Katrin

Sie saß in ihrem Lieblingssessel, die Beine hochgelegt, und hörte Free Jazz. Bei dieser Art Musik konnte sie sich, trotz des unruhigen Charakters und der disharmonischen Tonfolgen, am besten entspannen. Ihr Gehirn, gleichermaßen unruhig, fand in der Wahrnehmung der verstreuten Noten eine angemessene und fordernde Beschäftigung und vergaß all die Dinge, die ihr eben noch durch den Kopf gegangen waren: Die Arbeit, BUYOL, die Telefonkonferenz, all die unerledigten Aufgaben, der Stress mit Thomas um die immer noch nicht abgeschlossene Scheidung, Dennis‘ anstehender Geburtstag…

Sie war allein in der Wohnung, Dennis war bei Thomas, zumindest das funktionierte, glücklicherweise.

Ihr Kopf leerte sich und wurde wieder aufnahmefähig für das Hier und Jetzt. Als wäre sie zum ersten Mal in dieser Wohnung, registrierte sie erstaunt die ungewöhnliche Konstellation der Bilder an der Wand: Ein Monet mit einer friedlichen Flusslandschaft, ein Schwarzweißfoto einer düsteren Hafengegend, verschiedene abstrakte Miniaturen in rot und schwarz, von wem hatte sie vergessen, und das in Pop-Art-Manier stilisierte Porträt von Juliette Binoche. Auf dem Tisch das Whiskeyglas, nicht sehr damenhaft, außer sich selbst kannte sie keine Frau, die das Zeug gerne trank. Das war ihr allerdings relativ egal, Katrin gab nicht viel auf Konventionen. Im Gegenteil, sie liebte die Verblüffung der anderen, wenn sie im Restaurant oder in der Bar einen Single Malt bestellte.

Single Malt…Single…nun war sie auch wieder Single, wenn man das so sagen konnte. Oder zählte man als allein erziehende Mutter nicht dazu? Wie auch immer. Eigentlich müsste sie solche freien Abende nutzen und ausgehen, aber sie verspürte nicht die geringste Lust dazu. Abhängen und Musik hören war schöner…sie hatte ja noch Zeit…Zeit, die Wohnung umzugestalten…kein Streit mehr um Bilder…bunte Wände…da konnte so schön aussehen, wie im Haus ihrer Freundin Steffi, grün und orange…ja…

  Katrins Gedanken und Erinnerungen kreisten assoziativ herum, Angelpunkt war ihre Wohnungseinrichtung, vom Whiskeyglas zum Ausgehen, vom Schreibtisch zu BUYOL (und schnell wieder zurück), vom Binoche-Porträt zum Film „Chocolat“, von der Zeitung zur Steuerdebatte, kurz zur anstehenden Steuererklärung, und zurück, von diversen Buchrücken zu ihren Inhalten, und so weiter.

Die Gedanken kreisten nun immer langsamer. Katrin genoss dieses Gefühl, es war wie eine Roulettekugel am Ende ihrer Laufbahn, wo würde sie liegen bleiben ?

Schrank…Tisch…Bild…Tür…Bett…

23…16…7…26…0…

Sie schlief ein, und träumte von einer Wüste. Die Wüste war verlassen und leer, sandig und steinig, die Luft flimmerte vor Hitze, und irgendetwas war dort, das Energie produzierte.

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