Maike, Nina

Sie saß in der Inwrought Bar,  an einem kleinen Tischchen nahe der Fensterfront, vor sich ein kleines Bier, und wartete.

Die Bar war seltsam dekoriert. An der Decke befanden sich Fischernetze, gespickt mit Plastikfischen und Plastikkorallen, und im Kontrast zu dieser maritimen Pracht hingen düstere Schwarz-Weiß-Fotos von irgendwelchen Schrottplätzen und Autofriedhöfen an den Wänden, als ob hier zwei verschiedene Personen ohne jegliche Absprache tätig gewesen seien. Das einzige verbindende Element war die gemeinsame Farbe der Wände und der Fischernetze: hellgelb. Maike versuchte zu identifizieren, ob sie zumindest einen oder zwei der Schrottplätze in der Stadt schon mal gesehen hatte, blieb aber erfolglos. Eher kam ihr das über der Theke angebrachte Wüstenfoto bekannt vor, aber was hieß das schon, schließlich sahen alle Wüsten gleich aus, oder?

Maike überlegte, ob dieses Ambiente vielleicht etwas mit dem Namen der Bar zu tun haben könnte. Im Internet hatte sie dazu folgendes gefunden:

Inwrought: Having a decorative pattern worked or woven in.

Das konnte jetzt zweierlei bedeuten: Entweder war die Dekoration inwrought in die Bar, oder die Bar selbst war inwrought in ihre nähere Umgebung.

Oder beides.

Oder es bedeutete etwas völlig anderes.

In der Ecke stand ein Internet-Terminal, davor ein blauer Plastikstuhl. Auf dem Monitor bewegte sich etwas Buntes langsam von links nach rechts, vermutlich lief der Bildschirmschoner, doch aus der Ferne konnte Maike nicht genau erkennen, was das Bunte war. Etwas drehte sich darin, von weitem erinnerte das bunte Objekt Maike vage an eine Windmühle, aber das ergab nicht viel Sinn. Maike hätte hinübergehen können, um genauer nachzusehen, blieb aber sitzen und trank stattdessen einen Schluck.

Wo war Nina? Normalerweise war die ziemlich pünktlich…

Maike hatte das seltsame Gefühl, dass alle anderen Besucher der Bar Stammgäste waren – nur sie nicht. Was ja eigentlich nicht sein konnte, dies war doch eine Neueröffnung, oder war die Bar von woanders umgezogen und hatte die Leute sozusagen mitgebracht? Der mittelgroße Raum war ganz gut gefüllt, außer ihr vielleicht 20 weitere Personen, die sich alle zu benehmen schienen, als ob sie schon jahrelang hierher kämen. Sie konnte das an keinem speziellen Detail festmachen, es war eher das vertraute, selbstsichere Benehmen. Nun, zumindest würde sie gleich nicht mehr die einzige Außenseiterin hier sein – vorausgesetzt, Nina kam irgendwann noch.

Maike und Nina war zusammen aufs Gymnasium gegangen, danach hatten sich ihre Wege getrennt: Während Maike ihren Philosophieversuch startete, war Nina zu einem Industrieunternehmen gegangen, hatte sich dort hochgearbeitet und war nun Assistentin der Geschäftsleitung. Insgesamt verstanden sie sich sehr gut, außer dass da mal eine kleine Meinungsverschiedenheit um denselben Jungen gab, aber das war lang genug her. Derzeit lebte Nina in einer relativ festen und anscheinend auch glücklichen Beziehung – während Maike nicht wusste, was sie wollte.

Das Thema ist heute auf der Blacklist, sagte sie zu sich selbst. Lieber über Filme reden…notfalls auch Mode…

– Noch eins?

Upps, da war das Bier schon alle. Das kam von der Warterei.

– Nee, danke, aber ich hab eine Frage…warum heißt das hier „Inwrought Bar“?
– Sorry, weiß ich auch nicht…komisch, was? Müsste ich Tomscheid fragen, aber der ist heute nicht da…
– Tomscheid?
– Ja, das ist der Besitzer…sorry, muss weitermachen…
– Ja klar, danke…

Das Mädchen, das jünger aussah, als Maike war – vielleicht Anfang/Mitte zwanzig – ging zum Nebentisch, an dem eine Runde Kartenspieler saß. Sah aus wie Doppelkopf. Maike schielte in die Karten, ja, ganz links hatte jemand eine Herz-Zehn hingesteckt, eindeutig Doppelkopf. Das hatte Maike früher oft gespielt, mit Leuten von der Uni. Wäre mal wieder schön, vielleicht kriegte sie die Leute noch zusammen? Nein, die waren sicher in alle Winde verstreut…so war das halt…

War schade, aber irgendwie auch ok…nichts ist für die Ewigkeit…

– Buh!

Maike erschrak furchtbar, dann lachte sie.

– Hi Nina! War was?
– Ja, ich habe mich hinter der Säule versteckt und gewartet, bis du wieder deinen geistesabwesenden Maike-ist-in-Gedanken-Blick drauf hattest…
– Sehr witzig!
– Aber das ist wirklich so, du müsstest dich mal auf Video sehen…Spaß beiseite, Markus musste mir unbedingt noch was im Web zeigen. Er surft so viel rum…

Während sie das sagte, blickte Nina vielsagend zur Decke. Ihr modisch-blonder Kurzhaarschnitt bildete einen interessanten farblichen Kontrast zu den blauen Fischernetzen an der Decke.

–…und definiert sich darüber, dass er so toll Bescheid weiß? 
– Du hast es erfasst…da muss man behutsam mit umgehen. Ich hab mal einen Spruch gebracht, irgendwas mit „weltfremd“…das kam gar nicht gut…
– Er könnte ja mal herausfinden, warum dieser Laden „Inwrought Bar“ heisst. Die Bedienung wusste es auch nicht.
– Hey, gut! Das ist doch mal ein klarer Auftrag. Macht er bestimmt gerne. So, und du wartest schon ganz lange?
– Na ja, geht so…schon ok…

Sie unterhielten sich über dieses und jenes, bis Nina fragte:

– Sag mal, was ist das eigentlich für ein komisches buntes Teil?

Maike hatte keine Ahnung, wovon Nina redete.

– Äh…was für’n TEIL?
– Na da hinten, auf diesem Bildschirm da in der Ecke…
– Ach, DAS. Ja das hab ich mich auch gefragt, wollte schon hingehen, aber dann war es mir irgendwie nicht wichtig genug…
– Stimmt, ist nicht so wichtig, es gibt ja die kuriosesten Bildschirmschoner…Markus hat was ziemlich abgefahrenes, rate mal!
– Wie soll ich das denn bitte erraten?
– Hast recht…also, zuerst, wenn der startet, ist alles dunkel. übrigens, der Typ da an der Theke, wär das nicht deine Kragenweite?

Maike schwieg und schoss einen Blick ab.

– Bin ja schon still…also, zurück zu diesem Bildschirmschoner. Am Anfang ist alles dunkel, und dann verwandeln sich andauernd Dinge ineinander, das geht so: Man sieht einen Kaffeebecher, da wird Kaffee reingegossen, und durch das Eingießen verwandelt sich der Becher in einen Stuhl. Da setzt sich jemand drauf, und dadurch verwandelt sich der Stuhl in einen Regenschirm, jemand spannt ihn auf, und dadurch…
– Ok, habe das Prinzip jetzt glaub’ ich verstanden: “…und dadurch verwandelt sich der Regenschirm in Schlagmichtot, und mit Schlagmichtot wird irgendwas gemacht, und dadurch verwandelt sich Schlagmichtot in Hastenichgesehn, und…“
– Ja, aber das ist echt cool, geht immer so weiter, und wiederholt sich nicht…

„Cool“. Da war es wieder.

– Hast du dir eigentlich mal Gedanken gemacht, was es bedeutet, wenn man „cool“ sagt?
– Was? Nein, dafür bist du doch zuständig…sag es mir!
– Ja, ich hab da neulich tierisch dran überlegt, aber bin zu keinem Ergebnis gekommen…
– Hast ja noch Zeit. Also jedenfalls, der Bildschirmschoner ist aber WIRKLICH cool. Musst du die mal anschauen bei uns. Übrigens, ich finde, das Teil sieht aus wie so’n Motor.
– Welches TEIL, bitte?

Nina seufzte.

– Na da hinten auf dem Monitor, haben wir da nicht eben drüber geredet?
– Woher soll ich das denn wissen, wovon du gerade redest, eben warst du bei deinem Bildschirmschoner. Außerdem finde ICH, das sieht eher aus wie eine Windmühle.
– Eine WINDMÜHLE? Nie im Leben…
– Um was wetten wir? Motor gegen Windmühle.
– Ein Kinobesuch?
– Angenommen!
– Ja, dann müssen wir wohl mal hingehen…

Sie waren schon aufgestanden, da kam die Bedienung auf dem Rückweg zur Theke versehentlich gegen den Plastikstuhl, dieser rempelte leicht gegen den Tisch, und diese über die Maus wahrgenommene Erschütterung besagte dem PC, den Bildschirmschoner zu beenden. Man erkannte den Windows-Desktop. Maike fluchte:

– So ein Mist, die dumme Kuh…
– Nicht so laut! Außerdem, da kann sie doch wohl nichts zu…
– Ja, aber ich hab kein Bock jetzt 10 Min zu warten bis der Bildschirmschoner wieder angeht.
– Vielleicht können wir die Einstellung auf 1 Min ändern?
– Da brauch man bestimmt Admin-Rechte für…

Sie setzten sich wieder hin und redeten über ihre Arbeit. Die Unterhaltung verlief etwas stockend, da beide immer wieder aus dem Augenwinkel auf den Monitor schielten. Eine kleine Unendlichkeit verging, und – da! – das bunte Objekt war wieder zu sehen. Wie aus der Pistole geschossen standen beide auf und tänzelten auf Zehenspitzen durch den Raum zum Monitor – was seltsam aussah, jedoch von den anderen Gästen kaum zur Kenntnis genommen wurde. Dann waren sie angekommen und nahmen das Objekt in Augenschein, das gerade eine neue horizontale Reise von links nach rechts begonnen hatte. Sie schauten eine Weile, schauten sich an, schauten wieder auf den Monitor. Nina ergriff zuerst das Wort.

– Also ich würde sagen, wir können uns gegenseitig einladen…

Das Objekt ähnelte nichts bekanntem, weder war es eine Windmühle, noch ein Motor. Es war einfach nur eine geordnete Ansammlung von Pixeln, innerhalb derer eine drehende Bewegung sichtbar war.

– Hast du genug gesehen? Ich möchte nachschauen wie der Bildschirmschoner heißt, das müsste doch auch ohne Admin-Rechte gehen.

Maike reagierte nicht und starrte weiter auf den Monitor.

– Huhu, Erde an Maike, HAST DU GENUG GESEHEN?
– Äh…ja, ich werd da nicht draus klug. Ja, schau mal nach.

Nina öffnete die Systemsteuerung und die Anzeige-Einstellungen, aktivierte den Reiter „Bildschirmschoner“, und da stand:

calls from the other side

– Aha, jetzt sind wir klüger…das sagt dir doch sicher was, meine Philosophieexpertin?
– Nicht wirklich…erinnert mich nur an was, irgend so ein alter Rocksong…
– Von wem?
– Weiß nicht…geht auch irgendwie anders…
– Nun, vielleicht fällt es dir ja noch ein. Ich würde sagen, wir gehen zurück, oder?

Sie setzten sich wieder an ihren Tisch.

– Dann hast du jetzt schon zwei Aufgaben: 1. „cool“, 2. der Rocksong. Wann bekomme ich deinen Rapport?

Maike straffte sich.

– Zu Befehl, Frau Geschäftsführerin! Also, ich würde sagen, vielleicht in einer Woche, wieder hier?
– Das ist akzeptiert. Brauchen Sie dafür noch Informationen oder sonstige Anweisungen?
– Ja…! Hilfreich, Frau Geschäftsführerin, wäre zu erfahren, warum diese Bar „Inwrought Bar“ heißt.
– Da haben Sie recht…das hatten wir ja schon besprochen. Nun, ich werde unser Rechercheteam dafür einsetzen. Schön, dann ist ja alles organisiert. Darf ich Sie zur Feier des Tages noch auf einen Sekt einladen? Ein Sekt from the other side?
– Istdsallsabsurdkrrmchh…

Maikes Antwort war unverständlich, da sie zu kichern anfing, und nicht mehr aufhörte.

– Dasissnschlagmichtothihihihihi…

Nina schüttelte den Kopf und musste dann mitlachen. Die Doppelkopfspieler schmunzelten ebenfalls, einer fing an, eine lustige Geschichte zu erzählen. Nachdem das Gelächter abgeklungen war, wurde der Sekt bestellt, und der Rest des Abends verlief ohne besondere Vorkommnisse.

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