Marcel

Der DJ legte nun was Schnelleres auf, und es ging richtig ab. Eine wogende, synchrone Masse von Menschen bewegte sich rhythmisch zuckend über den Betonboden, der in dunkelgrünes Licht getaucht war. Wie eine Zeitrafferaufnahme von Baggern auf einer nächtlichen Großbaustelle, dachte Marcel. Wie kam er bloß darauf?

Der Rhythmus war hart und gnadenlos – die Tanzenden mussten ihm folgen oder aufhören.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Interessant war, die zufälligen Zusammenballungen der Menschenmasse zu beobachten. Die Dichte war nie überall gleich. Im Durchschnitt betrug sie vielleicht 2,5 Menschen / Quadratmeter, doch gab es Häufungspunkte, wo die Dichte weitaus höher war, bis zu über 5, und dann wieder vollkommen leere Stellen. Manchmal lag das daran, dass die Leute sich kannten, ein paar Blicke oder Worte wechselten und dann natürlich enger beisammen tanzten – doch ebenso oft gab es zufällige Zusammenballungen. Diese hielten aber nie lange vor, sondern lösten sich ebenso schnell, wie sie entstanden waren, wieder auf.

Die riesigen Strahler, die an diversen Steigleitern, Rohren und herabhängenden Ketten der stillgelegten Fabrikhalle befestigt waren, wechselten nun auf rotes Licht. Passend dazu wurden der Beat noch etwas schneller und die Tanzenden noch etwas ekstatischer. Niemand dachte mehr darüber nach, wie er sich bewegte und ob das vielleicht lächerlich aussah – Gedanken wie man sie sich vielleicht noch macht, wenn die Party gerade erst losgegangen ist. In einem Mechanismus des Selbstschutzes, um heftige Zusammenstöße zu vermeiden, zog sich die Masse nun weiter auseinander und besetzte neue, bislang unbetanzte Areale der Halle. Die durchschnittliche Dichte (Tänzer / m2) lag nun deutlich unter 2, doch noch immer gab es die zufälligen Zusammenballungen mit Dichten bis über 3.

Marcel tanzte nicht, er hatte für heute genug. Er lehnte an dem Geländer, das als provisorische Theke diente, nippte an seinem Bier und fragte sich, wie lange sich Silvia das heute Nacht noch geben wollte. Er wurde langsam müde, aber Silvia sah alles andere als müde aus: Wild wirbelte sie durch die Gegend, mit sonderbaren, rudernden Bewegungen, in den Augen ein irres Leuchten, obwohl sie keinerlei Drogen genommen hatte. Er lehnte sich zu dem Pärchen rechts neben ihm hinüber.

– Und, macht ihr noch lange?
– Was?

Marcel hasste das – immer musste man hier so schreien.

– UND, MACHT IHR NOCH LANGE?
– WEISS NICHT, UND IHR?
– WEISS AUCH NICHT, KANN SILVIA IM MOMENT NICHT FRAGEN!
– IS KLAR…

…und die Unterhaltung war erst mal wieder beendet. Er lehnte sich zurück und fühlte sich wie unter Wasser, in einem Meer von Noten.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…

Nach einiger Zeit rief Peter, der Typ vom Pärchen, herüber:

– GÜLPG WURST HAM WIR NIE ANHOHN, ODER? VOLLE KURSIG!
– JA GENAU, FINDE ICH AUCH!
– COLLR GRUFT, OD?? WSS FEHM DEES?

Das schien eine Frage zu sein. Marcel nickte ihm heftig zustimmend zu, blieb aber sitzen. Peter insistierte:

– WSS FEHM DEES???

Nun musste Marcel sich doch wieder hinüberbeugen.

– ENTSCHULDIGUNG, KANNSTE DAS NOCHMAL SAGEN?
– SIEHSTE, DU HAST MICH GAR NICHT VERSTANDEN UND NICKST EINFACH NUR! NICHT SEHR HÖFLICH!
– MANN, SAG ES EINFACH NOCH MAL!!
– ICH HABE GEFRAGT, OB DU WEISST VON WEM DIESES STÜCK IST!

Ok, zugegeben, darauf war Nicken keine ausreichende Antwort gewesen.

– TUT MIR LEID, WEISS ICH NICHT…
– SCHON OK!

Damit war das geklärt, und der Groove kam wieder zu seinem Recht. Irgendwas in der Halle dröhnte mit, vielleicht eine lockere Schraube, womöglich würde bald die ganze Halle über ihnen zusammenbrechen, in der Zeitung würde stehen: – Tragisches Unglück…einsturzgefährdete Halle im Industriegebiet für Party missbraucht…allen Warnungen zum Trotz…Tote bislang nur teilweise identifiziert…. Die Trauer in der Bevölkerung würde ihre Grenzen haben.

Das Nebengeräusch passte gut zur Musik, offensichtlich eine bestimmte Frequenz am Ende jedes Taktes, die seitens der Schraube (?) zu einem blechernen – wrrrm führte. Sollte man den Produzenten mal mitteilen, die investierten doch Tausende in die besten Sounds.

dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

Einer der Strahler leuchtete Marcel genau ins Gesicht. Wenn er in diese Richtung schaute, sah er nur schwarze zuckende Konturen auf der Tanzfläche, die sich bewegten, aufeinander zu bewegten, miteinander verschmolzen und sich wieder zerteilten. Kurzzeitig hatte er die Vision, die schwarzen Berge würden immer größer werden und ihn schließlich überwältigen, in sich aufsaugen und atomisieren.

Marcel hatte keine Lust zu tanzen, keine Lust sich zu unterhalten, getrunken hatte er auch genug, und Silvia war weit weg, bildlich gesprochen. Er fühlte sich verloren, doch da rettete ihn der DJ mit einem seiner Lieblingsstücke. Also gut, sagte er sich, this night a DJ saved his life, machte ein paar Schritte vorwärts und überließ sich dem House-Rhythmus.

blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
blur blur bloat bloat bleet bleet bloat bloa-e…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…
dum-tchich-dum-tchich-dum-tchich-dum-tchitchich…wrrrm…

So langsam kehrten seine Lebensgeister zurück, es war angenehm, unter dem Diktat des Rhythmus den Kopf abzuschalten, abschalten zu müssen. Etwas kickte ihn an, er fühlte irgendwo im Kopf ein starkes Vibrieren, es wurde schneller, immer schneller. Verdammt, war das geil.

Obwohl er sich schnell bewegte, sah er die Dinge mit seltener Klarheit, dort die Rohre, dort die Leitern, die Menschen, die Masse, da Silvia, da das interessante Mädchen mit dem Pferdeschwanz, dort das Licht, DAS ROTE LICHT, jetzt war es plötzlich wieder GRÜN, der DJ machte das echt gut, nur nicht zu schnell drehen, immer die Kontrolle behalten. Sein Körper produzierte die Bewegungen von selbst, es war keinerlei Willensanstrengung mehr erforderlich, viel schwieriger wäre es gewesen, die Bewegungen zu stoppen.

Einige Stunden später, der Morgen graute schon, saßen die vier im Auto und fuhren durch das Industriegebiet. Am Steuer saß Peter, Marcel auf dem Beifahrersitz, die beiden Frauen schliefen hinten. Sie fuhren an einer Freifläche vorbei, ein Einschnitt zwischen unzähligen Fabrikhallen und LKWs, auf der Freifläche standen einige Bagger herum, und Marcel wurde an seine seltsame Assoziation erinnert.

– Also heute Nacht kam ich mir so vor, als wäre ich auf einer Baustelle und alle Menschen sind Bagger, kannste das nachvollziehen?
– Äh…nicht wirklich…tut mir leid…

Das Fabrikgebäude, an dem sie nun vorbeifuhren, hatte sehr viele Schornsteine, hier wurde wohl etwas produziert. Marcel hatte keine Ahnung, was das sein könnte, stattdessen zählte er die Schornsteine: Vorne 4…in der Mitte auch 4, nein, 6, 8…hinten noch mal 4, macht 16. Aus keinem der Schornsteine kam Rauch, wohl auch schon stillgelegt, wie so vieles hier. Was man auch daran sah, dass kein Betrieb herrschte und keine Menschen zu sehen waren. Ach ja, es war ja erst 4:30, voreiliger Schluss.

Marcel schlief ein…und wachte von einem Stoß wieder auf. Die Straße war in einem schlechten Zustand, ähnlich seinem Kopf. Peter war wacher, war ja auch gut so.

Nun wieder Lagerhallen, zwölf ähnlich aussehende Hallen, durch das einheitliche Logo einer bekannten Spedition als zusammengehörig kenntlich gemacht. Marcel kannte diese Spedition, da hatte er auch mal gejobbt. War leichte Arbeit und ganz gut bezahlt, immerhin 15 EURO/h, und das für einfach nur die ganze Zeit mit dem Hubwagen herumlaufen und Paletten von A nach B ziehen. Der Sinn dieser Beförderungen war ihm nicht vollständig klar geworden, aber das war ja auch nicht sein Problem, vielleicht einfach schlechte Organisation.

Dann ein paar Kräne, offensichtlich temporär geparkt auf einem Platz, vielleicht nur auf der Durchreise zu ihrem nächsten Einsatz, vielleicht der Bau eines Hochhauses in der City.

– Äh…was meintest du eben noch mit den Baggern?
– Hä? Das sind doch Kräne, keine Bagger.
– Ja is klar, aber du hast doch vorhin was von Baggern erzählt!
– Ich? Von Baggern? Meinst du vielleicht anbaggern? Hat jemand Katja angebaggert, oder was?
– Du musst wirklich ins Bett.
– DAS stimmt.

Marcel konnte sich wirklich nicht erinnern, er war fertig. Sie fuhren eine Zeit, dann fragte Peter:

– Und sonst, im Studium alles ok?
– Ja, läuft ganz gut. Endlich ist Mathe für mich erledigt!

Marcel hatte eigentlich keinerlei Lust auf eine Unterhaltung, riss sich aber zusammen. Man soll ja immer mit den Fahrern sprechen, damit sie nicht einschlafen.

– Brauchst du das nicht mehr?
– Schon, aber nur noch anwendend…nicht mehr dieser abstrakte Theoriekram, den eh niemand braucht…außerdem bei meiner Spezialisierung sowieso wenig.
– Was war das noch?
– Arbeitswissenschaft.
– Du hast es mir bestimmt schon mal erklärt, worum geht das da? Wie man am besten arbeitet?
– Sehr witzig. Obwohl, so ganz falsch ist das nicht…Arbeitsplatzergonomie, Arbeitsschutz und so…
– Klingt sehr aufregend!
– Ja, hack nur auf meinem wunden Punkt rum…ich hab mir das auch spannender vorgestellt…aber ich wollte halt tatsächlich was mit möglichst wenig Mathematik. Logistik wäre vielleicht im Nachhinein besser gewesen…
– Stimmt, da hättest du dann deine geliebten Bagger einsetzen können!

Marcel setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

– Jetzt lass mich doch bitte mit diesen Baggern in Ruhe! Dir ist wohl im Sandkasten mal einer weggenommen worden, und seitdem leidest du an traumatischen…
– Mann, Ruhe da vorn!!

Das wirkte, und Katja konnte wieder weiterschlafen. Peter schwieg, Marcel ebenfalls, er drehte das Beifahrerfenster herunter und hielt seinen dunkelblonden Wuschelkopf in den Fahrtwind. Die Morgenluft war wunderbar erfrischend…plötzlich fiel ihm seine Bagger-Metapher wieder ein, aber er ließ das Thema auf sich beruhen. Schließlich gehörten sie alle ins Bett.

Ein Rangierbahnhof mit Tausenden von Gleisen und Weichen, hunderten scheinbar zufällig darauf verteilten Waggons, hinten die große Hebebühne für den Containerumschlag, direkt darunter die Morgensonne, das wäre mal ein Foto, Titel „Industrieromantik“ bei flickr.com. Daneben eine Krananlage, mit komplizierten Anordnungen von Leitungen und Rohren, wofür auch immer. Einige Rohre waren mit dem dahinter liegenden Fabrikgebäude verbunden, also vielleicht eine Anlage zur Betankung von Chemietransportern, richtig, hier war ja das Chemiewerk. Das nun näher kam, ein eher kleines im Vergleich zu HÖCHST oder so, aber immer noch faszinierend mit seinem unglaublichen Gewirr von Gebäuden, Türmen, Schornsteinen und Rohren, vor allem Rohre, bestimmt 10.000 km Rohre, dachte Marcel.

Dann der Kanal, sie fuhren über eine Brücke, in der Ferne sah man die Einmündung in den Fluss, dort glitzerte schon wieder die Morgensonne, noch so ein Foto, eine Kamera wäre jetzt echt nicht schlecht, sein Handy hatte eine viel zu schlechte Auflösung. Entlang des Kanals diverse Containerplätze und Beladungskräne. Noch kein Mensch in Sicht, die Hardware wartete auf die Software, ein Bild der Ruhe und der aufgespeicherten Energie. In der Ferne die Hochhäuser der Bürostadt, die ebenfalls zu warten schienen.

Hörte dieses Industriegebiet denn nie auf? Marcel kam es vor, als wären sie schon stundenlang da durchgegurkt. Immer weiter Hallen, LKWs, dort waren schon Typen am Einladen, ja klar die Fernfahrer müssen immer sehr früh schon los, Mistjob, dort kommt schon ein Frachter den Kanal entlang, dass der da überhaupt durchpasst. Marcel hatte das Gefühl, sie hätten jetzt nicht mehr hier sein dürfen, hatten als Nachtschwärmer kein Recht dazu, den Betrieb zu behindern, mit dem diese rechtschaffenen Leute ihr Brot verdienten. Trotzdem hatte das was, sie fuhren tot müde durch diese schroffe, unwirtliche und unwirkliche Welt, sie selbst kamen aus einer anderen Welt, vielleicht träumte er schon.

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