Katrin, Marcel

Marcel saß mit seinem Notebook auf einer Bank. Diese Sitzbank befand sich an einer vielbefahrenen Ausfallstraße, die vom Büroviertel ins Industriegebiet führte. Marcel war gerne dort. Was andere, wie Silvia oder Peter, nicht verstehen konnten.

– Der ganze Krach der Autos. Macht dich das nicht wahnsinnig?
– Es gibt so schöne Orte in unserer Stadt, warum setzt du dich nicht in den Park und schaust ins Grüne, anstatt auf diese häßlichen Fabrikwände?

Was heißt das schon, häßlich – dachte Marcel, und fixierte die verblichenen, teilweise abgerissenen Reste der Plakate an der gegenüberliegenden Betonmauer, die das Gelände der Spedition umgab. Eine Autowerbung… Energizer-Drinks… die Messe mit ihrem blau-gelben Logo… und etwas, was aus der Ferne kaum zu identifizieren war, aber Marcel erkannte das gelb-schwarze Layout: das Kinoprogramm. Er überlegte, hinüberzugehen und nachzulesen, was zur Zeit so lief, ließ es aber sein. Zu sitzen und zu schauen war schöner; das konnte er endlos.

Zumal er seinen gerade laufenden Download nicht unterbrechen wollte. Das Cafe nebenan hatte ein öffentliches WLAN-Netz, allerdings mit einer langsamen Internetanbindung von nur einem Megabit pro Sekunde. Der Download, ein neues kostenloses Antivirusprogramm, würde wohl noch mindestens 15 Minuten benötigen.

Normalerweise war dieses Netz nur für Gäste des Cafes bestimmt, aber Marcel kannte den Besitzer – sie waren Nachbarn.

Katrin verzichtete auf die Benutzung ihrer Monatskarte und ging zu Fuß nach Hause. Nach dem Tag im Büro brauchte sie etwas Bewegung und Frischluft. Nun ja, mit der „Frischluft“ war es nicht weit her angesichts der Unmassen von Autos, die hier entlangfuhren. Aber darüber durfte man sich als Stadtmensch nicht allzu viele Gedanken machen, sonst war man hier fehl am Platz.

Die Hochhäuser waren eindrucksvoll. Fenster, in denen sich die Abendsonne spiegelte, aufgereiht entlang blitzblank aussehender Fassaden – Gebäudereinigung bildete einen erheblichen Budgetposten in Großkonzernen, wie Katrin wußte. Als da im Moment zu sehen waren: mehrere Banken (natürlich), eine große Unternehmensberatung, eine Versicherung, ein Autokonzern. Der Gebäudekomplex dieses Autokonzerns war besonders beeindruckend: Zwei Zwillingstürme und ein verbindender Quertrakt, das Ganze in U-Form, die Fassade hellbraun, die Fenster blau getönt, passend zum ebenfalls braun-blauen Firmenlogo, das ganz oben an beiden Türmen prangte.

Die Aussicht, hier zu arbeiten, war vor sechs Jahren ein Faktor in Katrins Entscheidung für ihren derzeitigen Arbeitgeber gewesen. Sie mochte sich das nicht gerne eingestehen – schließlich machte man als gestandene, verantwortungsvolle Frau seine Entscheidungen nicht von derlei Äußerlichkeiten abhängig –, aber es war so. Das Büroviertel sah einfach toll aus, und sie wollte dazugehören. Wobei das Gebäude, in der sie selbst arbeitete, zu den kleineren und bescheideneren des Viertels gehörte, aber das war egal.

Die Firmengebäude wurden nun kleiner – sie näherte sich dem Ende des Büroviertels. Das nicht exakt bestimmbar war, es gab kein Schild „hier endet die Bürostadt“. Aber man merkte, wenn man sie verlassen hatte. Die Häuser wurden unansehnlicher, ungepflegter, beliebiger; normaler, sozusagen. Katrin beschleunigte ihren Schritt, sie wollte noch einkaufen.

Der Download war glücklich durchgelaufen. Das Notebook hatte mit seinem WLAN-Empfänger all die unsichtbaren, durch die Luft fliegenden Bits und Bytes aufgesogen und in einer über 150 MB großen Installationsdatei abgespeichert.

Marcel prüfte seinen Akkustatus, nur noch 20%, die Installation sollte er wohl besser auf später verschieben. Was nun? Nach Hause gehen? nein… weiter Plakate anstarren? auch nein… das machte nur Spaß, wenn man es beiläufig tat, nicht geplant… tja… er verharrte einige Sekunden in einem diffusen Zustand der Unschlüssigkeit (der sich übrigens gar nicht so schlecht anfühlte). Abwesend registrierte er die Reste eines weiteren Plakats an der Mauer. Es war so zerfetzt, dass nichts Zusammenhängendes mehr zu erkennen war.  

Da fiel Marcel etwas ein, was ihm Peter erzählt hatte. Dafür würde der Akku wohl noch ausreichen. Er öffnete die Google-Webseite, tippte „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“ und drückte die ENTER-Taste.

–…und was habt ihr gegessen, war es lecker?
– Prima, Mami! Steak mit Pommes!

War ja klar.

– …und auch ein bißchen Salat?
– Ja, auch…
– Na gut…und denk dran, dass du diesmal nicht wieder deinen Schlüssel bei deinem Vater vergißt, ja?
– Ja, Mami!
– Also dann, Dennis, bis heute Abend!

Keine Grüße an den Vater. Dennis würde sowieso nicht daran denken…

– Ja bis heute Abend! Tschüss!

Er hatte es eilig, das Gespräch zu beenden. Thomas hatte wohl noch was Tolles in Aussicht gestellt. Vermutlich Fußball im Fernsehen. Nun, es gab Schlimmeres.

– Tschüss!

Telefonate mit Dennis waren immer etwas angestrengt und hölzern. Ob das allen Müttern so ging? Katrin ließ das Handy in ihre Jackentasche zurückgleiten. Sie war nun an der großen Kreuzung angekommen, wo die Ausfallstraße begann. Von Bürostadt war hier nichts mehr zu sehen – eine unentschlossene Zwischengegend. Ein paar Geschäfte, einige Wohnhäuser, dort hinten begann das Industriegebiet. Die Ampel war gerade rot geworden, und würde das lange bleiben. Katrin sah sich um, entdeckte keine Kinder und begab sich, verwegen zwischen diversen fahrenden Autos hindurch navigierend, auf die andere Straßenseite.

Er konnte nicht ausfindig machen, wovon Peter geschwärmt hatte. Eine Webseite mit Videos von abgewracketen Fabrikgebäuden, die von Geisterhand in moderne Bürohochhäuser mutierten? Waren die Suchbegriffe falsch? Nein, Marcel hatte sie sich genau gemerkt – das Thema hatte ihn fasziniert. Die Seite sollte unter den 10 ersten Hits zu finden sein, so Peter.

Tja, war sie aber nicht. Auch nicht unter den Treffern 11-20, genausowenig unter 21-30. Stattdessen war da, neben diversen Diskussionsthreads,  ein anderer seltsamer Link, aber Marcel verlor das Interesse und stand abrupt auf, plötzlich hatte er genug von dieser unwirtlichen Industriegegend. Er klappte das Notebook zu, packte es in seinen Rucksack und ging los – Richtung Innenstadt, zum Supermarkt.

Da war der Supermarkt, sie brauchte noch Brot, Obst und Waschpulver, vielleicht auch mal wieder eine neue Flasche Whiskey. Würde einiges zu tragen sein, aber sie hatte es ja nicht mehr weit.

Was wollte er kaufen? Richtig, Brot. Und Instant-Kaffee, der war fast alle. Vielleicht auch Bier. Genau, Bier, war auch alle.

– Das ist ja wohl der Hammer, haben die hier keine Augen im Kopf?
– Äh, reden Sie mit mir? Ich kann nichts dafür…
– Nein, mit mir selbst. Aber finden Sie DAS DA nicht auch krass?

Im Brotregal lag eine Packung geschnittenes Graubrot. Es war ganz deutlich verschimmelt.

Marcel schaute die Frau an, die direkt neben ihm stand. Dunkle Haare, Anfang vierzig; grüner Mantel, braune Schuhe. Nicht sonderlich attraktiv, eher unscheinbar, aber sie hatte was. Zum Beispiel Temperament, offensichtlich – im Moment ehrliche Entrüstung, gepaart mit Amüsiertheit.

– Doch, da haben Sie natürlich recht, ist schon krass…weiß nicht ob ich hier jetzt noch Brot kaufen soll…mir ist das zuerst nicht so aufgefallen, weil ich den ganzen Nachmittag auf eine Betonwand mit zerissenen Plakaten gestarrt habe…
– …und da haben Sie sich so an den Zustand der Verwesung gewöhnt, dass Ihnen DAS DA ganz normal vorkam? Da können Sie aber von Glück sagen, dass ICH Sie rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht habe.

Marcel mußte lachen.

– …und warum haben Sie eigentlich gesagt „ich kann nichts dafür“, wenn Sie gar nicht wußten, worum es ging?

Marcel mußte erneut lachen.

– Ist wohl ein Reflex von mir…Sie sind aber ganz schön schlagfertig…
– Tja, sorry, dabei kenne ich Sie gar nicht. Aber wenn wir schon dabei sind, was ist denn so interessant an dieser Betonwand? Reden Sie von der da hinten, von der Spedition?
– Genau, da sitze ich gerne…inspiriert mich irgendwie…außerdem kann ich das WLAN vom Cafe mitbenutzen und ein bisschen rumsurfen…
– Und was haben Sie im Netz gefunden?
– Tja, leider nicht das, wonach ich gesucht habe…
– Und wonach haben Sie gesucht? Verzeihung. Ich frage zu viel, oder?
– Nein, nein…aber es ist schwer zu erklären, wonach ich gesucht habe…etwas ziemlich Schräges…

Katrin lächelte.

– Jetzt haben Sie mich aber so richtig scharf gemacht. Etwas ziemlich Schräges? So schräg, dass Sie es nicht einmal in Worte fassen können?
– Genau…
– Dann müssen Sie es mir eben direkt zeigen. Haben Sie die Seite noch offen, auf Ihrem Notebook?
– Stimmt, ja…
– Dann lade ich Sie jetzt auf einen Kaffee ein, in Ihrem WLAN-Cafe. Ich meine, Sie wollen jetzt sicher kein Brot mehr kaufen, oder?
– Stimmt, aber ein paar andere Sachen…aber danach gerne…
– Ich auch. Wir treffen uns draussen, ok?

Sie erreichten die Kasse etwa gleichzeitig, vor ihnen noch ein paar andere Kunden. Aus den Augenwinkeln registrierte Marcel, was die Frau im Einkaufswagen hatte. Die Flasche sah aus wie Whiskey, konnte das sein? War er an eine Trinkerin geraten? Nein. Das war sie nicht, da war er sich sicher. Nun ja, er hatte ja auch sein Bier in seinem Wagen. Bei einem Mann allerdings eher normal, als Whiskey bei einer Frau. 

– Jedem das seine, hm?

Sie schien seine Gedanken erraten zu haben, oder sie hatte seinen Blick bemerkt.

– …zuhause habe ich gern mal einen Schluck von dem Zeug. Nicht sehr damenhaft, ich weiß…
– Nicht wirklich, aber paßt ja irgendwie…ich meine, wenn wir schon die ganze Zeit von Verwesung reden…
– Danke, sehr reizend!…

Nun grinsten beide.

– „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“…?

Katrin schmunzelte, und Marcel wurde etwas rot, riß sich aber zusammen und trank einen Schluck Kaffee.

– …Sind Sie am Ende so ein Gruftie?
– Genau…zuhause höre ich ausschließlich Industrial…
– „Industrial“?
– Ja, das ist so eine Hardcore-Musikrichtung, mit ganz viel schrägen Gitarrenklängen…
– Und das hören Sie ausschließlich? Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm.
– Höchstens ein bißchen…aber es ist schon was dran, mich fasziniert irgendwie das dreckige, abgewrackte, ruinierte. Neulich war ich mit Freunden auf einer Party in einer leerstehenden Fabrikhalle, ganz weit draußen da hinten.

Er deutete vage durch das Fenster in die fragliche Richtung.

– Stimmt, da habe ich etwas drüber gelesen…und, war es gut?
– Irgendwie schon…
– Sie sagen aber oft „irgendwie“.
– Anscheinend irgendwie schon…haben Sie ein Problem damit?

Er sah sie direkt an, in seinen Augen ein trotziges was-wollen-Sie-eigentlich-von-mir. Sie wich seinem Blick aus.

– Schon ok. Also, „Stadt Chaos Zerstörung Auflösung Evolution“. Und was hofften Sie damit zu finden?
– Eine Webseite mit Videos, hat mich ein Freund drauf aufmerksam gemacht. Da verwandeln sich alte Industrieanlagen irgendwie – sorry – in glitzernde Wolkenkratzer…
– Aha…?
– Ja, mehr weiß ich nicht…aber Peters Tipps sind meistens wert, dass man ihnen nachgeht…er hat mir diese Suchbegriffe mitgeteilt, aber leider ist die Seite damit nicht zu finden…
– Hm. Ist ja mysteriös…schade, das hätte mich auch interessiert. Verwandlungen sind immer spannend. Außerdem arbeite ich selbst in so einer Wolkenkratzergegend, hier in der Bürostadt…lustige Vorstellung, dass die alle aus Fabrikruinen entstanden sein könnten… Na ja, da müssen Sie Ihren Freund wohl noch mal fragen. Und was ist DAS?
– Was, DAS?
– Dieser komische Link hier, in der Mitte der Seite…mit dieser Adresse, die sich kein Mensch merken kann, scheint eine zufällige Buchstabenkombination zu sein…
– Ach, DAS. Ja das ist mir vorhin auch aufgefallen, aber dann wurde ich irgendwie abgelenkt.

Katrin sah ihn vorwurfsvoll an.

– Jetzt benutzen Sie dieses Wort aber extra andauernd! Wollen Sie mich ärgern?
– Nein, wirklich nicht, ist halt so in mir drin…
– OK. Lassen wir das Thema. Also, dann klicken Sie doch einfach mal auf diesen Link, oder haben Sie kein Netz mehr?
– Doch, aber mein Akku ist fast leer. Wir können ja mal versuchen, wie weit wir kommen.

Marcel öffnete den Link mit der kryptischen Adresse. Der Bildschirm wurde dunkelblau, und es erschien eine weiße Schrift:

calls from the other side

       – click2play –

Das „click2play“ blinkte, und Marcel klickte darauf. Der Text verschwand. Einige Zeit lang war nur das Dunkelblau zu sehen. Sie schauten sich fragend an, blickten dann wieder auf den Bildschirm. Dort geschah jedoch weiterhin nichts.

– Sehr interessant…
– Ja wirklich…
– Ist ein schönes Blau, aber…
– Was jetzt?
– Da!…

Aus dem Einheitsblau heraus entstanden pulsierende Strukturen: wechelnde  Abstufungen von Blautönen, durch scharfe Linien getrennt, allerdings ohne ein klar erkennbares Muster. Sie starrten eine Weile darauf.

– Sieht aus wie eine Qualle in der Ostsee…
– Finden Sie? Also ich erkenne da eher ein Spinnennetz, außer dass sich die nicht andauernd so verändern…
– Aber sehen Sie doch mal hier rechts oben, was ist das? Sieht aus wie so ein Schieberegler, versuchen Sie doch mal!…

Marcel bewegte den Mauszeiger zu besagtem Regler, einem kleinen, dem Windows-Lautstärkeregler ähnelndem Objekt. Sobald die Maus den Regler erreicht hatte, erschien ein kleiner Text:

town development speed

– Boah…dem Hinttext nach zu urteilen, ist das ein Stadtplan im Zeitraffer!…Wahnsinn…
– Dem WAS nach zu urteilen, bitte?
– Ach so, sorry…dem Hinttext nach. So nennt man diese Kurzinformationen, die man nur sieht, wenn man die Maus dorthin bewegt. Kennen Sie bestimmt aus den MS Office-Anwendungen wie Word, Excel…
– Ach, das. Aha, Hinttexte. Von Hint wie Hinweis?
– Genau. Durfte ich auch mal schreiben, für so eine Laborsoftware…Mistjob…aber gut bezahlt…
– Das klingt wie so ein typischer Studentennebenjob. Studieren sie?
– Korrekt. Arbeitswissenschaft…
– Sehr interessant. Da hätte ich einige Fragen dazu, doch lassen sie uns jetzt erst mal HIERZU zurückkehren.

Katrin deutete mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm.

– Also, Sie glauben, dass das eine Stadt im Zeitablauf darstellen soll?

Marcel antwortete nicht, sondern bewegte den Schieberegler mit der Maus bis ans linke Ende der Skala, bis der Text

town development frozen in time

erschien. Die pulsierenden Bewegungen hörten auf, der Bildschirm stagnierte – und was nun zu sehen war, ähnelte eindeutig einem kartographischen Grundriß, von was auch immer.

– Sie haben recht. Wenn die Rede von „town development“ ist, soll das vermutlich eine Stadt sein. Etwa UNSERE Stadt?
– Ich würde sagen, nein…paßt nicht…sieht anders aus…

Kurz darauf machte es „pssh“ und der Bildschirm wurde schwarz.

– Tja, das war’s…
– Schade, wurde gerade so richtig interessant…
– Stimmt…
– Haben Sie Ihr Ladekabel nicht mit?
– Leider nein…
– Na gut, dann müssen wir uns eben wieder treffen, hier, und Sie bringen ein Notebook mit einem frisch und voll geladenem Akku mit. Die Getränke übernehme dann wieder ich. Oder haben Sie einen besseren Vorschlag?

Der Raum, in dem sie saßen, war fast leer. Bis auf eine Frau nahe der Tür, die griesgrämig an die Wand starrte, war nur noch die Bedienung zu sehen. Draußen war es bereits dunkel, und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos warfen gespenstische Lichtreflexe auf die Innenwände des Cafes.  

Sie tauschten ihre Telefonnummern aus und verabredeten sich für nächste Woche. Calls from the other side were waiting for them.

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