Nichts Besonderes

Menschen sind dann am coolsten, wenn sie etwas, das sie beherrschen, konzentriert tun und dabei beiläufig, „bei der Gelegenheit“, andere Dinge erledigen.

Der Drummer, dem es scheinbar mühelos gelingt, während des Grooves seine Brille abzusetzen und sicher zu deponieren. Dies geschieht so fließend und unauffällig, dass es nur Marcel auffällt.

Der Pianist, der sich, während einiger sicherer Läufe mit der rechten Hand, auf den Flügel lehnt und mit links einige Saiten nachstimmt.

Dee andere Pianist, der in seinem Spiel von Zeit zu Zeit seine rechte Hand aus größerer Höhe auf die Tasten krachen lässt, dabei stets den gewünschten Akkord treffend. Marcel kommt eine Beschreibung der Vorhand von Steffi Graf in den Sinn, die er vor langer Zeit irgendwo gelesen hatte: „… wie wenn man einem Zeugen Jehovas die Tür vor der Nase zuschlägt“.

Es gibt mehrere Pianisten, denn es handelt sich um eine offene Jazz-Session. Nun, so ganz offen dann doch nicht, hier spielen nur Könner. Das Kellergewölbe ist überraschend voll. Sehr voll. Es herrscht ein gewisser Wettbewerb um brauchbare Stehplätze, unter anderem, weil eine riesige Säule für viele die Sicht auf die Bühne verdeckt. Ein Typ mit Rucksack versucht sich vor Marcels Nebenmann zu platzieren, bekommt von diesem aber verärgert und mit Nachdruck bedeutet, dass er sich ein anderes Plätzchen suchen möge. Marcel hält das für eine übertriebene Reaktion, sein Nebenmann ist groß genug und hätte problemlos über den Rucksacktyp drübergucken können.

Aber manchmal sind Menschen halt unfreundlich, kann passieren, muss man mit leben. Er selbst hatte vorhin eine Radfahrerin angepflaumt, die ein paar Sekunden hinter ihm fuhr: WOLLEN SIE JETZT VORBEIFAHREN ODER NICHT? Das war eigentlich nicht Marcels Art. Er vermutete, es lag an der Frau im Cafe, die ihm einfach nicht zugehört hatte.

Bläser haben die Bühne erobert und dominieren den Sound.

Sie wollte zum Operngebäude, wegen der Lichtkunstdarbietung. Marcel hatte das schon gesehen und schwärmte ihr vor, „wirklich beeindruckend“, aber die Frau ignorierte das und erzählte von noch tolleren Events, die sie besucht hatte. Dies wiederholte sich mehrfach, bis Marcel die Unterhaltung beendete.

Einige Musiker sind durstig und nutzen ihre Pause für ein Bier, darunter auch der Pianist mit der Brille. Er kann nicht viel damit anfangen, auf den Vorgang angesprochen zu werden, „nichts Besonderes“.

Marcel nimmt aus seinem linken Augenwinkel plötzlich eine irre, hektische Bewegung wahr. Dort sitzt aber nur ruhig ein junger Mann zusammen mit sieben weiteren Leuten am Tisch. Er hat eine verkrampfte Art, seine Hände zu halten – so komisch abgeknickt. Neben ihm seine Freundin, die er ab und zu streichelt. Was da gerade los war, bleibt rätselhaft,  nachfragen will Marcel aber nicht.

Es ist voll, und es gibt eine Menge zu gucken. Die Musik ist gut. Eine runde Sache.

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