkt.

Da war der Supermarkt, sie brauchte noch Brot, Obst und Waschpulver, vielleicht auch mal wieder eine neue Flasche Whiskey. Würde einiges zu tragen sein, aber sie hatte es ja nicht mehr weit.

Was wollte er kaufen? Richtig, Brot. Und Instant-Kaffee, der war fast alle. Vielleicht auch Bier. Genau, Bier, war auch alle.

– Das ist ja wohl der Hammer, haben die hier keine Augen im Kopf?
– Äh, reden Sie mit mir? Ich kann nichts dafür…
– Nein, mit mir selbst. Aber finden Sie DAS DA nicht auch krass?

Im Brotregal lag eine Packung geschnittenes Graubrot. Es war ganz deutlich verschimmelt.

Marcel schaute die Frau an, die direkt neben ihm stand. Dunkle Haare, Anfang vierzig; grüner Mantel, braune Schuhe. Nicht sonderlich attraktiv, eher unscheinbar, aber sie hatte was. Zum Beispiel Temperament, offensichtlich – im Moment ehrliche Entrüstung, gepaart mit Amüsiertheit.

– Doch, da haben Sie natürlich recht, ist schon krass…weiß nicht ob ich hier jetzt noch Brot kaufen soll…mir ist das zuerst nicht so aufgefallen, weil ich den ganzen Nachmittag auf eine Betonwand mit zerissenen Plakaten gestarrt habe…
– …und da haben Sie sich so an den Zustand der Verwesung gewöhnt, dass Ihnen DAS DA ganz normal vorkam? Da können Sie aber von Glück sagen, dass ICH Sie rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht habe.

Marcel mußte lachen.

– …und warum haben Sie eigentlich gesagt „ich kann nichts dafür“, wenn Sie gar nicht wußten, worum es ging?

Marcel mußte erneut lachen.

– Ist wohl ein Reflex von mir…Sie sind aber ganz schön schlagfertig…
– Tja, sorry, dabei kenne ich Sie gar nicht. Aber wenn wir schon dabei sind, was ist denn so interessant an dieser Betonwand? Reden Sie von der da hinten, von der Spedition?
– Genau, da sitze ich gerne…inspiriert mich irgendwie…außerdem kann ich das WLAN vom Cafe mitbenutzen und ein bisschen rumsurfen…
– Und was haben Sie im Netz gefunden?
– Tja, leider nicht das, wonach ich gesucht habe…
– Und wonach haben Sie gesucht? Verzeihung. Ich frage zu viel, oder?
– Nein, nein…aber es ist schwer zu erklären, wonach ich gesucht habe…etwas ziemlich Schräges…

Katrin lächelte.

– Jetzt haben Sie mich aber so richtig scharf gemacht. Etwas ziemlich Schräges? So schräg, dass Sie es nicht einmal in Worte fassen können?
– Genau…
– Dann müssen Sie es mir eben direkt zeigen. Haben Sie die Seite noch offen, auf Ihrem Notebook?
– Stimmt, ja…
– Dann lade ich Sie jetzt auf einen Kaffee ein, in Ihrem WLAN-Cafe. Ich meine, Sie wollen jetzt sicher kein Brot mehr kaufen, oder?
– Stimmt, aber ein paar andere Sachen…aber danach gerne…
– Ich auch. Wir treffen uns draussen, ok?

Sie erreichten die Kasse etwa gleichzeitig, vor ihnen noch ein paar andere Kunden. Aus den Augenwinkeln registrierte Marcel, was die Frau im Einkaufswagen hatte. Die Flasche sah aus wie Whiskey, konnte das sein? War er an eine Trinkerin geraten? Nein. Das war sie nicht, da war er sich sicher. Nun ja, er hatte ja auch sein Bier in seinem Wagen. Bei einem Mann allerdings eher normal, als Whiskey bei einer Frau. 

– Jedem das seine, hm?

Sie schien seine Gedanken erraten zu haben, oder sie hatte seinen Blick bemerkt.

– …zuhause habe ich gern mal einen Schluck von dem Zeug. Nicht sehr damenhaft, ich weiß…
– Nicht wirklich, aber paßt ja irgendwie…ich meine, wenn wir schon die ganze Zeit von Verwesung reden…
– Danke, sehr reizend!…

Nun grinsten beide.

– „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“…?

Katrin schmunzelte, und Marcel wurde etwas rot, riß sich aber zusammen und trank einen Schluck Kaffee.

– …Sind Sie am Ende so ein Gruftie?
– Genau…zuhause höre ich ausschließlich Industrial…
– „Industrial“?
– Ja, das ist so eine Hardcore-Musikrichtung, mit ganz viel schrägen Gitarrenklängen…
– Und das hören Sie ausschließlich? Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm.
– Höchstens ein bißchen…aber es ist schon was dran, mich fasziniert irgendwie das dreckige, abgewrackte, ruinierte. Neulich war ich mit Freunden auf einer Party in einer leerstehenden Fabrikhalle, ganz weit draußen da hinten.

Er deutete vage durch das Fenster in die fragliche Richtung.

– Stimmt, da habe ich etwas drüber gelesen…und, war es gut?
– Irgendwie schon…
– Sie sagen aber oft „irgendwie“.
– Anscheinend irgendwie schon…haben Sie ein Problem damit?

Er sah sie direkt an, in seinen Augen ein trotziges was-wollen-Sie-eigentlich-von-mir. Sie wich seinem Blick aus.

– Schon ok. Also, „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“. Und was hofften Sie damit zu finden?
– Eine Webseite mit Videos, hat mich ein Freund drauf aufmerksam gemacht. Da verwandeln sich alte Industrieanlagen irgendwie – sorry – in glitzernde Wolkenkratzer…
– Aha…?
– Ja, mehr weiß ich nicht…aber Peters Tipps sind meistens wert, dass man ihnen nachgeht…er hat mir diese Suchbegriffe mitgeteilt, aber leider ist die Seite damit nicht zu finden…
– Hm. Ist ja mysteriös…schade, das hätte mich auch interessiert. Verwandlungen sind immer spannend. Außerdem arbeite ich selbst in so einer Wolkenkratzergegend, hier in der Bürostadt…lustige Vorstellung, dass die alle aus Fabrikruinen entstanden sein könnten… Na ja, da müssen Sie Ihren Freund wohl noch mal fragen. Und was ist DAS?
– Was, DAS?
– Dieser komische Link hier, in der Mitte der Seite…mit dieser Adresse, die sich kein Mensch merken kann, scheint eine zufällige Buchstabenkombination zu sein…
– Ach, DAS. Ja das ist mir vorhin auch aufgefallen, aber dann wurde ich irgendwie abgelenkt.

Katrin sah ihn vorwurfsvoll an.

– Jetzt benutzen Sie dieses Wort aber extra andauernd! Wollen Sie mich ärgern?
– Nein, wirklich nicht, ist halt so in mir drin…
– OK. Lassen wir das Thema. Also, dann klicken Sie doch einfach mal auf diesen Link, oder haben Sie kein Netz mehr?
– Doch, aber mein Akku ist fast leer. Wir können ja mal versuchen, wie weit wir kommen.

Marcel öffnete den Link mit der kryptischen Adresse. Der Bildschirm wurde dunkelblau, und es erschien eine weiße Schrift:

calls from the other side

       – click2play –

Das „click2play“ blinkte, und Marcel klickte darauf. Der Text verschwand. Einige Zeit lang war nur das Dunkelblau zu sehen. Sie schauten sich fragend an, blickten dann wieder auf den Bildschirm. Dort geschah jedoch weiterhin nichts.

– Sehr interessant…
– Ja wirklich…
– Ist ein schönes Blau, aber…
– Was jetzt?
– Da!…

Aus dem Einheitsblau heraus entstanden pulsierende Strukturen: wechelnde  Abstufungen von Blautönen, durch scharfe Linien getrennt, allerdings ohne ein klar erkennbares Muster. Sie starrten eine Weile darauf.

– Sieht aus wie eine Qualle in der Ostsee…
– Finden Sie? Also ich erkenne da eher ein Spinnennetz, außer dass sich die nicht andauernd so verändern…
– Aber sehen Sie doch mal hier rechts oben, was ist das? Sieht aus wie so ein Schieberegler, versuchen Sie doch mal!…

Marcel bewegte den Mauszeiger zu besagtem Regler, einem kleinen, dem Windows-Lautstärkeregler ähnelndem Objekt. Sobald die Maus den Regler erreicht hatte, erschien ein kleiner Text:

town development speed

– Boah…dem Hinttext nach zu urteilen, ist das ein Stadtplan im Zeitraffer!…Wahnsinn…
– Dem WAS nach zu urteilen, bitte?
– Ach so, sorry…dem Hinttext nach. So nennt man diese Kurzinformationen, die man nur sieht, wenn man die Maus dorthin bewegt. Kennen Sie bestimmt aus den MS Office-Anwendungen wie Word, Excel…
– Ach, das. Aha, Hinttexte. Von Hint wie Hinweis?
– Genau. Durfte ich auch mal schreiben, für so eine Laborsoftware…Mistjob…aber gut bezahlt…
– Das klingt wie so ein typischer Studentennebenjob. Studieren sie?
– Korrekt. Arbeitswissenschaft…
– Sehr interessant. Da hätte ich einige Fragen dazu, doch lassen sie uns jetzt erst mal HIERZU zurückkehren.

Katrin deutete mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm.

– Also, Sie glauben, dass das eine Stadt im Zeitablauf darstellen soll?

Marcel antwortete nicht, sondern bewegte den Schieberegler mit der Maus bis ans linke Ende der Skala, bis der Text

town development frozen in time

erschien. Die pulsierenden Bewegungen hörten auf, der Bildschirm stagnierte – und was nun zu sehen war, ähnelte eindeutig einem kartographischen Grundriß, von was auch immer.

– Sie haben recht. Wenn die Rede von „town development“ ist, soll das vermutlich eine Stadt sein. Etwa UNSERE Stadt?
– Ich würde sagen, nein…paßt nicht…sieht anders aus…

Kurz darauf machte es „pssh“ und der Bildschirm wurde schwarz.

– Tja, das war’s…
– Schade, wurde gerade so richtig interessant…
– Stimmt…
– Haben Sie Ihr Ladekabel nicht mit?
– Leider nein…
– Na gut, dann müssen wir uns eben wieder treffen, hier, und Sie bringen ein Notebook mit einem frisch und voll geladenem Akku mit. Die Getränke übernehme dann wieder ich. Oder haben Sie einen besseren Vorschlag?

Der Raum, in dem sie saßen, war fast leer. Bis auf eine Frau nahe der Tür, die griesgrämig an die Wand starrte, war nur noch die Bedienung zu sehen. Draußen war es bereits dunkel, und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos warfen gespenstische Lichtreflexe auf die Innenwände des Cafes.  

Sie tauschten ihre Telefonnummern aus und verabredeten sich für nächste Woche. Calls from the other side were waiting for them.

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Maike, Nina

Sie saß in der Inwrought Bar,  an einem kleinen Tischchen nahe der Fensterfront, vor sich ein kleines Bier, und wartete.

Die Bar war seltsam dekoriert. An der Decke befanden sich Fischernetze, gespickt mit Plastikfischen und Plastikkorallen, und im Kontrast zu dieser maritimen Pracht hingen düstere Schwarz-Weiß-Fotos von irgendwelchen Schrottplätzen und Autofriedhöfen an den Wänden, als ob hier zwei verschiedene Personen ohne jegliche Absprache tätig gewesen seien. Das einzige verbindende Element war die gemeinsame Farbe der Wände und der Fischernetze: hellgelb. Maike versuchte zu identifizieren, ob sie zumindest einen oder zwei der Schrottplätze in der Stadt schon mal gesehen hatte, blieb aber erfolglos. Eher kam ihr das über der Theke angebrachte Wüstenfoto bekannt vor, aber was hieß das schon, schließlich sahen alle Wüsten gleich aus, oder?

Maike überlegte, ob dieses Ambiente vielleicht etwas mit dem Namen der Bar zu tun haben könnte. Im Internet hatte sie dazu folgendes gefunden:

Inwrought: Having a decorative pattern worked or woven in.

Das konnte jetzt zweierlei bedeuten: Entweder war die Dekoration inwrought in die Bar, oder die Bar selbst war inwrought in ihre nähere Umgebung.

Oder beides.

Oder es bedeutete etwas völlig anderes.

In der Ecke stand ein Internet-Terminal, davor ein blauer Plastikstuhl. Auf dem Monitor bewegte sich etwas Buntes langsam von links nach rechts, vermutlich lief der Bildschirmschoner, doch aus der Ferne konnte Maike nicht genau erkennen, was das Bunte war. Etwas drehte sich darin, von weitem erinnerte das bunte Objekt Maike vage an eine Windmühle, aber das ergab nicht viel Sinn. Maike hätte hinübergehen können, um genauer nachzusehen, blieb aber sitzen und trank stattdessen einen Schluck.

Wo war Nina? Normalerweise war die ziemlich pünktlich…

Maike hatte das seltsame Gefühl, dass alle anderen Besucher der Bar Stammgäste waren – nur sie nicht. Was ja eigentlich nicht sein konnte, dies war doch eine Neueröffnung, oder war die Bar von woanders umgezogen und hatte die Leute sozusagen mitgebracht? Der mittelgroße Raum war ganz gut gefüllt, außer ihr vielleicht 20 weitere Personen, die sich alle zu benehmen schienen, als ob sie schon jahrelang hierher kämen. Sie konnte das an keinem speziellen Detail festmachen, es war eher das vertraute, selbstsichere Benehmen. Nun, zumindest würde sie gleich nicht mehr die einzige Außenseiterin hier sein – vorausgesetzt, Nina kam irgendwann noch.

Maike und Nina war zusammen aufs Gymnasium gegangen, danach hatten sich ihre Wege getrennt: Während Maike ihren Philosophieversuch startete, war Nina zu einem Industrieunternehmen gegangen, hatte sich dort hochgearbeitet und war nun Assistentin der Geschäftsleitung. Insgesamt verstanden sie sich sehr gut, außer dass da mal eine kleine Meinungsverschiedenheit um denselben Jungen gab, aber das war lang genug her. Derzeit lebte Nina in einer relativ festen und anscheinend auch glücklichen Beziehung – während Maike nicht wusste, was sie wollte.

Das Thema ist heute auf der Blacklist, sagte sie zu sich selbst. Lieber über Filme reden…notfalls auch Mode…

– Noch eins?

Upps, da war das Bier schon alle. Das kam von der Warterei.

– Nee, danke, aber ich hab eine Frage…warum heißt das hier „Inwrought Bar“?
– Sorry, weiß ich auch nicht…komisch, was? Müsste ich Tomscheid fragen, aber der ist heute nicht da…
– Tomscheid?
– Ja, das ist der Besitzer…sorry, muss weitermachen…
– Ja klar, danke…

Das Mädchen, das jünger aussah, als Maike war – vielleicht Anfang/Mitte zwanzig – ging zum Nebentisch, an dem eine Runde Kartenspieler saß. Sah aus wie Doppelkopf. Maike schielte in die Karten, ja, ganz links hatte jemand eine Herz-Zehn hingesteckt, eindeutig Doppelkopf. Das hatte Maike früher oft gespielt, mit Leuten von der Uni. Wäre mal wieder schön, vielleicht kriegte sie die Leute noch zusammen? Nein, die waren sicher in alle Winde verstreut…so war das halt…

War schade, aber irgendwie auch ok…nichts ist für die Ewigkeit…

– Buh!

Maike erschrak furchtbar, dann lachte sie.

– Hi Nina! War was?
– Ja, ich habe mich hinter der Säule versteckt und gewartet, bis du wieder deinen geistesabwesenden Maike-ist-in-Gedanken-Blick drauf hattest…
– Sehr witzig!
– Aber das ist wirklich so, du müsstest dich mal auf Video sehen…Spaß beiseite, Markus musste mir unbedingt noch was im Web zeigen. Er surft so viel rum…

Während sie das sagte, blickte Nina vielsagend zur Decke. Ihr modisch-blonder Kurzhaarschnitt bildete einen interessanten farblichen Kontrast zu den blauen Fischernetzen an der Decke.

–…und definiert sich darüber, dass er so toll Bescheid weiß? 
– Du hast es erfasst…da muss man behutsam mit umgehen. Ich hab mal einen Spruch gebracht, irgendwas mit „weltfremd“…das kam gar nicht gut…
– Er könnte ja mal herausfinden, warum dieser Laden „Inwrought Bar“ heisst. Die Bedienung wusste es auch nicht.
– Hey, gut! Das ist doch mal ein klarer Auftrag. Macht er bestimmt gerne. So, und du wartest schon ganz lange?
– Na ja, geht so…schon ok…

Sie unterhielten sich über dieses und jenes, bis Nina fragte:

– Sag mal, was ist das eigentlich für ein komisches buntes Teil?

Maike hatte keine Ahnung, wovon Nina redete.

– Äh…was für’n TEIL?
– Na da hinten, auf diesem Bildschirm da in der Ecke…
– Ach, DAS. Ja das hab ich mich auch gefragt, wollte schon hingehen, aber dann war es mir irgendwie nicht wichtig genug…
– Stimmt, ist nicht so wichtig, es gibt ja die kuriosesten Bildschirmschoner…Markus hat was ziemlich abgefahrenes, rate mal!
– Wie soll ich das denn bitte erraten?
– Hast recht…also, zuerst, wenn der startet, ist alles dunkel. übrigens, der Typ da an der Theke, wär das nicht deine Kragenweite?

Maike schwieg und schoss einen Blick ab.

– Bin ja schon still…also, zurück zu diesem Bildschirmschoner. Am Anfang ist alles dunkel, und dann verwandeln sich andauernd Dinge ineinander, das geht so: Man sieht einen Kaffeebecher, da wird Kaffee reingegossen, und durch das Eingießen verwandelt sich der Becher in einen Stuhl. Da setzt sich jemand drauf, und dadurch verwandelt sich der Stuhl in einen Regenschirm, jemand spannt ihn auf, und dadurch…
– Ok, habe das Prinzip jetzt glaub’ ich verstanden: “…und dadurch verwandelt sich der Regenschirm in Schlagmichtot, und mit Schlagmichtot wird irgendwas gemacht, und dadurch verwandelt sich Schlagmichtot in Hastenichgesehn, und…“
– Ja, aber das ist echt cool, geht immer so weiter, und wiederholt sich nicht…

„Cool“. Da war es wieder.

– Hast du dir eigentlich mal Gedanken gemacht, was es bedeutet, wenn man „cool“ sagt?
– Was? Nein, dafür bist du doch zuständig…sag es mir!
– Ja, ich hab da neulich tierisch dran überlegt, aber bin zu keinem Ergebnis gekommen…
– Hast ja noch Zeit. Also jedenfalls, der Bildschirmschoner ist aber WIRKLICH cool. Musst du die mal anschauen bei uns. Übrigens, ich finde, das Teil sieht aus wie so’n Motor.
– Welches TEIL, bitte?

Nina seufzte.

– Na da hinten auf dem Monitor, haben wir da nicht eben drüber geredet?
– Woher soll ich das denn wissen, wovon du gerade redest, eben warst du bei deinem Bildschirmschoner. Außerdem finde ICH, das sieht eher aus wie eine Windmühle.
– Eine WINDMÜHLE? Nie im Leben…
– Um was wetten wir? Motor gegen Windmühle.
– Ein Kinobesuch?
– Angenommen!
– Ja, dann müssen wir wohl mal hingehen…

Sie waren schon aufgestanden, da kam die Bedienung auf dem Rückweg zur Theke versehentlich gegen den Plastikstuhl, dieser rempelte leicht gegen den Tisch, und diese über die Maus wahrgenommene Erschütterung besagte dem PC, den Bildschirmschoner zu beenden. Man erkannte den Windows-Desktop. Maike fluchte:

– So ein Mist, die dumme Kuh…
– Nicht so laut! Außerdem, da kann sie doch wohl nichts zu…
– Ja, aber ich hab kein Bock jetzt 10 Min zu warten bis der Bildschirmschoner wieder angeht.
– Vielleicht können wir die Einstellung auf 1 Min ändern?
– Da brauch man bestimmt Admin-Rechte für…

Sie setzten sich wieder hin und redeten über ihre Arbeit. Die Unterhaltung verlief etwas stockend, da beide immer wieder aus dem Augenwinkel auf den Monitor schielten. Eine kleine Unendlichkeit verging, und – da! – das bunte Objekt war wieder zu sehen. Wie aus der Pistole geschossen standen beide auf und tänzelten auf Zehenspitzen durch den Raum zum Monitor – was seltsam aussah, jedoch von den anderen Gästen kaum zur Kenntnis genommen wurde. Dann waren sie angekommen und nahmen das Objekt in Augenschein, das gerade eine neue horizontale Reise von links nach rechts begonnen hatte. Sie schauten eine Weile, schauten sich an, schauten wieder auf den Monitor. Nina ergriff zuerst das Wort.

– Also ich würde sagen, wir können uns gegenseitig einladen…

Das Objekt ähnelte nichts bekanntem, weder war es eine Windmühle, noch ein Motor. Es war einfach nur eine geordnete Ansammlung von Pixeln, innerhalb derer eine drehende Bewegung sichtbar war.

– Hast du genug gesehen? Ich möchte nachschauen wie der Bildschirmschoner heißt, das müsste doch auch ohne Admin-Rechte gehen.

Maike reagierte nicht und starrte weiter auf den Monitor.

– Huhu, Erde an Maike, HAST DU GENUG GESEHEN?
– Äh…ja, ich werd da nicht draus klug. Ja, schau mal nach.

Nina öffnete die Systemsteuerung und die Anzeige-Einstellungen, aktivierte den Reiter „Bildschirmschoner“, und da stand:

calls from the other side

– Aha, jetzt sind wir klüger…das sagt dir doch sicher was, meine Philosophieexpertin?
– Nicht wirklich…erinnert mich nur an was, irgend so ein alter Rocksong…
– Von wem?
– Weiß nicht…geht auch irgendwie anders…
– Nun, vielleicht fällt es dir ja noch ein. Ich würde sagen, wir gehen zurück, oder?

Sie setzten sich wieder an ihren Tisch.

– Dann hast du jetzt schon zwei Aufgaben: 1. „cool“, 2. der Rocksong. Wann bekomme ich deinen Rapport?

Maike straffte sich.

– Zu Befehl, Frau Geschäftsführerin! Also, ich würde sagen, vielleicht in einer Woche, wieder hier?
– Das ist akzeptiert. Brauchen Sie dafür noch Informationen oder sonstige Anweisungen?
– Ja…! Hilfreich, Frau Geschäftsführerin, wäre zu erfahren, warum diese Bar „Inwrought Bar“ heißt.
– Da haben Sie recht…das hatten wir ja schon besprochen. Nun, ich werde unser Rechercheteam dafür einsetzen. Schön, dann ist ja alles organisiert. Darf ich Sie zur Feier des Tages noch auf einen Sekt einladen? Ein Sekt from the other side?
– Istdsallsabsurdkrrmchh…

Maikes Antwort war unverständlich, da sie zu kichern anfing, und nicht mehr aufhörte.

– Dasissnschlagmichtothihihihihi…

Nina schüttelte den Kopf und musste dann mitlachen. Die Doppelkopfspieler schmunzelten ebenfalls, einer fing an, eine lustige Geschichte zu erzählen. Nachdem das Gelächter abgeklungen war, wurde der Sekt bestellt, und der Rest des Abends verlief ohne besondere Vorkommnisse.

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Katrin

Sie saß in ihrem Lieblingssessel, die Beine hochgelegt, und hörte Free Jazz. Bei dieser Art Musik konnte sie sich, trotz des unruhigen Charakters und der disharmonischen Tonfolgen, am besten entspannen. Ihr Gehirn, gleichermaßen unruhig, fand in der Wahrnehmung der verstreuten Noten eine angemessene und fordernde Beschäftigung und vergaß all die Dinge, die ihr eben noch durch den Kopf gegangen waren: Die Arbeit, BUYOL, die Telefonkonferenz, all die unerledigten Aufgaben, der Stress mit Thomas um die immer noch nicht abgeschlossene Scheidung, Dennis‘ anstehender Geburtstag…

Sie war allein in der Wohnung, Dennis war bei Thomas, zumindest das funktionierte, glücklicherweise.

Ihr Kopf leerte sich und wurde wieder aufnahmefähig für das Hier und Jetzt. Als wäre sie zum ersten Mal in dieser Wohnung, registrierte sie erstaunt die ungewöhnliche Konstellation der Bilder an der Wand: Ein Monet mit einer friedlichen Flusslandschaft, ein Schwarzweißfoto einer düsteren Hafengegend, verschiedene abstrakte Miniaturen in rot und schwarz, von wem hatte sie vergessen, und das in Pop-Art-Manier stilisierte Porträt von Juliette Binoche. Auf dem Tisch das Whiskeyglas, nicht sehr damenhaft, außer sich selbst kannte sie keine Frau, die das Zeug gerne trank. Das war ihr allerdings relativ egal, Katrin gab nicht viel auf Konventionen. Im Gegenteil, sie liebte die Verblüffung der anderen, wenn sie im Restaurant oder in der Bar einen Single Malt bestellte.

Single Malt…Single…nun war sie auch wieder Single, wenn man das so sagen konnte. Oder zählte man als allein erziehende Mutter nicht dazu? Wie auch immer. Eigentlich müsste sie solche freien Abende nutzen und ausgehen, aber sie verspürte nicht die geringste Lust dazu. Abhängen und Musik hören war schöner…sie hatte ja noch Zeit…Zeit, die Wohnung umzugestalten…kein Streit mehr um Bilder…bunte Wände…da konnte so schön aussehen, wie im Haus ihrer Freundin Steffi, grün und orange…ja…

  Katrins Gedanken und Erinnerungen kreisten assoziativ herum, Angelpunkt war ihre Wohnungseinrichtung, vom Whiskeyglas zum Ausgehen, vom Schreibtisch zu BUYOL (und schnell wieder zurück), vom Binoche-Porträt zum Film „Chocolat“, von der Zeitung zur Steuerdebatte, kurz zur anstehenden Steuererklärung, und zurück, von diversen Buchrücken zu ihren Inhalten, und so weiter.

Die Gedanken kreisten nun immer langsamer. Katrin genoss dieses Gefühl, es war wie eine Roulettekugel am Ende ihrer Laufbahn, wo würde sie liegen bleiben ?

Schrank…Tisch…Bild…Tür…Bett…

23…16…7…26…0…

Sie schlief ein, und träumte von einer Wüste. Die Wüste war verlassen und leer, sandig und steinig, die Luft flimmerte vor Hitze, und irgendetwas war dort, das Energie produzierte.

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Marcel

Sein Arm tastete nach rechts, suchte den warmen Körper, doch Silvia war schon aufgestanden. Warum das, ihm schien es noch tiefe Nacht, aber das Schlafzimmer war so dunkel gelegen, dass man den Tag nicht von der Nacht unterscheiden konnte. Er lehnte sich hinüber und schaute auf den Wecker. 12 Uhr. Ach ja, diese Prüfung. Er bewunderte Silvia für ihre Energie, davon hätte er selbst gerne mehr gehabt, oder genauer gesagt, mehr Kontrolle darüber.

Wann waren sie ins Bett gekommen, musste gegen 5 Uhr gewesen sein, nach der endlosen Fahrt durch das Industriegebiet, an die sich Marcel kaum noch erinnern konnte, außer dass da irgendwas mit Baggern war.

Die Tür stand einen Spalt auf, wie Marcel nun wahrnahm. Das Tageslicht projizierte einen hellen Streifen auf die Inneneinrichtung des Schlafzimmers, beginnend mit dem Fußboden, ein heller Weg durch das Meer der hellblauen Auslegeware, dann der Stuhl mit den unordentlich aufgeschichteten Kleidungsstücken, obenauf Silvias Söckchen, nur eines, plötzlich bekam er wieder Lust auf sie, wie das bloß funktionierte. Ihm kam in den Sinn, nackt ins Wohnzimmer zu stürmen und Silvia ins Bett zu zerren, doch setzte er dieses Vorhaben nicht in die Tat um, sondern starrte weiter ins Halbdunkel. Der Lichtstreifen nahm seine Fortsetzung über die Bettdecke mit dem Wolkenmuster und verlor sich irgendwo auf dem Kopfkissen.

Er drehte sich zum Fenster, zog die Vorhänge auf, lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus.

Der Himmel war wolkenverhangen und warf spärliches Licht auf den Hinterhof. Es hatte geregnet, der Asphalt war noch dunkel von der Nässe, vereinzelt waren Pfützen zu sehen. Die zahlreichen Fahrräder unter dem Wellblechdach schienen gemeinsam auf besseres Wetter zu warten, bis auf eines, das mutig am Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück lehnte, hatte wohl jemand in Eile dort angelehnt und dann vergessen. Hoffentlich würde es noch da sein, wenn der Besitzer wiederkam.

Wobei, in diesen Hinterhof kam eigentlich nie jemand, der hier nicht wohnte. Die Hoftür war zwar selten verschlossen, aber meistens zu, um nicht die Aufmerksamkeit von Gelegenheitsdieben zu wecken. Was Marcel schon oft gestört hatte – wenn man angeradelt kam, musste man absteigen, die Tür öffnen und den Rest schieben, das war ineffizient. Nun, es gab Schlimmeres im Leben, zumindest diente es der Sicherheit.

Im Moment, wie Marcel nun auffiel, war die Tür allerdings auf. Das war ungewöhnlich, kam aber vor. Dann sah er den Grund: Im Hof lag Baumaterial herum, einige Holzbretter und Säcke, richtig, da hinten wollten die ja einen Sandkasten hinsetzen. Vielleicht erklärte sich dadurch auch das unangeschlossene Fahrrad? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht – wie Marcel bewusst war, neigen Menschen zu sehr dazu, Dinge kausal zu verknüpfen, um die Welt einfacher erscheinen zu lassen.

Marcel versuchte, sein eigenes Fahrrad im Gewirr der Rahmen und Lenker unter dem Wellblechdach zu identifizieren. Seine Augen suchten den blauen Lenker, das war noch das Auffälligste an dem Rad, aber er war zu hoch, aus dem dritten Stock betrachtet vermischten sich die vielen Fahrräder zu einem pointilistischen Tupfengemälde, zudem war er noch nicht ganz klar im Kopf. Er lockerte seinen Blick und ließ die Gesamtszenerie auf sich wirken.

Die Fahrräder: die Ansammlung unterm Wellblechdach, und das einzelne, vergessene.

Der Asphalt und die Pfützen.

Die Balkone der Hausfront gegenüber, hellgelb gestrichen, mit den verschiedensten Blumenkästen bestückt.     

Die kleine Rasenfläche mit der Holzbank und dem Holztisch.

Die drei Garagentore.

Das Hoftor: offen.

Die Holzbretter und die Säcke.

Das war alles – kein Mensch zu sehen.

Stille.

Leere.

Prall aus dem Leben, dachte Marcel. Er hatte das Gefühl, etwas ungemein Fundamentales vor sich zu sehen, den Kern der Existenz schlechthin, hätte dies aber niemandem erklären können. So schaute er einfach, wollte den Blick nicht mehr abwenden, und eine unerwartete, ruhige Harmonie breitete sich in ihm aus, schön nach der anstrengenden Nacht im Industriegebiet. Er fühlte sich eins mit dem Hinterhof, akzeptierte ihn so, wie er war. Und der Hinterhof akzeptierte ihn, das fühlte er.

Dann riss Marcel sich los, zog sich an und ging in die Küche. Er rief über den Flur:

– Auch ’nen Kaffee ?
– Nee danke, hatte schon genug, sonst fang ich an zu zittern…

Also machte er sich nur einen Becher, mit dem Instantkaffee, seine Freunde konnten nie verstehen wie er das Zeug trinken konnte, aber für ihn war das ok, und so schön praktisch. Er machte Wasser heiß, gab einen gut gehäuften Löffel in den Becher und goss das kochende Wasser darüber. Dann etwas Milch, gerade so viel dass man den Kaffee gut trinken konnte, aber noch nicht lauwarm wurde, das hasste er.

Marcel stellte sich ans Küchenfenster und sah hinaus, den Kaffeebecher in der Hand. Von hier aus sah man auch in den Hinterhof, aber einen etwas anderen Ausschnitt, die Garagen waren nicht zu sehen, dafür die Balkonfront des Nebenhauses, und im Hintergrund die Kräne des nahe gelegenen Hafengebietes. Durch den Kaffee wurde er langsam wach. Er suchte das harmonische, ruhige Gefühl in sich, das von vorhin, doch es war weg, so war das eben.

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kurzblick

Wenn dieser text nicht gut sein sollte, dann habe ich zumindest eine ausrede: er wurde ohne jeglichen weitblick verfasst. Ich sitze in einem cafe irgendwo in mitte, wo weiss ich nicht. muss ich nicht wissen, ich bin schliesslich tourist. es ist montag, der 21. Februar 2010, 17 uhr, und ich habe gerade erst im internet den hinweis auf diese lesebuehne gesehen. Anscheinend kann da jeder was vortragen. Jeder. Umpf. Ich auch ? Ich habe so was noch nie gemacht. Aber mein smartphone hat doch diese tolle tastatur, wofuer habe ich die denn sonst.

Noch drei stunden. Das ist im grunde viel zeit, unter druck entstehen bekanntlich die besten texte. Ob das aber auch fuer diesen gilt ? Na ja, wahrscheinlich gibt es sowieso genug andere, die was vortragen wollen. Wahrscheinlich komme ich gar nicht dran. Hoffentlich nicht.

Nun, anscheinend bin ich doch drangekommen, ansonsten wuerde ich ja gar nicht bis zu diesem satz gekommen sein.

Aehm, ich meine, es wuerde diesen satz ja sonst gar nicht geben.

Oder genauer gesagt, er wuerde nicht gesprochen worden sein.

Gesprochen werden ?

Gehoert worden sein ?

Die situation ist irgendwie schon paradox. Existiert der satz nur dann erst, wenn ich ihn hier und jetzt, ich meine heute abend, ausspreche ? Aber geschrieben ist er doch in jedem fall, naemlich jetzt, waehrend ich dieses schreibe ? Aber wann ist jetzt ? Oder wann wird jetzt gewesen sein ? Zurück in die zukunft ? Livin in the past ?

bevor ich mich vollstaendig verrenne, komme ich besser zum thema zurueck. Genau: weitblick. Das ist zumindest ein thema, von dem ich meine, etwas damit anfangen zu koennen.

Wenn ich richtig informiert bin, ist beim naechsten mal hier das thema: „auf dem nachttisch“. Da haette ich absolut nichts dazu zu sagen. ich habe nicht mal einen.

Irgendwann letztes jahr gab es hier „sex oder liebe“. Ohgottogottogott. Da haette ich mich huebsch herausgehalten. Wie war das denn, war jemand der anwesenden damals auch da ? Gab es Beziehungskrisen ? Eifersuchtsdramen ? wilde orgien ?

Anmerkung: an dieser stelle flexibel mit etwaigen bemerkungen aus dem auditorium umgehen. Sofern es welche geben sollte. habe ich versucht.

Aber weitblick,das gefaellt mir schon besser. So schoen unverfaenglich, und offen zugleich. Einfach wunderbar. Ich frage mich, wie diese themenstichwoerter zustandekommen. Macht sich da jemand intensiv gedanken ? Wird erbittert diskutiert ? Abgestimmt ? Oder wird vielleicht einfach nur die letzte scrabble-runde abgearbeitet ? Egal.

Mir faellt gerade auf, dass ich jetzt schon eine gewisse zeit schreibe, ich meine rede, und immer noch nichts zum thema an sich gesagt habe. Und dabei habe ich mich so gebruestet, das sei voll mein thema, und wie toll ausgewaehlt von den veranstaltern. Da muss jetzt natuerlich was kommen.

So ein pech aber auch ! Es tut mich furchtbar leid, aber Der akku wird leer. und so kommt dieser text zu einem aprupten ende. Was fuer ein jammer. Gerade flogen mir die gedankenketten nur so zu, ich war dabei, alles und jeden auf dieser welt in kuehnem bogen zu verbinden, von der planung der naechsten woche bis zur quintessenz der menschlichen existenz. Die leute wuerden nach hause gehen und sagen, wow.  der sinn des lebens endlich erklaert.

Tja.

So komme ich nun nicht mal annaehernd auf 10 minuten. Ob ich jetzt aerger kriege ? Weil der ablauf total aus den fugen geraten ist ? Hey leute, relax, cool. Ich wasche ja schon die teller. Wobei, ob ich jetzt noch bis 20 uhr eine steckdose zum laden finde, ist ja sowieso ungewiss.

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Marcel

Der DJ legte nun was Schnelleres auf, und es ging richtig ab. Eine wogende, synchrone Masse von Menschen bewegte sich rhythmisch zuckend über den Betonboden, der in dunkelgrünes Licht getaucht war. Wie eine Zeitrafferaufnahme von Baggern auf einer nächtlichen Großbaustelle, dachte Marcel. Wie kam er bloß darauf?

Der Rhythmus war hart und gnadenlos – die Tanzenden mussten ihm folgen oder aufhören.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Interessant war, die zufälligen Zusammenballungen der Menschenmasse zu beobachten. Die Dichte war nie überall gleich. Im Durchschnitt betrug sie vielleicht 2,5 Menschen / Quadratmeter, doch gab es Häufungspunkte, wo die Dichte weitaus höher war, bis zu über 5, und dann wieder vollkommen leere Stellen. Manchmal lag das daran, dass die Leute sich kannten, ein paar Blicke oder Worte wechselten und dann natürlich enger beisammen tanzten – doch ebenso oft gab es zufällige Zusammenballungen. Diese hielten aber nie lange vor, sondern lösten sich ebenso schnell, wie sie entstanden waren, wieder auf.

Die riesigen Strahler, die an diversen Steigleitern, Rohren und herabhängenden Ketten der stillgelegten Fabrikhalle befestigt waren, wechselten nun auf rotes Licht. Passend dazu wurden der Beat noch etwas schneller und die Tanzenden noch etwas ekstatischer. Niemand dachte mehr darüber nach, wie er sich bewegte und ob das vielleicht lächerlich aussah – Gedanken wie man sie sich vielleicht noch macht, wenn die Party gerade erst losgegangen ist. In einem Mechanismus des Selbstschutzes, um heftige Zusammenstöße zu vermeiden, zog sich die Masse nun weiter auseinander und besetzte neue, bislang unbetanzte Areale der Halle. Die durchschnittliche Dichte (Tänzer / m2) lag nun deutlich unter 2, doch noch immer gab es die zufälligen Zusammenballungen mit Dichten bis über 3.

Marcel tanzte nicht, er hatte für heute genug. Er lehnte an dem Geländer, das als provisorische Theke diente, nippte an seinem Bier und fragte sich, wie lange sich Silvia das heute Nacht noch geben wollte. Er wurde langsam müde, aber Silvia sah alles andere als müde aus: Wild wirbelte sie durch die Gegend, mit sonderbaren, rudernden Bewegungen, in den Augen ein irres Leuchten, obwohl sie keinerlei Drogen genommen hatte. Er lehnte sich zu dem Pärchen rechts neben ihm hinüber.

– Und, macht ihr noch lange?
– Was?

Marcel hasste das – immer musste man hier so schreien.

– UND, MACHT IHR NOCH LANGE?
– WEISS NICHT, UND IHR?
– WEISS AUCH NICHT, KANN SILVIA IM MOMENT NICHT FRAGEN!
– IS KLAR…

…und die Unterhaltung war erst mal wieder beendet. Er lehnte sich zurück und fühlte sich wie unter Wasser, in einem Meer von Noten.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Nach einiger Zeit rief Peter, der Typ vom Pärchen, herüber:

– GÜLPG WURST HAM WIR NIE ANHOHN, ODER? VOLLE KURSIG!
– JA GENAU, FINDE ICH AUCH!
– COLLR GRUFT, OD?? WSS FEHM DEES?

Das schien eine Frage zu sein. Marcel nickte ihm heftig zustimmend zu, blieb aber sitzen. Peter insistierte:

– WSS FEHM DEES???

Nun musste Marcel sich doch wieder hinüberbeugen.

– ENTSCHULDIGUNG, KANNSTE DAS NOCHMAL SAGEN?
– SIEHSTE, DU HAST MICH GAR NICHT VERSTANDEN UND NICKST EINFACH NUR! NICHT SEHR HÖFLICH!
– MANN, SAG ES EINFACH NOCH MAL!!
– ICH HABE GEFRAGT, OB DU WEISST VON WEM DIESES STÜCK IST!

Ok, zugegeben, darauf war Nicken keine ausreichende Antwort gewesen.

– TUT MIR LEID, WEISS ICH NICHT…
– SCHON OK!

Damit war das geklärt, und der Groove kam wieder zu seinem Recht. Irgendwas in der Halle dröhnte mit, vielleicht eine lockere Schraube, womöglich würde bald die ganze Halle über ihnen zusammenbrechen, in der Zeitung würde stehen: – Tragisches Unglück…einsturzgefährdete Halle im Industriegebiet für Party missbraucht…allen Warnungen zum Trotz…Tote bislang nur teilweise identifiziert…. Die Trauer in der Bevölkerung würde ihre Grenzen haben.

Das Nebengeräusch passte gut zur Musik, offensichtlich eine bestimmte Frequenz am Ende jedes Taktes, die seitens der Schraube (?) zu einem blechernen – wrrrm führte. Sollte man den Produzenten mal mitteilen, die investierten doch Tausende in die besten Sounds.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

Einer der Strahler leuchtete Marcel genau ins Gesicht. Wenn er in diese Richtung schaute, sah er nur schwarze zuckende Konturen auf der Tanzfläche, die sich bewegten, aufeinander zu bewegten, miteinander verschmolzen und sich wieder zerteilten. Kurzzeitig hatte er die Vision, die schwarzen Berge würden immer größer werden und ihn schließlich überwältigen, in sich aufsaugen und atomisieren.

Marcel hatte keine Lust zu tanzen, keine Lust sich zu unterhalten, getrunken hatte er auch genug, und Silvia war weit weg, bildlich gesprochen. Er fühlte sich verloren, doch da rettete ihn der DJ mit einem seiner Lieblingsstücke. Also gut, sagte er sich, this night a DJ saved his life, machte ein paar Schritte vorwärts und überließ sich dem House-Rhythmus.

blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

So langsam kehrten seine Lebensgeister zurück, es war angenehm, unter dem Diktat des Rhythmus den Kopf abzuschalten, abschalten zu müssen. Etwas kickte ihn an, er fühlte irgendwo im Kopf ein starkes Vibrieren, es wurde schneller, immer schneller. Verdammt, war das geil.

Obwohl er sich schnell bewegte, sah er die Dinge mit seltener Klarheit, dort die Rohre, dort die Leitern, die Menschen, die Masse, da Silvia, da das interessante Mädchen mit dem Pferdeschwanz, dort das Licht, DAS ROTE LICHT, jetzt war es plötzlich wieder GRÜN, der DJ machte das echt gut, nur nicht zu schnell drehen, immer die Kontrolle behalten. Sein Körper produzierte die Bewegungen von selbst, es war keinerlei Willensanstrengung mehr erforderlich, viel schwieriger wäre es gewesen, die Bewegungen zu stoppen.

Einige Stunden später, der Morgen graute schon, saßen die vier im Auto und fuhren durch das Industriegebiet. Am Steuer saß Peter, Marcel auf dem Beifahrersitz, die beiden Frauen schliefen hinten. Sie fuhren an einer Freifläche vorbei, ein Einschnitt zwischen unzähligen Fabrikhallen und LKWs, auf der Freifläche standen einige Bagger herum, und Marcel wurde an seine seltsame Assoziation erinnert.

– Also heute Nacht kam ich mir so vor, als wäre ich auf einer Baustelle und alle Menschen sind Bagger, kannste das nachvollziehen?
– Äh…nicht wirklich…tut mir leid…

Das Fabrikgebäude, an dem sie nun vorbeifuhren, hatte sehr viele Schornsteine, hier wurde wohl etwas produziert. Marcel hatte keine Ahnung, was das sein könnte, stattdessen zählte er die Schornsteine: Vorne 4…in der Mitte auch 4, nein, 6, 8…hinten noch mal 4, macht 16. Aus keinem der Schornsteine kam Rauch, wohl auch schon stillgelegt, wie so vieles hier. Was man auch daran sah, dass kein Betrieb herrschte und keine Menschen zu sehen waren. Ach ja, es war ja erst 4:30, voreiliger Schluss.

Marcel schlief ein…und wachte von einem Stoß wieder auf. Die Straße war in einem schlechten Zustand, ähnlich seinem Kopf. Peter war wacher, war ja auch gut so.

Nun wieder Lagerhallen, zwölf ähnlich aussehende Hallen, durch das einheitliche Logo einer bekannten Spedition als zusammengehörig kenntlich gemacht. Marcel kannte diese Spedition, da hatte er auch mal gejobbt. War leichte Arbeit und ganz gut bezahlt, immerhin 15 EURO/h, und das für einfach nur die ganze Zeit mit dem Hubwagen herumlaufen und Paletten von A nach B ziehen. Der Sinn dieser Beförderungen war ihm nicht vollständig klar geworden, aber das war ja auch nicht sein Problem, vielleicht einfach schlechte Organisation.

Dann ein paar Kräne, offensichtlich temporär geparkt auf einem Platz, vielleicht nur auf der Durchreise zu ihrem nächsten Einsatz, vielleicht der Bau eines Hochhauses in der City.

– Äh…was meintest du eben noch mit den Baggern?
– Hä? Das sind doch Kräne, keine Bagger.
– Ja is klar, aber du hast doch vorhin was von Baggern erzählt!
– Ich? Von Baggern? Meinst du vielleicht anbaggern? Hat jemand Katja angebaggert, oder was?
– Du musst wirklich ins Bett.
– DAS stimmt.

Marcel konnte sich wirklich nicht erinnern, er war fertig. Sie fuhren eine Zeit, dann fragte Peter:

– Und sonst, im Studium alles ok?
– Ja, läuft ganz gut. Endlich ist Mathe für mich erledigt!

Marcel hatte eigentlich keinerlei Lust auf eine Unterhaltung, riss sich aber zusammen. Man soll ja immer mit den Fahrern sprechen, damit sie nicht einschlafen.

– Brauchst du das nicht mehr?
– Schon, aber nur noch anwendend…nicht mehr dieser abstrakte Theoriekram, den eh niemand braucht…außerdem bei meiner Spezialisierung sowieso wenig.
– Was war das noch?
– Arbeitswissenschaft.
– Du hast es mir bestimmt schon mal erklärt, worum geht das da? Wie man am besten arbeitet?
– Sehr witzig. Obwohl, so ganz falsch ist das nicht…Arbeitsplatzergonomie, Arbeitsschutz und so…
– Klingt sehr aufregend!
– Ja, hack nur auf meinem wunden Punkt rum…ich hab mir das auch spannender vorgestellt…aber ich wollte halt tatsächlich was mit möglichst wenig Mathematik. Logistik wäre vielleicht im Nachhinein besser gewesen…
– Stimmt, da hättest du dann deine geliebten Bagger einsetzen können!

Marcel setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

– Jetzt lass mich doch bitte mit diesen Baggern in Ruhe! Dir ist wohl im Sandkasten mal einer weggenommen worden, und seitdem leidest du an traumatischen…
– Mann, Ruhe da vorn!!

Das wirkte, und Katja konnte wieder weiterschlafen. Peter schwieg, Marcel ebenfalls, er drehte das Beifahrerfenster herunter und hielt seinen dunkelblonden Wuschelkopf in den Fahrtwind. Die Morgenluft war wunderbar erfrischend…plötzlich fiel ihm seine Bagger-Metapher wieder ein, aber er ließ das Thema auf sich beruhen. Schließlich gehörten sie alle ins Bett.

Ein Rangierbahnhof mit Tausenden von Gleisen und Weichen, hunderten scheinbar zufällig darauf verteilten Waggons, hinten die große Hebebühne für den Containerumschlag, direkt darunter die Morgensonne, das wäre mal ein Foto, Titel „Industrieromantik“ bei flickr.com. Daneben eine Krananlage, mit komplizierten Anordnungen von Leitungen und Rohren, wofür auch immer. Einige Rohre waren mit dem dahinter liegenden Fabrikgebäude verbunden, also vielleicht eine Anlage zur Betankung von Chemietransportern, richtig, hier war ja das Chemiewerk. Das nun näher kam, ein eher kleines im Vergleich zu HÖCHST oder so, aber immer noch faszinierend mit seinem unglaublichen Gewirr von Gebäuden, Türmen, Schornsteinen und Rohren, vor allem Rohre, bestimmt 10.000 km Rohre, dachte Marcel.

Dann der Kanal, sie fuhren über eine Brücke, in der Ferne sah man die Einmündung in den Fluss, dort glitzerte schon wieder die Morgensonne, noch so ein Foto, eine Kamera wäre jetzt echt nicht schlecht, sein Handy hatte eine viel zu schlechte Auflösung. Entlang des Kanals diverse Containerplätze und Beladungskräne. Noch kein Mensch in Sicht, die Hardware wartete auf die Software, ein Bild der Ruhe und der aufgespeicherten Energie. In der Ferne die Hochhäuser der Bürostadt, die ebenfalls zu warten schienen.

Hörte dieses Industriegebiet denn nie auf? Marcel kam es vor, als wären sie schon stundenlang da durchgegurkt. Immer weiter Hallen, LKWs, dort waren schon Typen am Einladen, ja klar die Fernfahrer müssen immer sehr früh schon los, Mistjob, dort kommt schon ein Frachter den Kanal entlang, dass der da überhaupt durchpasst. Marcel hatte das Gefühl, sie hätten jetzt nicht mehr hier sein dürfen, hatten als Nachtschwärmer kein Recht dazu, den Betrieb zu behindern, mit dem diese rechtschaffenen Leute ihr Brot verdienten. Trotzdem hatte das was, sie fuhren tot müde durch diese schroffe, unwirtliche und unwirkliche Welt, sie selbst kamen aus einer anderen Welt, vielleicht träumte er schon.

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Katrin

– Ja hallo, hier Czech aus München, hallo zusammen, wer ist denn schon in der Leitung?
– Hier ist Wyrsch aus Leipzig.
– Und hier Tomscheid, ebenfalls Leipzig…
– Hamburg, hier sind Kognitz und Werft. Frau Zehnt ist leider verhindert.
– Meier, Hannover.
– Franke und Feinbier, Frankfurt.
– Aha, und was ist mit den Duisburgern?

Keine Antwort.

– Ich glaube, die haben doch heute dieses große Abteilungsmeeting, hatten die nicht letztes Mal so was gesagt?
– Stimmt, ich erinnere mich! Also, meine Damen und Herren, genau genommen Frau Kognitz, meine Herren…

Leises Lachen in der Leitung. Katrin sagte nichts, das kannte sie zur Genüge.

– …dann sind wir soweit vollzählig, und ich darf Sie zu unserer wöchentlichen Telefonkonferenz zur Rolloutkoordination für BUYOL begrüßen. Da wir hier neue Teilnehmer dabei haben, nämlich Herrn Feinbier, äh, ist das richtig, Herr Feinbier?
– Ja, das ist richtig, ich bin das erste Mal dabei und ersetze Herrn Scholz.
– Genau, Sie ersetzen Herrn Scholz, daher für Sie noch mal kurz zusammengefasst, worum es in dieser Telco geht. Mein Name ist Czech, München. Wir alle sind ja benannt als lokale Standortkoordinatoren für die Standorte unseres Unternehmens hinsichtlich der Einführung des neuen Einkaufssystems, BUYOL. Auch wenn wir nicht alle hauptamtlich an den Standorten tätig sind, für die wir benannt wurden, wie beispielsweise Sie, Frau Kognitz…

Katrin sagte weiterhin nichts und wartete. Auf ihrem relativ aufgeräumten Schreibtisch lagen einige Akten, die sie rasch überflog, durch das Headset hatte sie beide Hände frei. Neben dem neuen 19-Zoll-Bildschirm lagen diverse Schreibtischutensilien verteilt – Tacker, Post-It-Zettel, Stifte, Schreibblock. Ein Fotorahmen mit dem Bild eines vielleicht fünfzehnjährigen Jungen – stolz in einem Fußballdress – stand auf dem Fensterbrett neben der Pflanze, die dringend Wasser brauchte. ände frei.

– …so haben wir doch ebendiese Aufgabe bekommen und vertreten die Standorte, für die wir benannt sind. Ich erwähne das von Zeit zu Zeit so ausdrücklich, weil es da in der Vergangenheit schon des öfteren Verwirrung gegeben hat. So, und in dieser wöchentlichen Telco verfolgen wir die Rolloutfortschritte in den verschiedenen Standorten und gleichen diese mit der Planung ab. Falls es Probleme gibt, versuchen wir Maßnahmen zur Lösung der Probleme zu finden und falls uns dies nicht gelingt, müssen wir an die Projektleitung eskalieren, was leider auch schon mehr als einmal nötig war. Soweit Fragen, Herr Scholz, äh, Feinbier?

Keine Antwort.

– Herr Feinbier?
– Das hat ihm wohl schon gereicht, denn sehen wir nicht wieder, ich meine, hören…
– Na, so schnell gibt man aber nicht auf. Herr Feinbier?

Einige Sekunden vergingen.

– Herr Feinbier, sind Sie noch da?
– Ja, was ist denn?
– Äh, kann es sein, dass Sie kurz weg waren, Herr Feinbier?
– Ja, sorry, ich musste hier kurz mit einem Kollegen eine sehr dringende Sache besprechen…
– Dann darf ich annehmen, dass Sie meine Ausführungen zu Sinn und Zweck dieser Telefonkonferenz nicht mitbekommen haben?
– Ja, leider nicht, beziehungsweise nur den Anfang, Sie sagten etwas von uns in der Rolle als Standortkoordinatoren.
– Genau, aber den Rest wiederhole ich jetzt nicht mehr, da wir schon etwas knapp in der Zeit sind. Sie werden schon mitkriegen, wie das bei uns läuft. Also beginnen wir mit der Statusabfrage. Beginnen wir doch heute mal mit Hamburg. Frau Kognitz. Wie ist bitte der Status in Hamburg, Frau Kognitz? Wobei, sind Sie eigentlich aktuell in Hamburg?
– Nein, aber das ist ja, wie Sie selbst festgestellt haben, irrelevant. Stellen Sie sich einfach vor, ich säße in Hamburg, da ich ja Hamburg vertrete.
– Gut. Also, Frau Kognitz, sozusagen virtuell in Hamburg, wie ist bitte der Status zu BUYOL in Hamburg?

Katrin machte diesen Job nur widerwillig. Sie war einmal mehrere Jahre in der Hamburger Filiale gewesen und kannte diese recht gut, weswegen ihr Chef sie gebeten hatte, die Koordination für Hamburg zu übernehmen, es gäbe sonst niemanden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre. Da sie sich weiterhin gut mit ihrem Chef stellen wollte, und, wie sie sich eingestehen musste, auch etwas geschmeichelt war, hatte sie sich breitschlagen lassen. Seitdem stand sie vor der unlösbaren Aufgabe, die aufwändige BUYOL-Hamburg-Rolloutkoordination und ihr eigentliches Tagesgeschäft in ihrer eigentlichen Filiale, in einer ganz anderen Stadt, irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und Katrin wusste: BUYOL war ihrem Chef in Wahrheit relativ egal, daran wurde er nicht gemessen. Er musste nur jemanden dafür abstellen – das war nun sie.

Was manchmal dazu führte, dass sie nicht mit ganzem Herzen bei dieser Telefonkonferenz dabei war – wie auch an diesem Tag.

Vor ihrem geistigen Auge entstand die Vision, alle Teilnehmer dieser Telco würden in einem Ort sitzen, in verschiedenen Hochhäusern einer Bürostadt, aber in Sichtweite, und per Megaphon kommunizieren. Zahllose Passanten würden die Köpfe recken und verständnislos den Debatten über die BUYOL-Einführung lauschen.

– Frau Kognitz?

Kartin riss sich zusammen.

– Ja, Entschuldigung, ein Kollege hatte kurz eine Frage…
– Kein Problem, Frau Kognitz. Wie ist bitte Ihr Status? Mich würde insbesondere die Zahl der fertig gestellten Arbeitsplätze interessieren.
– Also, alles in allem liegen wir ganz gut im Plan: Ziel in der Niederlassung Hamburg war ja gemäß Masterplan der Rollout von 100 Arbeitsplätzen bis Ende Juni, davon sind Stand heute 65 Arbeitsplätze fertig mit BUYOL ausgestattet. Wobei die Nutzung…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, wenn ich da mal einhaken darf. Es waren doch wohl 130 Arbeitsplätze bis Ende Juni geplant und nicht nur hundert. Danach wären Sie ziemlich im Rückstand. Oder täusche ich mich da?

Viele Passanten, vor allem männliche, nickten. Gib’s ihr. Doch dann klang schneidend durch die Luft:

– Herr Czech, wenn ich erinnern darf: Wir haben doch Ende April gemeinsam die Anpassung der Planung von 130 auf 100 mit dem Auftraggeber abgestimmt. Sie selbst sprachen mit dem Lenkungskreisvorsitzenden.
– Stimmt, da war etwas…Moment, ich schaue mal nach…

Kurze Stille, nur untermalt von einem leisen Stimmengewirr von irgendwoher – was in diesen Telefonkonferenzen häufiger vorkam, war kein besonders gutes System. Die Passanten hielten den Atem an.

–…ja, richtig. Entschuldigen Sie…na ja, BUYOL ist ein ziemlich komplexes Projekt, da kann man schon mal leicht den Überblick verlieren…Sie haben natürlich recht, Frau Kognitz. Wir haben die Planung auf 100 angepasst. Ja, und darauf bezogen sind 65 Arbeitsplatze natürlich ganz gut, da gebe ich Ihnen recht. Und wie sieht es mit der Akzeptanz aus?
– Dazu wollte ich gerade etwas sagen, aber Sie hatten mich unterbrochen…

Nun triumphierten auf den Strassen die Frauen, während die Männer die Köpfe senkten. Sauber gekontert, wir sind stolz auf dich, Schwester. Katrin fühlte den Beistand. Die Telco begann, ihr Spaß zu machen.

– Ja, Frau Kognitz, entschuldigen Sie abermals. Wie ist es mit der Akzeptanz, bitte?
– Die Nutzung von BUYOL ist bislang, aus meiner Sicht, unbefriedigend. Es wird noch sehr viel mit dem alten System gearbeitet.
– Gibt es Erklärungen dafür?
– Nun ja, wir haben in diesem Kreis ja schon einige Male über die Mängel von BUYOL gesprochen: Das Öffnen der Masken dauert zu lange, es gibt keine Rückgängig-Funktion, man kann nicht vernünftig drucken, da kann ich die Kollegen verstehen, die im Alltagsstress darauf keine Lust mehr haben.

Nun nickten alle Passanten, Männer und Frauen, unisono. Jeder kannte das aus eigener Erfahrung.

– Darf ich nachfragen, wie es da mit den angekündigten Verbesserungsmaßnahmen aussieht? Da sollte doch…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, ich will Sie jetzt nicht abwürgen, aber ich fürchte, dieses Thema führt im Moment zu weit. Wenn wir dies vielleicht zurückstellen könnten, wir sind schon spät dran, ich setze das für die nächste Telco auf de Agenda. Ok, Frau Kognitz?
– Selbstverständlich…Sie haben die Moderation…
– Danke. Also, dann möchte ich gern mit der Abfrage der weiteren Standorte fortfahren. Herr Meier, wie sieht es in Hannover aus?

Woraufhin sich Katrin aus ihrem Fenster gleiten ließ, um, in einer Art Stagediving, von ihren weiblichen Fans auf der Strasse aufgefangen zu werden. „Gut gemacht“ klang es ihr von überall entgegen, sie fühlte sich frei und entspannt. Nur bruchstückhaft kamen ihr die Megaphonfetzen der weiteren Diskussion zu Ohren:

– Im Rückstand…
– Hannover…
– Keine Techniker vor Ort verfügbar…
– Warum…
– Frankfurt…
– Sieht gut aus…
– Obwohl…
– Leipzig…
– Unmögliche Planung…
– Geändert…
– Wenn nun aber doch…
– Lassen Sie mich doch ausreden…
– Sie haben doch gerade…
– Darf ich jetzt mal den Satz zu Ende sprechen!…

Der letzte Satz wurde so laut gebrüllt, dass sich die Passanten die Ohren zuhalten mussten. Auch Katrin horchte auf, es wurde wieder interessant. Sie flog in ihr Fenster zurück und konzentrierte sich auf die Diskussion.

– …ich meine, die Paradoxati… die Paradozi… der Wahnwitz ist jetzt doch nicht mehr zu überbieten. Wir telefonieren hier die ganze Zeit, jede Woche, über zehn Personen, die in dieser Zeit ihrer sonstigen Arbeit nicht nachgehen können. Und eigentlich ist das alles sinnlos, da das Management alle naselang die Planung ändert.
– Herr Wyrsch, jetzt sind sie aber etwas unsachlich.
– Herr Czech, warum bin ich unsachlich, wenn ich doch nur sage, wie es ist?
– Weil es nicht so ist.
– Und warum ist es nicht so, wie es ist?

Schweigen in der Leitung. Katrin hielt den Atem an. Auch auf den Strassen der Bürostadt war kein Mucks zu hören.

– Weil das Management keineswegs alle naselang die Planung ändert, wie Sie das gerade formuliert haben, Herr Wyrsch.
– Äh…aber…aber Sie haben doch gerade selbst gesagt…
– Ja, wir haben jetzt eine geänderte Planung. Gut. Das ist jetzt erst das zweite Mal seit BUYOL läuft, also in über einem Jahr, das ist ja wohl nicht „alle naselang“. Und manchmal ändern sich die Umstände, und das Management muss reagieren. Wissen Sie, wie chaotisch da andere Unternehmen sind?
– Oh ja, hören Sie auf, ich erinnere mich…ja ok, aber Sie müssen doch zugeben, dass dieses ständige Umplanen für uns nicht einfach ist, wir müssen das schließlich jedesmal unseren Leuten vor Ort verklickern…
– Ja, verstehe, Herr Wyrsch. Aber da habe ich eine gute Nachricht für Sie!
– Und die wäre?
 – Ich habe, just in diesem Moment, ein Email bekommen, wonach das Management entschieden hat, nun doch bei der alten Planung zu bleiben.
– Soll das heißen, dass wir uns die Diskussionen der letzten 20 Minuten hätten schenken können…
– Ich fürchte ja.

Wieder Schweigen.

– Aber sehen wir das doch positiv, meine Herren. Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren. Wir bleiben bei der alten Planung und bezogen auf diese sieht es auch bei Ihnen in Leipzig, Herr Wyrsch, gut aus, oder?
– Ja, ich denke auch, dann sieht es gut aus. Entschuldigen Sie, wenn ich eben etwas laut geworden bin…
– Ist doch kein Thema, kein Thema, Herr Wyrsch. Wir sind halt alle ein bisschen unter Stress. Ja, ich würde dann auch sagen, da wir mit der Zeit so ziemlich am Ende sind und alle Standorte abgefragt haben, dass wir damit für heute durch wären. So dass ich abschließend nur noch einmal auf das BUYOL-Projektevent am 6. Juni hinweisen darf. Ich denke, einfach mal zusammen einen netten Abend verbringen ist doch auch mal was Nettes, zumal der Vorstand seine Teilnahme angekündigt hat und wohl auch einiges für diesen Abend springen lässt.
– Das hört sich doch gut an…
– Wird auch mal Zeit…
– Gibt es auch Tabledance?
– Hehe, da bin ich mir nicht sicher, Herr Meier. Aber ich werde die Empfehlung weitergeben. Ja, dann wünsche ich Ihnen allen noch einen schönen und erfolgreichen Tag. Tschüss!
– …Widrsn.
– …Tschö.
– …Wirsing.
– …Auf Wds.
– …Ja, Widrs.
– …Wirsing!

Die Bürostadt, die Hochhäuser, die Megaphone und die Passanten lösten sich auf wie eine Luftblase, und Katrin fand sich allein an ihrem Schreibtisch wieder. Sie sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, eine Frau Anfang vierzig mit dunklen kurzen Haaren und – in diesem Moment – amüsiertem Gesicht. An wie vielen solchen sonderbaren Telefonkonferenzen sie wohl schon teilgenommen hatte? Sie wusste es nicht mehr.

Manchmal war sie selbst in der Moderatorenrolle gewesen, daher wusste sie aus Erfahrung, wie unangenehm es sein konnte, wenn sich plötzlich eine Negativstimmung in der Leitung aufbaute – so wie heute. Der Czech machte das schon ganz gut. Wenn er nur nicht immer mit seinen blöden Sprüchen („meine Herren, Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren“ – sie war seit jeher die einzige Frau in dieser Runde) kommen müsste…aber na ja, es gab Schlimmeres. In ihrer Firma gab es viele ältere Kollegen wie Czech, die sich gerade im IT-Bereich immer noch nicht an Frauen in Führungsrollen gewöhnt hatten. Solange es nur bei Sprüchen blieb, ging es.

Was Katrin mehr irritierte, war ihre seltsame Vision mit der Bürostadt, den Hochhäusern und den Megaphonen. Was wohl ein Psychoanalytiker dazu gesagt hätte? Einsame Kindheit…im Beruf auch einsam…Telefonkonferenz…ohne dass man die Menschen sieht, mit denen man spricht, die über ganz Deutschland verteilt sitzen…eine virtuelle Bürostadt…großes Verlangen nach direkter Kommunikation in der Öffentlichkeit…zur Not auch mit Megaphonen. Als ob sie genug vom Zeitalter der Telekommunikation haben würde.

Sie seufzte tief und nahm noch mal die BUYOL-Akte zur Hand. Diverse Hochglanzpräsentationen, in gedruckter Form an alle Projektmitarbeiter versandt, man sah sofort dass die Firma hier klotzte und nicht kleckerte. BUYOL war wahrscheinlich eines der wichtigsten Projekte des gesamten Unternehmens, Heerscharen von Experten arbeiteten daran, unter anderem Katrin selbst. Aber dann ständig dieses Chaos und diese Unprofessionalität, wovon solche Telefonkonferenzen nur ein Symptom waren, davon machten sich Außenstehende keine Vorstellung. Ein Wunder, dass hier überhaupt irgendetwas funktionierte.

Doch seltsamerweise mochte sie dieses Projekt, und gerade auch diese Telefonkonferenzen, trotzdem, irgendwie.

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Die Zwiebel

Der Rotor dreht sich, konstant, unablässig.

Manchmal werden vorbei fliegende Vögel erschlagen, die das Drehmoment des Rotors unterschätzen. Die Kadaver liegen dann eine Zeit verwesend herum, bis sie, wie von Geisterhand, irgendwann verschwinden. Wie sie verschwinden – das hat noch niemand je gesehen. Manchmal liegen wir in sicherer Entfernung und versuchen, diesen Moment mitzukriegen, doch es geschieht nie vor unseren Augen. Anderentags sind sie weg. Es ist wie das Wasser im Topf, das auch nie vor unseren Augen zu kochen anfängt, wenn wir darauf warten.

Wir wissen nicht, aus welchem Material die beiden Rotorblätter bestehen. Auf jeden Fall, obgleich es rostig und alt aussieht, ist es stabil, dauerhaft und witterungsbeständig, wie etwa harte Glasfaser-/Kohlefaser-Hybridstrukturen, die in modernen Windradanlagen eingesetzt werden. Auch die genaue Länge der Rotorflügel ist uns nicht bekannt, doch gibt es in unserer Stadt Gebäude, die kleiner sind.

Der Rotor, dessen vertikaler Drehkreis aus großer Höhe bis etwa einen Meter über dem Boden herunterreicht – tief genug, um einen Menschen zu erschlagen –, ist über eine Achse mit der Zwiebel verbunden. Die Zwiebel selbst ist ein schwer beschreibbares Konstrukt aus verwittertem Beton, verrostetem Stahl und unbekanntem Innenleben. Auf dem dunkelgrauen Betonsockel, dessen Abstufungen unterschiedlichen Abstand voneinander haben, sind die rostbraunen Stahlträger in teilweise parallelen, teilweise asymmetrischen Mustern angeordnet – an einigen Stellen so verworren, dass das Auge nicht mehr folgen kann. Warum dieses Gebilde ausgerechnet „Zwiebel“ heißt, weiß bei uns niemand mehr, und vielleicht wusste es auch nie jemand.

Das beständige metallische Rauschen der Rotorblätter ist nicht sehr laut, liegt aber auf einer besonderen Frequenz und übertönt dadurch alle anderen Geräusche in der Umgebung.

Soweit es hier überhaupt andere Geräusche gibt.

Die Zwiebel liegt mitten in der Wüste, weit im Inneren von No Man’s Land, umgeben von einigen verlassenen Baracken und Mauerresten. Ansonsten ist hier nichts. Wir aus der Stadt gehen selten zur Zwiebel, höchstens einmal, um sie Touristen zu zeigen.

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Samstagmorgen

Ein Mann sitzt in seinem Arbeitszimmer. Es ist Samstag, und er ist gerade aufgestanden. Er hat sich einige Gedanken zu seinem laufenden Projekt notiert, die ihm im Bett gekommen sind. Nun sind sie aufgeschrieben und der Kopf ist frei fürs Wochenende – in dem es nichts Dringendes zu tun gibt.

Unschlüssig, was er jetzt tun soll, bleibt der Mann sitzen. Sein Blick wandert durch das Zimmer: Der Schreibtisch, das Regal, der Ausblick aus dem Fenster. Auf einem Foto an der Pinnwand betrachten einige Menschen auf einem Berggipfel den Mond. Der Berg ist in Guatemala. Der Mann war auch dort und hat das Foto gemacht. Die Stimmung ist unwirklich: Es ist gerade Sonnenaufgang, aber man sieht noch klar den weissen Mond vor dem blauen Himmel.

Er könnte seine Unterlagen sortieren.

Er könnte ein Buch weiterlesen.

Er könnte spazierengehen.

Er könnte…

Das Regal ist ein schlichtes Stahlgestell, die Wand dahinter ist blau. An der Wand hängen einige Schwarz-Weiss-Fotografien und die Bücher im Regal sind bunt. Der Schreibtisch ist unaufgeräumt: Computerzubehör, Unterlagen, Sonnenbrillen, Kugelschreiber, Bücher sowie eine kleine Trommel (ein „Tamborim“) liegen wild durcheinander. Auf der blauen Glasplatte des Schreibtischs sieht man einige Fingerabdrücke. Der Papierkorb ist voll.

Er könnte den Papierkorb herunterbringen und leeren. Doch auch diese Vorstellung reisst ihn nicht vom Hocker. Er bleibt sitzen und schaltet seinen inneren Rhythmus auf „slow“.

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Gleichgewicht

Der Kerzenhalter besitzt eine psychedelische Form, eine flach an der Wand aufhängbare rechtsdrehende Spirale aus dünnem schwarzem Gußeisen, Durchmesser etwa 50cm. Über die Grundfläche sind neun Teelichthalter verteilt, in die gelbe durchsichtige Teelichtgläser eingefaßt sind. Die neun Gläser stehen mehr oder weniger aufrecht – ansonsten wären sie ja auch nicht zu gebrauchen. Sie sind scheinbar zufällig, aber in etwa gleichen Abständen, über die Spirale verstreut. Spirale, Senkrechte und Anordnung der Gläser bilden ein Gleichgewicht der Kräfte.

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Vor dem Straßenfest

Auf der Einkaufsstrasse herrscht unübliche Geschäftigkeit. Normalerweise sitzen die Menschen an einem solchen Samstagmorgen ruhig in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs. Die Strassenstimmung ist dann gelassen, gewohnt, normal. Heute ist das anders.

Überall wird irgendetwas aufgebaut: Imbissstände, Konzertbühnen, Zelte, Ausstellungsregale. Dazwischen sitzen immer noch die Menschen in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs, aber das sind nun Randerscheinungen. Im Zentrum steht der Aufbau.

Wer von den Passanten schon einmal auf diesem Strassenfest war – und das sind die meisten, denn das Strassenfest gibt es schon lange – sieht vielleicht schon vor seinem inneren Auge die Menschenmassen durch die Einkaufsstrasse strömen. Statistiken zählten in den letzten Jahren bis zu 100.000 Besucher, und alle durch die eine Strasse, rauf und runter, hin und her: Auf den Nebenstrassen ist nichts los, alles konzentriert sich auf die eine grosse Pulsschlagader in der Länge von ca. 1 km.

Insofern ist wichtig, dass beim Aufbau alles richtig gemacht wird, einen zusammenbrechenden Stand kann keiner riskieren. Entsprechend konzentriert gehen die Aufbauer zu Werke. Alles geht zügig voran, es ist nicht mehr viel Zeit. Die Handgriffe sitzen, die Leute machen das schon seit Jahren. In der Regel sind es die in der Einkaufsstrasse ansässigen Geschäfte und Gastronomiebetriebe, die vor ihren Türen ihre eigenen Strassenstände aufbauen. Der Umsatz aus dem Strassenfest ist schon fest eingeplant, von manchen zu optimistisch.

Eine Frau trägt einen Schlauch die Strasse entlang. Der China-Imbiss hängt ein Transparent an sein Verkaufszelt, darauf steht „China-Imbiss“. Ein Mann bringt einen Verkaufstischständer zu seinem Anhänger, dann nimmt er Tattoo-Muster heraus. Ein Lieferwagen parkt in einer Querstrasse, etwas wird herausgeladen. Drei Männer tragen zusammen einen langen, schweren und unidentifizierbaren Gegenstand in Richtung der Konzertbühne. Vielfach sieht man nur einzelne Fragmente eines Aufbauprojekts, die man gar nicht zuordnen kann. Nur die Aufbauer kennen den Gesamtzusammenhang.

Auch heute sitzen viele Menschen in den Cafes, unterhalten sich oder lesen Zeitung, doch sind sie innerlich unruhiger als sonst. Von Zeit zu Zeit beobachten sie den Aufbau, oft nur einen Meter entfernt, sie sitzen in der ersten Reihe. Ein Event steht bevor.

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1000 Jahre

1. Hard-disk #**Y6JST73NT-595B, the system Primary HDD, is protected by a password authentification system. You can’t access data on the hard disk without this password.

2. En el ano 7 Cana, dia 10 Zopilote (1071 -d.C.), el Senor 8 Venado, Garra de Jaguar, participo en una excpedicion de guerra, conquisto Pena de Aguila y tres lugares mas.

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Glück im Unglück

Eine millionenfach verkaufte Puppe eines namhaften Spielzeugherstellers muss zurückgerufen werden, da mit bleihaltigen Lacken behandelt. Jedoch sei nur die Westschweiz betroffen, da die Puppe nur Französisch spricht.

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Die Zone

An einer Promenade schlendern die Massen entlang, es ist Sonntag abend aber noch warm, noch Abendsonne, der See plätschert, diverse Imbissstände, Softballspieler, sich Sonnende, Unterhaltende, Lesende, Gruppen mit Gitarren, an manchen Stellen sitzen die Leute enger zusammen als an anderen.

Wenn man da aufmerksam, mit ausgefahrenen Antennen, durchgeht, fühlt man von Zeit zu Zeit das gewisse Etwas: Hier ist es cool, hier kann was Großes passieren, hier ist ein Teppich, hier ist Ruhe, Energie und Bewegung zugleich, ein Gemisch von Patterns, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Wenige Meter weiter ist das Feeling wieder weg, ohne daß man genau bestimmen könnte, was die Begrenzung ausmacht.

Solche Zonen gibt es in manchen Städten mehr als in anderen, zB in Zürich mehr als in Frankfurt und dort wiederum mehr als in Hannover. Die wenigsten gibt es in Kassel, die meisten in Berlin.

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Eritrea

In der S-Bahn-Station Konstabler Wache in Frankfurt stehen seit vielen Jahren die folgenden provisorischen Kreidemarkierungen an zwei zwischen den Gleisen stehenden Betonträgern:

– links: „H = 24,4 m“, darunter „B = 230 m“, darunter „T = 30, 0 m“

– rechts: oben „(Z)“ und darunter „Eritrea“

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Ein Platz in einem Einkaufszentrum

Die Passanten kommen aus allen Richtungen, viele der Wege kreuzen sich, und viele nicht.

Hinweisschilder an einer Laterne: Kalendergasse, Utoplatz, Utobrücke, Kinderparadies.

Die grünen Sitzobjekte aus Plastik, die hochschwingen, wenn man aufsteht, und Zeitungsberichten zufolge gern entwendet werden.

Der Fluß, darüber die Hochstraße.

Die draussen sitzenden Gäste des „imagine“, einer mit einem riesigen Wolfshund (?).

Etwa 18-20 Grad, leichter Wind. Nicht die versprochenen 24.

Die Leute machen insgesamt einen relativ entspannten Eindruck.

Vier Frauen bestaunen zwei Babys (und vice versa) in einem Doppelkinderwagen.

Heute sind in der Regel gleichzeitig zu sehen: 30-50 Passanten, 5-10 Kinder, 2-3 Kinderwagen, 1-2 Hunde, 30-50 draussen sitzende Restaurantgäste und 5-10 Sonnenbrillen.

Draussen, auf den umliegenden Wiesenflächen und Sportanlagen, sind zahlreiche Raben zu sehen. Anscheinend suchen sie nach Würmern.

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Der Koffer

Über dem Fluß Sihl in Zürich existiert eine mysteriöse technische Installation: Ein ca. 10m in der Luft unter der Hochstraße hängender Koffer wird regelmäßig automatisch mit Wasser befüllt. Danach begibt er sich, gleichfalls automatisch gesteuert, auf eine rechteckige Rundfahrt unter der Hochstraße, wobei ein Teil des Wassers durch eine Öffnung in den Fluß rinnt. Im Fluß befinden sich an den Stellen, wo das Wasser auftrifft, keinerlei Auffälligkeiten.

Ich zerbreche mir lange den Kopf über den wissenschaftlichen Hintergrund dieser Anlage. Aufgrund eines sich drehenden Rades, wie es oft von Windmeßstationen eingesetzt wird, vermute ich etwas Meteorologisches.

Ich sehe, dass das Wasserzuleitungsrohr aus dem Einkaufzentrum Sihl City kommt. Also gehe ich dort an die Information fragen und erfahre: „Das ist Kunst.“

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Frankfurt, 21.07.07

– CSD (Christopher Street Day). Gut gebaute und leicht bekleidete junge Männer durchkreuzen paarweise die Stadt. Nachts wird auf der Zeil in psychedelischen Lichtorgeln harter Techno getanzt.

– Wilde, anfeuernde Schreie aus dem Fenster im ersten Stock über DEICHMANN Schuhe, dazu schweisstreibende Musik. Ein älteres Ehepaar, Frau zum Mann: „Das ist ein Fitnessstudio“.

–  Viele Ausländer unterwegs, in der S-Bahn hört man Deutsch – zumindestens akzentfrei – eher selten.

– Die üblichen Jesusprediger (-schreier). Auszug: „…sind Sie verheiratet ? Gut. Sie sollen Kinder haben. Viele Kinder. Die Familie soll gross sein ! Viele Kinder. Aber nicht: Viele Frauen. Nein. Auch nicht viele Männer…“

– Starbucks, einsetzender Regen, ein Teil der Gäste zieht nach Innen um. Ein Teil bleibt draussen. Ein etwa 10jähriges Mädchen trommelt Rhythmen auf die Knie seines Vaters.

– Geschäfte, die man vom Starbucks aus sieht: Dresdner Bank, rombus Zeitarbeit, Claudio Licci Friseure, Hitparade (Mode), Glenfield (Mode), Sparkasse, China-Restaurant Jasmin, Kosmetik Valence, Park Cafe, und die zahlreichen Gourmetshops und Restaurants der Fressgass.

– Zwischendrin immer wieder abgerissene, bettelnde Gestalten.

– Ein Straßenstand verkauft „Rindsbratwurst grob“.

– Die Passanten: In der Regel gut gekleidet, gestylt, mit konkretem Ziel irgendwohin unterwegs.

– Dazwischen vereinzelte Touristengrüppchen, davon viele asiatischen Aussehens.

– Die Athmosphäre: Busy.

– Viele moderne Rikschas unterwegs, zwecks individueller Rundfahrt für Touristen auf zwei Rädern (die Rikschas, nicht die Touristen).

– Die vielen angeheuerten Hilfskräfte, die irgendwelche Marktforschungen bei Passanten durchführen, erkennen schon auf den ersten Blick, dass sic mich anzusprechen nicht lohnt.

– Viele Kinder.

– In einer Querstraße die linke Kneipe „Voltaire“.

– Im „Kunstsupermarkt“ gibt es viele vermutlich preisgünstige Bilder aller Stilrichtungen, und nebenan bei „Butlers“ den elektrischen Mückenfänger „no escape“.

– Ich warte auf den Auftritt meiner Freunde, der Sambagruppe A. B., im Rahmen des CSD-Umzugs.

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Drei Hunde

Ein Mann dressiert einen ganz kleinen, jungen weissen Hund, sich hinzusetzten („Platz !“). Jedoch, er folgt nicht. Der Briefträger betrachtet das Schauspiel interessiert.

Ich gehe zum Fahrradgeschäft, um A’s Schuhe abzuholen, die dort abgegeben wurden. Der Eingang wird von zwei weiteren, wesentlich größeren Hunden gesäumt. Einer angeleint, der andere nicht.

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Grenzformalitäten

Ich habe mir gerade den Ausreisestempel von El Salvador geholt und will rüber auf die guatemaltekische Seite, da erklärt man mir: Neuerdings braucht man in Guatemala keinen Einreisestempel mehr. Ich kann es nicht glauben, frage mehrmals nach, wieder etwas Neues, diese Regelung ist einmalig in Lateinamerika. Irgendwie toll, man denkt, so langsam hat man den Bogen raus und weiß, wie Grenzübergänge in Lateinamerika funktionieren, ist auf alles Mögliche gefaßt – und dann kommt wieder etwas ganz Neues, womit man nicht gerechnet hat.

Es gibt an den Grenzen dieser Region praktisch nichts, was es nicht gibt. Einige Beispiele (ich habe hier aufgeschrieben, was mir passiert ist, das erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, kann sich von Tag zu Tag ändern, sei es durch neue Gesetzgebungen oder abhängig von der „Tagesform“ der Grenzbeamten, und ist außerdem manchmal abhängig vom Ort des Grenzübergangs):

Die Einreise nach Nicaragua kostet aus Honduras 7 Dollar und aus Costa Rica 9 Dollar. Die Einreise nach Honduras kostet 3 Dollar, genau wie die Ausreise. Einreise und Ausreise nach/von Panama kosten einen Dollar, genau wie die Einreise nach Costa Rica, sofern man aus Panama kommt. Die Einreise von Venezuela nach Brasilien kostet etwas (ich habe vergessen, wieviel), wenn man die Grenze als Passagier eines Busunternehmens überquert. Alle anderen Grenzübergänge in Lateinamerika kosten nichts, egal, ob mit oder ohne Bus.

Gepäckuntersuchungen finden statt bei der Einreise nach Panama, Costa Rica und Nicaragua, sofern man nach Norden reist (Richtung Mexico). Sonst nicht. In anderen Ländern auch nicht.

Reist man mit der Linie „Tica-Bus“ von Panama nach El Salvador, so sammelt das Buspersonal in folgenden Fällen die Pässe (sowie etwaige Gebühren, siehe oben) aller Reisenden vorab ein und geht damit gesammelt zum Schalter: Einreise nach Costa Rica; Einreise nach Nicaragua; Einreise und Ausreise nach/von Honduras. In allen anderen Fällen geht man selbst, persönlich, zur „migracion“.

Die meisten Länder (ich weiß nicht genau, welche) haben die offizielle Regelung, daß man zur Einreise ein „weiterführendes Ticket“ aus diesem Land heraus vorweisen muß. Gefragt worden bin ich das nur bei der Einreise nach Panama, der Grenzbeamte war dann aber mit meiner Kreditkarte und meiner Absichtserklärung, mir in Panama ein Ausreiseticket zu besorgen, zufrieden. Ich habe von einem Fall gehört, wo eine andere Reisende (auch Deutsche) größere Probleme hatte und schließlich den Grenzbeamten bestechen mußte.

Normalerweise liegt eine gewisse Strecke zwischen den Gebäuden zur Abwicklung der Grenzformalitäten bzgl. der Ausreise aus einem Land und denen bzgl. der Einreise in das Nächste, oft liegt dazwischen der Grenzfluß. Nicht so bei der Einreise von Nicaragua nach Honduras und von Honduras nach El Salvador (zumindestens an den Grenzübergängen, wo ich war): Dort haben sich jeweils beide Grenzparteien in einem Gebäude versammelt. Erkennbar schneller geht es dadurch allerdings nicht.

Bei der Einreise von Venezuela nach Brasilien, zumindestens am Grenzübergang „St. Elena de Urayen“, ist der Ausreisestempel aus Venezuela an der Grenze selbst nicht erhältlich, sondern nur in der ca. 15 km entfernten Stadt. Wer das nicht weiß, muß wutentbrannt zurückfahren (so erging es mir), sofern man ggf. problemlos ein weiteres Mal nach Venezuela einreisen möchte. Derartige Regelungen sind typisch für sehr selten benutzte Grenzen in Lateinamerika, für eine so vielbenutzte wie diese ist sie ziemlich einmalig.

Und nun also dies: Für Guatemala braucht man gar keinen Einreisestempel mehr. Ich hätte mich gefreut, hätte diese Regelung schon letztes Jahr gegolten. Damals hatte ich nämlich bei der Einreise aus Mexico – neu in der Region und noch grenzübergangsunerfahren – versäumt, mir ebendiesen Einreisestempel aktiv zu holen (darauf weist einen kein Mensch hin, das muß man wissen). Folge: Bei der Ausreise aus Guatemala mußte ich eine Strafe („la multa“) in Höhe von 20 Dollar zahlen, was in dieser Gegend ein großer Haufen Geld ist (auch für Touristen, sofern man kostengünstig reist). Außerdem mußte ich, da diese Prozedur länger dauerte, mit meinem ganzen Gepäck den Bus verlassen und den nächsten nehmen. Glücklicherweise fahren die Busse der Linie „Melva Internacional“ stündlich über diese Grenze.

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Die Zahl p

Warum, weiß ich nicht, aber heute erinnere ich mich an die Versuche zur Selbstbezüglichkeit in Douglas Hofstadters wunderbaren Büchern „Gödel, Escher, Bach“ und „Metamagicum“, die ich vor knapp zwanzig Jahren gelesen habe. Zum Beispiel schreibt er über die Zahl p: „Die Zahl p ist die Anzahl der Minuten pro Tag, die ich damit verbringe, über die Zahl p nachzudenken. Meistens geht sie mir im Kopf herum, wenn ich mich rasiere.“

Oder: „Wenn Sie denken, dieser Satz ist verwirrend, dann ändern Sie einfach eine Sau.“ Diesen Satz (aufgeschrieben und eingerahmt) habe ich einmal meiner Mutter zu ihrer großen Freude und Belustigung zum Geburtstag geschenkt.

Oder: „Dieser Satz hat Schnapsidee sechs Wörter.“

Oder: „Dieser Satz versucht verzweifelt, der monotonen und nervtötenden Abfolge selbstbezüglicher Sätze zu entkomenn, scheitert jedoch.“

Heute, in Buenos Aires, erfinde ich folgenden Text: „Für diesen Satz, dessen Konstruktion und Grammatik – obwohl in bester Intention (und begonnen mit Leidenschaft, deren Größe – oder vielmehr Stärke – nicht seinen Beginn gefunden hatte bzw. finden sollte, ist keine Rettung.“

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Tiefpunkt

Manchmal verstehen mich die Argentinier nicht und ich weiss einfach nicht, warum, wenn mir, was vorkommt, sowohl Grammatik, Vokabeln als auch Aussprache meinerseits halbwegs korrekt erscheinen. Meiner Meinung nach machen sie es sich gerne auch mal einfach: Es gibt viele Touristen in der Stadt, die schlecht oder gar nicht Spanisch sprechen. In diese Schublade fällt man dann schon mal und sie geben sich keine Mühe mehr.

Meinen persönlichen Tiefpunkt des Nichtverstandenwerdens habe ich heute: Gehe in ein Geschäft und frage, wo die Strasse „Rua Saenz Pena“ ist. Daraufhin bietet mir der Verkäufer eine Kopfschmerztablette an.

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Hängengebliebenes

Wer längere Zeit reist, sieht und erlebt einen Haufen interessanter und merkwürdiger Dinge. Ich habe mich jetzt entschlossen, diese Erlebnisse festzuhalten, auch wenn ich eine Abneigung gegen derartige euphorische Reiseberichte habe (was hat man nicht alles Interessantes erlebt, toll, spannend, cool, …).

Klar: Das ist meine persönliche Wahrnehmung. Was ich bemerkenswert finde, ist für andere möglicherweise völlig normal, und umgekehrt.

Der Schrei

Es ist Nacht auf dem Amazonas. Unser Boot fährt von Manaus nach Santarem und alle Passagiere schaukeln rhythmisch in ihren Hängematten. Die meisten schlafen, ich aber nicht. Plötzlich ertönt direkt neben mir ein Schrei aus vollem Halse – nein, ich habe nicht geträumt. Einer der beiden Franzosen aus unserer fünfköpfigen Reisegruppe muß einen Alptraum gehabt haben. Etwa zehn Minuten später wiederholt sich der Schrei. Tags darauf mag er es kaum glauben.

Der Repräsentant

Meine Kollegen aus der Kreditorganisation „ADCI“ in Totonicapan, Guatemala, haben mich auf eine Versammlung mitgenommen, auf der der ein guatemaltekischer Minister erwartet wird. Es erscheint aber nur ein „Repräsentant“. Gleichwohl bemühen sich alle Redner, die Gunst des Repräsentanten zu gewinnen – er ist auch wichtig. Es erfolgen endlose Aufzählungen von Kalkulationen sozial orientierter Projekte, die durch das Ministerium gefördert werden sollen. Vor der Tür spielen während der gesamten etwa fünfstündigen Versammlung zwei Musiker, die nichts mit der Versammlung zu tun haben scheinen, auf Trommel und Gitarre guatemaltekische Rhythmen. Von Zeit zu Zeit stört dies die Versammlung sehr.

Das „Büro“

Wie an den meisten lateinamerikanischen Grenzen gibt es auch von Costa Rica nach Panama das Damoklesschwert des Einreiseverbots, wenn man kein weiterführendes Ticket (hier: aus Panama heraus) vorweisen kann. Ich habe von solchen Fällen gehört. Als ich mich bei der Buslinie „Tica-Bus“ in San Jose (Costa Rica) hiernach erkundige, sagt man mir beruhigend, zur Not könne ich an der Grenze im Büro dieser Buslinie ein Rückfahrtticket aus Panama kaufen und dann später wieder stornieren. An der Grenze dann (um 6 Uhr morgens) frage ich den Busfahrer, wo dieses Büro ist, und bekomme zur Antwort: „No hay oficina – hay una persona que vende Tica-Bus-Tiquetes“ (es gibt kein Büro, nur eine Person, die Tica-Bus-Tickets verkauft). Ich brauche dann aber diese Option nicht – man lässt mich so durch. Später erfahre ich, daß die Stornierung problematisch gewesen wäre.

Die Extravaganz

Auf der Insel „Ilha do Mel“ in Südbrasilien ist alles einfach, rustikal, praktisch, eben auf die Inselerfordernisse ausgerichtet. Bis auf die Nippesschale im Restaurant, wo ich wohne: Zwei Frösche, eine Brücke, viele Steine und eine „Wasserwippe“ mit einem kleinen Eimer auf der einen Seite, in den ständig Wasser hineinrieselt. Sobald der Eimer voll ist, kippt diese Seite der Wippe aufgrund des Gewichts nach unten, der Eimer entleert sich und das Übergewicht verlagert sich auf die andere Seite, wo ein Hammer mit einem „Klick“ auf einen Stein haut. Dieses „Klick“ hört man ungefähr alle fünf Sekunden, 12mal die Minute, 720mal die Stunde, 17280mal am Tag, 6307200mal im Jahr.

Die Sonderregelung

Auf dem Busbahnhof in Bolivar, Venezuela, muß man neben dem eigentlichen Busticket noch – an einem unscheinbaren Häuschen – eine Gebührenmarke kaufen, die zum Verlassen des Terminals per Bus berechtigt.

Der Wutanfall

Wir – drei Engländer und ich – besichtigen den Panama-Kanal. Einer von uns macht eine Menge Fotos mit einer in Panama-City gekauften Einwegkamera. Auf der Rückfahrt stellt sich jedoch heraus, daß die Kamera nicht funktioniert, die Bilder sind verloren. Sie müssen ihm sehr wichtig gewesen sein, nur so ist sein langanhaltender Wutanfall zu erklären, auf dessen Höhepunkt er die Kamera mitten auf der Kreuzung aus dem Taxifenster heraus auf den Boden knallt.

Ohne Titel

In Cartagena, Kolumbien, ist mir von Bier schlecht geworden.

Die Mauer

Ich mag die Beschreibung eines typischen brasilianischen Fußballspiels in meinem Reiseführer „Lonely Planet“: „…the fans…pound huge samba drums, detonate smoke bombs in team colors and throw beer and even dead chicken – in short, sheer lunacy.“ Also besuche ich mit großen Erwartungen ein Match des Traditionsvereins „Flamengo“ im berühmten Maracana-Stadion (offizielles Fassungsvermögen 175000 Zuschauer, faktisch noch mehr). Es ist leider ein unwichtiges Spiel und nur von ca. 30000 Personen besucht, aber trotzdem ein Erlebnis – vor allem dank der Fans. Besonders nett eine Szene aus der (fußballerisch eher langweiligen) zweiten Halbzeit: Einige Fans spielen auf der Aschenbahn vor dem Spielfeld Freistoß, Abwehrmauer und Schiedsrichter. Immer wenn dieser nicht hinsieht, ruckelt sich die aus fünf Personen bestehende Mauer verbotenerweise näher als die vorgeschriebenen neun Meter an den Ball heran – ganz wie auf dem wirklichen Fußballfeld. Alle Beteiligten haben einen Riesenspaß.

Der Dreikäsehoch

In Guatemala sind sie Touristen noch nicht so gewohnt – was prinzipiell symphathisch ist, im Einzelfall aber anstrengend sein kann. Besonders an jenem Abend, als ich auf eine Graduationsfeier eingeladen war: Der einzige Nicht-Guatemalteke, deutlich andere Hautfarbe und auch Körpergröße, und damit natürlich vor allem für die Kinder äußerst interessant, fast schon schockierend. So hat sich u.a. ein etwa fünfjähriger Junge direkt vor dem Tisch, an dem ich saß, aufgebaut und mich minutenlang angestarrt. Nachträglich liest sich das möglicherweise lustig, aber in dem Moment hätte ich ihn erschlagen können.

Das Pendel

Das Pendel, um das es hier geht, macht dem von Edgar Allan Poe alle Ehre: Es hängt in der Kathedrale in Mexico City und gibt sowohl die kurzfristigen (sehr häufigen) Erdbebenerschütterungen als auch das langfristige Versinken der Kathedrale (Mexico City wurde auf einem Sumpf erbaut) wieder. Man kann anhand des Pendels auf einer historischen Skala erkennen, daß die heutige Neigung der Kathedrale sich um ca. einen Meter Pendelposition von der Neigung vor hundert Jahren unterscheidet.

Der Familienrat

Der Vater von Pedro, bei dem ich in Totonicapan, Guatemala, während meiner dortiger Tätigkeit gewohnt habe, hat insgesamt etwa zehn Söhne (wieviele Töchter, weiß ich gar nicht). Alle diese Söhne konnte ich an einem Nachmittag kennenlernen, als es darum ging, gemeinsam mit dem Vater eine wichtige familiäre Angelegenheit zu beraten. Ich habe viel herumgerätselt, was wohl das Thema gewesen sein mag. Nachträglich erfahre ich: Manche der Söhne sind nicht mit des Vaters Entscheidung einverstanden, sein Haus zu verkaufen, da sie auf dieses spekuliert hatten (der Vater ist ca. 80). Pedro findet allerdings, das sei sein volles Recht gewesen. Dies ist sicher der noblerere Standpunkt, hat aber vielleicht auch damit zu tun, daß Pedro relativ wohlhabend und nicht von diesem Haus abhängig ist.

Selbstjustiz

Bei der guatemaltekischen Kreditorganisation ADCI arbeite ich die meiste Zeit mit Viktoria zusammen. Inhaltlich geht es darum, wie der ADCI den besten Überblick über seine Schuldner behalten kann (und ich helfe bei der Computerunterstützung hierzu). Die nicht zahlenden Schuldner sind die Bösen, auf die es Druck auszuüben gilt – ganz normal. Ich bin einigermaßen verblüfft, als ich eines Nachmittags zufällig Viktorias Namen in der Liste der säumigen Schuldner entdecke.

Insiderwissen

Die besten Partys in Rio den Janeiro, so erzählt uns einer der Angestelltem im Hostel, finden in den Favelas statt und werden von den Drogenbossen organisiert, die auf höheren Umsatz hoffen (aber nicht dazu nötigen). Die Pointe: Nirgendwo in Rio ist man abends so sicher wie auf diesen Partys – logisch.

Spanglisch

Dennis aus den USA, mit dessen Boot wir über den Atlantik von Panama nach Kolumbien fahren, spricht Spanisch mit einem so starken Akzent, daß es sich wie Amerikanisch anhört.

Die Versuchung

Dank einer gewissen Vorsicht und wohl auch der Tatsache, daß ich relativ groß bin, bin ich bislang von Überfällen, Diebstählen oder Taschendieben verschont geblieben. Mit einer Ausnahme: An einem Abend auf einem Straßenfest in Rio de Janeiro vergesse ich mal wieder den Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen Caipirinhas, was dazu führt, daß ich nach vier in kurzen Abständen getrunkenen Caipirinhas (was in Deutschland, wo immer mit dem Cachaca herumgeknausert wird, praktisch nichts ist) sehr betrunken bin und damit eine starke Anziehungskraft auf eine Taschendiebin ausübe, die es insgesamt sieben oder acht Mal versucht, aber jedesmal an der Kette scheitert, die mein Portemonnaie mit meinem Gürtel verbindet. Ich bin sehr ärgerlich, aber zu betrunken, um etwas gegen diese besondere Art der Belästigung unternehmen zu können. Schließlich verlasse ich das Straßenfest.

Disco-Shopping

In San Jose, Costa Rica, gibt es „El Pueblo“: Ein Bar- und Disco-Zentrum, in dem auf etwa einem halben Quadratkilometer, praktisch unter einem Dach, Hunderte solcher Lokalitäten untergebracht sind. Man geht von der einen Bar direkt in die nächste, wie in einem Einkaufszentrum.

Konsequent

In Managua, Nicaragua, gibt es ein ca. 10 Meter hohes Denkmal, das einen Soldaten mit einer stolz in den Himmel gerichteten MP darstellt.

Keine Erklärung

Ebenfalls in Managua, in dem Hotel, wo ich wohne, gibt es eine ungewöhnliche Häufung von Langzeitreisenden über 50 (unter anderem Kenny, der Rentner, für den das Leben im Auslang billiger ist als in den USA). Warum gerade hier ?

Kein freundlicher Empfang

Wir sind eigentlich nur auf der Durchreise von Venezuela nach Manaus am Amazonas, müssen aber in Boa Vista übernachten – unsere erste Übernachtung in Brasilien. Es ist der 31.12.2004. In der gesamten Stadt akzeptiert kein Geldautomat unsere Kreditkarten, und die Zelebrierung des Jahreswechsels besteht im wesentlichen in der Versammlung einiger Betrunkener auf dem Hauptplatz von Boa Vista, einer Stadt mit immerhin einer halben Million Einwohnern.

Die Peitsche

Am einem Strand auf der Insel „Ilha do Mel“, Brasilien, beobachte ich einen Jungen, der immer wieder mit einem langen Ast auf den Sandboden haut, wodurch ein knallendes Geräusch entsteht. Als ich ihn eine Viertelstunde später wiedersehe, ist er immer noch damit beschäftigt.

Besonders viele nachhaltige Eindrücke habe ich aus Brasiliens Salvador de Bahia, dieser magischen Stadt, mitgenommen:

Der Fahrstuhl

Der „Elevador Lacerda“ verbindet die Oberstadt mit der Unterstadt (ca. 30 Höhenmeter Unterschied) und transportiert täglich Zehntausende. Eine Fahrt kostet 5 Centavos (1-2 Eurocents).

Der Wurf

Ich trinke ein Bier in einer Strassenkneipe. Plötzlich wirft der Kellner einen Kronenkorken auf einen schlafenden älteren neben mir sitzenden Mann. Der Kronenkorken kommt mit der glatten Seite auf seinem Oberarm auf und bleibt dort kleben. Der Mann wacht auf, zeigt aber keinerlei Regung.

Der Candomble-Abend

Candomble ist eine Verbindung von Musik und Tanz mit einem religiösen Hintergrund: Dem Beschwören der Orixas, der Geist bzw. Gott gewordenen toten eigenen Vorfahren (ich habe mich nicht näher mit diesem Hintergrund beschäftigt). Nach einer gewissen Zeit verfallen die Tänzerinnen in Trance, was bedeutet, daß in diesem Moment ein Orixa von ihnen Besitz ergriffen hat. Candomble-Abende kosten keinen Eintritt und sind öffentlich (was von vielen Einheimischen kritisiert wird). Auf dem Abend, wo ich war, sind die Tänzerinnen nach einer langen ruhigen Anlaufhase plötzlich alle zusammen ausgeflippt – es sah aus wie ein epileptischer Anfall – und haben mit Essen um sich geworfen.

Gesundheit

„Saude !“ (gesprochen Sa-u-dschi – Gesundheit) ruft mir die Frau nach meinem Nieser hinterher und wiederholt dies, obwohl ich mich längst bedankt habe, noch mehrmals. Wahrscheinlich eine Prostituierte, von denen es in Salvador nur so wimmelt und die, zumindest was die „Kundenansprache“ betrifft, sicher zu den originellsten Prostituierten der Welt zählen. Noch hunderte Meter entfernt höre ich ihr „Saude !“.

Eine ernste Angelegenheit

In der Samba-Reggae-Gruppe „Muzenza“, in der ich die Ehre habe während des Karnevals mitzuspielen, herrscht ein rauer Umgangston: Ständig wird sich gegenseitig angeschrien aufgrund divergierender Meinungen, was für ein Rhythmus denn jetzt zu spielen sei, und wie (während des Auftritts !). Später erfahre ich, das sei völlig normal, eben ein Weg, die Emotionen rauszulassen. Tatsächlich stellt sich nach und nach immer mehr musikalische Harmonie und Spielfreude ein – bis hin zu explosiven Soloeinlagen. Es eine reine Freude, diesen verrückten Brasilianern zuzuschauen.

Kein Spaß mehr

Die Vorbereitung und der Karnevalsauftritt mit der Afoxe-Gruppe „Filhas de Olorum“ laufen entspannter und lustiger ab als bei Muzenza, bis auf folgenden Zwischenfall: Eines der Trommelfelle hat ein kleines Loch (wodurch die Trommel, die sicher teuer war, nicht mehr klingt). Bobby, der Bandleader, macht ein anderes älteres Gruppenmitglied (vielleicht der Instrumentenwart ?) dafür verantwortlich. Etwa eine halbe Stunde lang schreien sich die beiden an.

Der Überfall

Plötzlich sind sie da: Millionen von Riesenfliegen, mitten auf und über dem „Largo de Pelourinho“, auf dem sich Tausende Konzertbesucher aufhalten. Manche stört dies nicht, mich aber schon.

Liebe auf den ersten Blick

Ich gehe an einer Gruppe von Frauen vorbei, da bleibt mein Blick am stolz zur Schau getragenen nackten schwangeren Bauch eines der Mädchen hängen. Sie merkt dies und strahlt mich mit einem rätselhaft verliebten Blick an, den ich bis heute nicht vergessen kann.

Die Handtasche

Aufgrund übermäßigem Alkoholgenusses erinnere ich mich nur noch an Bruchteile dieses Abends: Ich habe irgendwo eine Frau kennengelernt; wir sind in mein Hotelzimmer gegangen; wir haben nicht miteinander geschlafen; stattdessen sind wir nebeneinander auf dem Bett eingeschlafen; irgendwann ist sie nach Hause gegangen, hat aber ihre Handtasche dagelassen (die immerhin ein Handy enthielt), da sie wohl durch gefährliche Gegenden durch die Nacht laufen musste. Tags darauf hat sie die Handtasche abgeholt.

Der kreativste Verkäufer

Zweimal habe ich ihn gesehen: Einen Mann, der seine drei kleinen Söhne als Vermarktungsteam eingesetzt hat. Das funktionierte so: Der Mann hat sein Produkt über eine Art Sprechgesang angepriesen, der über einen Headset mit Mikrofon und Lautsprecher weithin hörbar an die Umwelt übertragen wurde. An bestimmten einstudierten Stellen haben seine Söhne, die ein einheitliches Kostüm trugen, dazu getanzt und gesungen. Ich habe ihm aus ganzem Herzen maximalen Verkaufserfolg gewünscht. Sein einziger Fehler: Es fehlte ein Schild, so daß man ohne fundierte Portugiesischkenntnisse nicht herausfinden konnte (anhand des Sprechgesangs), was er eigentlich verkauft…

Gummibälle

Nie habe ich Menschen so tanzen sehen wie im Karneval in Salvador.

Die „Filhos de Gandhi“

Die Historie dieser berühmten Afoxe-Gruppe ist, wie ich es verstanden habe, daß ein Anhänger von Mahatma Gandhi diese Gruppe 1949 in Salvador gegründet hat. Das Kostüm: Komplett in blau und weiss (Kappe, Hemd, Ketten, Umhang, Hose, Socken, Sandalen etc.) und maßgeschneidert; schon Wochen vor dem Karneval konnte man die Anhänger bei der Anprobe auf der Straße beobachten. Während des Karnevals konnte man die Zeit messen nach den Abständen, in denen man Filhos de Gandhi begegnet ist (es müssen Zehntausende gewesen sein).

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Se emplastican documentos

In Retalhuleu, Guatemala, bietet sich dem Besucher am Parque Central (dem Hauptplatz) ein eigenartiges Bild: Rund um den Platz sind Hunderte kleiner Tischchen mit Telefonen aufgestellt. So man kein eigenes Telefon und auch keine Telefonkarte besitzt, kann man hier für 1 Quetzal (ca. 15 USD-Cent) pro Minute telefonieren. Die Telefone sind über irgendwelche Kabel an das öffentliche Telefonnetz angeschlossen.

Bei dieser Anhäufung von Konkurrenz verdienen die einzelnen Telefonbetreiber sicher nicht besonders viel, zumal die Telefonkarten in den öffentlichen Telefonzellen problemlos funktionieren und wesentlich billiger sind. Warum also machen alle dasselbe und kommen nicht auf andere Ideen, z.B. Verkauf von Klopapier ?

Es hat wohl mit der menschlichen Trägheit zu tun – es ist einfacher, etwas nachzumachen, als sich selbst etwas einfallen zu lassen. Vermutlich hat der erste, der auf die Idee mit den Telefontischchen gekommen ist, damit ein Vermögen verdient – worauf der Rest des Ortes sich sagte, „was der kann, kann ich auch“. Und wie es funktioniert, kann man sich ja bei denen abgucken, die schon Erfahrungen gesammelt haben.

Am besten sitzt man auch noch genau am selben Ort (in Retalhuleu am Parque Central), denn die Kunden wissen, dass dort die Telefone sind, also muss man keine Werbung betreiben. Und man kann sich mit Kollegen unterhalten, falls gerade nichts los ist.

Das Ergebnis ? Däumchendrehen…

Ich habe dieses Phänomen in allen Ländern in Lateinamerika, die ich bisher bereist habe, aufgefunden. Einige Beispiele:

In Mexico gibt es an den Hauptplätzen viele Menschen, die von weitem wie Bibo aus der Sesamstrasse aussehen. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass sie an ihrem Körper Dutzende von Luftballons befestigt haben, die sie verkaufen möchten.

In Panama City gibt es vor dem Supermarkt „El Rey“ eine endlose Sitzreihe von Verkäufern von Lotterielosen. Wahrscheinlich liegt den Panamesern das Zocken im Blut…

In Kolumbien gibt es in einem Park mehrere Gänge von Verkaufsbuden für Barbiepuppen, eine neben der anderen. Und alle zwei Meter begegnet man einem mobilen Kaffeeverkäufer. Das allerdings macht einen gewissen Sinn, denn hier wird viel Kaffee getrunken, der kubanische Kaffee ist excellent.

In Managua, Nicaragua, versuchen sämtliche zerlumpten Strassenkinder, den Touristen ein und denselben Vogel (den sie geschickt vor den Augen der Touristen aus Bastschnüren basteln) anzudrehen. Ich habe in den anderthalb Wochen, die ich dort war, niemanden gesehen, der einen solchen Vogel gekauft hätte.

Die Unternehmensberatungen mit ihren Slogans, dass gute Ideen das Wichtigste auf dem Weg zum unternehmerischen Erfolg sind, haben doch recht…

Costa Rica ist das Vorzeigeland Zentralamerikas, wunderbare Landschaft, gut organisierter Tourismus, vergleichsweise hoch entwickelte Wirtschaft, sauber, sicher etc. Hier sind die Leute sicher etwas schlauer als anderswo, denkt man.

In San Jose, der Hauptstadt, gibt es die Avenida Central, eine riesige Hauptverkehrs- und Einkaufsstrasse. Überall am Rand der Bürgersteige sitzen Menschen mit kleinen Tischchen vor sich und darauf einer zunächst schwer identifizierbaren Apparatur. Ein Schild gibt Auskunft: „Se emplastican documentos“, das versteht man auch ohne Spanischkenntnisse (auch wenn die Schreibweise variiert: „se emplastica documentos“; „emplasticamos uds. documentos“; etc.). Wahrscheinlich regnet es hier sehr oft und es gibt eine hohe Luftverschmutzung, so dass die vielen wertvollen persönlichen Dokumente ohne Plastikschutz sehr schnell unansehnlich oder gar unleserlich zu werden drohen.

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Karl

Wer einmal einen Rhetorikkurs oder dergleichen besucht hat, weiss, dass dort empfohlen wird, die Stimme beim Sprechen zu modulieren – man erzeugt mehr Aufmerksamkeit beim Zuhörer, wenn man nicht immer in derselben monotonen Tonlage spricht. Das funktioniert natürlich nur, wenn es nicht aufgesetzt wirkt, sondern im Einklang mit den eigenen Emotionen und der Dramaturgie des Erzählten steht. Meiner Meinung nach eine Regel, die sich nicht bewusst anwenden lässt (wenn man es nicht ohnehin unbewusst tut, aber dann braucht man die Regel ja auch gar nicht zu kennen…).

Wie auch immer, Karl aus Schweden befolgt dieses Prinzip perfekt. Während der fünftägigen Bootsfahrt von Panama nach Kolumbien wusste ich bei ihm immer sofort, wer gerade redet, auch wenn ich ihn in diesem Moment nicht sah. Die Modulation der Stimme und sein eher langsames Sprechen führen dazu, dass er endlose Sätze von sich geben kann, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer abnimmt und oder er am Ende sogar unterbrochen würde. Das geht etwa so: „I have a different opinion upon that…” (von hoch nach tief) (Pause) “I” (hoch) “have met” (tief) „many other travellers“ (hoch) „who have“ (tief) “never been there…” (hoch) (Pause) “and” (hoch) (Pause) “I think” (hoch) (Pause) “they” (hoch) (Pause) “should” (tief) “not talk about what they have never seen” (hoch, aber mit Nuancen) (Pause) “but” (hoch) (Pause)…

Das liest sich nicht nur merkwürdig, das klingt auch merkwürdig – aber man hört ihm gerne zu. Und man (auch und insbesondere: frau) unterhält sich gern mit ihm, er ist ein sehr netter Kerl, immer gesprächs- und hilfsbereit.

Wir haben immerhin ein gemeinsames Thema: Er studiert Mathematik. Und eines Morgens, noch im Dunkeln und die kolumbianische Küste ansteuernd, haben wir uns lange über die frustrierenden Probleme der Entwicklungshilfe und des – ja bekanntlich gar nicht so freien – Welthandels unterhalten.

Wir hatten einen Russen an Bord, Max – aber der eigentliche Russe, zumindestens äusserlich, war Karl: Rote Haare, bleiche und sehr sonnenempfindliche Haut, wuchender Vollbart und lange Haare. Letztere hat sich Samantha aus Australien nicht nehmen lassen, in einer dreistündigen Aktion zu schneiden, konnte sie so doch lange in seiner Nähe sein und ihn berühren.

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Dennis, Dina und der Darien

Der “Darien Gap“ ist für mich eines der faszinierenden Naturereignisse der Welt, auch wenn er uns Reisende vor ein lästiges Problem stellt: Die „Panamericana“, der ganz Nord-, Mittel- und Südamerika durchkreuzende Highway, wird zwischen Panama und Kolumbien durch den Darien-Dschungel im Südosten Panamas unterbrochen. Durch den Darien fährt kein öffentlicher Bus, und eine privat organisierte Tour ist – so sagen sämtliche Reiseführer – aufgrund der gefährlichen Tiere, der grossen Distanz zu jeglicher medizinischer und sonstiger Hilfe und insbesondere aufgrund der im Dschungel ihr Unwesen treibenden kolumbianischen Guerillas, lebensgefährlich.

Also bleibt nur Flugzeug oder Schiff. Ein Flug kostet aber in der Regel mindestens 200 US-Dollar. Da ist die Fahrt mit der Yacht von Captain Dennis Moore von Portobello (Panama) nach Cartagena (Kolumbien) mit 250 US-Dollar kaum teurer, zumal ein Abstecher zu den wunderschönen St. Blas-Inseln inbegriffen ist und man für ca. 4-5 Tage Unterkunft und Verpflegung sparen kann. Also habe ich, wie ca. 15 andere Touristen im “Voyager International Hostel“ in Panama City gleichermassen, nicht gezögert, zuzuschlagen. Das erste Treffen mit Dennis (USA, 45) und seiner kolumbianischen Begleiterin Dina (ca. 30) in Panama City verläuft positiv, wir haben alle einen guten Eindruck.

Dann aber giesst die Mutter von Abdiel (dem Hostelbesitzer) einen Wermutstropfen ein: Dennis würde zu viel trinken, sei unzuverlässig und habe auch schon einmal Pässe verschlampt. Das macht uns natürlich nervös – der Pass ist mit Abstand das Wichtigste, was ein Tourist mit sich führt; alles andere (auch Kreditkarten) ist leichter wiederzubeschaffen und kostet weniger.

Eine kurze Internetrecherche ergibt aber keine brauchbaren Referenzen von anderen Reisenden, weder positive noch negative, zu Captain Dennis Moore. Also mache ich mich – wie ohnehin geplant – auf ins Hotel Marriott, wo ich mich mit Dennis und Dina treffe, wir wollen zusammen nach Portobello fahren. So habe ich einen Tag Zeit, die beiden kennenzulernen und kann notfalls immer noch abspringen bzw. die anderen (die erst einen Tag später ankommen) vorwarnen.

In der Lobby vom Marriott ist kein Dennis, ich denke, das fängt ja gut an und will schon gehen, da sehe ich in der Ecke des riesigen Foyers den Eingang zur Bar. Er wird doch nicht…? Ich gehe rein und sehe ihn mit Dina und einem Dritten vor einigen Pitchern Bier sitzen – natürlich. Wieder habe ich den Impuls zum Gehen, entscheide mich dann aber für „Wenn schon, denn schon“.

Um es abzukürzen, ich habe das zu keiner Minute bereut, Dennis stellte sich als ein äusserst angenehmer und zuverlässiger Zeitgenosse heraus. Er ist, wie man sich einen typischen Seemann vorstellt, handfest, immer einen kessen Spruch drauf, gröhlende Stimme, blonde Haare, blaue Augen, wettergegerbt – und gleichzeitig ein sehr interessanter Gesprächspartner, der viel gesehen und erlebt hat und seine eigenen Ansichten besitzt (die erfreulicherweise nicht immer US-regierungskonform sind). Und er hat ein grosses Herz. Es liegt ihm sehr daran, dass uns allen die Reise Spass macht und kümmert sich um alle, insbesondere die (später) Seekranken.

Dina, Mutter von zwei Kindern, ist emotional sehr schwankend, mal sehr fröhlich, mal traurig, mal wütend – besonders oft auf Dennis, die beiden harmonieren als Team nicht besonders gut. Dennis ist an Land nicht in seinem Element und hat Schwierigkeiten, die diversen vorbereitenden Aktivitäten (Verpflegung einkaufen, Technik überprüfen/reparieren, etc.) zu organisieren, was Dina – die mehr Organisationstalent besitzt – auf die Nerven geht. Dann aber wieder sind sie ein Herz und eine Seele.

Ein unsichtbarer Dritter spielt an Bord eine wesentliche Rolle: Bill, Besitzer des Boots und Ehemann vonn Dina, derzeit aber in einem Hospital in Mexico: Kehlkopfkrebs, der aufgrund einer Fehldiagnose zu spät erkannt wurde; er hat noch ein knappes Jahr zu leben. Dennis und Dina wollen in Kolumbien ein Einreisevisum für Dina nach Mexico versuchen zu beschaffen (so etwas ist für Kolumbianer besonders schwierig, da jedes andere Land annimmt, dass alle Kolumbianer haufenweise Drogen schmuggeln). Danach will Dennis Bill helfen, seinen (letzten) Lebenstraum zu verwirklichen – eine Segeltour nach Europa und nach Brasilien. Wenn Bills Gesundheitszustand es zulässt – und vielleicht sogar, wenn nicht…

Das Verhältnis zwischen Dennis und Dina ist schwer zu durchblicken – sie sagen beide, sie seien nur Freunde, verhalten sich aber wie ein Paar. Wahrscheinlich fürchten sie, dass Bill es erfährt.

Klar, dass das alles Dina und Dennis stark belastet. Irgendwann abends erzählt mir Dina, dass sie in jeder freien Minute an dieses Visum denkt. Vermutlich kommen auch Schuldgefühle wegen Dennis und anderen Dingen, was auch immer da passiert sein mag, hinzu. Dann aber wieder ist sie fröhlich, lacht, fängt an zu singen – wie die meisten Menschen auf diesem Kontinent mit ihren schwierigen Lebensumständen, die sie für einen Augenblick zu vergessen suchen.

Die Fahrt ist ein voller Erfolg, wunderschön, und keinerlei Probleme weder mit den panamesischen noch den kolumbianischen Einreisebehörden. In der ersten Nacht werden fast alle seekrank, auch ich, aber danach haben wir uns daran gewöhnt und vermissen an Land in Cartagena sogar fast das ständige Schwanken.

Der erste Eindruck von Südamerika: Im Hafen von Cartagena singt jemand – über Funk. Dennis, lachend: „This is an emergency channel and they use it for a song…!”

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Ivan und der Excel-Kurs

Wir haben uns sonnabends in einer Bar kennengelernt, ich suchte jemand zum Unterhalten und Ivan war mir sofort symphatisch. Er studiert Biologie an der „Universidad de Centro America“ – UCA – in Managua. Sein Problem: In dem Forschungsprojekt, an dem er und seine Kollegen arbeiten, hantieren sie mit Unmassen von Daten herum und haben aber nur eingeschränkte Kenntnisse von Microsoft Excel.

Da kann ich Abhilfe schaffen, bin ich doch (fast) allzeit bereit, während meiner Reise Jobs auszuüben. Wir vereinbaren: Ich mache einen Tag Excel-Kurs für ihn und seine Kollegen umsonst; falls Interesse an mehr besteht, ist etwas zu zahlen. Meine Erfahrung mit solchen Agreements, sog. „Schnupperkursen“, aus Deutschland (dort allerdings eher von der Schüler-Seite aus) ist sehr gut, die Kunden können den Trainer und seine Qualität kennenlernen, bevor sie etwas gezahlt haben. In der Regel machen sie dann weiter und zahlen, auch aus einer gewissen moralischen Verpflichtung heraus. Es ist eine faire Angelegenheit, aber auch in gewissem Sinne ein psychologischer Trick.

Am Montag treffe ich mich mit Ivan und seinen Kollegen an der Uni, unter ihnen auch ein ehrwürdiger älterer Herr, den alle „Padre“ nennen und der erstaunlich viel über Deutschland weiss (ohne je da gewesen zu sein). Wir vereinbaren Uhrzeit, Teilnehmerzahl und Dauer für den Schnupperkurs, der am Dienstag stattfinden soll.

Während meiner Kursvorbereitung frage ich mich, was ich wohl für die vertiefenden Kursstunden so fordern kann – ich kann sehr schwer die soziale Situation von Ivan und seinen Kollegen einschätzen, sie wirken nicht arm, aber Nicaragua insgesamt ist extrem arm, alles ist relativ…Schliesslich unterhalte ich mich mit einem anderen Touristen, der ebenfalls einen Kurs machen will. Er gibt mir auf den Weg: „30 Cordobas pro Stunde und Person, auf keinen Fall weniger“. 30 Cordobas sind ca. 2 US-Dollar.

Der Kurs findet statt und ich mache es wirklich gut, alle lernen eine Menge, auch weil ich sie immer wieder selbst machen lasse, anstatt zu erzählen. Nach ca. 4 Stunden sind alle vier Teilnehmer erschöpft und zufrieden, auch Ivan. Als wir dann über die Fortsetzung sprechen, herrscht aber nur mässiges Interesse. Ich hatte nicht bedacht, dass hier in Zentralamerika angesichts der materiellen Nöte der allermeisten Menschen die oben angeführte „moralische Verpflichtung“ – bekommt man etwas umsonst und nutzt es, sollte man auch etwas kaufen – eine untergeordnete Rolle spielt. Konkret: Die vier hatten nach ihrer Meinung genug gelernt und freuten sich, das Geld für eine Fortsetzung sparen zu können. Ich hatte den Schnupperkurs zu gut gemacht.

Dann aber merkte ich, dass Ivan – mein Verhandlungspartner – sich doch ein wenig dafür verantwortlich fühlte, mich nicht völlig leer ausgehen zu lassen. Nach einigen Diskussionen und Hin und Her wurde schliesslich eine zweistündige Fortsetzung am Freitag für drei Personen draus – also 180 Cordobas, d.h. ca. 12 US-Dollar. Immerhin, besser als nichts – und ich war um eine interessante Erfahrung reicher, und Spass gemacht hat es auch.

(Es gibt genügend Menschen in Nicaragua, die von 12 US-Dollar 2 Wochen und mehr leben müssen…)

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Die Frauen von Guatemala

Sie wissen nichts vom Jonglieren und sind doch selbst Jonglierkünstlerinnen: Ein Teilgebiet des Jonglierens ist das Balancieren, und da sind sie Weltmeister – auf dem Kopf. Ich habe eine Frau gesehen, die in einem überfüllten engen Bus – aus dem Korb auf ihrem Kopf heraus – Speisen verkauft hat. Sie hat sich durch den ganzen Bus hindurchgedrängelt und hat an mindestens 20 Personen etwas verkauft, ohne dass sie den riesigen Korb auch nur einmal festhalten musste.

Auch sonst habe ich nicht einmal beobachten können, dass einer Frau etwas heruntergefallen wäre. Wahrscheinlich lernen sie das bereits als Baby, noch bevor sie laufen oder „Mama“ sagen können. Viele Frauen laufen mit einer kleinen Decke oder Ähnlichem auf dem Kopf in der Gegend herum, auch ohne dass sie etwas darauf tragen – es kann ja jederzeit notwendig werden.

Ich habe es nie versucht, stelle mir aber vor, dass diese Art des Beförderns von Lasten – wenn man es kann – eine vergleichsweise bequeme und entspannte Methode ist, da keine Muskeln angespannt werden. Der Schädeldecke macht das Ganze nichts aus.

Die gesellschaftliche Position der Frauen von Guatemala steht jedoch mit ihren hier beschriebenen künstlerischen Fähigkeiten nicht im Einklang. Wie in vielen anderen Ländern auch, haben die Frauen hier – und hier ganz besonders, vor allem in den ländlichen Gebieten – hauptsächlich dienende Aufgaben: Kinder grossziehen, Haushalt erledigen, Essen kochen, servieren (und selbst ganz zum Schluss die Reste essen, wenn alle anderen fast fertig sind), abwaschen, waschen, putzen etc. Ich habe nie gesehen, dass ein Mann das Essen serviert oder beim Abwaschen geholfen hätte. Und selbst habe ich das aus Angst vor einem Sittenverstoss – und vielleicht auch aus Bequemlichkeit – auch nie getan (mit einer Ausnahme).

Es ist so Tradition. Ich habe nie mitgekriegt, dass sich eine Frau darüber beklagt hätte. Genauso ist Tradition, dass die Frauen (zumindestens in der Maya-dominierten Provinzhauptstadt Totonicapan, wo ich einen Monat gelebt habe) bunte Maya-Trachten tragen – und nie Strümpfe. Auch nicht im Winter, wo in Totonicapoan des öfteren Temperaturen unter Null herrschen.

Die kleinen Kinder werden immer in Tüchern auf dem Rücken getragen. Und Kinder gibt es viele. Die Tochter von Pedro, bei dem ich gewohnt habe, hat 54 Cousins (bzw. Cousinen). Pedro weiss alle Namen auswendig.

Die Frauen versuchen, das harte Leben leicht zu nehmen, haben immer ein Lächeln auf den Lippen, gerade dann wenn etwas schief gegangen ist oder sie sich durch einen vollkommen überfüllten Bus drängeln müssen (natürlich mit dem obligatorischen Baby auf dem Rücken und dem ebenso obligatorischen Korb auf dem Kopf). Etwas zum Lernen für mich.

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Kenny

Das Hotel „Santos“ in Manuagua, in dem ich etwa eine Woche lang übernachtet habe, ähnelt stark den typischen Hostels, die man in jeder Dritte-Welt-Stadt mit vielen Billigtouristen findet: Billig (4 US-Dollar die Nacht), bunte, schöne Einrichtung mit vielen Pflanzen, grosser Gemeinschaftsraum, Fernseher, etc. Aber eine Sache ist dort anders (zumindestens: war anders, als ich dort war): Es gibt viele Touristen, die deutlich älter sind als der übliche Altersdurchschnitt der Backpackers (der bei ca. 25 liegt). So auch Kenny, der einzige mir bekannte Rentner-Traveller.

Kenny ist ca. 65, US-Bürger und bezieht von der Regierung eine Pension (ich habe vergessen, wie sich das dort nennt). Diese ist zum Leben in Ländern wie Nicaragua ausreichend, sogar incl. gelegentlicher Flüge in andere Länder – aber nicht in den USA. Also reist Kenny.

Sein nächstes Ziel ist Asien, in Lateinamerika war er jetzt ca. 1 Jahr – und sucht eine Abwechslung. Er war bereits in Asien. Gefällt ihm Asien besser als Lateinamerika ? Kann man so nicht sagen, es ist halt anders…Nach Malaysia will er allerdings nicht, dort ist die Polizei hinter ihm her und will ihn einsperren, sagt er. Er weiss nicht, warum.

Es ist interessant, sich mit ihm zu unterhalten – er hat seine eigene Sicht der Dinge und ist ein guter Zuhörer. Das bestätigten auch alle anderen im Hotel, die sich mit Kenny unterhalten haben: „yes, he has something to say…“. Mal was anders als der typische Reisenden-Smalltalk („Where you´re from ?“ „How long you´re travelling ?” “Where do you go next ?“ etc. etc.).

Was ich bewundere, ist seine Einstellung: Er hat viel Mist erlebt, sieht auch nicht besonders vertrauenserweckend aus (hat z.B. nur noch etwa vier Zähne, jedenfalls kann man nur vier sehen) und wird sicher nirgends mit offenen Armen empfangen – aber wirkt nicht resigniert, sondern geht mit offenen Augen durch die Welt. Frustriert, ja. Aber nicht resigniert.

Das einzige Problem: Es ist schwer, eine Unterhaltung mit ihm zu beenden, ohne unhöflich werden zu müssen…

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Victoria

Victoria arbeitet bei der Kreditorganisation ADCI und war in den vier Wochen, die ich dort tätig war, meine wichtigste Kollegin: Es galt, ihren umfangreichen monatlichen „Reporte de Morisidad“ etwas mehr durch Excel-Formeln zu automatisieren.

Victoria ist etwa so alt wie ich, alleinerziehende Mutter eines Sohnes und hat die vibrierende tiefe Stimme einer Soulsängerin. Leider sind wir nie über den Status einer netten Bekanntschaft hinausgekommen, obwohl wir dies beide – ich jedenfalls und sie wohl auch – gern erreicht hätten. Das Problem waren wohl die zu unterschiedlichen Kulturen und Gewohnheiten sowie ihre leider nicht abzustellende unterwürfige Höflichkeit dem grossen deutschen Computerexperten gegenüber. Mir war nie klar, was sie eigentlich wollte.

Reporte de Morosidad – dieser Report enthält detaillierte Informationen, wieviel die „Moras“ – Firmen, die bei den Rückzahlungen säumig geworden sind – dem ADCI schulden. Ich staunte nicht wenig, als ich eines Tages in dieser etwa 500 Firmen umfassenden Datei auch den Namen „Victoria B. A.“ entdeckte – ja, die gute Victoria ist selbst auch eine „Mora“. Dies ereignete sich allerdings vor der Einstellung beim ADCI, worauf Pedro, der Direktor des ADCI, Wert legt festzustellen. Heute stehen die – für guatemaltekische Verhältnisse umfangreichen – Schulden unsichtbar im Raum. Gesprochen wird darüber nicht.

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Alejandra

Wenn man selbst Deutscher ist, ist Deutsch Lehren gar nicht so einfach (vor allem, wenn man es noch nie gemacht hat): Wer z.B. weiss schon aus dem Stand, dass in der Konjugation von regelmässigen Verben zunächst vom Infinitiv das „-en“ entfernt und dann je nach Person durch „-e“, „-st“, „-t“ und „-en“ ersetzt wird, wobei 3. Person Singular und 2. Person Plural identisch sind, wie auch 1. und 3. Person Plural ?

Ich mache es meiner Meinung nach ganz gut, und Alejandra, 18, die für ein Jahr ab Januar eine deutsche Schule besuchen wird, ist eine gute und disziplinierte Schülerin. Nur die Aussprache, eines der Hauptprobleme für Ausländer in Deutschland, bereitet ihr grosse Schwierigkeiten und verursacht Hemmungen vor dem freien Sprechen, ich muss sie dazu zwingen.

Wenn sie etwas richtig gemacht hat und ich sie lobe, freut sie sich immer sehr, mit einem reizenden Lächeln. Wenn sie aber etwas nicht versteht, ist ihr Gesicht ein einziges Fragezeichen.

Sie ist oft krank, hat Migräne und dergleichen, wirkt ein klein wenig verwöhnt, wobei ich das nach 5 Tagen natürlich noch nicht wirklich beurteilen kann. Interessant, wie sie ihre – mir sehr symphatische – kleinere Schwester Estefania beschreibt (nachdem wir einige Vokabeln bzgl. Statur und Charakter geübt haben): „klein, dick und unruhig.“ Klassische Schwesternliebe.

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Deja vu

« Est-ce que vous savez la heure ? »

Die Frau im Bistro zeigt mir ihre Uhr.

« Et a quelle temps nous arriverons a Cologne ? »

« Je ne le sais pas, parce que… »… weil sie in Brüssel aussteigt. Ich bin gerade am Fragen, wann das ist, als wir durch eine Ansage unterbrochen werden. Die Frau hört der Ansage sehr genau zu. Dann erläutert sie mir etwas auf französisch, und ich glaube zu verstehen, dass sie in Brüssel in einen anderen Zug umsteigen muss. Also frage ich, woher sie kommt – aus Brüssel.

Es stellt sich heraus, dass sie mir erklärt hat, dass ICH in Brüssel in einen anderen Zug umsteigen muss, um nach Köln zu kommen; offenbar aufgrund irgendeines Schadens.

Anfangs habe ich noch versucht, mit ihr französisch zu sprechen, weil ich aufgrund meines gerade in Barcelona absolvierten Spanischkurses sozusagen fremdsprachenaffin bin, gebe aber jetzt auf und biete Englisch an. Sie kann aber kein Englisch, Spanisch auch nicht, also doch Französisch.

Sie kommt gerade aus Paris, wo sie einen Tag Urlaub verbracht hat. Nachdem sie anfangs sehr reserviert wirkte, ist sie nun lebhafter, verabschiedet sich dann aber mit einem unvermittelten « au revoir ».

Ich steige in Brüssel in den anderen Zug um, der übrigens einen regulären und geplanten Umstieg darstellt, und besetze im anderen Zug, der auch ein „Thalys“ ist, denselben Platz in demselben Wagen, der genau gleich aussieht wie der erste, und verstaue in gleicher Weise meine Sachen in der Gepäckablage. Das erinnert mich an den Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ mit Bill Murray.

Lustig, dass mir an diesem Tag schon mal etwas Ähnliches passiert war: Ich hatte in einer Pariser Metrostation zusammen mit einer alten Fahrkarte versehentlich einen wichtigen Ausweis in den Papierkorb geworfen und dies erst am „Gare du Nord“ festgestellt, als ich genau diesen Ausweis brauchte. Also musste ich zur selben Metrostation zurückkehren – der Ausweis war glücklicherweise noch auffindbar – und dieselbe Strecke nochmal fahren.

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Off the beaten track

Sonntags um 15 Uhr ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für eine Verabredung, finde ich. Also entweder man verabredet sich zum Frühstücken (dann früher) oder Trinkengehen (dann später). Ich habe so entgeistert reagiert, dass sie schon auf 18 Uhr umschwenken wollte – aber dann bestand ich auf 15 Uhr, ich fand das plötzlich cool. Passte irgendwie zu unserer recht ungewöhnlichen Unterhaltung, wobei ich gar nicht sagen kann, was genau das Ungewöhnliche war.

Vielleicht war es ihr so gar nicht zum Odeon passendes Outfit, wo die Leute, vor allem die Frauen, extrem gestylt und „jetzt-machen-wir-Party-und-sind-gut-drauf“-mäßig rumlaufen. Sie hingegen trug grüne Turnschuhe, das war mir sofort sympathisch. Das war auch das, was ich ihr den ganzen Abend sagen wollte, bin aber nie dazu gekommen. Na ja, Sonntag ist ja auch noch ein Tag.

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Kommunikation

In der letzten Woche hat es so stark geregnet, dass in Frankfurt, wie auch anderswo, diverse Unwetterschäden entstanden sind. Auch das Cafe Starbucks ist davon betroffen und hat zu. Vor der Tür fragt mich ein desorientiert wirkender älterer Herr, ob hier Nummer 50 sei, er wäre Architekt und hierher bestellt – ja, das ist plausibel, und die Nummer stimmt.

Ich setze mich also in das Cafe nebenan, das ziemlich voll ist, zu einer älteren Dame an den Tisch. Ich erläutere, dass ich eigentlich ins Starbucks wollte, aber das Unwetter…es dauert eine Zeit, bis sie mich versteht. Daraufhin reißt die Unterhaltung ab.

Sie ist auffällig gekleidet, viel grell und rot, verbindet damit aber eine gewisse Würde.

Plötzlich segelt ein Blatt des Baumes über uns auf den Tisch. Wir schauen uns an und sie bemerkt, dass es wohl Herbst würde, der Sommer war ja auch nix, aber letztes Jahr…nun unterhalten wir uns doch.

Zuerst denke ich, dass sie aus Bayern kommt, aber als sie irgendwann einen vollkommen unverständlichen Satz sagt, frage ich nach: Sie ist Schweizerin, aus einem Dorf zwischen Montreux und „Brriieck“ (Brig), Nähe „Unnnterwalllden“ (Unterwalden). Ich liebe diesen Dialekt.

Sie ihrerseits liebt ihr Land, erzählt begeistert vom Matterhorn und vom Genfer See, da kann ich ein bisschen mitreden. Und dort sei die Welt noch in Ordnung, „auch die Jugend“. Im Gegensatz zu Frankfurt, wo sie ein Schuhgeschäft hat – mag Frankfurt aber auch. Wichtig: Hier müsse man die Leute über das Geschäftliche kennen lernen, den ganzen Tag in Cafes sitzen ginge nicht. Oder, ergänze ich, über die Musik, wie ich.

Ich erzähle, dass ich aus Hannover komme, ja, dort würde eine Schwester von ihr wohnen, auch aus der Gegend um „Brriieck“. Auch sie findet Frankfurt interessanter.

Ich stelle ihr ein mathematisches Rätsel, passend zu ihrer Herkunft: Wenn die gesamte Menschheit im Genfer See baden ginge, um wie viel würde das Wasser steigen ? Natürlich weiß sie es nicht, wer weiß so was schon: um einen halben Meter. Bzw. mittlerweile wahrscheinlich um einen Meter, denn das Rätsel datiert von etwa 1970.

Der Genfer See hat mich immer fasziniert: Ein Binnensee, von dem man an manchen Stellen das andere Ufer nicht mehr sehen kann. Und das Kinderkrimibuch „Moderne Piraten“ spielt hier.

Nachdem sie gegangen ist, gehe ich zahlen und sehe einen filmenden Kameramann. Wen er filmt, ist ein Herr etwa 35, der gerade interviewt wird. Auf meine Frage hin erläutert der Kellner, das sei jemand, den man kennen kann aber nicht muss, ein Herr Jordanow, Geschäftsmann.

Ich höre Sprachfetzen wie „wenn Sie den Satz bitte noch mal etwas deutlicher sprechen könnten“. Es geht irgendwie um seine Gewohnheiten und ums Internet. Er wirkt sehr angespannt.

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Too quick too close

Gerade als sie gehen will, kommen die Frau und ich doch noch ins Gespräch. Ich frage sie, was sie in ihr Notizbuch geschrieben habe – ein Tagebuch ? Nein, philosophische Gedanken.

Wurde ja Zeit, dass ich mich mal mit jemandem unterhalte, der auch schreibt. Da kommen meine Kurzgeschichten über Begegnungen mit anderen Menschen gerade recht. Ich erzähle, wie ich gerade die Story zum Performancestück „City of Cultures“ geschrieben habe, wie nahe mir das gegangen ist und dass diese Story deswegen auch etwas länger als die anderen wurde.

Wie lange ich schon schreibe, will sie wissen. Nun, dies ist etwa meine zehnte Geschichte geworden; ein Novize sozusagen. Aber es macht mir ja Spass, ist etwas für mich, besonders schön daran ist das Bleibende an den Erlebnissen. Ob ich gut andere Menschen charakterisieren könne ? Weiss ich nicht, aber es macht mir jedenfalls Spass, im Nachhinein aus den flüchtigen einzelnen Eindrücken irgendein Bild zusammenzusetzen.

Sie schreibt im Moment über die Leichtigkeit. Ich glaube, ich höre nicht recht, genau mein Thema… Nach ihrer Theorie kommt es darauf an, die Hindernisse zur Leichtigkeit zu erkennen und irgendwann aufzulösen. Bei ihr ist das oft der Ärger über andere Menschen, der letztlich aber immer aus ihren eigenen Problemen resultiere. Als kommt es darauf an, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein ? Genau.

Ich verstehe sie so gut, dass es sie fast irritiert. Normalerweise redet sie ungern über ihre philosophischen Gedanken, weil dies die meisten anderen Menschen verwirre. Nun trifft sie mal auf einen, den dies nicht verwirrt, und dies verwirrt sie selbst.

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Staubtrocken

„C.?“

Ja, er ist es, der ehemalige Trompeter meiner Sambaband „A.B.“. Zusammen mit einer symphatisch aussehenden Frau hat er sich zu mir an den Tisch gesetzt. Der Tisch steht vor dem Imbiss in der Nähe von dem verrückten japanischen Gitarristen, der immer mal auf dem Frankfurter Flohmarkt am Main spielt.

So auch heute. Es haben sich einige Zuhörer versammelt. Die Frau neben mir – C’s Freundin oder Frau – meint, er würde „katharsich“ spielen, von Katharsis, das sei etwas wie Reinigung. Wie im Theater, wo nach einiger Zeit mit dem Zuschauer etwas passiert. Wobei man sich streiten würde, ob das wirklich so sei, auch Goethe habe dazu keine klare Meinung gehabt.

Ich schliesse daraus, dass sie Theaterwissenschaften oder Germanistik studiert habe – dicht dran, Philosophie. Christoph hat Theologie studiert, wurde dann aber Kinderarzt, sie hat irgendwas mit Betreuungsprojekten oder so ähnlich gemacht und orientiert sich gerade beruflich neu. Beide haben Kinder aus früheren Beziehungen bzw. Ehen.

Ich orientiere mich ja auch neu. Erzähle vom abgeschlossenen Projekt und von der Reise. Ob ich mit jemand anders zusammen reisen würde ? Nein, allein, das ist mein Ding – mich anonym in was Neues, Unbekanntes reinstürzen, ohne Verbindlichkeit.

Die beiden reagieren wie viele: Finden das toll, würden es selbst aber so nicht durchziehen wollen.

Beide sind mir sehr symphatisch, haben beide diese staubtrocken ironische Art drauf, die ich so mag. Meistens redet er und sie guckt belustigt/skeptisch. Wir unterhalten uns über Buchstabenpermutationen in Worten, Glücksfällen von wiedergefundenen verlorengeglaubten Dingen, Hörschäden, Wegwerfern und Sammlern, Freizeitgestaltung, Frankfurt, Höhlengleichnisse von Platon (?), Vierdimensionalität und solche Dinge.

Der verrückte japanische Gitarrist kreischt wieder seine Rockballaden. Es spielt ohne Unterlass, eine Untermalung, die man irgendwann nicht mehr bewusst wahrnimmt, „wie im Zug“.

Dass Dieter, der Saxophonist, nicht mehr bei uns ist, wusste Christoph nicht mal. Ich gehe ja auch weg, ob die Band dann auseinanderbräche ? Ich meine nein; er sagt weise: Das weiss man erst nachher.

Mittendrin ein typischer Anruf von F.W., Fa. X.: Ob die SAP-Mappen tatsächlich bis auf weiteres nicht mehr automatisch übertragen werden sollten ? Das ist richtig. Meine Gesprächspartner sind ob meiner operativen Verantwortung beeindruckt. Aber das ist ja bald vorbei…

Lautet das Wort nun „katharsisch“ oder „kathartisch“ ? Ich bin für „katharsisch“, die beiden präferieren „kathartisch“, warum auch immer.

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Wenn schon, denn schon

Der Fernseher im Toffis ist kaputt, also kriege ich das Ende des Fussball-Pokalfinales Werder-Aachen nicht mit. Setze mich raus und klage einem mit am Tisch sitzenden Typen (der arabisch aussieht) mein Leid. Er interessiert sich aber nicht für Fussball, dafür für eine Football-ähnliche Sportart, in der alle ohne jeglichen Körperschutz spielen.

Ein krass wirkender Typ, ich habe schnell das Gefühl, mit dem nicht viele gemeinsamen Themen zu finden. Gebe mir dann auch nicht mehr viel Mühe, das Gespräch in Gang zu halten. Dafür dann aber er, fragt nacheinander (jeweils nachdem das Gespräch zwischenzeitlich versiegt war) was ich heute gemacht habe, was ich arbeite, und so weiter. Schliesslich jedoch gibt auch er auf.

Ich erfahre noch, dass er gebrauchte Autos ins Ausland verkauft. Das Geschäft geht nicht besonders gut, „reicht aber zum Leben“.

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Der Freak

Einen solchen Schnurrbart sieht man selten: Einmal im Kreis gezwirbelt, so dass die Bartenden nach oben anlaufen und – wie ein Violinschlüssel – nach einer ganzen Umdrehung wieder in der Mitte enden.

Passend dazu, ist er selbständig in einem technischen Umfeld und verkauft „Gartenbahnen“, das sind Modelleisenbahnen, die – wie der Name schon sagt – in einem Garten aufgebaut werden. Doch, davon kann man leben.

Früher ist er um die Tourenwagen-Europameisterschaft gefahren, hat damit natürlich eine dezidierte Meinung zur Formel 1, in der an diesem Tag Michael Schumacher mal wieder seine Konkurrenz deklassiert hat. Wie diese Meinung allerdings konkret aussieht, ist mir entfallen. Geschieht ihm recht, er hört ja auch anderen nicht wirklich zu.

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Hobbys

Sie ist eine Fledermaus. Hat sich nur für wenige Stunden in menschliche Gestalt verwandelt und lehnt an eine der Säulen im Cave. Wobei auf ihrem T-Shirt Flugsaurier, nicht Fledermäuse – wie ich zuerst annehme – abgedruckt sind.

Den Rest habe ich vergessen.

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Der Traum

Bin im Cafe Lido und lese My Tokyo Godfather, Haruki Murakami, “Kafka am Strand”. Neben mir setzt sich ein etwa vierzigjähriger Typ an den Tisch und packt eine riesige Kamera aus. Wirkt gesprächsoffen, ich frage und erfahre, dass es sich um eine digitale Spiegelreflexkamera handelt. Überraschend leicht, wiegt in meiner Hand max. 1 kg.

Er sagt, er habe sich jetzt mal einen vieljährigen Traum erfüllt, viele Wochen auf dieses Gerät warten müssen, aber sonst nicht viel Ahnung davon. Studiert also erst mal die sehr umfangreiche Gebrauchsanleiting, selbst das Quickstart-Manual ist abschreckend lang.

Zwei Typen am Nebentisch wechseln auch ein paar Worte mit ihm, der eine kennt sich offenbar ziemlich gut mit Kameras aus. Die beiden gehen dann und kommen nach ca. 15 Minuten aber überraschend wieder, „hat sich zerschlagen“ (was auch immer).

Der stolze Kamerabesitzer arbeitet bei Reuter, der Nachrichtenagentur, sein Chef würde gerade auch mit seiner Familie durch Europa reisen (auf meine Erwähnung meiner Reisepläne hin bemerkt). Wie das mit den Kindern funktioniere ? Keine Ahnung, vielleicht reisen die nur in den Ferien mit. Ich sage, dass ich das schön fände, dass Reisen auch mit Familie möglich sei, er stimmt zu.

Das Gespräch ebbt oft ab, ich lese immer wieder in meinem Buch weiter und er in seiner Gebrauchsanleitung, dann schiesst er einige Probefotos. Die zwei Frauen gegenüber – die etwa in Fotographierrichtung sitzen – schauen irritiert.

Je nach Auflösung haben die Fotos eine Dateigrösse zwischen 0,2 und 5 MB. Er kann derzeit 128 MB lokal auf dem Speicherchip auf der Kamera abspeichern, plant aber ein Upgrade auf 1 GB.

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