Dennis, Dina und der Darien

Der “Darien Gap“ ist für mich eines der faszinierenden Naturereignisse der Welt, auch wenn er uns Reisende vor ein lästiges Problem stellt: Die „Panamericana“, der ganz Nord-, Mittel- und Südamerika durchkreuzende Highway, wird zwischen Panama und Kolumbien durch den Darien-Dschungel im Südosten Panamas unterbrochen. Durch den Darien fährt kein öffentlicher Bus, und eine privat organisierte Tour ist – so sagen sämtliche Reiseführer – aufgrund der gefährlichen Tiere, der grossen Distanz zu jeglicher medizinischer und sonstiger Hilfe und insbesondere aufgrund der im Dschungel ihr Unwesen treibenden kolumbianischen Guerillas, lebensgefährlich.

Also bleibt nur Flugzeug oder Schiff. Ein Flug kostet aber in der Regel mindestens 200 US-Dollar. Da ist die Fahrt mit der Yacht von Captain Dennis Moore von Portobello (Panama) nach Cartagena (Kolumbien) mit 250 US-Dollar kaum teurer, zumal ein Abstecher zu den wunderschönen St. Blas-Inseln inbegriffen ist und man für ca. 4-5 Tage Unterkunft und Verpflegung sparen kann. Also habe ich, wie ca. 15 andere Touristen im “Voyager International Hostel“ in Panama City gleichermassen, nicht gezögert, zuzuschlagen. Das erste Treffen mit Dennis (USA, 45) und seiner kolumbianischen Begleiterin Dina (ca. 30) in Panama City verläuft positiv, wir haben alle einen guten Eindruck.

Dann aber giesst die Mutter von Abdiel (dem Hostelbesitzer) einen Wermutstropfen ein: Dennis würde zu viel trinken, sei unzuverlässig und habe auch schon einmal Pässe verschlampt. Das macht uns natürlich nervös – der Pass ist mit Abstand das Wichtigste, was ein Tourist mit sich führt; alles andere (auch Kreditkarten) ist leichter wiederzubeschaffen und kostet weniger.

Eine kurze Internetrecherche ergibt aber keine brauchbaren Referenzen von anderen Reisenden, weder positive noch negative, zu Captain Dennis Moore. Also mache ich mich – wie ohnehin geplant – auf ins Hotel Marriott, wo ich mich mit Dennis und Dina treffe, wir wollen zusammen nach Portobello fahren. So habe ich einen Tag Zeit, die beiden kennenzulernen und kann notfalls immer noch abspringen bzw. die anderen (die erst einen Tag später ankommen) vorwarnen.

In der Lobby vom Marriott ist kein Dennis, ich denke, das fängt ja gut an und will schon gehen, da sehe ich in der Ecke des riesigen Foyers den Eingang zur Bar. Er wird doch nicht…? Ich gehe rein und sehe ihn mit Dina und einem Dritten vor einigen Pitchern Bier sitzen – natürlich. Wieder habe ich den Impuls zum Gehen, entscheide mich dann aber für „Wenn schon, denn schon“.

Um es abzukürzen, ich habe das zu keiner Minute bereut, Dennis stellte sich als ein äusserst angenehmer und zuverlässiger Zeitgenosse heraus. Er ist, wie man sich einen typischen Seemann vorstellt, handfest, immer einen kessen Spruch drauf, gröhlende Stimme, blonde Haare, blaue Augen, wettergegerbt – und gleichzeitig ein sehr interessanter Gesprächspartner, der viel gesehen und erlebt hat und seine eigenen Ansichten besitzt (die erfreulicherweise nicht immer US-regierungskonform sind). Und er hat ein grosses Herz. Es liegt ihm sehr daran, dass uns allen die Reise Spass macht und kümmert sich um alle, insbesondere die (später) Seekranken.

Dina, Mutter von zwei Kindern, ist emotional sehr schwankend, mal sehr fröhlich, mal traurig, mal wütend – besonders oft auf Dennis, die beiden harmonieren als Team nicht besonders gut. Dennis ist an Land nicht in seinem Element und hat Schwierigkeiten, die diversen vorbereitenden Aktivitäten (Verpflegung einkaufen, Technik überprüfen/reparieren, etc.) zu organisieren, was Dina – die mehr Organisationstalent besitzt – auf die Nerven geht. Dann aber wieder sind sie ein Herz und eine Seele.

Ein unsichtbarer Dritter spielt an Bord eine wesentliche Rolle: Bill, Besitzer des Boots und Ehemann vonn Dina, derzeit aber in einem Hospital in Mexico: Kehlkopfkrebs, der aufgrund einer Fehldiagnose zu spät erkannt wurde; er hat noch ein knappes Jahr zu leben. Dennis und Dina wollen in Kolumbien ein Einreisevisum für Dina nach Mexico versuchen zu beschaffen (so etwas ist für Kolumbianer besonders schwierig, da jedes andere Land annimmt, dass alle Kolumbianer haufenweise Drogen schmuggeln). Danach will Dennis Bill helfen, seinen (letzten) Lebenstraum zu verwirklichen – eine Segeltour nach Europa und nach Brasilien. Wenn Bills Gesundheitszustand es zulässt – und vielleicht sogar, wenn nicht…

Das Verhältnis zwischen Dennis und Dina ist schwer zu durchblicken – sie sagen beide, sie seien nur Freunde, verhalten sich aber wie ein Paar. Wahrscheinlich fürchten sie, dass Bill es erfährt.

Klar, dass das alles Dina und Dennis stark belastet. Irgendwann abends erzählt mir Dina, dass sie in jeder freien Minute an dieses Visum denkt. Vermutlich kommen auch Schuldgefühle wegen Dennis und anderen Dingen, was auch immer da passiert sein mag, hinzu. Dann aber wieder ist sie fröhlich, lacht, fängt an zu singen – wie die meisten Menschen auf diesem Kontinent mit ihren schwierigen Lebensumständen, die sie für einen Augenblick zu vergessen suchen.

Die Fahrt ist ein voller Erfolg, wunderschön, und keinerlei Probleme weder mit den panamesischen noch den kolumbianischen Einreisebehörden. In der ersten Nacht werden fast alle seekrank, auch ich, aber danach haben wir uns daran gewöhnt und vermissen an Land in Cartagena sogar fast das ständige Schwanken.

Der erste Eindruck von Südamerika: Im Hafen von Cartagena singt jemand – über Funk. Dennis, lachend: „This is an emergency channel and they use it for a song…!”

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