The Tigers of Wrath

In die Rundbögen der Brücke ist eine Kunst- und Eventräumlichkeit eingebaut, die man hier kaum vermuten würde. Die Umgebung ist Hafen- und Industriegebiet. Das Ambiente erinnert an Konzepte der Brutalismus-Achitektur: Roh, funktional, reduziert und ehrlich.

Und hier ist heute Das Licht zu Gast. Die Location nimmt an der allgemeinen Lichtausstellung teil. Geht man hinein, erblickt man in der im Schummerbeleuchtung gehaltenen Eingangshalle die verschiedensten Neonlicht-Kunstobjekte, von denen sich in den – überraschend weit verzweigten –  verbundenen Räumen noch viele weitere entdecken lassen. Und voll ist es, voll mit Menschen, die die einzigartige Atmosphäre genießen. Eine Bar versorgt mit den elementaren Getränken, kreative Chansonmusik dudelt dezent aus Lautsprechern, und hoch an der Decke bekämpfen zwei riesige Heizstrahler erfolgreich den winterlichen Frost.

Die Ausstellungsobjekte sind mit Worten schwer zu beschreiben, manchmal Bilder mit Leuchtelementen, manchmal Skulpturen, und manchmal irgendwelches wild zusammengeklebtes, -gelötetes und -geschweißtes Material, Hauptsache, attraktiv, schräg und leuchtend.

Ein Kopf aus Bienenwachs enthält eine kleine Kerze, die im Moment noch etwas unterhalb der Schädeldecke still vor sich hin brennt. Später wird sie immer weiter im Kopf versinken, bis sie dann aus den Augen leuchtet, was allerdings angeblich noch viele Tage oder gar Jahre, die Auskunft dazu ist vage, dauern soll.

An einer Wand hängt ein Tuch mit dem Text: The tigers of wrath are wiser than the horses of instruction. Eine überraschende Feststellung, statt „wiser“ würde man hier eher „stronger“ erwarten, so drängt sich der Spruch auch immer wieder ins Bewusstsein. Doch nein, es heißt „wiser“. Das Statement drückt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber aller Ratio aus.

Ein Raum enthält eine Serie von Fotos, die bearbeitet und mit kleinen Leuchtelementen und kleinen plastischen Figürchen ergänzt wurden. Die Stimmung ist generell düster, dystopische Großstadtorte, wie Rotlichtgegenden, oder auch finstere Landschaftsbilder. Die anwesende Künstlerin hat Fotos aus aller Welt verarbeitet. Jemand hat die Raumbeleuchtung ausgeschaltet, was ihr nicht gefällt. Das mag überraschen, da ja so die Leuchteffekte stärker hervortreten – doch diese, erläutert sie, leben vom Kontrast zum Rest der Bilder, das man nun kaum noch sieht. Von jedem Bild hängen Kabel herunter, ginge das nicht auch mit Batteriebetrieb? Grundsätzlich schon, aber die müsste man gelegentlich wechseln, außerdem haben die Kabel sowas … geben so einen Eindruck von… industrieller Atmosphäre? Genau, industriell.

Eine Performance findet statt. Die trotz der Kühle des Nebenraums nur spärlich bekleidete Tänzerin führt zu dissonanter Musik äußerst reduzierte und langsame Bewertungen aus. Ihre nackten Füße brauchen eine halbe Ewigkeit, eine Betonwand hinauf und wieder herunterzuklettern, während der Körper zwischen Füßen und auf dem Boden aufgestützten Schultern ruhig diagonal in der Schwebe gehalten wird, was eine Menge Training und Kraft erahnen läßt. Manchen Zuschauern werden die Anspannung und die aufgestaute, blockierte Energie zu unerträglich, und sie verlassen vorzeitig den Raum. Man könnte sagen, dass die Performance bei diesen Gästen besonders erfolgreich gewirkt hat. Die brauchen jetzt erst mal ein Bier.

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