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Die Zwiebel

Der Rotor dreht sich, konstant, unablässig.

Manchmal werden vorbei fliegende Vögel erschlagen, die das Drehmoment des Rotors unterschätzen. Die Kadaver liegen dann eine Zeit verwesend herum, bis sie, wie von Geisterhand, irgendwann verschwinden. Wie sie verschwinden – das hat noch niemand je gesehen. Manchmal liegen wir in sicherer Entfernung und versuchen, diesen Moment mitzukriegen, doch es geschieht nie vor unseren Augen. Anderentags sind sie weg. Es ist wie das Wasser im Topf, das auch nie vor unseren Augen zu kochen anfängt, wenn wir darauf warten.

Wir wissen nicht, aus welchem Material die beiden Rotorblätter bestehen. Auf jeden Fall, obgleich es rostig und alt aussieht, ist es stabil, dauerhaft und witterungsbeständig, wie etwa harte Glasfaser-/Kohlefaser-Hybridstrukturen, die in modernen Windradanlagen eingesetzt werden. Auch die genaue Länge der Rotorflügel ist uns nicht bekannt, doch gibt es in unserer Stadt Gebäude, die kleiner sind.

Der Rotor, dessen vertikaler Drehkreis aus großer Höhe bis etwa einen Meter über dem Boden herunterreicht – tief genug, um einen Menschen zu erschlagen –, ist über eine Achse mit der Zwiebel verbunden. Die Zwiebel selbst ist ein schwer beschreibbares Konstrukt aus verwittertem Beton, verrostetem Stahl und unbekanntem Innenleben. Auf dem dunkelgrauen Betonsockel, dessen Abstufungen unterschiedlichen Abstand voneinander haben, sind die rostbraunen Stahlträger in teilweise parallelen, teilweise asymmetrischen Mustern angeordnet – an einigen Stellen so verworren, dass das Auge nicht mehr folgen kann. Warum dieses Gebilde ausgerechnet „Zwiebel“ heißt, weiß bei uns niemand mehr, und vielleicht wusste es auch nie jemand.

Das beständige metallische Rauschen der Rotorblätter ist nicht sehr laut, liegt aber auf einer besonderen Frequenz und übertönt dadurch alle anderen Geräusche in der Umgebung.

Soweit es hier überhaupt andere Geräusche gibt.

Die Zwiebel liegt mitten in der Wüste, weit im Inneren von No Man’s Land, umgeben von einigen verlassenen Baracken und Mauerresten. Ansonsten ist hier nichts. Wir aus der Stadt gehen selten zur Zwiebel, höchstens einmal, um sie Touristen zu zeigen.

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Katrin

– Ja hallo, hier Czech aus München, hallo zusammen, wer ist denn schon in der Leitung?
– Hier ist Wyrsch aus Leipzig.
– Und hier Tomscheid, ebenfalls Leipzig…
– Hamburg, hier sind Kognitz und Werft. Frau Zehnt ist leider verhindert.
– Meier, Hannover.
– Franke und Feinbier, Frankfurt.
– Aha, und was ist mit den Duisburgern?

Keine Antwort.

– Ich glaube, die haben doch heute dieses große Abteilungsmeeting, hatten die nicht letztes Mal so was gesagt?
– Stimmt, ich erinnere mich! Also, meine Damen und Herren, genau genommen Frau Kognitz, meine Herren…

Leises Lachen in der Leitung. Katrin sagte nichts, das kannte sie zur Genüge.

– …dann sind wir soweit vollzählig, und ich darf Sie zu unserer wöchentlichen Telefonkonferenz zur Rolloutkoordination für BUYOL begrüßen. Da wir hier neue Teilnehmer dabei haben, nämlich Herrn Feinbier, äh, ist das richtig, Herr Feinbier?
– Ja, das ist richtig, ich bin das erste Mal dabei und ersetze Herrn Scholz.
– Genau, Sie ersetzen Herrn Scholz, daher für Sie noch mal kurz zusammengefasst, worum es in dieser Telco geht. Mein Name ist Czech, München. Wir alle sind ja benannt als lokale Standortkoordinatoren für die Standorte unseres Unternehmens hinsichtlich der Einführung des neuen Einkaufssystems, BUYOL. Auch wenn wir nicht alle hauptamtlich an den Standorten tätig sind, für die wir benannt wurden, wie beispielsweise Sie, Frau Kognitz…

Katrin sagte weiterhin nichts und wartete. Auf ihrem relativ aufgeräumten Schreibtisch lagen einige Akten, die sie rasch überflog, durch das Headset hatte sie beide Hände frei. Neben dem neuen 19-Zoll-Bildschirm lagen diverse Schreibtischutensilien verteilt – Tacker, Post-It-Zettel, Stifte, Schreibblock. Ein Fotorahmen mit dem Bild eines vielleicht fünfzehnjährigen Jungen – stolz in einem Fußballdress – stand auf dem Fensterbrett neben der Pflanze, die dringend Wasser brauchte. ände frei.

– …so haben wir doch ebendiese Aufgabe bekommen und vertreten die Standorte, für die wir benannt sind. Ich erwähne das von Zeit zu Zeit so ausdrücklich, weil es da in der Vergangenheit schon des öfteren Verwirrung gegeben hat. So, und in dieser wöchentlichen Telco verfolgen wir die Rolloutfortschritte in den verschiedenen Standorten und gleichen diese mit der Planung ab. Falls es Probleme gibt, versuchen wir Maßnahmen zur Lösung der Probleme zu finden und falls uns dies nicht gelingt, müssen wir an die Projektleitung eskalieren, was leider auch schon mehr als einmal nötig war. Soweit Fragen, Herr Scholz, äh, Feinbier?

Keine Antwort.

– Herr Feinbier?
– Das hat ihm wohl schon gereicht, denn sehen wir nicht wieder, ich meine, hören…
– Na, so schnell gibt man aber nicht auf. Herr Feinbier?

Einige Sekunden vergingen.

– Herr Feinbier, sind Sie noch da?
– Ja, was ist denn?
– Äh, kann es sein, dass Sie kurz weg waren, Herr Feinbier?
– Ja, sorry, ich musste hier kurz mit einem Kollegen eine sehr dringende Sache besprechen…
– Dann darf ich annehmen, dass Sie meine Ausführungen zu Sinn und Zweck dieser Telefonkonferenz nicht mitbekommen haben?
– Ja, leider nicht, beziehungsweise nur den Anfang, Sie sagten etwas von uns in der Rolle als Standortkoordinatoren.
– Genau, aber den Rest wiederhole ich jetzt nicht mehr, da wir schon etwas knapp in der Zeit sind. Sie werden schon mitkriegen, wie das bei uns läuft. Also beginnen wir mit der Statusabfrage. Beginnen wir doch heute mal mit Hamburg. Frau Kognitz. Wie ist bitte der Status in Hamburg, Frau Kognitz? Wobei, sind Sie eigentlich aktuell in Hamburg?
– Nein, aber das ist ja, wie Sie selbst festgestellt haben, irrelevant. Stellen Sie sich einfach vor, ich säße in Hamburg, da ich ja Hamburg vertrete.
– Gut. Also, Frau Kognitz, sozusagen virtuell in Hamburg, wie ist bitte der Status zu BUYOL in Hamburg?

Katrin machte diesen Job nur widerwillig. Sie war einmal mehrere Jahre in der Hamburger Filiale gewesen und kannte diese recht gut, weswegen ihr Chef sie gebeten hatte, die Koordination für Hamburg zu übernehmen, es gäbe sonst niemanden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre. Da sie sich weiterhin gut mit ihrem Chef stellen wollte, und, wie sie sich eingestehen musste, auch etwas geschmeichelt war, hatte sie sich breitschlagen lassen. Seitdem stand sie vor der unlösbaren Aufgabe, die aufwändige BUYOL-Hamburg-Rolloutkoordination und ihr eigentliches Tagesgeschäft in ihrer eigentlichen Filiale, in einer ganz anderen Stadt, irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und Katrin wusste: BUYOL war ihrem Chef in Wahrheit relativ egal, daran wurde er nicht gemessen. Er musste nur jemanden dafür abstellen – das war nun sie.

Was manchmal dazu führte, dass sie nicht mit ganzem Herzen bei dieser Telefonkonferenz dabei war – wie auch an diesem Tag.

Vor ihrem geistigen Auge entstand die Vision, alle Teilnehmer dieser Telco würden in einem Ort sitzen, in verschiedenen Hochhäusern einer Bürostadt, aber in Sichtweite, und per Megaphon kommunizieren. Zahllose Passanten würden die Köpfe recken und verständnislos den Debatten über die BUYOL-Einführung lauschen.

– Frau Kognitz?

Kartin riss sich zusammen.

– Ja, Entschuldigung, ein Kollege hatte kurz eine Frage…
– Kein Problem, Frau Kognitz. Wie ist bitte Ihr Status? Mich würde insbesondere die Zahl der fertig gestellten Arbeitsplätze interessieren.
– Also, alles in allem liegen wir ganz gut im Plan: Ziel in der Niederlassung Hamburg war ja gemäß Masterplan der Rollout von 100 Arbeitsplätzen bis Ende Juni, davon sind Stand heute 65 Arbeitsplätze fertig mit BUYOL ausgestattet. Wobei die Nutzung…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, wenn ich da mal einhaken darf. Es waren doch wohl 130 Arbeitsplätze bis Ende Juni geplant und nicht nur hundert. Danach wären Sie ziemlich im Rückstand. Oder täusche ich mich da?

Viele Passanten, vor allem männliche, nickten. Gib’s ihr. Doch dann klang schneidend durch die Luft:

– Herr Czech, wenn ich erinnern darf: Wir haben doch Ende April gemeinsam die Anpassung der Planung von 130 auf 100 mit dem Auftraggeber abgestimmt. Sie selbst sprachen mit dem Lenkungskreisvorsitzenden.
– Stimmt, da war etwas…Moment, ich schaue mal nach…

Kurze Stille, nur untermalt von einem leisen Stimmengewirr von irgendwoher – was in diesen Telefonkonferenzen häufiger vorkam, war kein besonders gutes System. Die Passanten hielten den Atem an.

–…ja, richtig. Entschuldigen Sie…na ja, BUYOL ist ein ziemlich komplexes Projekt, da kann man schon mal leicht den Überblick verlieren…Sie haben natürlich recht, Frau Kognitz. Wir haben die Planung auf 100 angepasst. Ja, und darauf bezogen sind 65 Arbeitsplatze natürlich ganz gut, da gebe ich Ihnen recht. Und wie sieht es mit der Akzeptanz aus?
– Dazu wollte ich gerade etwas sagen, aber Sie hatten mich unterbrochen…

Nun triumphierten auf den Strassen die Frauen, während die Männer die Köpfe senkten. Sauber gekontert, wir sind stolz auf dich, Schwester. Katrin fühlte den Beistand. Die Telco begann, ihr Spaß zu machen.

– Ja, Frau Kognitz, entschuldigen Sie abermals. Wie ist es mit der Akzeptanz, bitte?
– Die Nutzung von BUYOL ist bislang, aus meiner Sicht, unbefriedigend. Es wird noch sehr viel mit dem alten System gearbeitet.
– Gibt es Erklärungen dafür?
– Nun ja, wir haben in diesem Kreis ja schon einige Male über die Mängel von BUYOL gesprochen: Das Öffnen der Masken dauert zu lange, es gibt keine Rückgängig-Funktion, man kann nicht vernünftig drucken, da kann ich die Kollegen verstehen, die im Alltagsstress darauf keine Lust mehr haben.

Nun nickten alle Passanten, Männer und Frauen, unisono. Jeder kannte das aus eigener Erfahrung.

– Darf ich nachfragen, wie es da mit den angekündigten Verbesserungsmaßnahmen aussieht? Da sollte doch…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, ich will Sie jetzt nicht abwürgen, aber ich fürchte, dieses Thema führt im Moment zu weit. Wenn wir dies vielleicht zurückstellen könnten, wir sind schon spät dran, ich setze das für die nächste Telco auf de Agenda. Ok, Frau Kognitz?
– Selbstverständlich…Sie haben die Moderation…
– Danke. Also, dann möchte ich gern mit der Abfrage der weiteren Standorte fortfahren. Herr Meier, wie sieht es in Hannover aus?

Woraufhin sich Katrin aus ihrem Fenster gleiten ließ, um, in einer Art Stagediving, von ihren weiblichen Fans auf der Strasse aufgefangen zu werden. „Gut gemacht“ klang es ihr von überall entgegen, sie fühlte sich frei und entspannt. Nur bruchstückhaft kamen ihr die Megaphonfetzen der weiteren Diskussion zu Ohren:

– Im Rückstand…
– Hannover…
– Keine Techniker vor Ort verfügbar…
– Warum…
– Frankfurt…
– Sieht gut aus…
– Obwohl…
– Leipzig…
– Unmögliche Planung…
– Geändert…
– Wenn nun aber doch…
– Lassen Sie mich doch ausreden…
– Sie haben doch gerade…
– Darf ich jetzt mal den Satz zu Ende sprechen!…

Der letzte Satz wurde so laut gebrüllt, dass sich die Passanten die Ohren zuhalten mussten. Auch Katrin horchte auf, es wurde wieder interessant. Sie flog in ihr Fenster zurück und konzentrierte sich auf die Diskussion.

– …ich meine, die Paradoxati… die Paradozi… der Wahnwitz ist jetzt doch nicht mehr zu überbieten. Wir telefonieren hier die ganze Zeit, jede Woche, über zehn Personen, die in dieser Zeit ihrer sonstigen Arbeit nicht nachgehen können. Und eigentlich ist das alles sinnlos, da das Management alle naselang die Planung ändert.
– Herr Wyrsch, jetzt sind sie aber etwas unsachlich.
– Herr Czech, warum bin ich unsachlich, wenn ich doch nur sage, wie es ist?
– Weil es nicht so ist.
– Und warum ist es nicht so, wie es ist?

Schweigen in der Leitung. Katrin hielt den Atem an. Auch auf den Strassen der Bürostadt war kein Mucks zu hören.

– Weil das Management keineswegs alle naselang die Planung ändert, wie Sie das gerade formuliert haben, Herr Wyrsch.
– Äh…aber…aber Sie haben doch gerade selbst gesagt…
– Ja, wir haben jetzt eine geänderte Planung. Gut. Das ist jetzt erst das zweite Mal seit BUYOL läuft, also in über einem Jahr, das ist ja wohl nicht „alle naselang“. Und manchmal ändern sich die Umstände, und das Management muss reagieren. Wissen Sie, wie chaotisch da andere Unternehmen sind?
– Oh ja, hören Sie auf, ich erinnere mich…ja ok, aber Sie müssen doch zugeben, dass dieses ständige Umplanen für uns nicht einfach ist, wir müssen das schließlich jedesmal unseren Leuten vor Ort verklickern…
– Ja, verstehe, Herr Wyrsch. Aber da habe ich eine gute Nachricht für Sie!
– Und die wäre?
 – Ich habe, just in diesem Moment, ein Email bekommen, wonach das Management entschieden hat, nun doch bei der alten Planung zu bleiben.
– Soll das heißen, dass wir uns die Diskussionen der letzten 20 Minuten hätten schenken können…
– Ich fürchte ja.

Wieder Schweigen.

– Aber sehen wir das doch positiv, meine Herren. Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren. Wir bleiben bei der alten Planung und bezogen auf diese sieht es auch bei Ihnen in Leipzig, Herr Wyrsch, gut aus, oder?
– Ja, ich denke auch, dann sieht es gut aus. Entschuldigen Sie, wenn ich eben etwas laut geworden bin…
– Ist doch kein Thema, kein Thema, Herr Wyrsch. Wir sind halt alle ein bisschen unter Stress. Ja, ich würde dann auch sagen, da wir mit der Zeit so ziemlich am Ende sind und alle Standorte abgefragt haben, dass wir damit für heute durch wären. So dass ich abschließend nur noch einmal auf das BUYOL-Projektevent am 6. Juni hinweisen darf. Ich denke, einfach mal zusammen einen netten Abend verbringen ist doch auch mal was Nettes, zumal der Vorstand seine Teilnahme angekündigt hat und wohl auch einiges für diesen Abend springen lässt.
– Das hört sich doch gut an…
– Wird auch mal Zeit…
– Gibt es auch Tabledance?
– Hehe, da bin ich mir nicht sicher, Herr Meier. Aber ich werde die Empfehlung weitergeben. Ja, dann wünsche ich Ihnen allen noch einen schönen und erfolgreichen Tag. Tschüss!
– …Widrsn.
– …Tschö.
– …Wirsing.
– …Auf Wds.
– …Ja, Widrs.
– …Wirsing!

Die Bürostadt, die Hochhäuser, die Megaphone und die Passanten lösten sich auf wie eine Luftblase, und Katrin fand sich allein an ihrem Schreibtisch wieder. Sie sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, eine Frau Anfang vierzig mit dunklen kurzen Haaren und – in diesem Moment – amüsiertem Gesicht. An wie vielen solchen sonderbaren Telefonkonferenzen sie wohl schon teilgenommen hatte? Sie wusste es nicht mehr.

Manchmal war sie selbst in der Moderatorenrolle gewesen, daher wusste sie aus Erfahrung, wie unangenehm es sein konnte, wenn sich plötzlich eine Negativstimmung in der Leitung aufbaute – so wie heute. Der Czech machte das schon ganz gut. Wenn er nur nicht immer mit seinen blöden Sprüchen („meine Herren, Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren“ – sie war seit jeher die einzige Frau in dieser Runde) kommen müsste…aber na ja, es gab Schlimmeres. In ihrer Firma gab es viele ältere Kollegen wie Czech, die sich gerade im IT-Bereich immer noch nicht an Frauen in Führungsrollen gewöhnt hatten. Solange es nur bei Sprüchen blieb, ging es.

Was Katrin mehr irritierte, war ihre seltsame Vision mit der Bürostadt, den Hochhäusern und den Megaphonen. Was wohl ein Psychoanalytiker dazu gesagt hätte? Einsame Kindheit…im Beruf auch einsam…Telefonkonferenz…ohne dass man die Menschen sieht, mit denen man spricht, die über ganz Deutschland verteilt sitzen…eine virtuelle Bürostadt…großes Verlangen nach direkter Kommunikation in der Öffentlichkeit…zur Not auch mit Megaphonen. Als ob sie genug vom Zeitalter der Telekommunikation haben würde.

Sie seufzte tief und nahm noch mal die BUYOL-Akte zur Hand. Diverse Hochglanzpräsentationen, in gedruckter Form an alle Projektmitarbeiter versandt, man sah sofort dass die Firma hier klotzte und nicht kleckerte. BUYOL war wahrscheinlich eines der wichtigsten Projekte des gesamten Unternehmens, Heerscharen von Experten arbeiteten daran, unter anderem Katrin selbst. Aber dann ständig dieses Chaos und diese Unprofessionalität, wovon solche Telefonkonferenzen nur ein Symptom waren, davon machten sich Außenstehende keine Vorstellung. Ein Wunder, dass hier überhaupt irgendetwas funktionierte.

Doch seltsamerweise mochte sie dieses Projekt, und gerade auch diese Telefonkonferenzen, trotzdem, irgendwie.

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Marcel

Der DJ legte nun was Schnelleres auf, und es ging richtig ab. Eine wogende, synchrone Masse von Menschen bewegte sich rhythmisch zuckend über den Betonboden, der in dunkelgrünes Licht getaucht war. Wie eine Zeitrafferaufnahme von Baggern auf einer nächtlichen Großbaustelle, dachte Marcel. Wie kam er bloß darauf?

Der Rhythmus war hart und gnadenlos – die Tanzenden mussten ihm folgen oder aufhören.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Interessant war, die zufälligen Zusammenballungen der Menschenmasse zu beobachten. Die Dichte war nie überall gleich. Im Durchschnitt betrug sie vielleicht 2,5 Menschen / Quadratmeter, doch gab es Häufungspunkte, wo die Dichte weitaus höher war, bis zu über 5, und dann wieder vollkommen leere Stellen. Manchmal lag das daran, dass die Leute sich kannten, ein paar Blicke oder Worte wechselten und dann natürlich enger beisammen tanzten – doch ebenso oft gab es zufällige Zusammenballungen. Diese hielten aber nie lange vor, sondern lösten sich ebenso schnell, wie sie entstanden waren, wieder auf.

Die riesigen Strahler, die an diversen Steigleitern, Rohren und herabhängenden Ketten der stillgelegten Fabrikhalle befestigt waren, wechselten nun auf rotes Licht. Passend dazu wurden der Beat noch etwas schneller und die Tanzenden noch etwas ekstatischer. Niemand dachte mehr darüber nach, wie er sich bewegte und ob das vielleicht lächerlich aussah – Gedanken wie man sie sich vielleicht noch macht, wenn die Party gerade erst losgegangen ist. In einem Mechanismus des Selbstschutzes, um heftige Zusammenstöße zu vermeiden, zog sich die Masse nun weiter auseinander und besetzte neue, bislang unbetanzte Areale der Halle. Die durchschnittliche Dichte (Tänzer / m2) lag nun deutlich unter 2, doch noch immer gab es die zufälligen Zusammenballungen mit Dichten bis über 3.

Marcel tanzte nicht, er hatte für heute genug. Er lehnte an dem Geländer, das als provisorische Theke diente, nippte an seinem Bier und fragte sich, wie lange sich Silvia das heute Nacht noch geben wollte. Er wurde langsam müde, aber Silvia sah alles andere als müde aus: Wild wirbelte sie durch die Gegend, mit sonderbaren, rudernden Bewegungen, in den Augen ein irres Leuchten, obwohl sie keinerlei Drogen genommen hatte. Er lehnte sich zu dem Pärchen rechts neben ihm hinüber.

– Und, macht ihr noch lange?
– Was?

Marcel hasste das – immer musste man hier so schreien.

– UND, MACHT IHR NOCH LANGE?
– WEISS NICHT, UND IHR?
– WEISS AUCH NICHT, KANN SILVIA IM MOMENT NICHT FRAGEN!
– IS KLAR…

…und die Unterhaltung war erst mal wieder beendet. Er lehnte sich zurück und fühlte sich wie unter Wasser, in einem Meer von Noten.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Nach einiger Zeit rief Peter, der Typ vom Pärchen, herüber:

– GÜLPG WURST HAM WIR NIE ANHOHN, ODER? VOLLE KURSIG!
– JA GENAU, FINDE ICH AUCH!
– COLLR GRUFT, OD?? WSS FEHM DEES?

Das schien eine Frage zu sein. Marcel nickte ihm heftig zustimmend zu, blieb aber sitzen. Peter insistierte:

– WSS FEHM DEES???

Nun musste Marcel sich doch wieder hinüberbeugen.

– ENTSCHULDIGUNG, KANNSTE DAS NOCHMAL SAGEN?
– SIEHSTE, DU HAST MICH GAR NICHT VERSTANDEN UND NICKST EINFACH NUR! NICHT SEHR HÖFLICH!
– MANN, SAG ES EINFACH NOCH MAL!!
– ICH HABE GEFRAGT, OB DU WEISST VON WEM DIESES STÜCK IST!

Ok, zugegeben, darauf war Nicken keine ausreichende Antwort gewesen.

– TUT MIR LEID, WEISS ICH NICHT…
– SCHON OK!

Damit war das geklärt, und der Groove kam wieder zu seinem Recht. Irgendwas in der Halle dröhnte mit, vielleicht eine lockere Schraube, womöglich würde bald die ganze Halle über ihnen zusammenbrechen, in der Zeitung würde stehen: – Tragisches Unglück…einsturzgefährdete Halle im Industriegebiet für Party missbraucht…allen Warnungen zum Trotz…Tote bislang nur teilweise identifiziert…. Die Trauer in der Bevölkerung würde ihre Grenzen haben.

Das Nebengeräusch passte gut zur Musik, offensichtlich eine bestimmte Frequenz am Ende jedes Taktes, die seitens der Schraube (?) zu einem blechernen – wrrrm führte. Sollte man den Produzenten mal mitteilen, die investierten doch Tausende in die besten Sounds.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

Einer der Strahler leuchtete Marcel genau ins Gesicht. Wenn er in diese Richtung schaute, sah er nur schwarze zuckende Konturen auf der Tanzfläche, die sich bewegten, aufeinander zu bewegten, miteinander verschmolzen und sich wieder zerteilten. Kurzzeitig hatte er die Vision, die schwarzen Berge würden immer größer werden und ihn schließlich überwältigen, in sich aufsaugen und atomisieren.

Marcel hatte keine Lust zu tanzen, keine Lust sich zu unterhalten, getrunken hatte er auch genug, und Silvia war weit weg, bildlich gesprochen. Er fühlte sich verloren, doch da rettete ihn der DJ mit einem seiner Lieblingsstücke. Also gut, sagte er sich, this night a DJ saved his life, machte ein paar Schritte vorwärts und überließ sich dem House-Rhythmus.

blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

So langsam kehrten seine Lebensgeister zurück, es war angenehm, unter dem Diktat des Rhythmus den Kopf abzuschalten, abschalten zu müssen. Etwas kickte ihn an, er fühlte irgendwo im Kopf ein starkes Vibrieren, es wurde schneller, immer schneller. Verdammt, war das geil.

Obwohl er sich schnell bewegte, sah er die Dinge mit seltener Klarheit, dort die Rohre, dort die Leitern, die Menschen, die Masse, da Silvia, da das interessante Mädchen mit dem Pferdeschwanz, dort das Licht, DAS ROTE LICHT, jetzt war es plötzlich wieder GRÜN, der DJ machte das echt gut, nur nicht zu schnell drehen, immer die Kontrolle behalten. Sein Körper produzierte die Bewegungen von selbst, es war keinerlei Willensanstrengung mehr erforderlich, viel schwieriger wäre es gewesen, die Bewegungen zu stoppen.

Einige Stunden später, der Morgen graute schon, saßen die vier im Auto und fuhren durch das Industriegebiet. Am Steuer saß Peter, Marcel auf dem Beifahrersitz, die beiden Frauen schliefen hinten. Sie fuhren an einer Freifläche vorbei, ein Einschnitt zwischen unzähligen Fabrikhallen und LKWs, auf der Freifläche standen einige Bagger herum, und Marcel wurde an seine seltsame Assoziation erinnert.

– Also heute Nacht kam ich mir so vor, als wäre ich auf einer Baustelle und alle Menschen sind Bagger, kannste das nachvollziehen?
– Äh…nicht wirklich…tut mir leid…

Das Fabrikgebäude, an dem sie nun vorbeifuhren, hatte sehr viele Schornsteine, hier wurde wohl etwas produziert. Marcel hatte keine Ahnung, was das sein könnte, stattdessen zählte er die Schornsteine: Vorne 4…in der Mitte auch 4, nein, 6, 8…hinten noch mal 4, macht 16. Aus keinem der Schornsteine kam Rauch, wohl auch schon stillgelegt, wie so vieles hier. Was man auch daran sah, dass kein Betrieb herrschte und keine Menschen zu sehen waren. Ach ja, es war ja erst 4:30, voreiliger Schluss.

Marcel schlief ein…und wachte von einem Stoß wieder auf. Die Straße war in einem schlechten Zustand, ähnlich seinem Kopf. Peter war wacher, war ja auch gut so.

Nun wieder Lagerhallen, zwölf ähnlich aussehende Hallen, durch das einheitliche Logo einer bekannten Spedition als zusammengehörig kenntlich gemacht. Marcel kannte diese Spedition, da hatte er auch mal gejobbt. War leichte Arbeit und ganz gut bezahlt, immerhin 15 EURO/h, und das für einfach nur die ganze Zeit mit dem Hubwagen herumlaufen und Paletten von A nach B ziehen. Der Sinn dieser Beförderungen war ihm nicht vollständig klar geworden, aber das war ja auch nicht sein Problem, vielleicht einfach schlechte Organisation.

Dann ein paar Kräne, offensichtlich temporär geparkt auf einem Platz, vielleicht nur auf der Durchreise zu ihrem nächsten Einsatz, vielleicht der Bau eines Hochhauses in der City.

– Äh…was meintest du eben noch mit den Baggern?
– Hä? Das sind doch Kräne, keine Bagger.
– Ja is klar, aber du hast doch vorhin was von Baggern erzählt!
– Ich? Von Baggern? Meinst du vielleicht anbaggern? Hat jemand Katja angebaggert, oder was?
– Du musst wirklich ins Bett.
– DAS stimmt.

Marcel konnte sich wirklich nicht erinnern, er war fertig. Sie fuhren eine Zeit, dann fragte Peter:

– Und sonst, im Studium alles ok?
– Ja, läuft ganz gut. Endlich ist Mathe für mich erledigt!

Marcel hatte eigentlich keinerlei Lust auf eine Unterhaltung, riss sich aber zusammen. Man soll ja immer mit den Fahrern sprechen, damit sie nicht einschlafen.

– Brauchst du das nicht mehr?
– Schon, aber nur noch anwendend…nicht mehr dieser abstrakte Theoriekram, den eh niemand braucht…außerdem bei meiner Spezialisierung sowieso wenig.
– Was war das noch?
– Arbeitswissenschaft.
– Du hast es mir bestimmt schon mal erklärt, worum geht das da? Wie man am besten arbeitet?
– Sehr witzig. Obwohl, so ganz falsch ist das nicht…Arbeitsplatzergonomie, Arbeitsschutz und so…
– Klingt sehr aufregend!
– Ja, hack nur auf meinem wunden Punkt rum…ich hab mir das auch spannender vorgestellt…aber ich wollte halt tatsächlich was mit möglichst wenig Mathematik. Logistik wäre vielleicht im Nachhinein besser gewesen…
– Stimmt, da hättest du dann deine geliebten Bagger einsetzen können!

Marcel setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

– Jetzt lass mich doch bitte mit diesen Baggern in Ruhe! Dir ist wohl im Sandkasten mal einer weggenommen worden, und seitdem leidest du an traumatischen…
– Mann, Ruhe da vorn!!

Das wirkte, und Katja konnte wieder weiterschlafen. Peter schwieg, Marcel ebenfalls, er drehte das Beifahrerfenster herunter und hielt seinen dunkelblonden Wuschelkopf in den Fahrtwind. Die Morgenluft war wunderbar erfrischend…plötzlich fiel ihm seine Bagger-Metapher wieder ein, aber er ließ das Thema auf sich beruhen. Schließlich gehörten sie alle ins Bett.

Ein Rangierbahnhof mit Tausenden von Gleisen und Weichen, hunderten scheinbar zufällig darauf verteilten Waggons, hinten die große Hebebühne für den Containerumschlag, direkt darunter die Morgensonne, das wäre mal ein Foto, Titel „Industrieromantik“ bei flickr.com. Daneben eine Krananlage, mit komplizierten Anordnungen von Leitungen und Rohren, wofür auch immer. Einige Rohre waren mit dem dahinter liegenden Fabrikgebäude verbunden, also vielleicht eine Anlage zur Betankung von Chemietransportern, richtig, hier war ja das Chemiewerk. Das nun näher kam, ein eher kleines im Vergleich zu HÖCHST oder so, aber immer noch faszinierend mit seinem unglaublichen Gewirr von Gebäuden, Türmen, Schornsteinen und Rohren, vor allem Rohre, bestimmt 10.000 km Rohre, dachte Marcel.

Dann der Kanal, sie fuhren über eine Brücke, in der Ferne sah man die Einmündung in den Fluss, dort glitzerte schon wieder die Morgensonne, noch so ein Foto, eine Kamera wäre jetzt echt nicht schlecht, sein Handy hatte eine viel zu schlechte Auflösung. Entlang des Kanals diverse Containerplätze und Beladungskräne. Noch kein Mensch in Sicht, die Hardware wartete auf die Software, ein Bild der Ruhe und der aufgespeicherten Energie. In der Ferne die Hochhäuser der Bürostadt, die ebenfalls zu warten schienen.

Hörte dieses Industriegebiet denn nie auf? Marcel kam es vor, als wären sie schon stundenlang da durchgegurkt. Immer weiter Hallen, LKWs, dort waren schon Typen am Einladen, ja klar die Fernfahrer müssen immer sehr früh schon los, Mistjob, dort kommt schon ein Frachter den Kanal entlang, dass der da überhaupt durchpasst. Marcel hatte das Gefühl, sie hätten jetzt nicht mehr hier sein dürfen, hatten als Nachtschwärmer kein Recht dazu, den Betrieb zu behindern, mit dem diese rechtschaffenen Leute ihr Brot verdienten. Trotzdem hatte das was, sie fuhren tot müde durch diese schroffe, unwirtliche und unwirkliche Welt, sie selbst kamen aus einer anderen Welt, vielleicht träumte er schon.

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Marcel

Sein Arm tastete nach rechts, suchte den warmen Körper, doch Silvia war schon aufgestanden. Warum das, ihm schien es noch tiefe Nacht, aber das Schlafzimmer war so dunkel gelegen, dass man den Tag nicht von der Nacht unterscheiden konnte. Er lehnte sich hinüber und schaute auf den Wecker. 12 Uhr. Ach ja, diese Prüfung. Er bewunderte Silvia für ihre Energie, davon hätte er selbst gerne mehr gehabt, oder genauer gesagt, mehr Kontrolle darüber.

Wann waren sie ins Bett gekommen, musste gegen 5 Uhr gewesen sein, nach der endlosen Fahrt durch das Industriegebiet, an die sich Marcel kaum noch erinnern konnte, außer dass da irgendwas mit Baggern war.

Die Tür stand einen Spalt auf, wie Marcel nun wahrnahm. Das Tageslicht projizierte einen hellen Streifen auf die Inneneinrichtung des Schlafzimmers, beginnend mit dem Fußboden, ein heller Weg durch das Meer der hellblauen Auslegeware, dann der Stuhl mit den unordentlich aufgeschichteten Kleidungsstücken, obenauf Silvias Söckchen, nur eines, plötzlich bekam er wieder Lust auf sie, wie das bloß funktionierte. Ihm kam in den Sinn, nackt ins Wohnzimmer zu stürmen und Silvia ins Bett zu zerren, doch setzte er dieses Vorhaben nicht in die Tat um, sondern starrte weiter ins Halbdunkel. Der Lichtstreifen nahm seine Fortsetzung über die Bettdecke mit dem Wolkenmuster und verlor sich irgendwo auf dem Kopfkissen.

Er drehte sich zum Fenster, zog die Vorhänge auf, lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus.

Der Himmel war wolkenverhangen und warf spärliches Licht auf den Hinterhof. Es hatte geregnet, der Asphalt war noch dunkel von der Nässe, vereinzelt waren Pfützen zu sehen. Die zahlreichen Fahrräder unter dem Wellblechdach schienen gemeinsam auf besseres Wetter zu warten, bis auf eines, das mutig am Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück lehnte, hatte wohl jemand in Eile dort angelehnt und dann vergessen. Hoffentlich würde es noch da sein, wenn der Besitzer wiederkam.

Wobei, in diesen Hinterhof kam eigentlich nie jemand, der hier nicht wohnte. Die Hoftür war zwar selten verschlossen, aber meistens zu, um nicht die Aufmerksamkeit von Gelegenheitsdieben zu wecken. Was Marcel schon oft gestört hatte – wenn man angeradelt kam, musste man absteigen, die Tür öffnen und den Rest schieben, das war ineffizient. Nun, es gab Schlimmeres im Leben, zumindest diente es der Sicherheit.

Im Moment, wie Marcel nun auffiel, war die Tür allerdings auf. Das war ungewöhnlich, kam aber vor. Dann sah er den Grund: Im Hof lag Baumaterial herum, einige Holzbretter und Säcke, richtig, da hinten wollten die ja einen Sandkasten hinsetzen. Vielleicht erklärte sich dadurch auch das unangeschlossene Fahrrad? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht – wie Marcel bewusst war, neigen Menschen zu sehr dazu, Dinge kausal zu verknüpfen, um die Welt einfacher erscheinen zu lassen.

Marcel versuchte, sein eigenes Fahrrad im Gewirr der Rahmen und Lenker unter dem Wellblechdach zu identifizieren. Seine Augen suchten den blauen Lenker, das war noch das Auffälligste an dem Rad, aber er war zu hoch, aus dem dritten Stock betrachtet vermischten sich die vielen Fahrräder zu einem pointilistischen Tupfengemälde, zudem war er noch nicht ganz klar im Kopf. Er lockerte seinen Blick und ließ die Gesamtszenerie auf sich wirken.

Die Fahrräder: die Ansammlung unterm Wellblechdach, und das einzelne, vergessene.

Der Asphalt und die Pfützen.

Die Balkone der Hausfront gegenüber, hellgelb gestrichen, mit den verschiedensten Blumenkästen bestückt.     

Die kleine Rasenfläche mit der Holzbank und dem Holztisch.

Die drei Garagentore.

Das Hoftor: offen.

Die Holzbretter und die Säcke.

Das war alles – kein Mensch zu sehen.

Stille.

Leere.

Prall aus dem Leben, dachte Marcel. Er hatte das Gefühl, etwas ungemein Fundamentales vor sich zu sehen, den Kern der Existenz schlechthin, hätte dies aber niemandem erklären können. So schaute er einfach, wollte den Blick nicht mehr abwenden, und eine unerwartete, ruhige Harmonie breitete sich in ihm aus, schön nach der anstrengenden Nacht im Industriegebiet. Er fühlte sich eins mit dem Hinterhof, akzeptierte ihn so, wie er war. Und der Hinterhof akzeptierte ihn, das fühlte er.

Dann riss Marcel sich los, zog sich an und ging in die Küche. Er rief über den Flur:

– Auch ’nen Kaffee ?
– Nee danke, hatte schon genug, sonst fang ich an zu zittern…

Also machte er sich nur einen Becher, mit dem Instantkaffee, seine Freunde konnten nie verstehen wie er das Zeug trinken konnte, aber für ihn war das ok, und so schön praktisch. Er machte Wasser heiß, gab einen gut gehäuften Löffel in den Becher und goss das kochende Wasser darüber. Dann etwas Milch, gerade so viel dass man den Kaffee gut trinken konnte, aber noch nicht lauwarm wurde, das hasste er.

Marcel stellte sich ans Küchenfenster und sah hinaus, den Kaffeebecher in der Hand. Von hier aus sah man auch in den Hinterhof, aber einen etwas anderen Ausschnitt, die Garagen waren nicht zu sehen, dafür die Balkonfront des Nebenhauses, und im Hintergrund die Kräne des nahe gelegenen Hafengebietes. Durch den Kaffee wurde er langsam wach. Er suchte das harmonische, ruhige Gefühl in sich, das von vorhin, doch es war weg, so war das eben.

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Katrin

Sie saß in ihrem Lieblingssessel, die Beine hochgelegt, und hörte Free Jazz. Bei dieser Art Musik konnte sie sich, trotz des unruhigen Charakters und der disharmonischen Tonfolgen, am besten entspannen. Ihr Gehirn, gleichermaßen unruhig, fand in der Wahrnehmung der verstreuten Noten eine angemessene und fordernde Beschäftigung und vergaß all die Dinge, die ihr eben noch durch den Kopf gegangen waren: Die Arbeit, BUYOL, die Telefonkonferenz, all die unerledigten Aufgaben, der Stress mit Thomas um die immer noch nicht abgeschlossene Scheidung, Dennis‘ anstehender Geburtstag…

Sie war allein in der Wohnung, Dennis war bei Thomas, zumindest das funktionierte, glücklicherweise.

Ihr Kopf leerte sich und wurde wieder aufnahmefähig für das Hier und Jetzt. Als wäre sie zum ersten Mal in dieser Wohnung, registrierte sie erstaunt die ungewöhnliche Konstellation der Bilder an der Wand: Ein Monet mit einer friedlichen Flusslandschaft, ein Schwarzweißfoto einer düsteren Hafengegend, verschiedene abstrakte Miniaturen in rot und schwarz, von wem hatte sie vergessen, und das in Pop-Art-Manier stilisierte Porträt von Juliette Binoche. Auf dem Tisch das Whiskeyglas, nicht sehr damenhaft, außer sich selbst kannte sie keine Frau, die das Zeug gerne trank. Das war ihr allerdings relativ egal, Katrin gab nicht viel auf Konventionen. Im Gegenteil, sie liebte die Verblüffung der anderen, wenn sie im Restaurant oder in der Bar einen Single Malt bestellte.

Single Malt…Single…nun war sie auch wieder Single, wenn man das so sagen konnte. Oder zählte man als allein erziehende Mutter nicht dazu? Wie auch immer. Eigentlich müsste sie solche freien Abende nutzen und ausgehen, aber sie verspürte nicht die geringste Lust dazu. Abhängen und Musik hören war schöner…sie hatte ja noch Zeit…Zeit, die Wohnung umzugestalten…kein Streit mehr um Bilder…bunte Wände…da konnte so schön aussehen, wie im Haus ihrer Freundin Steffi, grün und orange…ja…

  Katrins Gedanken und Erinnerungen kreisten assoziativ herum, Angelpunkt war ihre Wohnungseinrichtung, vom Whiskeyglas zum Ausgehen, vom Schreibtisch zu BUYOL (und schnell wieder zurück), vom Binoche-Porträt zum Film „Chocolat“, von der Zeitung zur Steuerdebatte, kurz zur anstehenden Steuererklärung, und zurück, von diversen Buchrücken zu ihren Inhalten, und so weiter.

Die Gedanken kreisten nun immer langsamer. Katrin genoss dieses Gefühl, es war wie eine Roulettekugel am Ende ihrer Laufbahn, wo würde sie liegen bleiben ?

Schrank…Tisch…Bild…Tür…Bett…

23…16…7…26…0…

Sie schlief ein, und träumte von einer Wüste. Die Wüste war verlassen und leer, sandig und steinig, die Luft flimmerte vor Hitze, und irgendetwas war dort, das Energie produzierte.

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Maike, Nina

Sie saß in der Inwrought Bar,  an einem kleinen Tischchen nahe der Fensterfront, vor sich ein kleines Bier, und wartete.

Die Bar war seltsam dekoriert. An der Decke befanden sich Fischernetze, gespickt mit Plastikfischen und Plastikkorallen, und im Kontrast zu dieser maritimen Pracht hingen düstere Schwarz-Weiß-Fotos von irgendwelchen Schrottplätzen und Autofriedhöfen an den Wänden, als ob hier zwei verschiedene Personen ohne jegliche Absprache tätig gewesen seien. Das einzige verbindende Element war die gemeinsame Farbe der Wände und der Fischernetze: hellgelb. Maike versuchte zu identifizieren, ob sie zumindest einen oder zwei der Schrottplätze in der Stadt schon mal gesehen hatte, blieb aber erfolglos. Eher kam ihr das über der Theke angebrachte Wüstenfoto bekannt vor, aber was hieß das schon, schließlich sahen alle Wüsten gleich aus, oder?

Maike überlegte, ob dieses Ambiente vielleicht etwas mit dem Namen der Bar zu tun haben könnte. Im Internet hatte sie dazu folgendes gefunden:

Inwrought: Having a decorative pattern worked or woven in.

Das konnte jetzt zweierlei bedeuten: Entweder war die Dekoration inwrought in die Bar, oder die Bar selbst war inwrought in ihre nähere Umgebung.

Oder beides.

Oder es bedeutete etwas völlig anderes.

In der Ecke stand ein Internet-Terminal, davor ein blauer Plastikstuhl. Auf dem Monitor bewegte sich etwas Buntes langsam von links nach rechts, vermutlich lief der Bildschirmschoner, doch aus der Ferne konnte Maike nicht genau erkennen, was das Bunte war. Etwas drehte sich darin, von weitem erinnerte das bunte Objekt Maike vage an eine Windmühle, aber das ergab nicht viel Sinn. Maike hätte hinübergehen können, um genauer nachzusehen, blieb aber sitzen und trank stattdessen einen Schluck.

Wo war Nina? Normalerweise war die ziemlich pünktlich…

Maike hatte das seltsame Gefühl, dass alle anderen Besucher der Bar Stammgäste waren – nur sie nicht. Was ja eigentlich nicht sein konnte, dies war doch eine Neueröffnung, oder war die Bar von woanders umgezogen und hatte die Leute sozusagen mitgebracht? Der mittelgroße Raum war ganz gut gefüllt, außer ihr vielleicht 20 weitere Personen, die sich alle zu benehmen schienen, als ob sie schon jahrelang hierher kämen. Sie konnte das an keinem speziellen Detail festmachen, es war eher das vertraute, selbstsichere Benehmen. Nun, zumindest würde sie gleich nicht mehr die einzige Außenseiterin hier sein – vorausgesetzt, Nina kam irgendwann noch.

Maike und Nina war zusammen aufs Gymnasium gegangen, danach hatten sich ihre Wege getrennt: Während Maike ihren Philosophieversuch startete, war Nina zu einem Industrieunternehmen gegangen, hatte sich dort hochgearbeitet und war nun Assistentin der Geschäftsleitung. Insgesamt verstanden sie sich sehr gut, außer dass da mal eine kleine Meinungsverschiedenheit um denselben Jungen gab, aber das war lang genug her. Derzeit lebte Nina in einer relativ festen und anscheinend auch glücklichen Beziehung – während Maike nicht wusste, was sie wollte.

Das Thema ist heute auf der Blacklist, sagte sie zu sich selbst. Lieber über Filme reden…notfalls auch Mode…

– Noch eins?

Upps, da war das Bier schon alle. Das kam von der Warterei.

– Nee, danke, aber ich hab eine Frage…warum heißt das hier „Inwrought Bar“?
– Sorry, weiß ich auch nicht…komisch, was? Müsste ich Tomscheid fragen, aber der ist heute nicht da…
– Tomscheid?
– Ja, das ist der Besitzer…sorry, muss weitermachen…
– Ja klar, danke…

Das Mädchen, das jünger aussah, als Maike war – vielleicht Anfang/Mitte zwanzig – ging zum Nebentisch, an dem eine Runde Kartenspieler saß. Sah aus wie Doppelkopf. Maike schielte in die Karten, ja, ganz links hatte jemand eine Herz-Zehn hingesteckt, eindeutig Doppelkopf. Das hatte Maike früher oft gespielt, mit Leuten von der Uni. Wäre mal wieder schön, vielleicht kriegte sie die Leute noch zusammen? Nein, die waren sicher in alle Winde verstreut…so war das halt…

War schade, aber irgendwie auch ok…nichts ist für die Ewigkeit…

– Buh!

Maike erschrak furchtbar, dann lachte sie.

– Hi Nina! War was?
– Ja, ich habe mich hinter der Säule versteckt und gewartet, bis du wieder deinen geistesabwesenden Maike-ist-in-Gedanken-Blick drauf hattest…
– Sehr witzig!
– Aber das ist wirklich so, du müsstest dich mal auf Video sehen…Spaß beiseite, Markus musste mir unbedingt noch was im Web zeigen. Er surft so viel rum…

Während sie das sagte, blickte Nina vielsagend zur Decke. Ihr modisch-blonder Kurzhaarschnitt bildete einen interessanten farblichen Kontrast zu den blauen Fischernetzen an der Decke.

–…und definiert sich darüber, dass er so toll Bescheid weiß? 
– Du hast es erfasst…da muss man behutsam mit umgehen. Ich hab mal einen Spruch gebracht, irgendwas mit „weltfremd“…das kam gar nicht gut…
– Er könnte ja mal herausfinden, warum dieser Laden „Inwrought Bar“ heisst. Die Bedienung wusste es auch nicht.
– Hey, gut! Das ist doch mal ein klarer Auftrag. Macht er bestimmt gerne. So, und du wartest schon ganz lange?
– Na ja, geht so…schon ok…

Sie unterhielten sich über dieses und jenes, bis Nina fragte:

– Sag mal, was ist das eigentlich für ein komisches buntes Teil?

Maike hatte keine Ahnung, wovon Nina redete.

– Äh…was für’n TEIL?
– Na da hinten, auf diesem Bildschirm da in der Ecke…
– Ach, DAS. Ja das hab ich mich auch gefragt, wollte schon hingehen, aber dann war es mir irgendwie nicht wichtig genug…
– Stimmt, ist nicht so wichtig, es gibt ja die kuriosesten Bildschirmschoner…Markus hat was ziemlich abgefahrenes, rate mal!
– Wie soll ich das denn bitte erraten?
– Hast recht…also, zuerst, wenn der startet, ist alles dunkel. übrigens, der Typ da an der Theke, wär das nicht deine Kragenweite?

Maike schwieg und schoss einen Blick ab.

– Bin ja schon still…also, zurück zu diesem Bildschirmschoner. Am Anfang ist alles dunkel, und dann verwandeln sich andauernd Dinge ineinander, das geht so: Man sieht einen Kaffeebecher, da wird Kaffee reingegossen, und durch das Eingießen verwandelt sich der Becher in einen Stuhl. Da setzt sich jemand drauf, und dadurch verwandelt sich der Stuhl in einen Regenschirm, jemand spannt ihn auf, und dadurch…
– Ok, habe das Prinzip jetzt glaub’ ich verstanden: “…und dadurch verwandelt sich der Regenschirm in Schlagmichtot, und mit Schlagmichtot wird irgendwas gemacht, und dadurch verwandelt sich Schlagmichtot in Hastenichgesehn, und…“
– Ja, aber das ist echt cool, geht immer so weiter, und wiederholt sich nicht…

„Cool“. Da war es wieder.

– Hast du dir eigentlich mal Gedanken gemacht, was es bedeutet, wenn man „cool“ sagt?
– Was? Nein, dafür bist du doch zuständig…sag es mir!
– Ja, ich hab da neulich tierisch dran überlegt, aber bin zu keinem Ergebnis gekommen…
– Hast ja noch Zeit. Also jedenfalls, der Bildschirmschoner ist aber WIRKLICH cool. Musst du die mal anschauen bei uns. Übrigens, ich finde, das Teil sieht aus wie so’n Motor.
– Welches TEIL, bitte?

Nina seufzte.

– Na da hinten auf dem Monitor, haben wir da nicht eben drüber geredet?
– Woher soll ich das denn wissen, wovon du gerade redest, eben warst du bei deinem Bildschirmschoner. Außerdem finde ICH, das sieht eher aus wie eine Windmühle.
– Eine WINDMÜHLE? Nie im Leben…
– Um was wetten wir? Motor gegen Windmühle.
– Ein Kinobesuch?
– Angenommen!
– Ja, dann müssen wir wohl mal hingehen…

Sie waren schon aufgestanden, da kam die Bedienung auf dem Rückweg zur Theke versehentlich gegen den Plastikstuhl, dieser rempelte leicht gegen den Tisch, und diese über die Maus wahrgenommene Erschütterung besagte dem PC, den Bildschirmschoner zu beenden. Man erkannte den Windows-Desktop. Maike fluchte:

– So ein Mist, die dumme Kuh…
– Nicht so laut! Außerdem, da kann sie doch wohl nichts zu…
– Ja, aber ich hab kein Bock jetzt 10 Min zu warten bis der Bildschirmschoner wieder angeht.
– Vielleicht können wir die Einstellung auf 1 Min ändern?
– Da brauch man bestimmt Admin-Rechte für…

Sie setzten sich wieder hin und redeten über ihre Arbeit. Die Unterhaltung verlief etwas stockend, da beide immer wieder aus dem Augenwinkel auf den Monitor schielten. Eine kleine Unendlichkeit verging, und – da! – das bunte Objekt war wieder zu sehen. Wie aus der Pistole geschossen standen beide auf und tänzelten auf Zehenspitzen durch den Raum zum Monitor – was seltsam aussah, jedoch von den anderen Gästen kaum zur Kenntnis genommen wurde. Dann waren sie angekommen und nahmen das Objekt in Augenschein, das gerade eine neue horizontale Reise von links nach rechts begonnen hatte. Sie schauten eine Weile, schauten sich an, schauten wieder auf den Monitor. Nina ergriff zuerst das Wort.

– Also ich würde sagen, wir können uns gegenseitig einladen…

Das Objekt ähnelte nichts bekanntem, weder war es eine Windmühle, noch ein Motor. Es war einfach nur eine geordnete Ansammlung von Pixeln, innerhalb derer eine drehende Bewegung sichtbar war.

– Hast du genug gesehen? Ich möchte nachschauen wie der Bildschirmschoner heißt, das müsste doch auch ohne Admin-Rechte gehen.

Maike reagierte nicht und starrte weiter auf den Monitor.

– Huhu, Erde an Maike, HAST DU GENUG GESEHEN?
– Äh…ja, ich werd da nicht draus klug. Ja, schau mal nach.

Nina öffnete die Systemsteuerung und die Anzeige-Einstellungen, aktivierte den Reiter „Bildschirmschoner“, und da stand:

calls from the other side

– Aha, jetzt sind wir klüger…das sagt dir doch sicher was, meine Philosophieexpertin?
– Nicht wirklich…erinnert mich nur an was, irgend so ein alter Rocksong…
– Von wem?
– Weiß nicht…geht auch irgendwie anders…
– Nun, vielleicht fällt es dir ja noch ein. Ich würde sagen, wir gehen zurück, oder?

Sie setzten sich wieder an ihren Tisch.

– Dann hast du jetzt schon zwei Aufgaben: 1. „cool“, 2. der Rocksong. Wann bekomme ich deinen Rapport?

Maike straffte sich.

– Zu Befehl, Frau Geschäftsführerin! Also, ich würde sagen, vielleicht in einer Woche, wieder hier?
– Das ist akzeptiert. Brauchen Sie dafür noch Informationen oder sonstige Anweisungen?
– Ja…! Hilfreich, Frau Geschäftsführerin, wäre zu erfahren, warum diese Bar „Inwrought Bar“ heißt.
– Da haben Sie recht…das hatten wir ja schon besprochen. Nun, ich werde unser Rechercheteam dafür einsetzen. Schön, dann ist ja alles organisiert. Darf ich Sie zur Feier des Tages noch auf einen Sekt einladen? Ein Sekt from the other side?
– Istdsallsabsurdkrrmchh…

Maikes Antwort war unverständlich, da sie zu kichern anfing, und nicht mehr aufhörte.

– Dasissnschlagmichtothihihihihi…

Nina schüttelte den Kopf und musste dann mitlachen. Die Doppelkopfspieler schmunzelten ebenfalls, einer fing an, eine lustige Geschichte zu erzählen. Nachdem das Gelächter abgeklungen war, wurde der Sekt bestellt, und der Rest des Abends verlief ohne besondere Vorkommnisse.

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Katrin, Marcel

Marcel saß mit seinem Notebook auf einer Bank. Diese Sitzbank befand sich an einer vielbefahrenen Ausfallstraße, die vom Büroviertel ins Industriegebiet führte. Marcel war gerne dort. Was andere, wie Silvia oder Peter, nicht verstehen konnten.

– Der ganze Krach der Autos. Macht dich das nicht wahnsinnig?
– Es gibt so schöne Orte in unserer Stadt, warum setzt du dich nicht in den Park und schaust ins Grüne, anstatt auf diese häßlichen Fabrikwände?

Was heißt das schon, häßlich – dachte Marcel, und fixierte die verblichenen, teilweise abgerissenen Reste der Plakate an der gegenüberliegenden Betonmauer, die das Gelände der Spedition umgab. Eine Autowerbung… Energizer-Drinks… die Messe mit ihrem blau-gelben Logo… und etwas, was aus der Ferne kaum zu identifizieren war, aber Marcel erkannte das gelb-schwarze Layout: das Kinoprogramm. Er überlegte, hinüberzugehen und nachzulesen, was zur Zeit so lief, ließ es aber sein. Zu sitzen und zu schauen war schöner; das konnte er endlos.

Zumal er seinen gerade laufenden Download nicht unterbrechen wollte. Das Cafe nebenan hatte ein öffentliches WLAN-Netz, allerdings mit einer langsamen Internetanbindung von nur einem Megabit pro Sekunde. Der Download, ein neues kostenloses Antivirusprogramm, würde wohl noch mindestens 15 Minuten benötigen.

Normalerweise war dieses Netz nur für Gäste des Cafes bestimmt, aber Marcel kannte den Besitzer – sie waren Nachbarn.

Katrin verzichtete auf die Benutzung ihrer Monatskarte und ging zu Fuß nach Hause. Nach dem Tag im Büro brauchte sie etwas Bewegung und Frischluft. Nun ja, mit der „Frischluft“ war es nicht weit her angesichts der Unmassen von Autos, die hier entlangfuhren. Aber darüber durfte man sich als Stadtmensch nicht allzu viele Gedanken machen, sonst war man hier fehl am Platz.

Die Hochhäuser waren eindrucksvoll. Fenster, in denen sich die Abendsonne spiegelte, aufgereiht entlang blitzblank aussehender Fassaden – Gebäudereinigung bildete einen erheblichen Budgetposten in Großkonzernen, wie Katrin wußte. Als da im Moment zu sehen waren: mehrere Banken (natürlich), eine große Unternehmensberatung, eine Versicherung, ein Autokonzern. Der Gebäudekomplex dieses Autokonzerns war besonders beeindruckend: Zwei Zwillingstürme und ein verbindender Quertrakt, das Ganze in U-Form, die Fassade hellbraun, die Fenster blau getönt, passend zum ebenfalls braun-blauen Firmenlogo, das ganz oben an beiden Türmen prangte.

Die Aussicht, hier zu arbeiten, war vor sechs Jahren ein Faktor in Katrins Entscheidung für ihren derzeitigen Arbeitgeber gewesen. Sie mochte sich das nicht gerne eingestehen – schließlich machte man als gestandene, verantwortungsvolle Frau seine Entscheidungen nicht von derlei Äußerlichkeiten abhängig –, aber es war so. Das Büroviertel sah einfach toll aus, und sie wollte dazugehören. Wobei das Gebäude, in der sie selbst arbeitete, zu den kleineren und bescheideneren des Viertels gehörte, aber das war egal.

Die Firmengebäude wurden nun kleiner – sie näherte sich dem Ende des Büroviertels. Das nicht exakt bestimmbar war, es gab kein Schild „hier endet die Bürostadt“. Aber man merkte, wenn man sie verlassen hatte. Die Häuser wurden unansehnlicher, ungepflegter, beliebiger; normaler, sozusagen. Katrin beschleunigte ihren Schritt, sie wollte noch einkaufen.

Der Download war glücklich durchgelaufen. Das Notebook hatte mit seinem WLAN-Empfänger all die unsichtbaren, durch die Luft fliegenden Bits und Bytes aufgesogen und in einer über 150 MB großen Installationsdatei abgespeichert.

Marcel prüfte seinen Akkustatus, nur noch 20%, die Installation sollte er wohl besser auf später verschieben. Was nun? Nach Hause gehen? nein… weiter Plakate anstarren? auch nein… das machte nur Spaß, wenn man es beiläufig tat, nicht geplant… tja… er verharrte einige Sekunden in einem diffusen Zustand der Unschlüssigkeit (der sich übrigens gar nicht so schlecht anfühlte). Abwesend registrierte er die Reste eines weiteren Plakats an der Mauer. Es war so zerfetzt, dass nichts Zusammenhängendes mehr zu erkennen war.  

Da fiel Marcel etwas ein, was ihm Peter erzählt hatte. Dafür würde der Akku wohl noch ausreichen. Er öffnete die Google-Webseite, tippte „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“ und drückte die ENTER-Taste.

–…und was habt ihr gegessen, war es lecker?
– Prima, Mami! Steak mit Pommes!

War ja klar.

– …und auch ein bißchen Salat?
– Ja, auch…
– Na gut…und denk dran, dass du diesmal nicht wieder deinen Schlüssel bei deinem Vater vergißt, ja?
– Ja, Mami!
– Also dann, Dennis, bis heute Abend!

Keine Grüße an den Vater. Dennis würde sowieso nicht daran denken…

– Ja bis heute Abend! Tschüss!

Er hatte es eilig, das Gespräch zu beenden. Thomas hatte wohl noch was Tolles in Aussicht gestellt. Vermutlich Fußball im Fernsehen. Nun, es gab Schlimmeres.

– Tschüss!

Telefonate mit Dennis waren immer etwas angestrengt und hölzern. Ob das allen Müttern so ging? Katrin ließ das Handy in ihre Jackentasche zurückgleiten. Sie war nun an der großen Kreuzung angekommen, wo die Ausfallstraße begann. Von Bürostadt war hier nichts mehr zu sehen – eine unentschlossene Zwischengegend. Ein paar Geschäfte, einige Wohnhäuser, dort hinten begann das Industriegebiet. Die Ampel war gerade rot geworden, und würde das lange bleiben. Katrin sah sich um, entdeckte keine Kinder und begab sich, verwegen zwischen diversen fahrenden Autos hindurch navigierend, auf die andere Straßenseite.

Er konnte nicht ausfindig machen, wovon Peter geschwärmt hatte. Eine Webseite mit Videos von abgewracketen Fabrikgebäuden, die von Geisterhand in moderne Bürohochhäuser mutierten? Waren die Suchbegriffe falsch? Nein, Marcel hatte sie sich genau gemerkt – das Thema hatte ihn fasziniert. Die Seite sollte unter den 10 ersten Hits zu finden sein, so Peter.

Tja, war sie aber nicht. Auch nicht unter den Treffern 11-20, genausowenig unter 21-30. Stattdessen war da, neben diversen Diskussionsthreads,  ein anderer seltsamer Link, aber Marcel verlor das Interesse und stand abrupt auf, plötzlich hatte er genug von dieser unwirtlichen Industriegegend. Er klappte das Notebook zu, packte es in seinen Rucksack und ging los – Richtung Innenstadt, zum Supermarkt.

Da war der Supermarkt, sie brauchte noch Brot, Obst und Waschpulver, vielleicht auch mal wieder eine neue Flasche Whiskey. Würde einiges zu tragen sein, aber sie hatte es ja nicht mehr weit.

Was wollte er kaufen? Richtig, Brot. Und Instant-Kaffee, der war fast alle. Vielleicht auch Bier. Genau, Bier, war auch alle.

– Das ist ja wohl der Hammer, haben die hier keine Augen im Kopf?
– Äh, reden Sie mit mir? Ich kann nichts dafür…
– Nein, mit mir selbst. Aber finden Sie DAS DA nicht auch krass?

Im Brotregal lag eine Packung geschnittenes Graubrot. Es war ganz deutlich verschimmelt.

Marcel schaute die Frau an, die direkt neben ihm stand. Dunkle Haare, Anfang vierzig; grüner Mantel, braune Schuhe. Nicht sonderlich attraktiv, eher unscheinbar, aber sie hatte was. Zum Beispiel Temperament, offensichtlich – im Moment ehrliche Entrüstung, gepaart mit Amüsiertheit.

– Doch, da haben Sie natürlich recht, ist schon krass…weiß nicht ob ich hier jetzt noch Brot kaufen soll…mir ist das zuerst nicht so aufgefallen, weil ich den ganzen Nachmittag auf eine Betonwand mit zerissenen Plakaten gestarrt habe…
– …und da haben Sie sich so an den Zustand der Verwesung gewöhnt, dass Ihnen DAS DA ganz normal vorkam? Da können Sie aber von Glück sagen, dass ICH Sie rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht habe.

Marcel mußte lachen.

– …und warum haben Sie eigentlich gesagt „ich kann nichts dafür“, wenn Sie gar nicht wußten, worum es ging?

Marcel mußte erneut lachen.

– Ist wohl ein Reflex von mir…Sie sind aber ganz schön schlagfertig…
– Tja, sorry, dabei kenne ich Sie gar nicht. Aber wenn wir schon dabei sind, was ist denn so interessant an dieser Betonwand? Reden Sie von der da hinten, von der Spedition?
– Genau, da sitze ich gerne…inspiriert mich irgendwie…außerdem kann ich das WLAN vom Cafe mitbenutzen und ein bisschen rumsurfen…
– Und was haben Sie im Netz gefunden?
– Tja, leider nicht das, wonach ich gesucht habe…
– Und wonach haben Sie gesucht? Verzeihung. Ich frage zu viel, oder?
– Nein, nein…aber es ist schwer zu erklären, wonach ich gesucht habe…etwas ziemlich Schräges…

Katrin lächelte.

– Jetzt haben Sie mich aber so richtig scharf gemacht. Etwas ziemlich Schräges? So schräg, dass Sie es nicht einmal in Worte fassen können?
– Genau…
– Dann müssen Sie es mir eben direkt zeigen. Haben Sie die Seite noch offen, auf Ihrem Notebook?
– Stimmt, ja…
– Dann lade ich Sie jetzt auf einen Kaffee ein, in Ihrem WLAN-Cafe. Ich meine, Sie wollen jetzt sicher kein Brot mehr kaufen, oder?
– Stimmt, aber ein paar andere Sachen…aber danach gerne…
– Ich auch. Wir treffen uns draussen, ok?

Sie erreichten die Kasse etwa gleichzeitig, vor ihnen noch ein paar andere Kunden. Aus den Augenwinkeln registrierte Marcel, was die Frau im Einkaufswagen hatte. Die Flasche sah aus wie Whiskey, konnte das sein? War er an eine Trinkerin geraten? Nein. Das war sie nicht, da war er sich sicher. Nun ja, er hatte ja auch sein Bier in seinem Wagen. Bei einem Mann allerdings eher normal, als Whiskey bei einer Frau. 

– Jedem das seine, hm?

Sie schien seine Gedanken erraten zu haben, oder sie hatte seinen Blick bemerkt.

– …zuhause habe ich gern mal einen Schluck von dem Zeug. Nicht sehr damenhaft, ich weiß…
– Nicht wirklich, aber paßt ja irgendwie…ich meine, wenn wir schon die ganze Zeit von Verwesung reden…
– Danke, sehr reizend!…

Nun grinsten beide.

– „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“…?

Katrin schmunzelte, und Marcel wurde etwas rot, riß sich aber zusammen und trank einen Schluck Kaffee.

– …Sind Sie am Ende so ein Gruftie?
– Genau…zuhause höre ich ausschließlich Industrial…
– „Industrial“?
– Ja, das ist so eine Hardcore-Musikrichtung, mit ganz viel schrägen Gitarrenklängen…
– Und das hören Sie ausschließlich? Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm.
– Höchstens ein bißchen…aber es ist schon was dran, mich fasziniert irgendwie das dreckige, abgewrackte, ruinierte. Neulich war ich mit Freunden auf einer Party in einer leerstehenden Fabrikhalle, ganz weit draußen da hinten.

Er deutete vage durch das Fenster in die fragliche Richtung.

– Stimmt, da habe ich etwas drüber gelesen…und, war es gut?
– Irgendwie schon…
– Sie sagen aber oft „irgendwie“.
– Anscheinend irgendwie schon…haben Sie ein Problem damit?

Er sah sie direkt an, in seinen Augen ein trotziges was-wollen-Sie-eigentlich-von-mir. Sie wich seinem Blick aus.

– Schon ok. Also, „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“. Und was hofften Sie damit zu finden?
– Eine Webseite mit Videos, hat mich ein Freund drauf aufmerksam gemacht. Da verwandeln sich alte Industrieanlagen irgendwie – sorry – in glitzernde Wolkenkratzer…
– Aha…?
– Ja, mehr weiß ich nicht…aber Peters Tipps sind meistens wert, dass man ihnen nachgeht…er hat mir diese Suchbegriffe mitgeteilt, aber leider ist die Seite damit nicht zu finden…
– Hm. Ist ja mysteriös…schade, das hätte mich auch interessiert. Verwandlungen sind immer spannend. Außerdem arbeite ich selbst in so einer Wolkenkratzergegend, hier in der Bürostadt…lustige Vorstellung, dass die alle aus Fabrikruinen entstanden sein könnten… Na ja, da müssen Sie Ihren Freund wohl noch mal fragen. Und was ist DAS?
– Was, DAS?
– Dieser komische Link hier, in der Mitte der Seite…mit dieser Adresse, die sich kein Mensch merken kann, scheint eine zufällige Buchstabenkombination zu sein…
– Ach, DAS. Ja das ist mir vorhin auch aufgefallen, aber dann wurde ich irgendwie abgelenkt.

Katrin sah ihn vorwurfsvoll an.

– Jetzt benutzen Sie dieses Wort aber extra andauernd! Wollen Sie mich ärgern?
– Nein, wirklich nicht, ist halt so in mir drin…
– OK. Lassen wir das Thema. Also, dann klicken Sie doch einfach mal auf diesen Link, oder haben Sie kein Netz mehr?
– Doch, aber mein Akku ist fast leer. Wir können ja mal versuchen, wie weit wir kommen.

Marcel öffnete den Link mit der kryptischen Adresse. Der Bildschirm wurde dunkelblau, und es erschien eine weiße Schrift:

calls from the other side

       – click2play –

Das „click2play“ blinkte, und Marcel klickte darauf. Der Text verschwand. Einige Zeit lang war nur das Dunkelblau zu sehen. Sie schauten sich fragend an, blickten dann wieder auf den Bildschirm. Dort geschah jedoch weiterhin nichts.

– Sehr interessant…
– Ja wirklich…
– Ist ein schönes Blau, aber…
– Was jetzt?
– Da!…

Aus dem Einheitsblau heraus entstanden pulsierende Strukturen: wechelnde  Abstufungen von Blautönen, durch scharfe Linien getrennt, allerdings ohne ein klar erkennbares Muster. Sie starrten eine Weile darauf.

– Sieht aus wie eine Qualle in der Ostsee…
– Finden Sie? Also ich erkenne da eher ein Spinnennetz, außer dass sich die nicht andauernd so verändern…
– Aber sehen Sie doch mal hier rechts oben, was ist das? Sieht aus wie so ein Schieberegler, versuchen Sie doch mal!…

Marcel bewegte den Mauszeiger zu besagtem Regler, einem kleinen, dem Windows-Lautstärkeregler ähnelndem Objekt. Sobald die Maus den Regler erreicht hatte, erschien ein kleiner Text:

town development speed

– Boah…dem Hinttext nach zu urteilen, ist das ein Stadtplan im Zeitraffer!…Wahnsinn…
– Dem WAS nach zu urteilen, bitte?
– Ach so, sorry…dem Hinttext nach. So nennt man diese Kurzinformationen, die man nur sieht, wenn man die Maus dorthin bewegt. Kennen Sie bestimmt aus den MS Office-Anwendungen wie Word, Excel…
– Ach, das. Aha, Hinttexte. Von Hint wie Hinweis?
– Genau. Durfte ich auch mal schreiben, für so eine Laborsoftware…Mistjob…aber gut bezahlt…
– Das klingt wie so ein typischer Studentennebenjob. Studieren sie?
– Korrekt. Arbeitswissenschaft…
– Sehr interessant. Da hätte ich einige Fragen dazu, doch lassen sie uns jetzt erst mal HIERZU zurückkehren.

Katrin deutete mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm.

– Also, Sie glauben, dass das eine Stadt im Zeitablauf darstellen soll?

Marcel antwortete nicht, sondern bewegte den Schieberegler mit der Maus bis ans linke Ende der Skala, bis der Text

town development frozen in time

erschien. Die pulsierenden Bewegungen hörten auf, der Bildschirm stagnierte – und was nun zu sehen war, ähnelte eindeutig einem kartographischen Grundriß, von was auch immer.

– Sie haben recht. Wenn die Rede von „town development“ ist, soll das vermutlich eine Stadt sein. Etwa UNSERE Stadt?
– Ich würde sagen, nein…paßt nicht…sieht anders aus…

Kurz darauf machte es „pssh“ und der Bildschirm wurde schwarz.

– Tja, das war’s…
– Schade, wurde gerade so richtig interessant…
– Stimmt…
– Haben Sie Ihr Ladekabel nicht mit?
– Leider nein…
– Na gut, dann müssen wir uns eben wieder treffen, hier, und Sie bringen ein Notebook mit einem frisch und voll geladenem Akku mit. Die Getränke übernehme dann wieder ich. Oder haben Sie einen besseren Vorschlag?

Der Raum, in dem sie saßen, war fast leer. Bis auf eine Frau nahe der Tür, die griesgrämig an die Wand starrte, war nur noch die Bedienung zu sehen. Draußen war es bereits dunkel, und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos warfen gespenstische Lichtreflexe auf die Innenwände des Cafes.  

Sie tauschten ihre Telefonnummern aus und verabredeten sich für nächste Woche. Calls from the other side were waiting for them.

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Maike, Sergej, Katrin, Marcel

Maike war auf dem Heimweg von ihrer Werbeagentur.

Sergej war zusammen mit seiner Familie auf dem Weg zu befreundeten Nachbarn.

Katrin telefonierte mit ihrem Chef.

Marcel stand am Hauptbahnhof und starrte durch die Glaswände auf das Gleisfeld.

Sergej fiel auf, dass seit mehreren Minuten niemand ein Wort gesagt hatte.

Marcel versuchte, die Weichen zu zählen, und gab es irgendwann auf.

Maike war schlecht gelaunt und achtete wenig auf ihre Umgebung – im Moment eine kleinere Querstrasse am Rande der City.

Katrin versuchte sich zu erinnern, was das sehr Wichtige war, das sie ihrem Chef unbedingt hatte sagen wollen.

Marcel studierte den Zug-Ziel-Anzeiger und stellte fest, dass seine Regionalbahn nunmehr 20 Minuten Verspätung hatte.

Sergej fragte sich, was seine Kinder beschaeftigte, die sonst niemals gleichzeitig still waren.

Maike registrierte ein neues Geschäft in der Querstraße, konnte aber nicht identifizieren, was dort verkauft wurde.

Katrin fiel auf, dass sie ihrem Chef überhaupt nicht zuhörte, was nicht gut war.

Marcel starrte erneut auf die Gleisanlagen und fing an, die Weichen zu zählen, bis ihm einfiel, dass er das schon einmal versucht und abgebrochen hatte.

Maike fragte sich, warum sie so schlecht gelaunt war, und stellte fest, dass sie es nicht mehr war.

Katrin konzentrierte sich auf das Telefonat mit ihrem Chef und verstand, dass er, was selten vorkam, von BUYOL sprach.

Sergej entdeckte ein seltsames Gebäude, das ihm in dieser Vorortstrasse noch nie aufgefallen war.

Marcel registrierte in der Ferne den herannahenden ICE.

Maike freute sich, dass sie nicht feststellen konnte, was in dem ominösen Geschaeft verkauft wurde; etwas für später.

Sergej war unklar, ob das Gebäude, das eher an eine Fabrikhalle erinnerte, Wohnzwecken diente.

Marcel sah, dass der ICE in der Ferne zum Stehen gekommen war, obwohl kein anderer Zug zu sehen war; vermutlich war der Bahnsteig besetzt.

Katrin schilderte ihrem Chef ihre Meinung zu BUYOL – chaotisch, zeitraubend, etc -, der verständnisvoll zuhörte, zumindest hatte sie das Gefühl.

Maike beschleunigte ihren Schritt, schaute mal hierhin und mal dorthin, das gleitende Gefühl kam wieder.

Sergej entdeckte auf den Aufgangsstufen eines Hauses die Vorortzeitung und mußte wieder an die Formirovanie denken.

Katrin erzählte ihrem Chef von ihrer Flugvision während der BUYOL-Telefonkonferenz, wobei sie einige Details veraenderte.

Marcel war erschlagen von der Riesigkeit der Bahnhofsgleisanlagen: Gleise, soweit das Auge reichte.

Maike überquerte die große Ausfallstraße und ging auf der anderen Straßenseite schwungvoll nach rechts weiter.

Katrin war froh, dass ihr Chef das mit der Flugvision richtig einordnen konnte – als kleine Ablenkung während einer eher unproduktiven, aber unvermeidbaren Aktivität, und nicht als generell unkonzentrierte Arbeitseinstellung – sie hätte das nicht jedem erzählt, aber bei ihm ging das.

Sergej fragte Petra, ob sie sich an die Zeitungen erinnern könnte, die es in ihrer Kindheit gab, was Petra jedoch verneinte.

Marcel begeisterte sich an der Kompexität der Schienenführung, aus dem Bahnhof gingen über 20 Gleise heraus, aber in der Ferne mündete alles auf vielleicht 4-6 Ausfallgleise, genau war das nicht zu erkennen.

Maike hätte fast eine ältere Frau gerammt, konnte aber im letzten Moment ihre Richtung korrigieren.

Katrin wurde plötzlich klar – eine Meldung ihres Unterbewußtseins – wovon ihr Chef die ganze Zeit erzählt hatte, nämlich von dem geplanten Abteilungsmeeting.

Sergej sah in der Ferne auf der linken Seite das Haus der Freunde, ein Fleck angenehmes dunkles Rot.

Marcel zuckte zusammen und schaute auf die Bahnhofsuhr, der Zug würde gleich kommen.

Katrin schlug ihrem Chef vor, auf dem Abteilungsmeeting kurz zu BUYOL zu berichten, worauf er zustimmte und bemerkte, dass er das Gespräch jetzt abbrechen müsse.

Maike bog von der Ausfallstraße nach links in die Straße ein, wo sie wohnte.

Marcel bestieg seine Regionalbahn.

Sergej öffnete die Tür des Hauses der befreundeten Nachbarn.

Maike stieg die Treppe ihres Hauses empor.

Katrin legte auf.

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Maike, Nina

  • …also neulich hab ich was total Schräges erlebt…
  • Ja?
  • Ja, ist aber etwas unappetitlich, weiß nicht ob ich das jetzt so erzählen soll…

Nina schaute ungeduldig zur Decke. Maike WOLLTE es erzählen, sonst hätte sie gar nicht davon angefangen.

  • Wir haben ja schon gegessen. Also, zier dich nicht so!
  • Ok, also..hatte dir doch erzählt, dass ich in diesem Fitnessstudio angefangen habe…und da sind ja so Gemeinschaftsduschen…
  • Ja, das ist normal, eine persönliche Einzelzelle kannst du da nicht erwarten!
  • Tu ich doch auch nicht…was soll das jetzt, als ob ich so ne Etepetete sei.
  • Nein das bist du echt nicht. Nimmst bitte nicht persönlich, war nicht so gemeint. Und. Du hast geduscht und da war ein Mann und hat sich auf dich einen runtergeholt, oder was ist passiert?
  • Du meine Güte, nein…das wärs noch…nein da war dann mit mir ne andere Frau und hat auch geduscht…
  • Was war das für eine?
  • Wie, was war das für eine, ist doch egal..
  • Liebe Maike, ich versuche mir die Situation vorzustellen. Wie du nackt aussiehst, weiß ich noch so ungefähr…

Maike starrte Nina entgeistert an.

…beruhig dich, ich habe keine Webcam in deinem Badezimmer laufen…von diesem Badeseeausflug letzten Sommer…und die, war sie alt, jung, dick, dünn, hässlich oder hübsch?

  • Hm. Mittelalt, sportlich, etwas kräftig, aber nicht unattraktiv…soweit ich das beurteilen kann.
  • Ok. Und was tat die Sportlerin nun Unappetitliches?
  • Also die hatte sich voll eingeseift…und dann fuhr sie sich da…äh, mit der Hand, also du weißt schon…ich meine, hinten…ich meine, wir alle…verstehst du wovon ich rede?
  • Dieser Satz kein Verb.

Maike mußte losprusten.

  • Mann, jetzt stelle ich mich aber an wie eine aus dem Mädcheninternat. Ich bin sicher knallrot im Gesicht.
  • Ja, bist du.
  • Also, ich drücke mich besser etwas deutlicher aus, wenn du nichts dagegen hast.
  • Nein, im Gegenteil.

Maike holte tief Luft.

  • Sie fuhr sich mehrmals mit der Hand durch die Arschfalte…Nun starr mich nicht so entgeistert an!…das machen wir doch alle, oder wie wäschst du dich in der Gegend?

Nina genoß das Schauspiel. Und mit pikierter Stimme:

  • Also ICH nicht! Ich brauche das nicht, bin ja schließlich nicht so ein Drecksmädchen wie du…und war das jetzt alles? Ich meine, wo du DAS ja offensichtlich auch machst.
  • Also, immer wenn sie die Hand da…durchzog, gab es so’n komisches, unbeschreibliches Geräusch. Ich konnte nicht anders, ich musste sie anstarren, aber hat sie gar nicht weiter gestört.
  • Was für ein Geräusch denn? Mach doch mal!

Eine längere Pause entstand.

  • Chrrligwwsshh!!

Wieder Pause.

  • Das ist ja wirklich ekelhaft.
  • Ja.
  • Bei dir klingt das sicher besser.
  • Bei mir „klingt“ das gar nicht, das ist doch lautlos. Vielleicht hat die irgendeine Spezialseife benutzt…und dann hat sie das auch noch mehrmals gemacht, bestimmt fünf bis zehn Mal…jedesmal dieses Chrrligwwsshh…und ich hab gemacht, das ich da rauskam.
  • Und jetzt wirst du keinen Fuß mehr in dieses Studio setzen?
  • Na ja, so schlimm wars nun auch nicht. Aber ich werde schauen, dass ich nicht mehr mit der zusammen dusche.
  • Hm, wie willst du das sicherstellen? Immer wenn da schon jemand duscht, erst mal nachsehen, wer das ist? Dann kriegst du noch den Ruf einer lesbischen Spannerin…
  • Tja.
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Die LED-Revolution

Licht ist lebensnotwendig. Die Sonne spendet es uns, neben der Wärme, und wäre das nicht so, so gäbe es uns nicht.

Auch Gebäude brauchen Licht, und wie man das am besten löst, ist keineswegs trivial. Wirkung und Atmosphäre des Lichts, Stromverbrauch, Steuerbarkeit und Automation, Sicherheit sowie Integrierbarkeit in die Gebäudearchitekur sind einige der wichtigsten Aspekte. Es macht durchaus Sinn, hierzu eine Messe zu veranstalten, auf der die in diesem Sektor tätigen Unternehmen ihre neuesten Innovationen darbieten. Und für die mittelständische Firma M. aus dem schwedischen Örebro (diesen Namen verstand Katrin nicht sofort richtig, konnte ihn aber später nachschlagen) macht es wiederum Sinn, mit fast zehn Personen auf dieser weit entfernten Messe vertreten zu sein.

Dies alles erfuhr Katrin in der Bar des großen messenahen Hotels, in dem sie untergebracht war. Sie selbst war nicht aufgrund dieser Messe in der Stadt – ihr Konzern veranstaltete ein wichtiges Projektmeeting – aber dass diese Messe stattfand, daran kam man schon bei der Zimmersuche und insbesondere bei den Preisen nicht vorbei. Es gibt in solchen Fällen ja exorbitante Preisunterschiede für nur wenig auseinanderliegende Tage in denselben Hotels.

Katrin fragte sich, was die Firma M., mit der sie zufällig am selben Tisch saß, wohl als innovativstes Produkt ausstellte. Sie fragte sich auch, ob die drei Damen und sechs Herren, die wohl zwischen 35 und 55 Jahren alt waren, wirklich alle zur Firma gehörten. Manche Frauen und Männer, die nebeneinander saßen, wirkten vertraut miteinander, vielleicht war Anhang dabei? Katrin achtete auf Eheringe, war sich aber nicht sicher, ob diese in Schweden rechts oder links getragen werden.

Weiterhin fragte Katrin sich, warum ihr gerade jetzt ein alter New Wave-Song durch den Kopf ging:

I’ve searched around for years and years
I’ve drank in bars; destroyed careers…

Wie zerstört man Karrieren in Bars? Wie sollte sie hier und jetzt die Karrieren der Mitarbeiter von M. zerstören? Oder war das nur eine Zusammenfassung einer Lebensweise? Das hatte sie sich bei diesem Song, den sie im Übrigen liebte, schon oft gefragt. Nun, Songs haben manchmal rätselhafte Texte.

  • So, if I may ask…
  • Yes of course…
  • What is the most innovative thing you’re showing on the fair? Is it something I can understand?

(nach kurzem Nachdenken)

  • Well. There is one solution we’re demonstrating about chips in the 230 volt part of the installation… usually the control is part of the low voltage devices. The way we’re providing it, you need less installation parts and save costs.
  • Ok… and the installation is probably easier to handle.
  • Exactly.
  • Interesting. And you all belong to M.?
  • Yes, we all do.
  • This is quite an effort…
  • Yes. It’s very important for us to be present here, to show we’re a leading company in this market. Also, we want to extend our business more to private customers.
  • So, if I owned a house, you could be my company…
  • Exactly.
  • Unfortunately, I don’t. Is there a public day on the fair?

Hier war sich ihr Gesprächspartner nicht sicher und musste die Frau neben ihm fragen (Kollegin, wie Katrin nun wusste). Katrin fand dies inkonsequent – wenn man in den Privatkundenbereich will, sollte es einem wichtig sein, zu wissen, ob Privatkunden den Messestand besuchen werden. Nein, es gab keinen öffentlichen Besuchstag.

I was the man with future sight
I would change fortunes overnight…

Katrin erzählte von den zeitgleich in der Stadt laufenden diversen Lichtkunstausstellungen und -events.

  • Just if you don’t want to sit in this bar every night…
  • Oh, we certainly won’t. But yes, that’s interesting. Right now?
  • Right now.
  • Maybe we’ll see something of that. There have been so many innovations about lighting techniques during the last years. Just think about the LED revolution…

Und das Gespräch verlief schließlich im Sande.

But now the dream is all I see
There is no hope of breaking free
One song away from disaster

Man trägt die Eheringe in Schweden übrigens links, wie auch in den USA.

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Nichts Besonderes

Menschen sind dann am coolsten, wenn sie etwas, das sie beherrschen, konzentriert tun und dabei beiläufig, „bei der Gelegenheit“, andere Dinge erledigen.

Der Drummer, dem es scheinbar mühelos gelingt, während des Grooves seine Brille abzusetzen und sicher zu deponieren. Dies geschieht so fließend und unauffällig, dass es nur Marcel auffällt.

Der Pianist, der sich, während einiger sicherer Läufe mit der rechten Hand, auf den Flügel lehnt und mit links einige Saiten nachstimmt.

Dee andere Pianist, der in seinem Spiel von Zeit zu Zeit seine rechte Hand aus größerer Höhe auf die Tasten krachen lässt, dabei stets den gewünschten Akkord treffend. Marcel kommt eine Beschreibung der Vorhand von Steffi Graf in den Sinn, die er vor langer Zeit irgendwo gelesen hatte: „… wie wenn man einem Zeugen Jehovas die Tür vor der Nase zuschlägt“.

Es gibt mehrere Pianisten, denn es handelt sich um eine offene Jazz-Session. Nun, so ganz offen dann doch nicht, hier spielen nur Könner. Das Kellergewölbe ist überraschend voll. Sehr voll. Es herrscht ein gewisser Wettbewerb um brauchbare Stehplätze, unter anderem, weil eine riesige Säule für viele die Sicht auf die Bühne verdeckt. Ein Typ mit Rucksack versucht sich vor Marcels Nebenmann zu platzieren, bekommt von diesem aber verärgert und mit Nachdruck bedeutet, dass er sich ein anderes Plätzchen suchen möge. Marcel hält das für eine übertriebene Reaktion, sein Nebenmann ist groß genug und hätte problemlos über den Rucksacktyp drübergucken können.

Aber manchmal sind Menschen halt unfreundlich, kann passieren, muss man mit leben. Er selbst hatte vorhin eine Radfahrerin angepflaumt, die ein paar Sekunden hinter ihm fuhr: WOLLEN SIE JETZT VORBEIFAHREN ODER NICHT? Das war eigentlich nicht Marcels Art. Er vermutete, es lag an der Frau im Cafe, die ihm einfach nicht zugehört hatte.

Bläser haben die Bühne erobert und dominieren den Sound.

Sie wollte zum Operngebäude, wegen der Lichtkunstdarbietung. Marcel hatte das schon gesehen und schwärmte ihr vor, „wirklich beeindruckend“, aber die Frau ignorierte das und erzählte von noch tolleren Events, die sie besucht hatte. Dies wiederholte sich mehrfach, bis Marcel die Unterhaltung beendete.

Einige Musiker sind durstig und nutzen ihre Pause für ein Bier, darunter auch der Pianist mit der Brille. Er kann nicht viel damit anfangen, auf den Vorgang angesprochen zu werden, „nichts Besonderes“.

Marcel nimmt aus seinem linken Augenwinkel plötzlich eine irre, hektische Bewegung wahr. Dort sitzt aber nur ruhig ein junger Mann zusammen mit sieben weiteren Leuten am Tisch. Er hat eine verkrampfte Art, seine Hände zu halten – so komisch abgeknickt. Neben ihm seine Freundin, die er ab und zu streichelt. Was da gerade los war, bleibt rätselhaft,  nachfragen will Marcel aber nicht.

Es ist voll, und es gibt eine Menge zu gucken. Die Musik ist gut. Eine runde Sache.

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Platzähnliche Auszonungen

Das war ja schon kurios vorhin in der Bäckerei…

  • Ja echt…
  • Wie die mich plötzlich angestarrt hat…
  • Wovon redest du???

Nina schaute Maike an, die leicht stotternd anfing:

  • A-aber d-du hast doch gerade s-selbst gesagt…
  • Vielleicht reden wir ja nicht über dasselbe. Beruhig dich. Also, was meinst du denn?
  • Ja und was meinstest du denn?

Nina schüttelte den Kopf.

  • Maike, so geht das nicht…
  • Istjagut. Also, dann erzählst du aber bitte gleich, was du meintest, ja?
  • Ich bin ja nicht so. Nun. Werden wir heute noch klären können, was dir aufgefallen ist?
  • Also, die Frau an der Bäckerstheke. Die starrte plötzlich mich an, obwohl zwei Kunden direkt vor ihr standen… die war voll verwirrt, weil es wohl unklar war, was die Kunden wollten… aber dass sie dann mich anstarrt, wo ich doch nur da saß und Kaffee getrunken habe…
  • Das nennt man wohl Übersprungshandlung.
  • Ja, da könntest du recht haben. So ne Art Processing Error, wenn das System auf eine nicht programmierte Ausnahmesituation stößt…
  • … und dann plötzlich IRGENDWAS macht…
  • Genau!

Sie schlenderten bei strahlendem Sonnenschein an dem innerstädtischen kleinen Fluss entlang. Besonders warm war es allerdings noch nicht.

  • Das habe ich gar nicht mitgekriegt. Was ich meinte, war dieser ewige Benachrichtigungston auf dem Smartphone von der Frau am Fenster…
  • Ach ja. Dieser nervige Standardton, den eigentlich jeder gleich ändert.
  • Genau. Und das hat die Frau vom Ehepaar gegenüber auch genervt… sind die dir überhaupt aufgefallen…
  • Äh, bin nicht sicher. Wo saßen die denn?
  • An der Wand. Die Frau recht korpulent, energisch, blond, gestylt, mit strengem Blick. Dar Mann eher zurückhaltend. Beide so um die Sechzig.
  • Nee sorry…

Erneut Kopfschütteln bei Nina.

  • Aber du hast doch so gesessen, dass du genau auf die… na ist ja auch egal. Schau mal hier, dieses Schild, hast du den Begriff schon mal gehört? „Platzähnliche Auszonungen“. So was Verschwurbeltes, meine Güte!
  • „Verschwurbelt“? Das habe ich noch nie gehört…witziges Wort…süß…

Maike kicherte, hörte aber auf, als sie Ninas Blick bemerkte.

  • Entschuldige. Ist ja klar, was du meinst. Ja, komischer Begriff. Also das mit den Auszonungen. Aber ist doch treffend, findest du nicht? Diese Fläche hier, wo wir gerade gehen, ist halb Straße und halb Platz.
  • Das ist ja klar, aber das kann man auch anders ausdrücken, nicht so verschw… hör auf zu kichern!

Und musste selbst lachen.

  • … nicht so technokratisch. Gefällt dir das besser?
  • Ja, das ist gut. Dem kann ich zustimmen. Wo waren wir eigentlich?
  • Tja, ich weiß es noch. Brauchst du Hilfe?
  • Warte… die Bäckerei… der Benachrichtigungston… die Frau… und was dann?
  • Nun, die hat der Ton auch genervt. Einmal hat sie die Frau voll angestarrt, und dann ihren Mann. Als ob sie ihn fragen wollte, „nervt dich das auch?“
  • Und der Mann?
  • Der hat das gar nicht mitgekriegt, glaube ich. Hat jedenfalls nicht reagiert…
  • Vielleicht reagiert der grundsätzlich nicht mehr auf sie. Ehepaare sind schon was komisches. So kompliziert manchmal.
  • Wohl wahr. Der war aber glaube ich abgelenkt durch die Frau, die im Zeitlupentempo durch das ganze Cafe geschlurft ist…
  • Das ist mir auch aufgefallen…
  • Hurra! Etwas, das uns beiden aufgefallen ist. Darauf heute Abend einen Sekt?
  • Hurra!…

Und sie erreichten fröhlich ihr Auto.

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