In Retalhuleu, Guatemala, bietet sich dem Besucher am Parque Central (dem Hauptplatz) ein eigenartiges Bild: Rund um den Platz sind Hunderte kleiner Tischchen mit Telefonen aufgestellt. So man kein eigenes Telefon und auch keine Telefonkarte besitzt, kann man hier für 1 Quetzal (ca. 15 USD-Cent) pro Minute telefonieren. Die Telefone sind über irgendwelche Kabel an das öffentliche Telefonnetz angeschlossen.
Bei dieser Anhäufung von Konkurrenz verdienen die einzelnen Telefonbetreiber sicher nicht besonders viel, zumal die Telefonkarten in den öffentlichen Telefonzellen problemlos funktionieren und wesentlich billiger sind. Warum also machen alle dasselbe und kommen nicht auf andere Ideen, z.B. Verkauf von Klopapier ?
Es hat wohl mit der menschlichen Trägheit zu tun – es ist einfacher, etwas nachzumachen, als sich selbst etwas einfallen zu lassen. Vermutlich hat der erste, der auf die Idee mit den Telefontischchen gekommen ist, damit ein Vermögen verdient – worauf der Rest des Ortes sich sagte, „was der kann, kann ich auch“. Und wie es funktioniert, kann man sich ja bei denen abgucken, die schon Erfahrungen gesammelt haben.
Am besten sitzt man auch noch genau am selben Ort (in Retalhuleu am Parque Central), denn die Kunden wissen, dass dort die Telefone sind, also muss man keine Werbung betreiben. Und man kann sich mit Kollegen unterhalten, falls gerade nichts los ist.
Das Ergebnis ? Däumchendrehen…
Ich habe dieses Phänomen in allen Ländern in Lateinamerika, die ich bisher bereist habe, aufgefunden. Einige Beispiele:
In Mexico gibt es an den Hauptplätzen viele Menschen, die von weitem wie Bibo aus der Sesamstrasse aussehen. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass sie an ihrem Körper Dutzende von Luftballons befestigt haben, die sie verkaufen möchten.
In Panama City gibt es vor dem Supermarkt „El Rey“ eine endlose Sitzreihe von Verkäufern von Lotterielosen. Wahrscheinlich liegt den Panamesern das Zocken im Blut…
In Kolumbien gibt es in einem Park mehrere Gänge von Verkaufsbuden für Barbiepuppen, eine neben der anderen. Und alle zwei Meter begegnet man einem mobilen Kaffeeverkäufer. Das allerdings macht einen gewissen Sinn, denn hier wird viel Kaffee getrunken, der kubanische Kaffee ist excellent.
In Managua, Nicaragua, versuchen sämtliche zerlumpten Strassenkinder, den Touristen ein und denselben Vogel (den sie geschickt vor den Augen der Touristen aus Bastschnüren basteln) anzudrehen. Ich habe in den anderthalb Wochen, die ich dort war, niemanden gesehen, der einen solchen Vogel gekauft hätte.
Die Unternehmensberatungen mit ihren Slogans, dass gute Ideen das Wichtigste auf dem Weg zum unternehmerischen Erfolg sind, haben doch recht…
Costa Rica ist das Vorzeigeland Zentralamerikas, wunderbare Landschaft, gut organisierter Tourismus, vergleichsweise hoch entwickelte Wirtschaft, sauber, sicher etc. Hier sind die Leute sicher etwas schlauer als anderswo, denkt man.
In San Jose, der Hauptstadt, gibt es die Avenida Central, eine riesige Hauptverkehrs- und Einkaufsstrasse. Überall am Rand der Bürgersteige sitzen Menschen mit kleinen Tischchen vor sich und darauf einer zunächst schwer identifizierbaren Apparatur. Ein Schild gibt Auskunft: „Se emplastican documentos“, das versteht man auch ohne Spanischkenntnisse (auch wenn die Schreibweise variiert: „se emplastica documentos“; „emplasticamos uds. documentos“; etc.). Wahrscheinlich regnet es hier sehr oft und es gibt eine hohe Luftverschmutzung, so dass die vielen wertvollen persönlichen Dokumente ohne Plastikschutz sehr schnell unansehnlich oder gar unleserlich zu werden drohen.
