Hängengebliebenes

Wer längere Zeit reist, sieht und erlebt einen Haufen interessanter und merkwürdiger Dinge. Ich habe mich jetzt entschlossen, diese Erlebnisse festzuhalten, auch wenn ich eine Abneigung gegen derartige euphorische Reiseberichte habe (was hat man nicht alles Interessantes erlebt, toll, spannend, cool, …).

Klar: Das ist meine persönliche Wahrnehmung. Was ich bemerkenswert finde, ist für andere möglicherweise völlig normal, und umgekehrt.

Der Schrei

Es ist Nacht auf dem Amazonas. Unser Boot fährt von Manaus nach Santarem und alle Passagiere schaukeln rhythmisch in ihren Hängematten. Die meisten schlafen, ich aber nicht. Plötzlich ertönt direkt neben mir ein Schrei aus vollem Halse – nein, ich habe nicht geträumt. Einer der beiden Franzosen aus unserer fünfköpfigen Reisegruppe muß einen Alptraum gehabt haben. Etwa zehn Minuten später wiederholt sich der Schrei. Tags darauf mag er es kaum glauben.

Der Repräsentant

Meine Kollegen aus der Kreditorganisation „ADCI“ in Totonicapan, Guatemala, haben mich auf eine Versammlung mitgenommen, auf der der ein guatemaltekischer Minister erwartet wird. Es erscheint aber nur ein „Repräsentant“. Gleichwohl bemühen sich alle Redner, die Gunst des Repräsentanten zu gewinnen – er ist auch wichtig. Es erfolgen endlose Aufzählungen von Kalkulationen sozial orientierter Projekte, die durch das Ministerium gefördert werden sollen. Vor der Tür spielen während der gesamten etwa fünfstündigen Versammlung zwei Musiker, die nichts mit der Versammlung zu tun haben scheinen, auf Trommel und Gitarre guatemaltekische Rhythmen. Von Zeit zu Zeit stört dies die Versammlung sehr.

Das „Büro“

Wie an den meisten lateinamerikanischen Grenzen gibt es auch von Costa Rica nach Panama das Damoklesschwert des Einreiseverbots, wenn man kein weiterführendes Ticket (hier: aus Panama heraus) vorweisen kann. Ich habe von solchen Fällen gehört. Als ich mich bei der Buslinie „Tica-Bus“ in San Jose (Costa Rica) hiernach erkundige, sagt man mir beruhigend, zur Not könne ich an der Grenze im Büro dieser Buslinie ein Rückfahrtticket aus Panama kaufen und dann später wieder stornieren. An der Grenze dann (um 6 Uhr morgens) frage ich den Busfahrer, wo dieses Büro ist, und bekomme zur Antwort: „No hay oficina – hay una persona que vende Tica-Bus-Tiquetes“ (es gibt kein Büro, nur eine Person, die Tica-Bus-Tickets verkauft). Ich brauche dann aber diese Option nicht – man lässt mich so durch. Später erfahre ich, daß die Stornierung problematisch gewesen wäre.

Die Extravaganz

Auf der Insel „Ilha do Mel“ in Südbrasilien ist alles einfach, rustikal, praktisch, eben auf die Inselerfordernisse ausgerichtet. Bis auf die Nippesschale im Restaurant, wo ich wohne: Zwei Frösche, eine Brücke, viele Steine und eine „Wasserwippe“ mit einem kleinen Eimer auf der einen Seite, in den ständig Wasser hineinrieselt. Sobald der Eimer voll ist, kippt diese Seite der Wippe aufgrund des Gewichts nach unten, der Eimer entleert sich und das Übergewicht verlagert sich auf die andere Seite, wo ein Hammer mit einem „Klick“ auf einen Stein haut. Dieses „Klick“ hört man ungefähr alle fünf Sekunden, 12mal die Minute, 720mal die Stunde, 17280mal am Tag, 6307200mal im Jahr.

Die Sonderregelung

Auf dem Busbahnhof in Bolivar, Venezuela, muß man neben dem eigentlichen Busticket noch – an einem unscheinbaren Häuschen – eine Gebührenmarke kaufen, die zum Verlassen des Terminals per Bus berechtigt.

Der Wutanfall

Wir – drei Engländer und ich – besichtigen den Panama-Kanal. Einer von uns macht eine Menge Fotos mit einer in Panama-City gekauften Einwegkamera. Auf der Rückfahrt stellt sich jedoch heraus, daß die Kamera nicht funktioniert, die Bilder sind verloren. Sie müssen ihm sehr wichtig gewesen sein, nur so ist sein langanhaltender Wutanfall zu erklären, auf dessen Höhepunkt er die Kamera mitten auf der Kreuzung aus dem Taxifenster heraus auf den Boden knallt.

Ohne Titel

In Cartagena, Kolumbien, ist mir von Bier schlecht geworden.

Die Mauer

Ich mag die Beschreibung eines typischen brasilianischen Fußballspiels in meinem Reiseführer „Lonely Planet“: „…the fans…pound huge samba drums, detonate smoke bombs in team colors and throw beer and even dead chicken – in short, sheer lunacy.“ Also besuche ich mit großen Erwartungen ein Match des Traditionsvereins „Flamengo“ im berühmten Maracana-Stadion (offizielles Fassungsvermögen 175000 Zuschauer, faktisch noch mehr). Es ist leider ein unwichtiges Spiel und nur von ca. 30000 Personen besucht, aber trotzdem ein Erlebnis – vor allem dank der Fans. Besonders nett eine Szene aus der (fußballerisch eher langweiligen) zweiten Halbzeit: Einige Fans spielen auf der Aschenbahn vor dem Spielfeld Freistoß, Abwehrmauer und Schiedsrichter. Immer wenn dieser nicht hinsieht, ruckelt sich die aus fünf Personen bestehende Mauer verbotenerweise näher als die vorgeschriebenen neun Meter an den Ball heran – ganz wie auf dem wirklichen Fußballfeld. Alle Beteiligten haben einen Riesenspaß.

Der Dreikäsehoch

In Guatemala sind sie Touristen noch nicht so gewohnt – was prinzipiell symphathisch ist, im Einzelfall aber anstrengend sein kann. Besonders an jenem Abend, als ich auf eine Graduationsfeier eingeladen war: Der einzige Nicht-Guatemalteke, deutlich andere Hautfarbe und auch Körpergröße, und damit natürlich vor allem für die Kinder äußerst interessant, fast schon schockierend. So hat sich u.a. ein etwa fünfjähriger Junge direkt vor dem Tisch, an dem ich saß, aufgebaut und mich minutenlang angestarrt. Nachträglich liest sich das möglicherweise lustig, aber in dem Moment hätte ich ihn erschlagen können.

Das Pendel

Das Pendel, um das es hier geht, macht dem von Edgar Allan Poe alle Ehre: Es hängt in der Kathedrale in Mexico City und gibt sowohl die kurzfristigen (sehr häufigen) Erdbebenerschütterungen als auch das langfristige Versinken der Kathedrale (Mexico City wurde auf einem Sumpf erbaut) wieder. Man kann anhand des Pendels auf einer historischen Skala erkennen, daß die heutige Neigung der Kathedrale sich um ca. einen Meter Pendelposition von der Neigung vor hundert Jahren unterscheidet.

Der Familienrat

Der Vater von Pedro, bei dem ich in Totonicapan, Guatemala, während meiner dortiger Tätigkeit gewohnt habe, hat insgesamt etwa zehn Söhne (wieviele Töchter, weiß ich gar nicht). Alle diese Söhne konnte ich an einem Nachmittag kennenlernen, als es darum ging, gemeinsam mit dem Vater eine wichtige familiäre Angelegenheit zu beraten. Ich habe viel herumgerätselt, was wohl das Thema gewesen sein mag. Nachträglich erfahre ich: Manche der Söhne sind nicht mit des Vaters Entscheidung einverstanden, sein Haus zu verkaufen, da sie auf dieses spekuliert hatten (der Vater ist ca. 80). Pedro findet allerdings, das sei sein volles Recht gewesen. Dies ist sicher der noblerere Standpunkt, hat aber vielleicht auch damit zu tun, daß Pedro relativ wohlhabend und nicht von diesem Haus abhängig ist.

Selbstjustiz

Bei der guatemaltekischen Kreditorganisation ADCI arbeite ich die meiste Zeit mit Viktoria zusammen. Inhaltlich geht es darum, wie der ADCI den besten Überblick über seine Schuldner behalten kann (und ich helfe bei der Computerunterstützung hierzu). Die nicht zahlenden Schuldner sind die Bösen, auf die es Druck auszuüben gilt – ganz normal. Ich bin einigermaßen verblüfft, als ich eines Nachmittags zufällig Viktorias Namen in der Liste der säumigen Schuldner entdecke.

Insiderwissen

Die besten Partys in Rio den Janeiro, so erzählt uns einer der Angestelltem im Hostel, finden in den Favelas statt und werden von den Drogenbossen organisiert, die auf höheren Umsatz hoffen (aber nicht dazu nötigen). Die Pointe: Nirgendwo in Rio ist man abends so sicher wie auf diesen Partys – logisch.

Spanglisch

Dennis aus den USA, mit dessen Boot wir über den Atlantik von Panama nach Kolumbien fahren, spricht Spanisch mit einem so starken Akzent, daß es sich wie Amerikanisch anhört.

Die Versuchung

Dank einer gewissen Vorsicht und wohl auch der Tatsache, daß ich relativ groß bin, bin ich bislang von Überfällen, Diebstählen oder Taschendieben verschont geblieben. Mit einer Ausnahme: An einem Abend auf einem Straßenfest in Rio de Janeiro vergesse ich mal wieder den Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen Caipirinhas, was dazu führt, daß ich nach vier in kurzen Abständen getrunkenen Caipirinhas (was in Deutschland, wo immer mit dem Cachaca herumgeknausert wird, praktisch nichts ist) sehr betrunken bin und damit eine starke Anziehungskraft auf eine Taschendiebin ausübe, die es insgesamt sieben oder acht Mal versucht, aber jedesmal an der Kette scheitert, die mein Portemonnaie mit meinem Gürtel verbindet. Ich bin sehr ärgerlich, aber zu betrunken, um etwas gegen diese besondere Art der Belästigung unternehmen zu können. Schließlich verlasse ich das Straßenfest.

Disco-Shopping

In San Jose, Costa Rica, gibt es „El Pueblo“: Ein Bar- und Disco-Zentrum, in dem auf etwa einem halben Quadratkilometer, praktisch unter einem Dach, Hunderte solcher Lokalitäten untergebracht sind. Man geht von der einen Bar direkt in die nächste, wie in einem Einkaufszentrum.

Konsequent

In Managua, Nicaragua, gibt es ein ca. 10 Meter hohes Denkmal, das einen Soldaten mit einer stolz in den Himmel gerichteten MP darstellt.

Keine Erklärung

Ebenfalls in Managua, in dem Hotel, wo ich wohne, gibt es eine ungewöhnliche Häufung von Langzeitreisenden über 50 (unter anderem Kenny, der Rentner, für den das Leben im Auslang billiger ist als in den USA). Warum gerade hier ?

Kein freundlicher Empfang

Wir sind eigentlich nur auf der Durchreise von Venezuela nach Manaus am Amazonas, müssen aber in Boa Vista übernachten – unsere erste Übernachtung in Brasilien. Es ist der 31.12.2004. In der gesamten Stadt akzeptiert kein Geldautomat unsere Kreditkarten, und die Zelebrierung des Jahreswechsels besteht im wesentlichen in der Versammlung einiger Betrunkener auf dem Hauptplatz von Boa Vista, einer Stadt mit immerhin einer halben Million Einwohnern.

Die Peitsche

Am einem Strand auf der Insel „Ilha do Mel“, Brasilien, beobachte ich einen Jungen, der immer wieder mit einem langen Ast auf den Sandboden haut, wodurch ein knallendes Geräusch entsteht. Als ich ihn eine Viertelstunde später wiedersehe, ist er immer noch damit beschäftigt.

Besonders viele nachhaltige Eindrücke habe ich aus Brasiliens Salvador de Bahia, dieser magischen Stadt, mitgenommen:

Der Fahrstuhl

Der „Elevador Lacerda“ verbindet die Oberstadt mit der Unterstadt (ca. 30 Höhenmeter Unterschied) und transportiert täglich Zehntausende. Eine Fahrt kostet 5 Centavos (1-2 Eurocents).

Der Wurf

Ich trinke ein Bier in einer Strassenkneipe. Plötzlich wirft der Kellner einen Kronenkorken auf einen schlafenden älteren neben mir sitzenden Mann. Der Kronenkorken kommt mit der glatten Seite auf seinem Oberarm auf und bleibt dort kleben. Der Mann wacht auf, zeigt aber keinerlei Regung.

Der Candomble-Abend

Candomble ist eine Verbindung von Musik und Tanz mit einem religiösen Hintergrund: Dem Beschwören der Orixas, der Geist bzw. Gott gewordenen toten eigenen Vorfahren (ich habe mich nicht näher mit diesem Hintergrund beschäftigt). Nach einer gewissen Zeit verfallen die Tänzerinnen in Trance, was bedeutet, daß in diesem Moment ein Orixa von ihnen Besitz ergriffen hat. Candomble-Abende kosten keinen Eintritt und sind öffentlich (was von vielen Einheimischen kritisiert wird). Auf dem Abend, wo ich war, sind die Tänzerinnen nach einer langen ruhigen Anlaufhase plötzlich alle zusammen ausgeflippt – es sah aus wie ein epileptischer Anfall – und haben mit Essen um sich geworfen.

Gesundheit

„Saude !“ (gesprochen Sa-u-dschi – Gesundheit) ruft mir die Frau nach meinem Nieser hinterher und wiederholt dies, obwohl ich mich längst bedankt habe, noch mehrmals. Wahrscheinlich eine Prostituierte, von denen es in Salvador nur so wimmelt und die, zumindest was die „Kundenansprache“ betrifft, sicher zu den originellsten Prostituierten der Welt zählen. Noch hunderte Meter entfernt höre ich ihr „Saude !“.

Eine ernste Angelegenheit

In der Samba-Reggae-Gruppe „Muzenza“, in der ich die Ehre habe während des Karnevals mitzuspielen, herrscht ein rauer Umgangston: Ständig wird sich gegenseitig angeschrien aufgrund divergierender Meinungen, was für ein Rhythmus denn jetzt zu spielen sei, und wie (während des Auftritts !). Später erfahre ich, das sei völlig normal, eben ein Weg, die Emotionen rauszulassen. Tatsächlich stellt sich nach und nach immer mehr musikalische Harmonie und Spielfreude ein – bis hin zu explosiven Soloeinlagen. Es eine reine Freude, diesen verrückten Brasilianern zuzuschauen.

Kein Spaß mehr

Die Vorbereitung und der Karnevalsauftritt mit der Afoxe-Gruppe „Filhas de Olorum“ laufen entspannter und lustiger ab als bei Muzenza, bis auf folgenden Zwischenfall: Eines der Trommelfelle hat ein kleines Loch (wodurch die Trommel, die sicher teuer war, nicht mehr klingt). Bobby, der Bandleader, macht ein anderes älteres Gruppenmitglied (vielleicht der Instrumentenwart ?) dafür verantwortlich. Etwa eine halbe Stunde lang schreien sich die beiden an.

Der Überfall

Plötzlich sind sie da: Millionen von Riesenfliegen, mitten auf und über dem „Largo de Pelourinho“, auf dem sich Tausende Konzertbesucher aufhalten. Manche stört dies nicht, mich aber schon.

Liebe auf den ersten Blick

Ich gehe an einer Gruppe von Frauen vorbei, da bleibt mein Blick am stolz zur Schau getragenen nackten schwangeren Bauch eines der Mädchen hängen. Sie merkt dies und strahlt mich mit einem rätselhaft verliebten Blick an, den ich bis heute nicht vergessen kann.

Die Handtasche

Aufgrund übermäßigem Alkoholgenusses erinnere ich mich nur noch an Bruchteile dieses Abends: Ich habe irgendwo eine Frau kennengelernt; wir sind in mein Hotelzimmer gegangen; wir haben nicht miteinander geschlafen; stattdessen sind wir nebeneinander auf dem Bett eingeschlafen; irgendwann ist sie nach Hause gegangen, hat aber ihre Handtasche dagelassen (die immerhin ein Handy enthielt), da sie wohl durch gefährliche Gegenden durch die Nacht laufen musste. Tags darauf hat sie die Handtasche abgeholt.

Der kreativste Verkäufer

Zweimal habe ich ihn gesehen: Einen Mann, der seine drei kleinen Söhne als Vermarktungsteam eingesetzt hat. Das funktionierte so: Der Mann hat sein Produkt über eine Art Sprechgesang angepriesen, der über einen Headset mit Mikrofon und Lautsprecher weithin hörbar an die Umwelt übertragen wurde. An bestimmten einstudierten Stellen haben seine Söhne, die ein einheitliches Kostüm trugen, dazu getanzt und gesungen. Ich habe ihm aus ganzem Herzen maximalen Verkaufserfolg gewünscht. Sein einziger Fehler: Es fehlte ein Schild, so daß man ohne fundierte Portugiesischkenntnisse nicht herausfinden konnte (anhand des Sprechgesangs), was er eigentlich verkauft…

Gummibälle

Nie habe ich Menschen so tanzen sehen wie im Karneval in Salvador.

Die „Filhos de Gandhi“

Die Historie dieser berühmten Afoxe-Gruppe ist, wie ich es verstanden habe, daß ein Anhänger von Mahatma Gandhi diese Gruppe 1949 in Salvador gegründet hat. Das Kostüm: Komplett in blau und weiss (Kappe, Hemd, Ketten, Umhang, Hose, Socken, Sandalen etc.) und maßgeschneidert; schon Wochen vor dem Karneval konnte man die Anhänger bei der Anprobe auf der Straße beobachten. Während des Karnevals konnte man die Zeit messen nach den Abständen, in denen man Filhos de Gandhi begegnet ist (es müssen Zehntausende gewesen sein).

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