Katrin

– Ja hallo, hier Czech aus München, hallo zusammen, wer ist denn schon in der Leitung?
– Hier ist Wyrsch aus Leipzig.
– Und hier Tomscheid, ebenfalls Leipzig…
– Hamburg, hier sind Kognitz und Werft. Frau Zehnt ist leider verhindert.
– Meier, Hannover.
– Franke und Feinbier, Frankfurt.
– Aha, und was ist mit den Duisburgern?

Keine Antwort.

– Ich glaube, die haben doch heute dieses große Abteilungsmeeting, hatten die nicht letztes Mal so was gesagt?
– Stimmt, ich erinnere mich! Also, meine Damen und Herren, genau genommen Frau Kognitz, meine Herren…

Leises Lachen in der Leitung. Katrin sagte nichts, das kannte sie zur Genüge.

– …dann sind wir soweit vollzählig, und ich darf Sie zu unserer wöchentlichen Telefonkonferenz zur Rolloutkoordination für BUYOL begrüßen. Da wir hier neue Teilnehmer dabei haben, nämlich Herrn Feinbier, äh, ist das richtig, Herr Feinbier?
– Ja, das ist richtig, ich bin das erste Mal dabei und ersetze Herrn Scholz.
– Genau, Sie ersetzen Herrn Scholz, daher für Sie noch mal kurz zusammengefasst, worum es in dieser Telco geht. Mein Name ist Czech, München. Wir alle sind ja benannt als lokale Standortkoordinatoren für die Standorte unseres Unternehmens hinsichtlich der Einführung des neuen Einkaufssystems, BUYOL. Auch wenn wir nicht alle hauptamtlich an den Standorten tätig sind, für die wir benannt wurden, wie beispielsweise Sie, Frau Kognitz…

Katrin sagte weiterhin nichts und wartete. Auf ihrem relativ aufgeräumten Schreibtisch lagen einige Akten, die sie rasch überflog, durch das Headset hatte sie beide Hände frei. Neben dem neuen 19-Zoll-Bildschirm lagen diverse Schreibtischutensilien verteilt – Tacker, Post-It-Zettel, Stifte, Schreibblock. Ein Fotorahmen mit dem Bild eines vielleicht fünfzehnjährigen Jungen – stolz in einem Fußballdress – stand auf dem Fensterbrett neben der Pflanze, die dringend Wasser brauchte. ände frei.

– …so haben wir doch ebendiese Aufgabe bekommen und vertreten die Standorte, für die wir benannt sind. Ich erwähne das von Zeit zu Zeit so ausdrücklich, weil es da in der Vergangenheit schon des öfteren Verwirrung gegeben hat. So, und in dieser wöchentlichen Telco verfolgen wir die Rolloutfortschritte in den verschiedenen Standorten und gleichen diese mit der Planung ab. Falls es Probleme gibt, versuchen wir Maßnahmen zur Lösung der Probleme zu finden und falls uns dies nicht gelingt, müssen wir an die Projektleitung eskalieren, was leider auch schon mehr als einmal nötig war. Soweit Fragen, Herr Scholz, äh, Feinbier?

Keine Antwort.

– Herr Feinbier?
– Das hat ihm wohl schon gereicht, denn sehen wir nicht wieder, ich meine, hören…
– Na, so schnell gibt man aber nicht auf. Herr Feinbier?

Einige Sekunden vergingen.

– Herr Feinbier, sind Sie noch da?
– Ja, was ist denn?
– Äh, kann es sein, dass Sie kurz weg waren, Herr Feinbier?
– Ja, sorry, ich musste hier kurz mit einem Kollegen eine sehr dringende Sache besprechen…
– Dann darf ich annehmen, dass Sie meine Ausführungen zu Sinn und Zweck dieser Telefonkonferenz nicht mitbekommen haben?
– Ja, leider nicht, beziehungsweise nur den Anfang, Sie sagten etwas von uns in der Rolle als Standortkoordinatoren.
– Genau, aber den Rest wiederhole ich jetzt nicht mehr, da wir schon etwas knapp in der Zeit sind. Sie werden schon mitkriegen, wie das bei uns läuft. Also beginnen wir mit der Statusabfrage. Beginnen wir doch heute mal mit Hamburg. Frau Kognitz. Wie ist bitte der Status in Hamburg, Frau Kognitz? Wobei, sind Sie eigentlich aktuell in Hamburg?
– Nein, aber das ist ja, wie Sie selbst festgestellt haben, irrelevant. Stellen Sie sich einfach vor, ich säße in Hamburg, da ich ja Hamburg vertrete.
– Gut. Also, Frau Kognitz, sozusagen virtuell in Hamburg, wie ist bitte der Status zu BUYOL in Hamburg?

Katrin machte diesen Job nur widerwillig. Sie war einmal mehrere Jahre in der Hamburger Filiale gewesen und kannte diese recht gut, weswegen ihr Chef sie gebeten hatte, die Koordination für Hamburg zu übernehmen, es gäbe sonst niemanden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre. Da sie sich weiterhin gut mit ihrem Chef stellen wollte, und, wie sie sich eingestehen musste, auch etwas geschmeichelt war, hatte sie sich breitschlagen lassen. Seitdem stand sie vor der unlösbaren Aufgabe, die aufwändige BUYOL-Hamburg-Rolloutkoordination und ihr eigentliches Tagesgeschäft in ihrer eigentlichen Filiale, in einer ganz anderen Stadt, irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und Katrin wusste: BUYOL war ihrem Chef in Wahrheit relativ egal, daran wurde er nicht gemessen. Er musste nur jemanden dafür abstellen – das war nun sie.

Was manchmal dazu führte, dass sie nicht mit ganzem Herzen bei dieser Telefonkonferenz dabei war – wie auch an diesem Tag.

Vor ihrem geistigen Auge entstand die Vision, alle Teilnehmer dieser Telco würden in einem Ort sitzen, in verschiedenen Hochhäusern einer Bürostadt, aber in Sichtweite, und per Megaphon kommunizieren. Zahllose Passanten würden die Köpfe recken und verständnislos den Debatten über die BUYOL-Einführung lauschen.

– Frau Kognitz?

Kartin riss sich zusammen.

– Ja, Entschuldigung, ein Kollege hatte kurz eine Frage…
– Kein Problem, Frau Kognitz. Wie ist bitte Ihr Status? Mich würde insbesondere die Zahl der fertig gestellten Arbeitsplätze interessieren.
– Also, alles in allem liegen wir ganz gut im Plan: Ziel in der Niederlassung Hamburg war ja gemäß Masterplan der Rollout von 100 Arbeitsplätzen bis Ende Juni, davon sind Stand heute 65 Arbeitsplätze fertig mit BUYOL ausgestattet. Wobei die Nutzung…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, wenn ich da mal einhaken darf. Es waren doch wohl 130 Arbeitsplätze bis Ende Juni geplant und nicht nur hundert. Danach wären Sie ziemlich im Rückstand. Oder täusche ich mich da?

Viele Passanten, vor allem männliche, nickten. Gib’s ihr. Doch dann klang schneidend durch die Luft:

– Herr Czech, wenn ich erinnern darf: Wir haben doch Ende April gemeinsam die Anpassung der Planung von 130 auf 100 mit dem Auftraggeber abgestimmt. Sie selbst sprachen mit dem Lenkungskreisvorsitzenden.
– Stimmt, da war etwas…Moment, ich schaue mal nach…

Kurze Stille, nur untermalt von einem leisen Stimmengewirr von irgendwoher – was in diesen Telefonkonferenzen häufiger vorkam, war kein besonders gutes System. Die Passanten hielten den Atem an.

–…ja, richtig. Entschuldigen Sie…na ja, BUYOL ist ein ziemlich komplexes Projekt, da kann man schon mal leicht den Überblick verlieren…Sie haben natürlich recht, Frau Kognitz. Wir haben die Planung auf 100 angepasst. Ja, und darauf bezogen sind 65 Arbeitsplatze natürlich ganz gut, da gebe ich Ihnen recht. Und wie sieht es mit der Akzeptanz aus?
– Dazu wollte ich gerade etwas sagen, aber Sie hatten mich unterbrochen…

Nun triumphierten auf den Strassen die Frauen, während die Männer die Köpfe senkten. Sauber gekontert, wir sind stolz auf dich, Schwester. Katrin fühlte den Beistand. Die Telco begann, ihr Spaß zu machen.

– Ja, Frau Kognitz, entschuldigen Sie abermals. Wie ist es mit der Akzeptanz, bitte?
– Die Nutzung von BUYOL ist bislang, aus meiner Sicht, unbefriedigend. Es wird noch sehr viel mit dem alten System gearbeitet.
– Gibt es Erklärungen dafür?
– Nun ja, wir haben in diesem Kreis ja schon einige Male über die Mängel von BUYOL gesprochen: Das Öffnen der Masken dauert zu lange, es gibt keine Rückgängig-Funktion, man kann nicht vernünftig drucken, da kann ich die Kollegen verstehen, die im Alltagsstress darauf keine Lust mehr haben.

Nun nickten alle Passanten, Männer und Frauen, unisono. Jeder kannte das aus eigener Erfahrung.

– Darf ich nachfragen, wie es da mit den angekündigten Verbesserungsmaßnahmen aussieht? Da sollte doch…
– Entschuldigung, Frau Kognitz, ich will Sie jetzt nicht abwürgen, aber ich fürchte, dieses Thema führt im Moment zu weit. Wenn wir dies vielleicht zurückstellen könnten, wir sind schon spät dran, ich setze das für die nächste Telco auf de Agenda. Ok, Frau Kognitz?
– Selbstverständlich…Sie haben die Moderation…
– Danke. Also, dann möchte ich gern mit der Abfrage der weiteren Standorte fortfahren. Herr Meier, wie sieht es in Hannover aus?

Woraufhin sich Katrin aus ihrem Fenster gleiten ließ, um, in einer Art Stagediving, von ihren weiblichen Fans auf der Strasse aufgefangen zu werden. „Gut gemacht“ klang es ihr von überall entgegen, sie fühlte sich frei und entspannt. Nur bruchstückhaft kamen ihr die Megaphonfetzen der weiteren Diskussion zu Ohren:

– Im Rückstand…
– Hannover…
– Keine Techniker vor Ort verfügbar…
– Warum…
– Frankfurt…
– Sieht gut aus…
– Obwohl…
– Leipzig…
– Unmögliche Planung…
– Geändert…
– Wenn nun aber doch…
– Lassen Sie mich doch ausreden…
– Sie haben doch gerade…
– Darf ich jetzt mal den Satz zu Ende sprechen!…

Der letzte Satz wurde so laut gebrüllt, dass sich die Passanten die Ohren zuhalten mussten. Auch Katrin horchte auf, es wurde wieder interessant. Sie flog in ihr Fenster zurück und konzentrierte sich auf die Diskussion.

– …ich meine, die Paradoxati… die Paradozi… der Wahnwitz ist jetzt doch nicht mehr zu überbieten. Wir telefonieren hier die ganze Zeit, jede Woche, über zehn Personen, die in dieser Zeit ihrer sonstigen Arbeit nicht nachgehen können. Und eigentlich ist das alles sinnlos, da das Management alle naselang die Planung ändert.
– Herr Wyrsch, jetzt sind sie aber etwas unsachlich.
– Herr Czech, warum bin ich unsachlich, wenn ich doch nur sage, wie es ist?
– Weil es nicht so ist.
– Und warum ist es nicht so, wie es ist?

Schweigen in der Leitung. Katrin hielt den Atem an. Auch auf den Strassen der Bürostadt war kein Mucks zu hören.

– Weil das Management keineswegs alle naselang die Planung ändert, wie Sie das gerade formuliert haben, Herr Wyrsch.
– Äh…aber…aber Sie haben doch gerade selbst gesagt…
– Ja, wir haben jetzt eine geänderte Planung. Gut. Das ist jetzt erst das zweite Mal seit BUYOL läuft, also in über einem Jahr, das ist ja wohl nicht „alle naselang“. Und manchmal ändern sich die Umstände, und das Management muss reagieren. Wissen Sie, wie chaotisch da andere Unternehmen sind?
– Oh ja, hören Sie auf, ich erinnere mich…ja ok, aber Sie müssen doch zugeben, dass dieses ständige Umplanen für uns nicht einfach ist, wir müssen das schließlich jedesmal unseren Leuten vor Ort verklickern…
– Ja, verstehe, Herr Wyrsch. Aber da habe ich eine gute Nachricht für Sie!
– Und die wäre?
 – Ich habe, just in diesem Moment, ein Email bekommen, wonach das Management entschieden hat, nun doch bei der alten Planung zu bleiben.
– Soll das heißen, dass wir uns die Diskussionen der letzten 20 Minuten hätten schenken können…
– Ich fürchte ja.

Wieder Schweigen.

– Aber sehen wir das doch positiv, meine Herren. Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren. Wir bleiben bei der alten Planung und bezogen auf diese sieht es auch bei Ihnen in Leipzig, Herr Wyrsch, gut aus, oder?
– Ja, ich denke auch, dann sieht es gut aus. Entschuldigen Sie, wenn ich eben etwas laut geworden bin…
– Ist doch kein Thema, kein Thema, Herr Wyrsch. Wir sind halt alle ein bisschen unter Stress. Ja, ich würde dann auch sagen, da wir mit der Zeit so ziemlich am Ende sind und alle Standorte abgefragt haben, dass wir damit für heute durch wären. So dass ich abschließend nur noch einmal auf das BUYOL-Projektevent am 6. Juni hinweisen darf. Ich denke, einfach mal zusammen einen netten Abend verbringen ist doch auch mal was Nettes, zumal der Vorstand seine Teilnahme angekündigt hat und wohl auch einiges für diesen Abend springen lässt.
– Das hört sich doch gut an…
– Wird auch mal Zeit…
– Gibt es auch Tabledance?
– Hehe, da bin ich mir nicht sicher, Herr Meier. Aber ich werde die Empfehlung weitergeben. Ja, dann wünsche ich Ihnen allen noch einen schönen und erfolgreichen Tag. Tschüss!
– …Widrsn.
– …Tschö.
– …Wirsing.
– …Auf Wds.
– …Ja, Widrs.
– …Wirsing!

Die Bürostadt, die Hochhäuser, die Megaphone und die Passanten lösten sich auf wie eine Luftblase, und Katrin fand sich allein an ihrem Schreibtisch wieder. Sie sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, eine Frau Anfang vierzig mit dunklen kurzen Haaren und – in diesem Moment – amüsiertem Gesicht. An wie vielen solchen sonderbaren Telefonkonferenzen sie wohl schon teilgenommen hatte? Sie wusste es nicht mehr.

Manchmal war sie selbst in der Moderatorenrolle gewesen, daher wusste sie aus Erfahrung, wie unangenehm es sein konnte, wenn sich plötzlich eine Negativstimmung in der Leitung aufbaute – so wie heute. Der Czech machte das schon ganz gut. Wenn er nur nicht immer mit seinen blöden Sprüchen („meine Herren, Entschuldigung, Frau Kognitz, meine Herren“ – sie war seit jeher die einzige Frau in dieser Runde) kommen müsste…aber na ja, es gab Schlimmeres. In ihrer Firma gab es viele ältere Kollegen wie Czech, die sich gerade im IT-Bereich immer noch nicht an Frauen in Führungsrollen gewöhnt hatten. Solange es nur bei Sprüchen blieb, ging es.

Was Katrin mehr irritierte, war ihre seltsame Vision mit der Bürostadt, den Hochhäusern und den Megaphonen. Was wohl ein Psychoanalytiker dazu gesagt hätte? Einsame Kindheit…im Beruf auch einsam…Telefonkonferenz…ohne dass man die Menschen sieht, mit denen man spricht, die über ganz Deutschland verteilt sitzen…eine virtuelle Bürostadt…großes Verlangen nach direkter Kommunikation in der Öffentlichkeit…zur Not auch mit Megaphonen. Als ob sie genug vom Zeitalter der Telekommunikation haben würde.

Sie seufzte tief und nahm noch mal die BUYOL-Akte zur Hand. Diverse Hochglanzpräsentationen, in gedruckter Form an alle Projektmitarbeiter versandt, man sah sofort dass die Firma hier klotzte und nicht kleckerte. BUYOL war wahrscheinlich eines der wichtigsten Projekte des gesamten Unternehmens, Heerscharen von Experten arbeiteten daran, unter anderem Katrin selbst. Aber dann ständig dieses Chaos und diese Unprofessionalität, wovon solche Telefonkonferenzen nur ein Symptom waren, davon machten sich Außenstehende keine Vorstellung. Ein Wunder, dass hier überhaupt irgendetwas funktionierte.

Doch seltsamerweise mochte sie dieses Projekt, und gerade auch diese Telefonkonferenzen, trotzdem, irgendwie.

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