Vor dem Straßenfest

Auf der Einkaufsstrasse herrscht unübliche Geschäftigkeit. Normalerweise sitzen die Menschen an einem solchen Samstagmorgen ruhig in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs. Die Strassenstimmung ist dann gelassen, gewohnt, normal. Heute ist das anders.

Überall wird irgendetwas aufgebaut: Imbissstände, Konzertbühnen, Zelte, Ausstellungsregale. Dazwischen sitzen immer noch die Menschen in Cafes und lesen Zeitung, oder sind, Kinder an der Hand, zu Einkäufen unterwegs, aber das sind nun Randerscheinungen. Im Zentrum steht der Aufbau.

Wer von den Passanten schon einmal auf diesem Strassenfest war – und das sind die meisten, denn das Strassenfest gibt es schon lange – sieht vielleicht schon vor seinem inneren Auge die Menschenmassen durch die Einkaufsstrasse strömen. Statistiken zählten in den letzten Jahren bis zu 100.000 Besucher, und alle durch die eine Strasse, rauf und runter, hin und her: Auf den Nebenstrassen ist nichts los, alles konzentriert sich auf die eine grosse Pulsschlagader in der Länge von ca. 1 km.

Insofern ist wichtig, dass beim Aufbau alles richtig gemacht wird, einen zusammenbrechenden Stand kann keiner riskieren. Entsprechend konzentriert gehen die Aufbauer zu Werke. Alles geht zügig voran, es ist nicht mehr viel Zeit. Die Handgriffe sitzen, die Leute machen das schon seit Jahren. In der Regel sind es die in der Einkaufsstrasse ansässigen Geschäfte und Gastronomiebetriebe, die vor ihren Türen ihre eigenen Strassenstände aufbauen. Der Umsatz aus dem Strassenfest ist schon fest eingeplant, von manchen zu optimistisch.

Eine Frau trägt einen Schlauch die Strasse entlang. Der China-Imbiss hängt ein Transparent an sein Verkaufszelt, darauf steht „China-Imbiss“. Ein Mann bringt einen Verkaufstischständer zu seinem Anhänger, dann nimmt er Tattoo-Muster heraus. Ein Lieferwagen parkt in einer Querstrasse, etwas wird herausgeladen. Drei Männer tragen zusammen einen langen, schweren und unidentifizierbaren Gegenstand in Richtung der Konzertbühne. Vielfach sieht man nur einzelne Fragmente eines Aufbauprojekts, die man gar nicht zuordnen kann. Nur die Aufbauer kennen den Gesamtzusammenhang.

Auch heute sitzen viele Menschen in den Cafes, unterhalten sich oder lesen Zeitung, doch sind sie innerlich unruhiger als sonst. Von Zeit zu Zeit beobachten sie den Aufbau, oft nur einen Meter entfernt, sie sitzen in der ersten Reihe. Ein Event steht bevor.

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