Ich habe die App vor etwa drei Jahren auf meinem Smartphone installiert – nur dort läuft sie, nicht auf dem Desktop. Und ich kann von ganzem Herzen sagen, dass sie meine Lebensqualität gesteigert hat. Das ist ein bemerkenswertes Statement, doch es ist die Wahrheit.
Über diese App, die vorwiegend von Menschen meiner Generation genutzt wird und in jeder größeren deutschen Stadt verfügbar ist, kann man sich mit anderen Menschen treffen. Jeder kann ein solches Treffen initiieren, und andere, denen es zusagt, klicken sich rein. So treffen sich Menschen zum Wandern, Kegeln, Billardspielen, Spielespielen, Essen, Trinken, Konzertebesuchen, Tanzen und etlichem mehr. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass man über diese App besser über aktuelle Events in der Nähe informiert wird, als über jede andere Quelle.
Das ist kein neues Konzept, Apps und Webseiten dieser Art gibt es schon lange. Was diese App besonders macht, ist – neben den recht einfachen, aber gut durchdachten Features – die Verbreitung. Ich schätze allein in unserer Stadt die Community auf mehrere Tausend aktive Teilnehmer.
Wie Treffen zustandekommen, wer teilnehmen will oder womöglich absagt und wer sich dann tatsächlich trifft, und wie das Treffen dann ist, das hat seine ganz eigene Dynamik, über die man ganze Bücher schreiben könnte. Nicht selten ärgert man sich oder ist enttäuscht, aber ebenso oft freut man sich, weil es dann doch, manchmal auf eine ganz unerwartete Weise, interessant und schön geworden ist. So ist es mir heute ergangen, und darüber möchte ich nun schreiben.
Ich hatte, was ich relativ selten tue, ein eigenes Treffen erstellt. Aus einer spontanen Eingebung heraus hatte ich am Vorabend zu einem „[…]Spaziergang mit anschließendem Einkehren“ eingeladen. Das war ein Experiment, denn normalerweise funktioniert so etwas mit einer gewissen Vorlaufzeit von einigen Tagen besser. Das Experiment beinhaltete zudem ein gewisses Risiko – welche Teilnehmer an welchen Events teilnehmen, ist für alle User sichtbar, und somit auch, welche Treffen keinerlei Resonanz erfahren. Das bei einem selbst erstellten Event zu erleben, ist sicherlich kein Weltuntergang, fühlt sich aber auch nicht ausgesprochen gut an.
Für mein Treffen kommt nun noch ein ungünstiger Umstand hinzu: Der öffentliche Verkehr fällt in unserer Stadt aufgrund eines Streiks teilweise flach. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte mich auch nicht informiert, wir hatten das erst letzte Woche. Ich möchte an dieser Stelle Berechtigung, Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme nicht bewerten – wir haben nun einmal Tarifpartnerautonomie in unserem Land, da gehört das einfach dazu und ist als Instrument notwendig und richtig, so grundsätzlich, wenngleich… nun, ich stecke nicht drin. Wie gesagt, das sollte hier eigentlich nicht das Thema sein. Auf jeden Fall darf ich mich ärgern, das Recht habe ich.
Aber absagen möchte ich das Event nun auch noch nicht. Mal sehen, wie es sich entwickelt. Fünf andere User können sich beteiligen (in der App muss vorher festgelegt werden, wieviele freie Plätze es gibt). Tatsächlich habe ich bereits frühmorgens die erste Teilnehmerin, eine B., Profilbild mit großer getönter Brille. „Läuft“, denke ich.
Es bleibt jedoch dabei. Zwar rufen zahlreiche User mein Profil auf, aber niemand sonst zeigt Interesse am Treffen.
Am früheren Nachmittag frage ich B. im Eventchat (der pro Treffen automatisch von der App zur Verfügung gestellt wird), ob wir es trotzdem durchziehen wollen, auch wenn wir zu zweit bleiben. Ich bekomme aber keine Antwort, was mich etwas verstimmt, da ich nun in der Luft hänge. Ich entscheide mich, einfach trotzdem zum Treffpunkt zu fahren, weil ich Lust habe aufs Spazieren, auch allein.
Der Treffpunkt ist eine sehr bekannte kleine Brücke über den Fluss, der mitten durch die Stadt führt. Sie ist so schmal, dass die Bezeichnung „Steg“ sehr passend ist. Hier finden sich immer irgendwelche Straßenmusiker, Touristen oder auch Einheimische, die beim Anblick der Großstadtlichter über dem Wasser dann gern mal seufzen „ach, irgendwie ist es hier doch gar nicht so schlecht“. Das ambivalente Verhältnis zur Stadt ist uns hier geradezu einprogrammiert. Köln, München oder Hamburg sind da anders. An den Streben der Brückengeländer befindet sich eine Unmasse von Vorhängeschlössern mit eingravierten Namen. Das war vor vielen Jahren mal en vogue, nun hängen sie da.
Den Fluss ostwärts hinunterblickend, überlege ich gerade, wo ich langlaufen will, da kommt unerwartet eine Nachricht von B. Sie steckt im Stau, außerdem hat sie eben erst den Chat entdeckt, sie ist Neuuserin. Nun, das erklärt alles, meine Verstimmung ist weggeblasen. Ja, ich warte noch. Nein, 20 Minuten sind kein Problem. Sie hatte geschrieben, dass ich nicht warten müsse und dass sie auch alleine spazieren könne, aber was sollen wir das jetzt getrennt machen? Manchmal muss man auch mal beharrlich sein.
B. erscheint schließlich, und wir laufen los. Ein sehr schöner Abend für Februar, über 10 Grad, trocken. Wir laufen an den Großstadtlichtern und dem Flussufer entlang und unterhalten uns. Es entwickelt sich das für die Treffen dieser App typische Abtasten, bei dem man Grundzüge über die Lebenssituation des anderen erfährt. Sie wohnt in einem Vorort, arbeitet seit ihrem Ruhestand noch tageweise als Erzieherin, und da gab es eine Scheidung und da gibt es eine Tochter. Diese wohnt zusammen mit ihrem Vater auf Mallorca, „das muss sie selbst wissen“. Ich erkläre die Grundzüge der App, und welche Erfahrungen man damit so machen kann. Die Zeit vergeht schnell, plötzlich sind wir schon fast am Hafengebiet. B. erwähnt einen Veranstaltungsort in dieser Gegend, den sie interessant fand, und ich erwähne, dass wir gerade direkt darauf zulaufen. Dann schauen wir doch mal, ob da auf ist.
Es ist auf, aber vor der Tür stehen mehrere Fernsehübertragungs-Lieferwagen. Was hat das zu bedeuten? Der Eingang ist besetzt, jemand steht dort und wedelt mit Tickets. Wir erfahren, dass ein bekannter öffentlich-rechtlicher Sender hier heute eine Livediskussion auf seinen YouTube-Kanal streamt. Es geht um eine synthetische Droge, die in den USA schon viel Schaden angerichtet hat und von der man weitere Ausbreitung in Deutschland befürchtet. Ob wir uns das anhören wollen? Nein, es kostet nichts, gibt sogar ein Freigetränk. Wir schauen uns an und müssen nicht lange überlegen.
Grinsend stehen wir drinnen in der Getränkeschlange und können es kaum fassen, was für ein Zufall. Ich mache B. deutlich, dass sie derartige Highlights jetzt nicht bei jedem über die App erstellten Treffen erwarten kann. Dann holen wir uns Wein, einen rot, einen weiß und geschorlt, und suchen uns Plätze. Das Kamerateam setzt uns dann noch etwas um, da wir ansonsten in der Bildachse säßen. Das passiert alles sehr entspannt. So sitzen wir nun die nächsten 90 Minuten und blicken, über die zur Diskussion vorbereitete Sofaecke hinweg, auf schräge Ausstellungsexponate. Mir fällt ein, dass ich über diese Location vor Jahren schon einmal einen Text geschrieben habe, etwas mit zornigen Tigern.
Die synthetische Droge gehört zur Familie der Opioide, wirkt fünfzigmal stärker als Heroin und wird auf dem Schwarzmarkt unter anderem öfters genutzt, um letzteres zu panschen / zu verstärken. Sie entstammt der medizinisch-medikamentösen Schmerzbehandlung und ist später, sozusagen, ihre eigenen Wege gegangen, aber wie will man das verhindern? Leute, die mit so etwas Geld verdienen wollen, finden sich immer. In den USA sterben jährlich bereits Zehntausende an der Droge, Vergleichbares wird auch für Deutschland befürchtet.
Es diskutieren Mediziner und Praktiker der Suchtmedizin und -hilfe, und die Mutter eines an der Droge verstorbenen Jugendlichen, die eine Stiftung in seinem Namen gegründet hat, ist anwesend. Die Geschichte, die sie erzählt, ist traurig und bewegend. Als der anwesende Arzt der Uniklinik den Begriff „Psychonaut“ erläutert – Menschen, oft sehr junge, die über bewusstseinserweiternde Methoden versuchen, ihre eigenen Gefühle biochemisch zu ergründen und zu steuern – kommt von ihr: „Ja. Das war er.“
Es müsse mehr in Prävention und Betreuung investiert werden, ist man sich einig. Dazu sagt sich leicht „ja“, aber wer priorisiert dies neben den unendlich vielen anderen Themen, die unsere Politiker so auf der Tagesordnung haben? Cannabis wird als Einstiegsdroge durchaus kritisch gesehen und die Liberalisierung habe bei uns nicht sonderlich gut funktioniert. Später lese ich im Livechat der Sendung, dass diese These dort sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte.
Die Livesendung ist beendet. Wir gehen am Fluss und an den Großstadtlichtern vorbei zurück zum Treffpunkt, und dann unserer Wege. Der Abend ist immer noch schön, und besonders war er sowieso, für uns beide.
