Vor diversen Jahren gab es in der Süddeutschen Zeitung die schöne Kolumne „Das Prinzip“, im Wechsel bespielt von Andreas Bernard und Tobias Kniebe. Eines der beobachteten Prinzipien war Ebay. Bernard führte in seinem Text aus, wie es dabei gar nicht so sehr um Schnäppchen oder Geldverdienen ginge, sondern darum, dass jeder auch noch so banale oder abgenutzte Gegenstand seine neue Bestimmung finden kann und jemand anderem nützt. Käufer wie Verkäufer seien Teilnehmer eines „höheren Prinzips, das man als ‚die Ordnung der Dinge‘ bezeichnen könnte“. Nun, ein derartiges Prinzip gibt es auch für das Wissen.
In den letzten Jahren sind Pubquiz (das ist tatsächlich die korrekte Mehrzahlform) sehr populär geworden. Viele werden so etwas schon einmal gemacht haben und den Ablauf kennen: Es bilden sich mehrere Rateteams von typischerweise 4-6 Personen, die in einer Kneipe gegeneinander spielen und an getrennten Tischen sitzen. Auf den Tischen sammelt sich dann nach einiger Zeit eine Unmasse von Gläsern, Zetteln und Stiften an. Die Moderation verliest stolz die kreativ ausgesuchten Fragen, oft aus dem Bereich der Allgemeinbildung, manchmal aber auch ziemlich speziell und jedenfalls eher schwierig. Welcher Künstler der Renaissance liegt im Pantheon in Rom begraben? Ist Jalapeño-Chili schärfer als Habanero? Wie viele Tasten hat ein klassisches Klavier? Oder lustig. Toms Mutter hat drei Kinder: Tick, Trick und …?
Die Teams beraten sich leise und geben ihre Stimme auf einem Zettel ab. Manchmal rutscht jemandem der Geistesblitz laut heraus und wird durch die Kneipe gebrüllt, wonach man sich vorwurfsvoller Blicke und Kommentare der Teamkollegen sicher sein kann. Smartphones sind als Unterstützungswerkzeug nicht immer explizit verboten, verständlicherweise aber sehr verpönt, was manche allerdings nicht begreifen. Die Moderation wertet aus, gibt stolz die Lösungen bekannt (dadurch diverse „verdammt“ und „ich Idiot“ der Teilnehmer provozierend) und kürt das Siegerteam. Letzteres bekommt dann zum Beispiel eine Runde „Baileyguinness“ als Preis. Doch, das kann man trinken.
Das Ebay-Prinzip überträgt sich hierbei auf das Wissen. Jede und jeder Teilnehmer weiß irgendetwas, was kein anderer weiß und genau die im Moment gestellten Frage beantwortet – alle zusammen erreichen so eine „Ordnung des Wissens“. Es ist ja so, dass sich in solchen Rateteams in der Regel frühzeitig herausstellt, dass manche Teammitglieder sehr viel beantworten können und das Team tragen, während dies anderen eher schwerfällt. Und manche trainieren dies sogar oder bereiten sich vor, was das Ungleichgewicht dann weiter verstärken kann. Wie z.B. am St. Patrick’s Day zu „Irland“, was unlängst das Motto eines solchen Pubquiz war. Als eher zurückhaltender Teilnehmer kann man sich dann verunsichert oder nutzlos fühlen, doch das Schöne an diesem Spiel ist, dass fast immer der richtige Moment kommt, wo man etwas Entscheidendes beitragen kann. Und sei es, drei Tage nach dem „Pi-Tag“ (14.3.) zahlreiche Nachkommastellen der irrationalen Kreiszahl herunterrattern zu können, weil man das in seiner Kindheit exzessiv auswendig gelernt hat: 3,141592653589…
Womit sich die Fläche eines Bierdeckels auf immerhin 99,99999999997% exakt berechnen lässt. Falls jemand beim nächsten Pubquiz mit dieser Frage konfrontiert werden sollte.
