Die Frauen von Guatemala

Sie wissen nichts vom Jonglieren und sind doch selbst Jonglierkünstlerinnen: Ein Teilgebiet des Jonglierens ist das Balancieren, und da sind sie Weltmeister – auf dem Kopf. Ich habe eine Frau gesehen, die in einem überfüllten engen Bus – aus dem Korb auf ihrem Kopf heraus – Speisen verkauft hat. Sie hat sich durch den ganzen Bus hindurchgedrängelt und hat an mindestens 20 Personen etwas verkauft, ohne dass sie den riesigen Korb auch nur einmal festhalten musste.

Auch sonst habe ich nicht einmal beobachten können, dass einer Frau etwas heruntergefallen wäre. Wahrscheinlich lernen sie das bereits als Baby, noch bevor sie laufen oder „Mama“ sagen können. Viele Frauen laufen mit einer kleinen Decke oder Ähnlichem auf dem Kopf in der Gegend herum, auch ohne dass sie etwas darauf tragen – es kann ja jederzeit notwendig werden.

Ich habe es nie versucht, stelle mir aber vor, dass diese Art des Beförderns von Lasten – wenn man es kann – eine vergleichsweise bequeme und entspannte Methode ist, da keine Muskeln angespannt werden. Der Schädeldecke macht das Ganze nichts aus.

Die gesellschaftliche Position der Frauen von Guatemala steht jedoch mit ihren hier beschriebenen künstlerischen Fähigkeiten nicht im Einklang. Wie in vielen anderen Ländern auch, haben die Frauen hier – und hier ganz besonders, vor allem in den ländlichen Gebieten – hauptsächlich dienende Aufgaben: Kinder grossziehen, Haushalt erledigen, Essen kochen, servieren (und selbst ganz zum Schluss die Reste essen, wenn alle anderen fast fertig sind), abwaschen, waschen, putzen etc. Ich habe nie gesehen, dass ein Mann das Essen serviert oder beim Abwaschen geholfen hätte. Und selbst habe ich das aus Angst vor einem Sittenverstoss – und vielleicht auch aus Bequemlichkeit – auch nie getan (mit einer Ausnahme).

Es ist so Tradition. Ich habe nie mitgekriegt, dass sich eine Frau darüber beklagt hätte. Genauso ist Tradition, dass die Frauen (zumindestens in der Maya-dominierten Provinzhauptstadt Totonicapan, wo ich einen Monat gelebt habe) bunte Maya-Trachten tragen – und nie Strümpfe. Auch nicht im Winter, wo in Totonicapoan des öfteren Temperaturen unter Null herrschen.

Die kleinen Kinder werden immer in Tüchern auf dem Rücken getragen. Und Kinder gibt es viele. Die Tochter von Pedro, bei dem ich gewohnt habe, hat 54 Cousins (bzw. Cousinen). Pedro weiss alle Namen auswendig.

Die Frauen versuchen, das harte Leben leicht zu nehmen, haben immer ein Lächeln auf den Lippen, gerade dann wenn etwas schief gegangen ist oder sie sich durch einen vollkommen überfüllten Bus drängeln müssen (natürlich mit dem obligatorischen Baby auf dem Rücken und dem ebenso obligatorischen Korb auf dem Kopf). Etwas zum Lernen für mich.

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