Wir haben uns sonnabends in einer Bar kennengelernt, ich suchte jemand zum Unterhalten und Ivan war mir sofort symphatisch. Er studiert Biologie an der „Universidad de Centro America“ – UCA – in Managua. Sein Problem: In dem Forschungsprojekt, an dem er und seine Kollegen arbeiten, hantieren sie mit Unmassen von Daten herum und haben aber nur eingeschränkte Kenntnisse von Microsoft Excel.
Da kann ich Abhilfe schaffen, bin ich doch (fast) allzeit bereit, während meiner Reise Jobs auszuüben. Wir vereinbaren: Ich mache einen Tag Excel-Kurs für ihn und seine Kollegen umsonst; falls Interesse an mehr besteht, ist etwas zu zahlen. Meine Erfahrung mit solchen Agreements, sog. „Schnupperkursen“, aus Deutschland (dort allerdings eher von der Schüler-Seite aus) ist sehr gut, die Kunden können den Trainer und seine Qualität kennenlernen, bevor sie etwas gezahlt haben. In der Regel machen sie dann weiter und zahlen, auch aus einer gewissen moralischen Verpflichtung heraus. Es ist eine faire Angelegenheit, aber auch in gewissem Sinne ein psychologischer Trick.
Am Montag treffe ich mich mit Ivan und seinen Kollegen an der Uni, unter ihnen auch ein ehrwürdiger älterer Herr, den alle „Padre“ nennen und der erstaunlich viel über Deutschland weiss (ohne je da gewesen zu sein). Wir vereinbaren Uhrzeit, Teilnehmerzahl und Dauer für den Schnupperkurs, der am Dienstag stattfinden soll.
Während meiner Kursvorbereitung frage ich mich, was ich wohl für die vertiefenden Kursstunden so fordern kann – ich kann sehr schwer die soziale Situation von Ivan und seinen Kollegen einschätzen, sie wirken nicht arm, aber Nicaragua insgesamt ist extrem arm, alles ist relativ…Schliesslich unterhalte ich mich mit einem anderen Touristen, der ebenfalls einen Kurs machen will. Er gibt mir auf den Weg: „30 Cordobas pro Stunde und Person, auf keinen Fall weniger“. 30 Cordobas sind ca. 2 US-Dollar.
Der Kurs findet statt und ich mache es wirklich gut, alle lernen eine Menge, auch weil ich sie immer wieder selbst machen lasse, anstatt zu erzählen. Nach ca. 4 Stunden sind alle vier Teilnehmer erschöpft und zufrieden, auch Ivan. Als wir dann über die Fortsetzung sprechen, herrscht aber nur mässiges Interesse. Ich hatte nicht bedacht, dass hier in Zentralamerika angesichts der materiellen Nöte der allermeisten Menschen die oben angeführte „moralische Verpflichtung“ – bekommt man etwas umsonst und nutzt es, sollte man auch etwas kaufen – eine untergeordnete Rolle spielt. Konkret: Die vier hatten nach ihrer Meinung genug gelernt und freuten sich, das Geld für eine Fortsetzung sparen zu können. Ich hatte den Schnupperkurs zu gut gemacht.
Dann aber merkte ich, dass Ivan – mein Verhandlungspartner – sich doch ein wenig dafür verantwortlich fühlte, mich nicht völlig leer ausgehen zu lassen. Nach einigen Diskussionen und Hin und Her wurde schliesslich eine zweistündige Fortsetzung am Freitag für drei Personen draus – also 180 Cordobas, d.h. ca. 12 US-Dollar. Immerhin, besser als nichts – und ich war um eine interessante Erfahrung reicher, und Spass gemacht hat es auch.
(Es gibt genügend Menschen in Nicaragua, die von 12 US-Dollar 2 Wochen und mehr leben müssen…)
