Marcel

Sein Arm tastete nach rechts, suchte den warmen Körper, doch Silvia war schon aufgestanden. Warum das, ihm schien es noch tiefe Nacht, aber das Schlafzimmer war so dunkel gelegen, dass man den Tag nicht von der Nacht unterscheiden konnte. Er lehnte sich hinüber und schaute auf den Wecker. 12 Uhr. Ach ja, diese Prüfung. Er bewunderte Silvia für ihre Energie, davon hätte er selbst gerne mehr gehabt, oder genauer gesagt, mehr Kontrolle darüber.

Wann waren sie ins Bett gekommen, musste gegen 5 Uhr gewesen sein, nach der endlosen Fahrt durch das Industriegebiet, an die sich Marcel kaum noch erinnern konnte, außer dass da irgendwas mit Baggern war.

Die Tür stand einen Spalt auf, wie Marcel nun wahrnahm. Das Tageslicht projizierte einen hellen Streifen auf die Inneneinrichtung des Schlafzimmers, beginnend mit dem Fußboden, ein heller Weg durch das Meer der hellblauen Auslegeware, dann der Stuhl mit den unordentlich aufgeschichteten Kleidungsstücken, obenauf Silvias Söckchen, nur eines, plötzlich bekam er wieder Lust auf sie, wie das bloß funktionierte. Ihm kam in den Sinn, nackt ins Wohnzimmer zu stürmen und Silvia ins Bett zu zerren, doch setzte er dieses Vorhaben nicht in die Tat um, sondern starrte weiter ins Halbdunkel. Der Lichtstreifen nahm seine Fortsetzung über die Bettdecke mit dem Wolkenmuster und verlor sich irgendwo auf dem Kopfkissen.

Er drehte sich zum Fenster, zog die Vorhänge auf, lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus.

Der Himmel war wolkenverhangen und warf spärliches Licht auf den Hinterhof. Es hatte geregnet, der Asphalt war noch dunkel von der Nässe, vereinzelt waren Pfützen zu sehen. Die zahlreichen Fahrräder unter dem Wellblechdach schienen gemeinsam auf besseres Wetter zu warten, bis auf eines, das mutig am Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück lehnte, hatte wohl jemand in Eile dort angelehnt und dann vergessen. Hoffentlich würde es noch da sein, wenn der Besitzer wiederkam.

Wobei, in diesen Hinterhof kam eigentlich nie jemand, der hier nicht wohnte. Die Hoftür war zwar selten verschlossen, aber meistens zu, um nicht die Aufmerksamkeit von Gelegenheitsdieben zu wecken. Was Marcel schon oft gestört hatte – wenn man angeradelt kam, musste man absteigen, die Tür öffnen und den Rest schieben, das war ineffizient. Nun, es gab Schlimmeres im Leben, zumindest diente es der Sicherheit.

Im Moment, wie Marcel nun auffiel, war die Tür allerdings auf. Das war ungewöhnlich, kam aber vor. Dann sah er den Grund: Im Hof lag Baumaterial herum, einige Holzbretter und Säcke, richtig, da hinten wollten die ja einen Sandkasten hinsetzen. Vielleicht erklärte sich dadurch auch das unangeschlossene Fahrrad? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht – wie Marcel bewusst war, neigen Menschen zu sehr dazu, Dinge kausal zu verknüpfen, um die Welt einfacher erscheinen zu lassen.

Marcel versuchte, sein eigenes Fahrrad im Gewirr der Rahmen und Lenker unter dem Wellblechdach zu identifizieren. Seine Augen suchten den blauen Lenker, das war noch das Auffälligste an dem Rad, aber er war zu hoch, aus dem dritten Stock betrachtet vermischten sich die vielen Fahrräder zu einem pointilistischen Tupfengemälde, zudem war er noch nicht ganz klar im Kopf. Er lockerte seinen Blick und ließ die Gesamtszenerie auf sich wirken.

Die Fahrräder: die Ansammlung unterm Wellblechdach, und das einzelne, vergessene.

Der Asphalt und die Pfützen.

Die Balkone der Hausfront gegenüber, hellgelb gestrichen, mit den verschiedensten Blumenkästen bestückt.     

Die kleine Rasenfläche mit der Holzbank und dem Holztisch.

Die drei Garagentore.

Das Hoftor: offen.

Die Holzbretter und die Säcke.

Das war alles – kein Mensch zu sehen.

Stille.

Leere.

Prall aus dem Leben, dachte Marcel. Er hatte das Gefühl, etwas ungemein Fundamentales vor sich zu sehen, den Kern der Existenz schlechthin, hätte dies aber niemandem erklären können. So schaute er einfach, wollte den Blick nicht mehr abwenden, und eine unerwartete, ruhige Harmonie breitete sich in ihm aus, schön nach der anstrengenden Nacht im Industriegebiet. Er fühlte sich eins mit dem Hinterhof, akzeptierte ihn so, wie er war. Und der Hinterhof akzeptierte ihn, das fühlte er.

Dann riss Marcel sich los, zog sich an und ging in die Küche. Er rief über den Flur:

– Auch ’nen Kaffee ?
– Nee danke, hatte schon genug, sonst fang ich an zu zittern…

Also machte er sich nur einen Becher, mit dem Instantkaffee, seine Freunde konnten nie verstehen wie er das Zeug trinken konnte, aber für ihn war das ok, und so schön praktisch. Er machte Wasser heiß, gab einen gut gehäuften Löffel in den Becher und goss das kochende Wasser darüber. Dann etwas Milch, gerade so viel dass man den Kaffee gut trinken konnte, aber noch nicht lauwarm wurde, das hasste er.

Marcel stellte sich ans Küchenfenster und sah hinaus, den Kaffeebecher in der Hand. Von hier aus sah man auch in den Hinterhof, aber einen etwas anderen Ausschnitt, die Garagen waren nicht zu sehen, dafür die Balkonfront des Nebenhauses, und im Hintergrund die Kräne des nahe gelegenen Hafengebietes. Durch den Kaffee wurde er langsam wach. Er suchte das harmonische, ruhige Gefühl in sich, das von vorhin, doch es war weg, so war das eben.

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