Das Obdachlosencafe befindet sich in der Nähe des Bahnhofsviertels, nicht direkt in der Rotlichtzone, aber fußläufig erreichbar. Sein Name basiert auf einer biblischen Anspielung, hier sollen die Menschen einen sicheren, guten Ort haben.
Es wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, existiert schon lange, und hat einen gewissen Bekanntheitsgrad. So werden manchmal Menschen von der Bahnhofsmission hierher geschickt. Hier arbeiten Sozialarbeiter und -helfer, Hilfskräfte und Ehrenamtliche. Geöffnet ist es abends, und der Andrang kann sehr unterschiedlich sein – mal riesig, mal gering. Neben den auf der Hand liegenden allgemeinen Einflüssen wie vor allem des Wetters und der Kälte, spielen, wie das in in einer Großstadt so ist, zufällige Faktoren eine Rolle. Oft genug ist das Cafe überraschend leer, wenn es voll sein müsste – und umgekehrt. Das macht die Personaleinsatzplanung nicht einfacher. Besser überbesetzt sein, als unterbesetzt, und überrannt zu werden.
Die Gäste – nun, sie setzen sich ungefähr so zusammen, wie man sich das bei einem Obdachlosencafe vorstellt, auch äußerlich. Da versammeln sich eine Menge Plastiktüten, zerfetzte Rucksäcke und Taschen, zerrissene Mäntel, Zahnlücken, wilde Frisuren und verschiedenste Herkunftsländer. Die Kommunikation ist eine echte Herausforderung und bedarf einiger Übung. Manche pöbeln herum (und werden relativ schnell des Hauses verwiesen, so es sich nicht bessert), andere sind sehr freundlich, wieder andere sehr zurückgezogen. Manche kommen allein, manche in größeren Gruppen. An einem typischen Winterabend dürften sich, grob geschätzt, insgesamt 50-100 Personen im Laufe der 5 Stunden, die das Cafe geöffnet ist, hier aufhalten. Das verteilt sich zeitlich zum Glück etwas, aber manchmal müssen die Leute auch stehen. Zumindest ist es warm.
Das Cafe bietet einfache Speisen und Getränke an. Einige Getränke sind gratis, der Rest kostet einen minimalen Betrag in der Größenordnung von 10 Cent bis 1 Euro. Das wird bewusst so gehandhabt und hat etwas mit Würde zu tun. In begründeten Fällen wird aber auch schon mal eine Ausnahme von dieser Regelung gemacht (aber seltener, als es manche Gäste gerne hätten). Neben dem eigentlichen Cafe gibt es in dem Haus weitere kostenlose Services, insbesondere Postadressen, gebrauchte Kleidung, einfache Hygieneartikel, Waschmöglichkeiten, Internetzugang, Ladesteckdosen sowie Beratung zu verschiedensten Fragen (u.a. Behördendinge).
Jeder Abend ist anders und hat seine ganz eigene Dynamik.
Wenn es richtig voll wird, stehen die Leute schon vor der Öffnung in Massen vor dem Eingang, und dann erfolgt ein wilder Run auf die besten Plätze, der manchmal gebremst werden muss.
Manchmal werden 15 Sandwiches oder 20 warme Essen gleichzeitig bestellt, manchmal für Stunden gar nicht.
Es kommt vor, dass die Menschen laut werden. Oft ist das Streit, aber nicht nur – manchmal einfach Wohlbefinden. Es bedarf Fingerspitzengefühls, hier richtig einzugreifen, oder auch nicht. Nicht ohne Grund läuft üblicherweise Musik aus den Lautsprechern.
Es gibt immer irgendwelche Einzelvorfälle. Das Klo ist blockiert, jemand soll jemandin angegrapscht haben, die reden da hinten zu laut, die Musik ist zu laut / zu leise / doof, es riecht schlecht (was öfters stimmt), es ist zu kalt oder zieht (was auch öfters stimmt, aus Gründen), der hat sein Essen vor mir bekommen, ihr habt mich vergessen, die hat mich beleidigt. Aber auch viele bedanken sich für den Service und sind einfach froh, hier zu sein.
Die Stimmung kann aggressiv sein, aber auch fröhlich und warm. Die Haltung der Gäste zueinander ist ambivalent. Die meisten kennen sich, und da steht eine Ressourcenkonkurrenz im Raum (beim Betteln, beim Übernachten, etc.). Gleichzeitig sitzt man im selben Boot.
Bei Eskalationen hilft es in aller Regel, ruhig, klar und deutlich vernehmlich um Ordnung zu bitten. Es kann aber auch schon mal erforderlich sein, die Polizei zu rufen. Was dann, sobald die Beamten erschienen sind, sofort zu einer angespannt/ängstlichen Atmosphäre führt und eine deutliche Leerung des Cafes zur Folge haben kann, selbst wenn dafür kein objektiver Grund vorliegt, weil es nur um einzelne Personen ging. Das ist tief einprogrammiert.
Manche der Gäste sind sehr gebildet oder verfügen über so angenehme Umgangsformen, dass man sich fragt, was zum Teufel da schiefgegangen sein muss. Oft genug wird einem das auch erzählt. Die Geschichten sind teilweise sehr verworren oder nachgerade unverständlich, aber das macht nichts. Man muss nicht alles verstehen, auf das Zuhören kommt es an.
Hier zu arbeiten, umsonst, ist eine ganz eigene Erfahrung. Vorher hat man in der Regel keine Lust, und gerade die ersten 1-2 Stunden können ziemlich anstrengend sein, weil man zahlreiche Dinge gleichzeitig und sehr schnell tun muss (Bestellungen entgegennehmen, in die Küche kommunizieren oder selbst zubereiten, den Gästen bringen, kassieren, spülen, irgendwas nachkochen, herumsuchen, aufräumen, etc.). Nach einer gewissen Zeit kommt aber oft ein Flowgefühl auf, man funktioniert, ist im Hier und Jetzt, kennt sich aus und arbeitet in einem eingespielten Team, das nicht vieler Worte bedarf – jede/r sieht einfach, was genau jetzt gemacht werden muss, und tut es. Man tauscht sich aus über Gäste – mal verärgert, mal mitfühlend, mal amüsiert – und lacht über kuriose Vorfälle. Und was man da tut, nützt, zumindest ein wenig. Das alles zusammen verursacht ein leichtes, warmes Gefühl, das mit Geld nicht zu bezahlen ist.
